Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Hans Wolf

Hans Wolf

Translator and Writer
Born 9/11/1949

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2003
Laudatory Address by Werner von Koppenfels
Acceptance Speech by Hans Wolf
Diploma

Sein schöpferischer Elan, eigensinnig und sprachmächtig, trifft die verschiedensten Tonlagen von Vergangenheit und Gegenwart...

Jury members
Kommission: Heinrich Detering, Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Ilma Rakusa, Lea Ritter-Santini, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Der Fluch und Segen von Babel

LAUDATOR
Werner von Koppenfels
Born 25/11/1938
Anglicist and Translator

Ich spreche, wie sollte es bei einer Voßpreis-Verleihung anders sein, über Bürde und Würde des Übersetzens. Als Anglist, der heute das schöne Privileg hat, einen der herausragenden Übersetzer aus dem Englischen und Amerikanischen öffentlich zu feiern, darf ich zum ersten Teil der Agenda einem englischen Gewährsmann von relativ gutem Ruf das Wort geben. Er heißt John Dryden, starb im Jahre 1700 – ein einprägsames Datum – und war der poetische, kritische und eben auch übersetzerische Wortführer seiner Epoche. Er äußert sich, mit einem Seitenblick auf die koloniale Praxis der Zeit, in der Vorrede seiner großen Vergilübertragung folgendermaßen zur Sache:

»Sklaven sind wir, die auf der Plantage eines fremden Besitzers schuften müssen. Wir sind die Arbeiter im Weinberg, der Wein jedoch gehört einem andern. Ist der Boden dürftig, dann erwartet uns die Rute; ist er fruchtbar, und unser Dienst erfolgreich, dann fällt kein Dankeswörtlein für uns ab – denn der verwöhnte Leser wird einfach sagen: ›Der arme Packesel hat seine Schuldigkeit getan‹. Doch was das Schlimmste an der Sache ist: Durch den Zwang, fremden Sinn verständlich zu machen, sind wir genötigt, unser eigenes Dichten zu ›verstimmen‹ (we are forced to untune our own verse).«

