Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Burkhart Kroeber

Burkhart Kroeber

Translator and Writer
Born 3/7/1940

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2001
Laudatory Address by Werner von Koppenfels
Acceptance Speech by Burkhart Kroeber
Diploma

... der durch sein Werk wie durch öffentliches Eintreten für den eigenen Berufsstand dem Übersetzer als Mittler zwischen den Kulturen zu neuem Ansehen verholfen hat.

Jury members
Kommission: Heinrich Detering, Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Ilma Rakusa, Lea Ritter-Santini, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Glanz und Elend des Übersetzens

Die Versuchung ist groß, wenn man wie ich neben der übersetzerischen Arbeit seit vielen Jahren auch berufspolitisch tätig ist, eine Rede wie diese zu nutzen, um vor erlauchtem Publikum einmal so richtig über die Nöte und Sorgen des Übersetzerdaseins zu klagen. Der Versuchung muß freilich widerstanden werden: Diese Versammlung ist an jenen Nöten und Sorgen am wenigsten schuld und auch kaum in der Lage, sie zu lindern, geschweige denn abzustellen. Umgekehrt ist aber auch die Versuchung groß, gerade hier einmal nicht über dieses leidige Thema zu sprechen, sondern sich ganz den schönen Seiten des Übersetzens zu widmen und einfach nur über Literatur zu sprechen – über Sprache und Dichtung aus der Sicht des Literaturübersetzers. Auch dieser Versuchung muß widerstanden werden: Es wäre nicht nur zu bequem, sondern auch unredlich, um nicht zu sagen feige.
Also ein Kompromiß: zuerst ein paar unvermeidliche Sätze über das Elend, das öffentliche, nicht der Übersetzung, sondern des öffentlichen Raumes, in dem sich Übersetzungen heute bewegen (müssen), danach ein paar mehr Sätze über den Glanz, den eher privaten, der für viele meiner Kollegen oft das einzige ist, was sie in die Lage versetzt, das öffentliche Elend zu ertragen.
Glanz und Elend des Übersetzens, Miseria y esplendor de la traducción – ich bin gewiß nicht der erste in der langen Liste der Voßpreisträger, der sich in seiner Dankesrede auf diese Formel von Ortega y Gasset bezieht. Ich akzentuiere sie allerdings etwas anders als Ortega: nicht mit Blick auf die theoretische Aporie zwischen der Unmöglichkeit einer restlos adäquaten Übersetzung und der Notwendigkeit einer möglichst weitgespannten Übersetzertätigkeit zwecks Vermittlung und Dialog der Kulturen, sondern ganz praktisch aus der Erfahrung des Übersetzenden: Der Glanz ist die private Freude des Übersetzers an seiner Arbeit, das Elend die öffentliche Wahrnehmung seines Tuns. Ohne erstere wäre letztere für uns unerträglich.

Zunächst also ein paar leider notwendige Sätze zum Elend. Danach soll dann nur noch vom Glanz die Rede sein, denn Glück, Glanz, Glorie sind die Begriffe, die sich bei einer Preisverleihung, zumal einer wie der heutigen, aufdrängen.
Die öffentliche Wahrnehmung der Arbeit des literarischen Übersetzers ist in der Tat ein Elend, eine misère noire, wie sie schwächer kaum sein könnte, und sie wird zur Zeit noch verschärft durch die hysterische Reaktion der meisten, Verleger auf die im Bundesjustizministerium geplante Reform des Urheberrechts.
Stichworte zur »Lage der übersetzenden Klasse«: Wie Dieter E. Zimmer vor acht Jahren in einem großen Zeit-Artikel anläßlich des »Übersetzerstreits« schrieb, bewegt man sich als Übersetzer in einem weitgehend »schalltoten Raum« − in der Regel keinerlei öffentliche Reaktion, kein feedback, geschweige denn so etwas wie eine ästhetisch-kritische Auseinandersetzung mit den übersetzerischen Problemen und deren Bewältigung. Ich spreche aus eigener Erfahrung, ich habe mir bei einigen der vielrezensierten Bücher meines bekanntesten Autors die Mühe einer statistischen Auszählung gemacht: Bei Romanen und anderen Formen von erzählender Literatur gehen nicht einmal die Hälfte aller Rezensionen auf den Umstand ein, daß es sich um ein übersetztes Werk handelt; bei nichtnarrativen Werken, zumal bei »Sachbüchern« ist es geradezu die Regel, daß die Übersetzung unerwähnt und sehr oft sogar der Name des Übersetzers ungenannt bleibt. Letzteres ist für mich eine eklatante Gedankenlosigkeit, nur zu erklären durch geistige Trägheit. Aber auch auf die häufig von Kritikern geäußerte Schutzbehauptung, sie könnten unmöglich die Qualität einer Übersetzung bewerten, sei es auch nur aus Unkenntnis der Originalsprache, gibt es eine einfache Antwort. Auch ohne spezielle Kenntnisse müßte für jeden Literaturkritiker die Maxime gelten: Wenn er sich veranlaßt sieht, nicht nur über Thema und Inhalt eines Buches, sondern auch über dessen Sprache etwas zu sagen, dann sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, die Rolle des Übersetzers wahrzunehmen und den Leser darauf hinzuweisen, daß diese Sprache in ihrer vorliegenden Form das Werk eines Übersetzers ist.
In jedem Fall ist es ein Unding, wenn Kritiker sich rühmend über die Sprache eines Werkes äußern, ohne auf die Urheber ebendieser gerühmten Sprache hinzuweisen − als hätte der Autor sein Werk direkt auf deutsch geschrieben.
Der Übersetzer als unsichtbare Person in einem schalltoten Raum, der zudem in den meisten Fällen für Honorare arbeiten muß, die auf Monatseinkommen umgerechnet in der Nähe des Sozialhilfesatzes liegen, dazu nicht selten unter Vertragsbedingungen, die in ihrer von Juristen erdachten Form oft geradezu demütigend klingen und in der Praxis den Übersetzer zum reinen Bittsteller degradieren (der froh sein darf, wenn er es mit einem kollegialen Lektor zu tun hat) – das das ist die seit langem »normale« Lage. Verschärft wird nun diese Lage noch durch die wachsende Hysterie, mit der die Mehrheit der deutschen Verleger zur Zeit − jedenfalls nach den einschlägigen Stellungnahmen in Feuilleton- und vor allem in Börsenblatt-Artikeln zu urteilen − auf die geplante Reform des Urheberrechts reagiert. Glaubt man diesen Stellungnahmen, so ist eine sinistre Verschwörung von gewerkschaftlichen Interessenvertretern und sozialromantisch verblendeten Marktregulierern im Verein mit weltfremden Urheberrechtsfundamentalisten dabei, den Standort Deutschland nachhaltig zu beschädigen − die Übersetzungen prospektiver Bestseller werde man künftig zusammen mit den Lizenzen direkt bei den amerikanischen Agenten einkaufen, wurde ernstlich und unwidersprochen von Verlegerseite behauptet. Man fühlt sich sehr an die Reaktion der Automobilindustrie bei der Einführung des Katalysators erinnert; auch damals war der Standort Deutschland gefährdet.
Den schärfsten Angriff auf die Übersetzer fährt aber – es muß dies leider als Gipfel der gegenwärtigen Reaktion genannt werden – der Münchner Piper Verlag mit seinem Vorgehen gegen die Übersetzerin Karin Krieger und insbesondere seiner Entscheidung, gegen das zweitinstanzliche Urteil des OLG München Revision einzulegen. Laut Presseberichten will der Verlag dem Bundesgerichtshof die Frage vorlegen, ob Übersetzerverträge nicht eigentlich bloß »Bestellverträge« seien. Bestellverträge sind solche, bei denen die Form der Arbeit vom Besteller detailliert vorgeschrieben wird (also Schulbücher, Lexikonartikel und dergl.). Man bedenke, was das in der Praxis für literarische Übersetzungen bedeuten würde. Ich kann nicht umhin, darin eine Kriegserklärung gegen das ganze Übersetzerwesen zu sehen. Sollte der Piper Verlag mit seiner Auffassung vor dem BGH recht bekommen, würde es in absehbarer Zeit keine literarischen Übersetzungen mehr geben – und dann würden sich, folgerichtig, auch Preisverleihungen wie die heutige erübrigen. Der »kulturelle Vandalismus«, als welcher das Vorgehen des Piper Verlags treffend bezeichnet worden ist, wäre damit vollendet.

