Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Frank Günther

Frank Günther

Translator
Born 1947

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2011
Laudatory Address by Denis Scheck
Acceptance Speech by Frank Günther
Diploma

Frank Günther, der seit vielen Jahren sich der Übersetzung des Gesamtwerks von William Shakespeare verschrieben hat...

Jury members
Kommission: Ralph Dutli, Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Denis Scheck
Born 15/12/1964
Literary critic and Journalist

Lieber Frank Günther,

»All hail, great master! Grave sir, hail! I come
To answer thy best pleasure; be’t to fly
To swim, to dive into the fire, to ride
On the curl’d clouds, to thy strong bidding task
Ariel and all his quality.«

»Zum Gruß, mein Meister! Herr, zum Gruß! Ich komm
Willfährig deinem Wolln, sei’s fliegen, schwimmen,
In die Feuer tauchen. Reiten auf
Den Wolkenschafen. Arbeit durch dein mächtig Wort
Gib Ariel und den Seinen.«

Meine Damen und Herren,
literarische Übersetzer wie Frank Günther, den wir heute mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis ehren, und William Shakespeare teilen eine staunenswerte Eigenschaft: Man will sie nicht wahrhaben. Wie Einhorn, Sphinx oder Greif, Hippocamp, Harpyie oder Meerjungfrau fallen sie in die Kategorie too good to be true, zu schön, um wahr zu sein. Seit Jahrhunderten leugnet man daher ihre Existenz. Man drängt sie an den Rand oder schweigt sie lieber gleich tot, negiert ihre Präsenz und macht sie zu Unpersonen, indem man andere an ihre Stelle setzt. Im Fall des Handschuhmachersohns aus Stratford William Shakespeare etwa den Earl of Salisbury, Francis Bacon, Christopher Marlowe, die Duchess of Pembroke, den siebzehnten Earl of Oxford oder gleich Königin Elizabeth persönlich. Nicht weniger als 174 Personen, so hat Frank Günther neulich gezählt, wurden im Lauf der knapp vierhundert Jahre seit Shakespeares Tod 1616 als die wahren Urheber der Werke William Shakespeares benannt: »Völlig unbekannten oder abwegigen Menschen traut man zu, solch ein unglaubliches Werk geschrieben zu haben«, so Frank Günther im Gespräch mit Theater heute, »es gibt nur einen, dem man es nicht zutraut: Shakespeare selber.«
Wer aber tritt in der Imagination der Leser an die Stelle der literarischen Übersetzer? Der Autor selbst. Natürlich ist die Vorstellung einer Deutsch schreibenden J. K. Rowling, eines Deutsch schreibenden Stig Larsson naiv, ein Kinderglaube wie der Glaube an die Zahnfee, den Mann im Mond oder die Ankunft des Großen Kürbisses, wie ihn Linus mit der Schmusedecke sich erträumt. Aber nichts liegt mir ferner, als mich über solchen Kinderglauben lustig zu machen. Ich denke vielmehr, man sollte ihn endlich ernst nehmen.
Anders als die stealth bomber des literarischen Lebens, jene also, die sich aus eigenem Antrieb wie Arno Schmidt, J. D. Salinger oder Thomas Pynchon dem Tamtam des Betriebs zu entziehen trachten, unauffällig sein und sich unauffindbar machen wollen, zählen die literarischen Übersetzer zu den bewusst Ignorierten und Übersehenen, den Verdrängten und An-den-Rand-Geschobenen. Der Voß-Preis der Akademie ist eines der wenigen Hochämter für die invisible men der literarischen Übersetzer. Es ist mir daher eine große Freude, heute Abend über zwei Menschen zu sprechen, über die wir leider viel zu wenig wissen: über Frank Günther und über William Shakespeare.
William Shakespeares Doppelgestalt ist mir altvertraut. Ich bin in einem schwäbischen Haushalt der 70er Jahre aufgewachsen, in dem nicht nur keine Gainsboroughs hingen, sondern auch Theater und Literatur etwa dieselbe Rolle spielten wie vielleicht in Shakespeares Haushalt, dessen Eltern John Shakespeare und Mary Arden, wie Stephen Greenblatt uns in seiner grandiosen Shakespeare-Biographie Will in the World in Erinnerung ruft, zeit ihres Lebens nicht ihren Namen schreiben konnten, sondern stattdessen mit einem Zeichen unterschrieben − genau wie Shakespeares Ehefrau Anne Hathaway.
Der Teil Schwabens, in dem ich groß wurde, wird heute mitunter scherzhaft »Piet Cong« genannt. Das Lesen von Literatur galt im Piet Cong der 70er Jahre immer noch als bestenfalls zweifelhaftes Vergnügen, wurde eher toleriert denn gefördert, kam es doch dem Müßiggang gefährlich nahe, dem Urquell allen Übels. Ich erinnere mich an eine Zeit, vielleicht war ich acht oder neun Jahre alt, als ich glaubte, es gäbe zwei Shakespeares. Einen kannte ich nur aus den Gesprächen Erwachsener, aus dem Fernsehen oder dem Radio, wo tagein, tagaus ein damals populärer Schlager lief:

