Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Hans Wolf

Hans Wolf

Translator and Writer
Born 9/11/1949

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2003
Laudatory Address by Werner von Koppenfels
Acceptance Speech by Hans Wolf
Diploma

Sein schöpferischer Elan, eigensinnig und sprachmächtig, trifft die verschiedensten Tonlagen von Vergangenheit und Gegenwart...

Jury members
Kommission: Heinrich Detering, Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Ilma Rakusa, Lea Ritter-Santini, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Der Übersetzer in den Reben

Sehr geehrter Herr Präsident,
meine Damen und Herren,
sehr geehrter Prof. Dr. von Koppenfels,

in der Dorfkneipe der kleinen Winzergemeinde, in der ich seit einigen Jahren wohne, sprach mich einmal ein Weinbauer an und erkundigte sich, was ich beruflich so treibe. Ich sei Schriftsteller und Übersetzer, sagte ich, vor allem letzteres, denn damit müsse ich meine Brötchen verdienen. Was das denn sei, Übersetzer, fragte der Mann weiter, was es in einem Dorf zu übersetzen gebe und ob ich davon überhaupt leben könne. Auf diese Frage hin muß mein Gesicht wohl einen sehr melancholischen Ausdruck angenommen haben, denn er verstummte und nippte ein wenig verlegen an seinem Bier. Um die Pause zu überbrücken, erklärte ich, unter den Übersetzern gebe es leider nicht wenige, die über die Gabe verfügten, Wein in Wasser zu verwandeln.
»Besser wie umgekehrt«, antwortete der Winzer, froh, daß ich den Faden wieder aufgenommen hatte. »Sonscht wär unsereiner nämlich arbeitslos. Aber wie meinsch des jetz?«
Ich faßte den Mann, nennen wir ihn Otmar, schärfer ins Auge, um mich zu vergewissern, ob er eine Maß Realität vertragen könne. So, wie er gebaut war, konnte er.
»Die Zunft«, hob ich an, »zu der ich gehöre, übersetzt fremdsprachige – in meinem Fall englische – Literatur ins Deutsche. Und da kann’s durchaus passieren, daß ein ursprünglich vollreifer, vollmundiger Text nach der Übersetzung nur noch verdünnt dasteht, verpanscht, daß er plötzlich zu Wasser geworden ist. Nicht daß ich was gegen Wasser hätte, aber wenn ich weiß, daß dieses Wasser mal Wein war, dann schmeckt’s mir einfach nicht mehr.«
»Aha«, sagte Otmar, »so isch des also. Aber jetz hasch mer immer noch net gsagt, ob davo lebe kannsch.«
Was er denn unter »leben« verstehe, fragte ich zurück.
»Hahjo, daß damit soviel verdiensch, daß d’ lebe kannsch.«
Ja, antwortete ich, das könne ich. Aber was möchte »leben« denn seiner Meinung nach sonst noch heißen?
Otmar trank sein Bier leer, orderte ein weiteres Glas und zündete sich eine Zigarre an. »Lebe«, knurrte er, »lebe heißt, daß d’ in der Früh in d’ Rebe gehsch, so früh, daß der Sonneufgang sehe kannsch.«
»Den seh ich manchmal auch«, sagte ich, »aber vom Schreibtisch aus, nicht in den Reben.«
»Siehsch«, Otmar grinste zufrieden, »siehsch, des isch der Unnerschied.«
Nun ist, meine Damen und Herren, die Ortenau – der schöne Landstrich zwischen Rhein und Schwarzwald, in dem ich geboren und aufgewachsen bin und in dem ich noch immer lebe (ich möchte diese Gegend mit keiner anderen der Welt tauschen) – nun ist die Ortenau in der Tat dazu angetan, das Übersetzen Übersetzen sein zu lassen, in die Weinberge oder Obsthaine zu streifen und sich dort, wie Eduard Mörike einst in seinen sanften schwäbischen Hügeln, einen guten Tag zu machen –:

»Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage,
Dem Kuckuck horchend, in dem Grase liegen«;

und so weiter. Eine wunderbare Vorstellung, herrlich wie das Gedicht selber – badische Übersetzer, von der Sonne verwöhnt. Zu schön, um wahr zu sein!
Denn es ist ja ganz anders. Und eigentlich fast so, wie Otmar ahnt. Leben – leben kann man davon im Grunde nicht. Es scheint fast müßig, zum aberhundertsten Male auf die Querelen des Übersetzerdaseins hinzuweisen; so gering ist die Resonanz bei den Verlagen wie beim Lesepublikum, daß jeder Versuch, den Mißstand öffentlich zu machen, buchstäblich für die Katz ist. Ich will Sie nicht langweilen, rechne Ihnen aber dennoch kurz vor: Bei einem Seitenhonorar von 18 Euro erbringt die Zeile 60 Cent, der Anschlag 1 Cent. Die geistige Anstrengung, die diesen Anschlag auslöst, wird nicht honoriert, denn sie kostet Zeit und ist damit für Betriebe, die mit Geistesprodukten handeln, unbezahlbar. Bezahlt wird das Material, nicht der Arbeitsprozeß. Oder, anders gewendet, der Wert mißt sich an der Anzahl der Lettern, nicht an deren Gehalt.
Genug davon. Halten wir einen Moment inne und wechseln die Kulisse. Ein Übersetzer, er soll zur Feier des Tages Saul Lingostink heißen, hat just einen achthundertseitigen amerikanischen Roman – amerikanische Meterware, nannte Oscar Wilde dergleichen – zu Ende übersetzt und sich eine Reise in die Lüneburger Heide gegönnt. Spiegelnde Pfützen, der Himmel auf Erden, empfangen ihn. Eines schönen Abends steht er vor einem Findling und fragt sich, wozu er die ganze Plackerei immer wieder auf sich nimmt. Der Findling befindet sich auf einem umzäunten Grundstück; es ist ein Grabstein. Oben treibt gestaltreiches Gewölk; im milden Dämmerlicht nimmt der Findling Farbe an. Er leuchtet nicht nur, er beginnt zu reden. Im O-Ton Olymp spricht er: »Der Schweiß sei dein Kissen, mein Sohn. Daß du beim Übersetzen einige Haare – wenn nicht gar 1 Weixelzopf; zumindest aber einen ›Wilhelm‹ – in der Suppe antreffen würdest, habe ich dir, und man brauchte dazu wahrlich kein Vates zu sein, 1 alter Praktiker genügt da, meines Wissens vorausgesagt. Du hast die Güte, dich implicite zu erkundigen, ›ob ich mit meinen Übersetzungen zufrieden wäre‹ – jenun: Dank der Nachfrage: Gott, ich kann eigentlich nich klagen.« Saul Lingostink wundert sich noch ein wenig über die Bestattungsrituale der Naturvölker, wirft einen letzten Blick auf den nun nicht mehr leuchtenden Findling und das Heidehäuschen und verfügt sich dann wieder in den Dorfkrug, um zu vergessen.
Zurück in die Ortenau, sagen wir, ins Kinzigtal. Dort lebte einst, im neunzehnten Jahrhundert, ein katholischer Pfarrer, aus Haslach gebürtig, Heinrich Hansjakob mit Namen (nicht viele, fürchte ich, werden ihn mehr kennen). Hans am See, wie er sich auch nannte, war ein rüstiger Zecher vor dem Herrn. Er schrieb eines Tages an einen befreundeten Amtsbruder, der zum Zeitvertreib »auch« übersetzte (aus dem Französischen): »Wenn der Übersetzer selber ein Poet ist und Zeit genug hat, für seinen eignen Ruhm und die Ehre unsrer Nation zu arbeiten, so darf man sich alles von seiner Übersetzung versprechen. Er wird