Schleiermacher – der mitgemeint ist, wenn der Übersetzerpreis dieser Akademie nach Johann Heinrich Voß benannt wird, denn beide gehören derselben epochalen Wende der Übersetzungskunst an – Schleiermacher also drückt den gleichen Sachverhalt mit der pointierten Untertreibung des Betroffenen so aus: »Das Unternehmen erscheint als der wunderbarste Stand der Erniedrigung, in den sich ein nicht schlechter Schriftsteller versetzen kann.«
Wir alle wissen oder ahnen zumindest: In jedem guten Übersetzer steckt ein Autor, der will hinaus in die Welt, will in eigener Sache sprechen, und darf es nicht. Denn er ist ja nur die Persona, die quasi gläserne Maske, durch die der Andere, sein Autor, dem er selbstlos zu dienen hat, hindurchspricht. Er ist also eigentlich eine literarische Unperson. Seine Stimme ist die Vielstimmigkeit, der Redefluß seiner Eloquenz ist umgeleitete und fremdbestimmte Kreativität, es sei denn, er überträgt die eigenen Schöpfungen, wie Beckett oder Nabokov. Dem Übersetzen, gerade wenn es seine Vorlagen eindringlich ernst nimmt und nicht nur auf routinierten Abklatsch aus ist, haftet üblicherweise der Ruch der Ersatzhandlung an, das Stigma des ewig Zweitbesten.
Auch in der geistigen Biographie von Hans Wolf liegen die Romanentwürfe vor den Übersetzungsversuchen, erfolgt die Niederschrift eines (unveröffentlichten) Romans vor dem ersten Übersetzungsauftrag. Man kommt oft auf reizvoll krummen Wegen zu diesem Metier – die Linearität der phantasieloseren Lebensläufe ist nicht unbedingt eine Schule des Übersetzens. Bei Hans Wolf gehen das humanistische Gymnasium in Baden-Baden, eine abgebrochene kaufmännische Lehre, ein formell unabgeschlossenes Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie in Freiburg, sowie Gelegenheitsjobs als Gitarrist, Pianist und Sänger in diversen Rockbands seinem umfangreichen und sprachintensiven Übersetzungswerk voraus. Es erscheint von ihm, wenn ich richtig sehe, nur ein einziger Text in eigener Sache; und der unter einem Pseudonym, so als hätte die Übersetzer-Persona das Autor-Ich enteignet.
Doch der Fluch von Babel, dem der Übersetzer seine Knechtschaft und sein schweißgetränktes täglich Brot verdankt, hat als Variante des Sündenfalls natürlich auch seine latent segensreichen Seiten. Ein theologischer Subtext läßt sich schon aus den rituellen Klagen von Dryden und Schleiermacher heraushören. Sprach der eine nicht von Arbeitern im Weinberg, der andere vom wunderbarsten Stand der Erniedrigung? Man muß nicht soweit gehen wie Walter Benjamin, der den Übersetzer zum Mitwirkenden an der gottgewollten Erlösung des reinen Wortes aus der unreinen Sprache macht, um das paradiesische Potential seiner im wahren Wortsinn philologischen Kärrnerarbeit zu spüren.
Die Knechtschaft der Sprache ist zugleich Berufung zur Freiheit des Wortes; und das Glück dieses Umschlags, der Triumph der gelungenen Metamorphose ist das Markenzeichen eines echten Übersetzers wie Hans Wolf, ist eine Zusatzqualität des Textes, die sich dem aufmerksamen Leser deutlich mitteilt. Die Evidenz dieser Qualität widerlegt erstaunlich viele, nach wie vor grassierende, fixe Ideen vom Übersetzen: etwa die Dogmen von der grundsätzlichen Unübersetzbarkeit von Sprache und Dichtung, vom traduttore / traditore, oder von der notwendigen Unsichtbarkeit des Vermittlers. Es ist eine Eigenschaft, die in ihrer Breiten- und Tiefenwirkung in dem (schon mit mancherlei Preisen gewürdigten) Übersetzerwerk von Hans Wolf mit Händen zu greifen ist – in der extensiven Vielfalt der Autoren und Textarten, denen er seine Stimme leiht, und in der intensiven sprachlichen Durchdringung seiner Vorlagen.
Zur Wolfschen Polyphonie: Er hat Sherlock Holmes und Dorian Gray für Haffmanns übersetzt, hochkomplexe moderne Romane von John Fowles, Peter Ackroyd, Adam Thorpe und Cormac McCarthy für Rowohlt, skurrile Kinderbücher von Ratzen, Mäusen und Bären für Thienemann; dazu eine Menge übersinnlichen Nonsens von Terry Jones, einem Mitwirkenden der unsterblichen Monty Python-Truppe und – nicht zu vergessen – Sachbücher von epischem Atem wie Ellmans Oscar Wilde und Boyds Vladimir Nabokov. Daß ein Sachbuchübersetzer ruhig über eine gewisse Kennerschaft der Materie verfügen darf, zeigt er gelegentlich unterm Strich in wohlgesetzten A.d.Ü.s, die allfällige Versehen seines Autors taktvoll zurechtrücken.
Den meisten dieser Texte, den leichteren wie den gewichtigen, ist ein markanter Ausdruckswille und ein beachtliches schöpferisches Sprachvermögen gemeinsam. In besonderer Weise trifft dies für den Romancier zu, den Hans Wolf mehr als alle anderen zu seinem Hausautor gemacht und von dem er fünf große Erzählungen übersetzt hat: Cormac McCarthy, den Epiker anarchischer Randexistenzen aus dem amerikanischen Süden, in dem manche den wahren Faulkner-Nachfolger unserer Tage sehen. Der Übersetzer zeigt sich dem verbalen Hexensabbat, den der Autor in seinen früheren Werken zwischen kreatürlicher Drastik und surrealer Phantasie entfesselt, und der gewaltsamen Lakonik seiner späteren Romane souverän gewachsen. Dabei erweist er auf Schritt und Tritt sein außerordentliches Können in der Umsetzung gesprochener Sprache. Was den Synchronisier-Experten im eingedeutschten Film immer wieder so peinlich mißlingt, ist für ihn kein Problem: seine Dialoge sitzen. So können, so müssen die entsprechenden Menschen in den entsprechenden Situationen geredet haben. Leider scheint ihm, einer finsteren deutschen Praxis folgend, der Verlag gelegentlich die Titel zu verballhornen; denn daß McCarthys Blood Meridian auf Deutsch nicht den einzig angemessenen Titel »Blut-Meridian« tragen darf, sondern partout Die Abendröte im Westen heißen muß, verrät eine andere als die Wolfsche Handschrift.
Wolfs übersetzerische Sprachkraft zeigt sich für mich am eindrucksvollsten in Ulverton von Thomas Thorpe, erschienen 1994, dem stupenden Erstlingsroman eines Dichters. Die Rolle des Titelhelden spielt ein fiktives Dorf in den Kalkhügeln von Berkshire, dessen Geschichte in den Stimmen von zwölf aufeinanderfolgenden Generationen lebendig wird; unverkennbar individuellen Stimmen, die immer zugleich auch die einer bestimmten Epoche und sozialen Schicht sind. Doch der eigentliche Protagonist ist die englische Sprache. Denn die Stimmen enthüllen nicht nur, Schicht für Schicht, den historischen Untergrund eines nur scheinbar idyllischen Fleckchens Wessex, sie entfalten auch den epochalen Wandel des Englischen in Hochsprache, Dialekt und Soziolekt. Geschichte ist Schichtung, und Autorschaft erweist sich als bruchstückhaftes Unterfangen, wie das Pflügen im blutgedüngten Boden von Ulverton.
Die Herausforderung an den Übersetzer, ein derart vielschichtiges, erzenglisches Sprachgebilde ins Deutsche zu bringen, ist ebenso außerordentlich, wie die Lösungen, die Hans Wolf findet. Für die frühen Kapitel wählt er bei diesem linguistischen Kraftakt ein von Grimmelshausen, Moscherosch und anderen inspiriertes Barockdeutsch; für das bäurische Englisch greift er auf den badisch-alemannischen Dialekt seiner Heimat zurück, um den Stilkontrasten der gesellschaftlichen Vertikale Relief zu geben. Jedermann weiß, wie prekär das Übersetzen von Dialekt in Dialekt ist, und welch gräßliche Dinge Übersetzer dabei anrichten. (Mein Lieblingsbeispiel ist die Erstübersetzung von Lady Chatterleyʼs Lover, die die erotischen Ergüsse des berühmten Wildhüters aus dem Lancashire broad ins Bayerische überträgt, mit wahrhaft zwerchfellerschütternden Folgen.)
Doch in der deutschen Fassung von Ulverton verbündet sich Südwestdeutschland dialektal mit Wessex, und dabei trifft das Wolfsche Alemannisch die emotionale Temperatur des Berkshire-Englisch verblüffend gut. Solche Texte wollen vergleichend und laut gelesen werden, und wenn ich auch weder hoffen darf, dem englischen noch dem deutschen Dialekt gerecht zu werden, will ich Ihnen doch eine Probe zum besten geben. Sie stammt aus dem Kapitel »Stitches«, ›Stiche‹ – gemeint ist das Flickwerk der Armut ebenso wie der Äcker, die Stiche der Brunst und des Todes, der Stacheldraht der Klassengesellschaft und die geflickten Netze des Wilderers, der Stoff der Erinnerung und die Textur des Textes. Wie im Monolog der Molly Bloom verströmt sich hier ein erinnerndes Bewußtsein ohne Punkt und Komma: Es ist das Bewußtsein eines alten Ackersmannes im geisterhaften Zwiegespräch mit seinem vor langer Zeit verstorbenen Kind:

»in the bad old days boy in from the field wiʼout a blink in the hearth boy aye that shrammed and dog-tired theeʼd go straight to bed all sogged an nowt but a sobblin oʼcrust in thy belly boy nips yowlin wiʼhunger as theeʼd have to snoozle down agin to git warmth they plough lines dancin about in thy head as though thee werenʼt nowt but a talking acre oʼclag wiʼ the gripes a-stirred an a-stirred by they drat bitin coulters as ud wake thee click out oʼ thy dreams an werenʼt no moreʼn belly yangin at thee to git poachin like git poachin yʼ bugger...«

»dortmols in seller schlimme Zeit Bubel heim vom Acker und kei Fünkle Gluth im Ofe Bubel hahnoi da hasch als so gschnattert und warsch so hundsmüd daß naß wie d warsch grad in dei Nescht plotzt bisch und im Bauch hasch bloß e bissel Brotsupp ghabt Bubel und d Kinner heule vor lauter Hunger und na musch gucke daß wieder eischlafe kannsch sonsch wird dirs kalt und uf deshin tanze dir d Pflugfurche im Schädel rum als wärsch e wandlnder Sauacker wo dir des scharfe Sech allweil in deine zwickende Ranze neifahrt bis husch uf eimol aus deine Träum aufwachsch und dei Bauch bloß noch schreie thut geh wildre geh wildre du Dirmel...«

Es ist, in beiden Fällen, ein Dialektgebrauch, der sich jede folkloristische Gemütlichkeit versagt, und der eben deshalb Elementareres ausdrückt als es die Hochsprache könnte. Indem er sich bei solchen vermeintlich unübersetzbaren Passagen weigert, seinem Text Expressivität zu entziehen, zeigt der Übersetzer, aus welchem Stoff er gemacht ist. Bei Hans Wolf kann man sich darauf verlassen, daß er in kritischen Situationen Farbe bekennt. In solchem Augenblicken der Wahrheit wird klar, daß der schöpferische Impuls durch den Prozeß des Übersetzens nicht verdrängt, sondern freigesetzt wird, denn ohne ihn muß alles noch so ehrliche und fleißige Übersetzerbemühen sein Ziel verfehlen.