»Die bess’ren Damen gewinnt man nur
durch Beherrschung der Lit’ratur.
Du wirst Eindruck schinden, zitierst du kess
Aeschylos und Euripides.
Homer gibt dir über Frauen Macht!
Homer ist der, wenn man trotzdem lacht!
Die Mädchen verehr’n deinen Kunstverstand,
hast du ’n Knüller von Schiller zur Hand.
Aber Shakespeare ist der Clou − du wirst im ›Salong‹ zum Löwen,
rezitierst du immerzu den Schwan von ›Stratford am Avon‹«.

»Schlag nach bei Shakespeare«. Dieser Shakespeare des popkulturellen deutschen Diskurses der 70er Jahre, der Shakespeare aus Günter Neumanns Übersetzung von »Brush Up Your Shakespeare« aus Cole Porters Kiss me Kate, entstammte zweifellos dem angloamerikanischen Kulturkreis, der Welt von Musicals, Chewing gum, Marlboro, weit weg vom schwäbischen Schiller aus Marbach. Aber da gab es ja noch diesen anderen, auf dessen Namen ich ständig in dem, was ich las, mit der Nase gestoßen wurde, ein Genie von Weltrang, dessen eminente Bedeutung zahllose Zitate belegten. Dieser andere Autor war, so schloss ich aus der Schreibweise seines Namens, ganz offensichtlich Franzose, und so sprach ich in meinen kindlichen Gedanken seinen Namen analog zu dem Robespierres aus: Shakes-Pierre.
Diese kindische, diese alberne Idee − der idée fixe jener würdig, die nicht an die Mondlandung, an Lee Harvey Oswald als Kennedy-Attentäter oder die Kugelgestalt der Erde glauben wollen −, dass sich hinter Shakespeare in Wahrheit zwei Personen verbergen, gewinnt eine neue Plausibilität nun, da die titanische Arbeit von Frank Günthers Übersetzung des Gesamtwerks William Shakespeare ins Deutsche fast vollendet ist. Für uns Deutsche heute existiert Shakespeare mindestens doppelt, Shakespeare hat wenigstens zwei Aspekte, wie es die Teilchenphysik vielleicht ausdrückte: Es gibt den englischen Shakespeare, und den Shakespeare Frank Günthers. Beide, honey-tongued Shakespeare und der zungenfertige Günther, wickeln Hörer, Leser, ja Elfenköniginnen buchstäblich ein, indem sie tausend Blumen blühen lassen:

»I know a bank where the wild thyme blows
Where oxlips and the nodding violet grows
Quite overcanopied with luscious woodbine,
With sweet musk-roses, and with eglantine.
There sleeps Titania sometime of the night,
Lull’d in these flowers with dances and delight.
And there the snake throws her enamell’d skin,
Weed wide enought to wrap a fairy in.«

»Ich weiß den Ort, wo wilder Enzian blaut,
Wo Thymian blüht und Goldklee, Moschuskraut
Und süße Wolfsmilch wächst, wo Anemonen,
Jasmin und Mohn im Geißblattschatten wohnen.
Dort schläft Titania manche Nacht und liegt
Von Tanz und Lied in Blumen eingewiegt.
Smaragndner Schlangen buntes Schuppenkleid
Liegt dort − als Elfenmantel viel zu weit.«