eine Schönheit des Originals, die sich nicht auf eben diese Art in der andern Sprache anbringen läßt, durch diejenige ersetzen, welche die andere Sprache darbietet. Er wird, wenn er alle Treue eines Übersetzers beobachtet hat, auch die Probe nicht vergessen, daß eine gute Übersetzung klingen muß, als wäre es keine Übersetzung. Aber ist nicht dieses alles große Mühe? Ein Übersetzer, der unter der Last seiner Pflichten nicht erliegen, der sein Original nicht schwächen will, hat beinahe mehr zu tun, als der Autor selbst gehabt hat, und er verdient weit mehr Ruhm, als man ihm insgemein zu erteilen pflegt. Ich weiß diese Sache aus der Erfahrung. Es verfliegt stets etwas von einem Spiritus, den man aus einem Glase in das andere übergießt; aber es ist auch wahr, daß man ihn aus einem schlechtern Gefäße zu gleicher Zeit in ein schöneres bringen kann.« Mit dem Spiritus hatte Hochwürden in der Tat seine Erfahrungen. Wie man sieht, spricht auch ein katholischer Pfarrer gelegentlich das, was wir alten Weltleute »die Wahrheit« nennen. Und er muß dabei nicht einmal lachen. (Ein Gratistip nebenbei: Lesen Sie doch mal Hansjakobs Erinnerungsbüchlein Aus kranken Tagen nach; ein hübscherer Einblick in die seelische Schieflage eines Geistlichen läßt sich kaum gewinnen.)
Ein alter Kollege, Ludwig Tieck (meine Damen und Herren, ich erhebe mich, wie weiland Arno Schmidt, vom Platz und lüfte die Mütze), schrieb über einen weiteren alten Kollegen, August Wilhelm Schlegel (ich lüfte die Mütze gleich nochmal): »Der wahre Übersetzer muß ebenso wie der Dichter ein angeborenes Talent zu seiner Arbeit bringen, wenn sie gelingen soll. Dieses Talent läßt sich durch Studium ausbilden, durch keine Anstrengung aber erzeugen. [...] Seine [Schlegels] Meisterschaft ist so groß, daß jede neue Wendung oder Form, die er versuchte, dreist nachgeahmt werden darf, denn alle diese Neuerungen sind ebenso viele musterhafte Vorbilder, durch welche unsre Sprache außerordentlich ist bereichert worden.« Tieck lobt den Kollegen Schlegel anschließend noch weiter über den grünen Klee, vollführt dann aber eine sonderbare Volte und fährt fort, daß der Herausgeber, nämlich er selbst, sich hier und da Änderungen erlaubt habe und zuweilen merklich von der Schlegelschen Übersetzung abgewichen sei. Aha. Kommt uns irgendwie bekannt vor. Doch kurz darauf fügt er (und es sei jedem Lektor ins Stammbuch geschrieben), erstaunlicherweise hinzu: »Ein späterer Forscher, der noch mehr als ich gelesen hat, wird mir wahrscheinlich auch Übereilungen und kleine Fehler nachweisen können...«
Wörtliche oder übertragene Übertragung? Wörtliche Übertragungen können überaus komisch sein. Ich habe mir mal den zweifelhaften Scherz erlaubt, den Anfang eines amerikanischen Romans lexikalisch und syntaktisch wörtlich zu übersetzen: »›O mein Gott!‹ Als wir lebten in New York, diese drei Wörter aus von meiner Mutter Mund um 6 Uhr 30 an einem Samstagmorgen konnten nur bedeuten eins von zwei Dingen: entweder etwas hatte gefangen Feuer in dem Toasterofen wieder, oder Mom hatte einen neuen Jungenfreund. ›O mein Gott. Jaa.‹ Ich wußte, es war nicht der Toasterofen.