Nur: Shakespeare hat eben mehr als zwei Aspekte. Da gibt es noch all die anderen deutschen Shakespeares.
Die Shakespeares von Caspar Wilhelm von Borck und Theodor von Zeynek etwa, von Christoph Martin Wieland und von Erich Fried, von Eduard von Bauernfeld und Friedrich von Bodenstedt, von Friedrich Gundolf und von Maik Hamburger sowie natürlich den Shakespeare von Abraham und Johann Heinrich Voß junior, den Söhnen unseres Preispaten Johann Heinrich, die 1806 mit Othello und dem Lear begannen und ihr Projekt einer Gesamtübersetzung, zu dem der Vater 1818 dazustieß, 1829 tatsächlich in neun Bänden abschlossen − glatte vier Jahre vor August Wilhelm Schlegel, Ludwig und Dorothea Tieck sowie Wolf Graf von Baudissin. Weit über hundert Übersetzer seiner Dramen ins Deutsche zählt eine von der Universität Basel gepflegte Website, übrigens fast allesamt Männer, was angesichts der Dominanz der Frauen unter den deutschen Literaturübersetzern verwundern darf; allerdings wird Frank Günther, so er seine Shakespeare-Ausgabe 2014 zu Ende bringt, erst der dritte Deutsche sein, der den ganzen Shakespeare übersetzt hat.
»Wo man als Shakespeare-Übersetzer hinkommt, ist immer Schlegel«, sagt Frank Günther mit Blick auf seine Vorgänger, Vorläufer. »Das ist wie mit der Bibel und Luther. Entweder klingt die Bibel wie Luther, oder sie klingt eben nicht. Bei Schlegel kennt man immer diesen Tonfall. Man hört sofort: Dieser Satz ist so falsch, es muss sich um Shakespeare handeln.«
Machen wir also eine kurze Ton-Probe mit der eben gehörten Stelle aus der 1. Szene des Zweiten Akts im Sommernachtstraum:
O-Ton Schlegel:

»Dort ruht Titania halbe Nächte kühl,
Auf Blumen eingewiegt durch Tanz und Spiel.
Die Schlange legt die bunte Haut dort nieder,
Ein weit Gewand für eines Elfen Glieder.«

O-Ton Günther:

»Dort schläft Titania manche Nacht und liegt
Von Tanz und Lied in Blumen eingewiegt.
Smaragndner Schlangen buntes Schuppenkleid
Liegt dort − als Elfenmantel viel zu weit.«