« Ungeahnte Möglichkeiten tun sich hier auf! »Fuck you!«, ein gängiger angelsächsischer Kraftausdruck, hieße, wörtlich übersetzt: »Fick dich!«, oder, je nach dem Stand des oder der Angesprochenen: »Ficken Sie sich!« Das schöne alte deutsche Wort »ficken« in der Bedeutung von »reiben« ist fast gänzlich untergegangen. Auch die »Ficke«, die sächsische Variante der Hosentasche, kennt man nicht mehr. »A randy woman«, eine »geile Frau«, ist im Deutschen heute nicht mehr im ursprünglichen Sinne »geil«. Wer weiß heutzutage noch, was »watz« heißt? Der Jugend ist alles mögliche cool, geil, kraß oder gar genial. Alles, was gefällt, ist genial. Was für ein Aufstieg – die Deutschen haben es weit gebracht.
Otto Flake wiederum, ich ziehe ein kleineres Mützchen, hat die Sache recht leger gehandhabt. Für ihn (er hat immerhin Montaigne, Stendhal und Balzac übersetzt) war Übersetzen reines Handwerk, ein Broterwerb, ein notwendiges Übel, das ein Schriftsteller, der anders nicht zu Geld kommen kann, zwar mit dem gebotenen Ernst und Fleiß, aber möglichst rasch hinter sich bringen sollte.
Werfen wir noch einen kurzen Blick ins Renchtal. (Die Rench, nebenbei, einst beflößert, ist eins der hinreißendsten Flüßchen der Ortenau und noch gar nicht hinreichend beschrieben.) Grimmelshausen (ich lüfte alle drei Mützen, die ich besitze) erzählt eine Begebenheit, die sich zu Oberkirch zugetragen hat: »Ä Pfaff isch gonge schpaziere und zu’re Herd Kinner komme. Die hän mache us Erd ä Kirch. Do het der Pfaff gfrogt: So, Kinner, machener ä Kirch? Uf deshin hät ä klei Mädl grufe: Hahjo, un wenn der Dreck longt, na mache mer au ä Pfaff.«
Ich gerate ins Abschweifen, und Sie merken längst, worauf die Geschichte hinausläuft – wo wir schon beim Zitieren sind, rufen wir zuletzt noch Jean Paul (ich lüfte die Sonntagsmütze) herbei: »Das wenige, was ich hier von mir selber zu sagen habe, beschränkt sich auf das gewöhnliche vorrednerische Eigenlob und auf den als Lobfolio untergelegten Eigentadel.« Der Satz, aus der Vorrede zur zweiten Auflage der Unsichtbaren Loge, eignet sich übrigens auch gut für Herren, die sich mit einer Dame bekannt machen wollen. Auch als Einleitung zu einem Bewerbungsschreiben käme er in Betracht.
Wie dem auch sei, Winzer Otmar – er heißt, jetzt darf ich’s ja verraten, in Wirklichkeit Friedwald –, dem ich das alles in dürren Worten auseinandersetzte, war es zufrieden. Er hatte in der Zwischenzeit schon so viele Biere intus (merke: Weinbauern trinken gerne Bier!), daß er mich, es war schon gegen Mitternacht, in angemessenem Halbdämmer fragte: »Was lüftsch’n dauernd dei Mütz? Geh mal lieber in d’ Rebe und lüft dei Hirn. Und wann kommsch endlich im Fernseh?«
Sie fragen mich, weshalb ich die ganze Mühe trotzdem auf mich nehme? Das frage ich mich gelegentlich auch. Eigentlich hätte ich lieber Klavierspielen gelernt. Eigentlich hätte ich überhaupt lieber was Richtiges gelernt. Und eigentlich sollte ich vielleicht doch lieber manchmal in die Reben gehen und auf den Sonnenaufgang warten. Aber nur manchmal.

Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für die schöne Auszeichnung und Ihnen, meine Damen und Herren, für Ihre Aufmerksamkeit.