Frank Günther ist präziser, eleganter, treffender, dichter am Mann, nicht selten gar eine Nasenlänge voraus, nie keucht er jedenfalls abgeschlagen hinterher.
Günthers Text ermöglicht einen direkten Zugang noch da, wo das Verhandelte weit über der Sphäre des Alltäglichen angesiedelt ist. Günthers Gräuel sind übersetzte Sätze wie: »Reicht Mantel mir und Degen, Freunde, gute Nacht«, Sätze wie sie Schlegel dem Prinzen Heinrich im Zweiten Teil von König Heinrich IV. in den Mund legt. »Ein Satz auf Kothurnen«, wie Günther sagt, »der keinem deutschen Muttersprachler je einfallen würde, ein Satz, wie er nur auf der Bühnen vorkommen kann . Keine gesprochene Sprache, sondern übersetzte Literatursprache.« Für den im Englischen durchaus alltäglich klingenden Blankvers »Give me my sword and cloak. Fallstaff, good night.« setzt Günter denn auch lakonisch: »Gebt mir mein Schwert und Cape. Falstaff, gut Nacht.«
Kleinigkeiten, gewiss. Aber mir ist kein literarischer Übersetzer bekannt, in dem nicht etwas vom Ehrgeiz jener steckt, die den Kölner Dom mit Streichhölzern nachzubauen trachten. Zwar sind alle Kreuzworträtsler und Laubsägearbeiter Kleinkleinfetischisten, doch ist deshalb nicht jeder Fliegenbeinzähler ein Korinthenkacker.
Vor über 50 Jahren hat Arno Schmidt in Tina oder Über die Unsterblichkeit ein unfreiwilliges Comeback auf Zeit von Goethe ins Adenauerdeutschland inszeniert. Können wir uns eine Begegnung zwischen unseren beiden Shakespeares vorstellen − des 1564 geborenen elisabethanischen Engländers und des 1947 zur Welt gekommenen Deutschen aus Freiburg im Breisgau, der heute im Landkreis Biberach in Rot an der Rot lebt? Worüber würden sie sprechen? Hätten sie sich überhaupt etwas zu sagen? Kämen Sie miteinander aus? Wären sie sich sympathisch, oder könnten sie sich am Ende vielleicht gar nicht riechen?
Ich habe da offen gestanden meine Zweifel. Hat der auch als Übersetzer unter anderem von James Fenimore Cooper und William Faulkner, Wilkie Collins und Edward Bulwer-Lytton, wenn auch zunächst weniger aus Neigung denn aus Erwerbszwang fleißige Arno Schmidt doch seiner Gelehrtenrepublik einer vorgeblichen Übersetzung aus dem Englischen in die nach einem Atomkrieg tote Sprache Deutsch − eine Tabelle vorangestellt, in der er den fiktiven Autor Charles Henry Winder und seinen nicht minder erfundenen Übersetzer Chr. M. Stadion, ein Anagramm von Arno Schmidt, Punkt um Punkt vergleicht. Neben Alter, Größe und Gewicht schätzt er darin ihren Wortschatz − was zwischen Autor und Übersetzer noch unentschieden ausgeht −, ihr Temperament, was Arno Schmidt bei seinem Autor als »sanguinisch«, bei seinem Übersetzer als »melancholisch-cholerisch« angibt, ihr Jahreseinkommen − hier liegt der Autor Winder um fast das 20fache vorn −, und nicht zuletzt ihren »erotic drive« − den veranschlagt der bescheidene Herr Schmidt bei Autoren glatt um das 200fache höher als bei ihren Übersetzern.
Keine idealen Voraussetzungen für ein gelingendes Gespräch von Autorenseite. Doch auch umgekehrt ist eine Begegnung zwischen dem Autor und seinem Übersetzer mit mancherlei befrachtet. Es hat sich inzwischen herumgesprochen: Übersetzer sind die genauesten Leser eines Textes, ganz notgedrungen entwickeln sie ein scharfes Auge nicht nur für seine Stärken, sondern auch für seine Unbeholfenheiten, Mängel, Schwächen. Auch in der Literatur gilt, fürchte ich, familiarity breeds contempt: Vertrautheit ist der erste Schritt zur Verachtung. Was uns zu der spannenden Frage führt: Kann man Shakespeare hassen?
Wo, wenn nicht auf einer Auslandstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, wäre der richtige Ort, von der Angst vor dem Übersetztwerden, des Ins-Fremde-Kommens zu sprechen? Wer Ovid liest, erfährt, dass es keine Metamorphose ohne Zerstörung gibt. Die Angst davor schwingt noch mit in Shakespeares Gebrauch des Begriffs »translation«: »Bless thee, Bottom, bless thee! Thou art translated!«, lautet der bestürzte Ausruf Peter Quinces, als er seinen Freund Bottom in A Midsummer Night’s Dream mit einem Eselskopf sieht. »Gott steh dir bei, Zettel, Gott steh dir bei! Du bist verwunschen«, übersetzt Frank Günther.
Translation als Transformation: Das ist der Schrecken der Übersetzung, the terror of translation. Vielleicht müssen wir uns die Begegnung zwischen Frank Günther und William Shakespeare daher eher so wie die Beziehung zwischen Ariel und Prospero vorstellen. Von allen Figuren, die Shakespeare geschaffen hat, wird Prospero von vielen Interpreten am engsten mit dem Autor identifiziert: Mit dem entmachteten Herzog von Mailand nimmt Shakespeare Abschied von seiner Bühne, dem »great globe itself«:

»Our revels now are ended. These our actors,
As I foretold you, were all spirits, and
Are melted into air, into thin air:
And like the baseless fabric of this vision,
The cloud-capp’d tow’rs, the gorgeous palaces,
The solemn temples, the great globe itself,
Yea, all which it inherit, shall dissolve,
And, like this insubstantial pageant faded,
Leave not a rack behind. We are such stuff
As dreams are made on; and our little life
Is rounded with a sleep.«

In Frank Günthers Worten:

»Die Zauber sind vorbei. Da unsere Mimen,
Wie ich dir sagte, waren alle Geister und
Sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft,
Und, wie dies körperlose Traumgewebe, so
Die wolkenhohen Türme, die Paläste,
Die stillen Tempel, selbst der Erdenball,
Ja, was an ihm nur teilhat, wird zerfließen,
Und, wie dies wesenlose Schauspiel schwand,
Vergehen ohne Spur. Wir sind vom Stoff,
Aus dem die Träume sind: und unser kleines Leben
Beginnt und schließt ein Schlaf.«

Klaus Reichert hat darauf hingewiesen, dass ausgerechnet die Leidenschaft des Lesens beim Allversteher Shakespeare schlecht wegkommt: »Words, words, words«, antwortet der die Nase ins Buch steckende Hamlet auf die Frage des Polonius, was er denn da lese.
Mit Prospero hat Shakespeare hingegen nicht nur eine Figur geschaffen, die Magie wirken kann, sondern eine, deren Magie ihren Ursprung aus Büchern nimmt. Auch Ariel kann als Zauberwesen Magie anwenden, übt Herrschaft über andere magische Kreaturen aus; im Verhältnis zu Prospero ist Ariel jedoch Prospero untertan. »Remember I have done thee worthy service«, erinnert Ariel Prospero früh in Der Sturm, »Told thee no lies, made no mistakings, serv’d Without grudge or grumblings«. In Frank Günthers Worten: »Denk dran, ich hab dir schweren Dienst getan, Dich nie belogen, nie dir was verpatzt, gedient ganz ohne Murrn und Maulen.«
Dies ist ganz offensichtlich der Anfang eines Gesprächs zwischen Autor und Übersetzer. Wir könnten uns leicht vorstellen, dass hier in Stockholm ein deutscher Übersetzer seinen schwedischen Autor so anspricht, um dann vielleicht eine größere Beteiligung am Honorar, einen höheren Vorschuss, eine Nennung auf dem Umschlag in größerer Schrift und in allen Anzeigen für das Buch zu fordern, und was es da mehr gibt an heiklen Themen im Verhältnis zwischen Autor, Übersetzer und Verlag.
Aus Gründen des Vergleichs: Wie hätte dieser Anfang unseres imaginären Gesprächs zwischen Autor und Übersetzer in den Worten etwa der sonst so verspielt eleganten Christoph Martin Wielands gelautet, der als Erstes eine umfangreiche deutsche Shakespeare-Ausgabe vorlegte:

»Erinnere dich wie getreu ich dir gedient habe;
ich sagte dir keine Lügen vor, ich machte nie eines für das andre,
ich diente dir ohne Groll noch Murren.«

So viel zur spielerischen Eleganz der Shakespeare’schen Verse. Da heißt es Abschied nehmen von Rhythmus, Schönheit und syntaktischer Ökonomie, vor allem aber Abschied nehmen von der Vorstellung, irgendein Wesen, sei’s Mensch, sei’s Luftgeist, könnte je so reden.
Aber gerade dass wir in den deutschen Sätzen Frank Günthers »ohne Murren und Maulen« ein zeitgenössisches Deutsch erkennen, ohne jede plumpe zeitgeisthörige Aktualisierung, ohne Hiphop und anderen Heckmeck, macht die Qualität dieser Übersetzung aus. Seine Version transportiert Shakespeare in unsere Gegenwart, ohne billige Einebnung oder entstellende Transformation oder, in Shakespeares Worten: without lies or mistakings.
»Ich versuche, den Text zu verstehen, und das, was ich verstanden habe, in meiner eigenen Sprache verständlich wiederzugeben«, hat Frank Günther mit typischem Understatement in einem Selbstinterview über die Aufgabe, einen neuen deutschen Shakespeare zu schaffen, bekannt. Frank Günther kennt die meisten anderen Übersetzungsversuche und kann wie Miranda im Sturm sagen: »O I have suffered With those that I saw suffer!« Christoph Martin Wieland übersetzt das übrigens mit: »O! wie hab’ ich mit diesen Unglücklichen gelidten, die ich leiden sah!« Frank Günthers Lösung besitzt dagegen die leichtfüßige Klarheit und Direktheit des Originals: »O, wie ich litt mit denen, die ich leiden sah.«
Wie macht er das? Frank Günthers Geheimnis hat in meinen Augen etwas mit unseren Ohren zu tun. Seine Erfahrung im Theater als Schauspieler und Regisseur hat ihn davor bewahrt, Shakespeare nur für unsere Augen zu übersetzen. Frank Günther übersetzt Shakespeare im Wissen, dass dieser Autor nicht für die gedruckte Seite, sondern für Schauspieler geschrieben hat, Schauspieler, die seine Sätze sprechen, und für ein Publikum von Zuhörern, die seine Sätze auf Anhieb verstehen sollten. Wie jeder Leser der aufschlussreichen Essays in allen Bänden von Günthers Shakespeare-Ausgabe in den Verlagen ars vivendi und dtv weiß, läuft dieser pragmatische Ansatz nie Gefahr, auf Kosten der philologischen Korrektheit zu gehen: im Gegenteil, Frank Günthers Übersetzung hat mitunter die dreiste Frische eines frechen Raps, der auf den Erträgen von dreihundert Jahren redlicher Shakespeare-Forschung fußt. Und wer je die Möglichkeit hatte, Frank Günther aus seinen Übersetzungen lesen zu hören, dem wird der Gedanke kommen, das ganze Unternehmen könnte aus der Obsession eines Schauspielers erwachsen sein, der als ein Ein-Mann-Theater einfach den ganzen Tag alle Rollen aller Shakespeare-Stücke spielen wollte.
»Ich habe es niemals freiwillig getan, sondern immer nur auf Auftrag«, hat Frank Günther einmal bekannt, und die Theateragenten Ute Nyssen und Jürgen Bansemer haben Frank Günther dabei nicht nur als Lektoren unterstützt, sondern auch dafür gesorgt, dass diese Aufträge nicht ausblieben und seine Übersetzung zur meistgespielten der Gegenwart wurde.
Wie aber könnte nun unsere Stockholmer Begegnung zwischen Frank Günther und William Shakespeare ausgehen? Würde der Übersetzer zum Autor sprechen wie Caliban zu Prospero:

»You taught me language; and my profit on ’t
Is, I know how to curse. The red plague rid you
For learning me your language!«

In Frank Günthers Worten:

»Sprache hast mich gelehrt, und mein Gewinn
Ist, daß ich fluchen kann. An Pest krepier
Fürs Lehren Deiner Sprache!«

Wie vielsilbig man so etwas verstolpern kann, soll wieder der Vergleich mit Wieland erweisen, dessen Größe das Versagen vor Calibans Klage aushält:

»Ihr lehrtet mich reden, und der ganze Vortheil den ich davon habe, ist daß ich fluchen kann; daß ihr die Pest dafür hättet, daß ihr mich reden gelehrt habt!«

Ich möchte aber glauben, dass für Frank Günthers Begegnung mit William Shakespeare nicht Calibans Verhältnis zu Prospero Modell wäre, sondern Ariels.
Wie anders sollte Shakespeare seine Dankbarkeit bekunden als in den Worten, die Prospero an seinen Diener Ariel richtet: »Ariel, thy charge Exactly is perform’d: but there’s more work.«
Ich fürchte also, Frank Günther wird sich nach William Shakespeare einen anderen Autor suchen müssen, nun, da seine heroische Leistung fast abgeschlossen und heute Abend mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gekrönt wird, denn wie sagt Prospero und also Shakespeare ganz zutreffend in Frank Günthers Deutsch: »Dein Auftrag, Ariel, Ist haargenau erfüllt, doch noch mehr Arbeit gibt’s.«