Nun aber Schluß mit der Rede über das Elend. Es mußte angesprochen werden, ich denke, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sollte diese Dinge wissen und diese Realitäten im Auge behalten, aber jetzt zu dem, was unsereinem dieses Elend wenigstens hin und wieder erträglich macht: Worin zeigt sich, wenn es ihn denn gibt, der Glanz des Übersetzens?
Bekanntlich geht es in allen theoretischen Erörterungen über das literarische Übersetzen und seine Methoden seit alters her, seit Cicero und Hieronymus, im deutschen Sprachraum besonders seit Schleiermacher und Goethe, um ein Entweder-Oder, das in der Regel als scharfer Gegensatz, ja manchmal geradezu als Dichotomie beschrieben wird: entweder man übersetzt wortgetreu oder sinngemäß, entweder verbum pro verbo oder sensus pro sensu, entweder – so die Formel von Schleiermacher – der Übersetzer läßt den Autor möglichst in Ruhe und bewegt den Leser ihm entgegen, oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Autor ihm entgegen; kurzum: entweder man übersetzt verfremdend, oder man übersetzt eingemeindend – ein Entweder-Oder, das auch Ortega y Gasset wie eine Selbstverständlichkeit anführt, ergänzt um die These, daß man nur entweder schön oder treu übersetzen könne – prägnant ausgedrückt in der Rede von der belle infidèle, der schönen Treulosen, der von seiten der Kritiker so gern die »häßliche Treue« vorgezogen wird (in dem erwähnten sog. »Übersetzerstreit« wurde dieses Argument sogar zur Verteidigung einer offenkundigen Mißgeburt verwendet).
Ich bin nun aufgrund nicht nur meiner eigenen Erfahrung, sondern auch aus Kenntnis der Arbeit vieler anderer und zahlreicher Diskussionen mit Kollegen der Überzeugung, daß dieses Entweder-Oder keineswegs ein Naturgesetz ist, sondern sich tendenziell wenn nicht überwinden, so doch wesentlich abmildern läßt. Ob eine annähernd wortgetreue Übersetzung (und wortgetreu heißt für mich nicht, isn’t it mit »ist es nicht« oder qu’est-ce que c’est mit »was ist das, was das ist« zu übersetzen, wohl aber die Wortfolge oder jedenfalls die Satzteilfolge des Originals so weit wie möglich zu berücksichtigen), ob eine solche Übersetzung zwangsläufig »häßlich« wird oder ob, umgekehrt, eine »schöne« Übersetzung immer treulos sein muß, ist meines Erachtens, jedenfalls bei Vorhandensein eines gewissen Talents, eine Frage des Trainings, der Übung oder sagen wir: des Übens. Ich finde den Vergleich zwischen Übersetzern und ausübenden Musikern immer sehr hilfreich. Wenn Sie bedenken: Was im 19. Jahrhundert nur ein vielbestaunter Franz Liszt am Klavier oder Paganini an der Geige vollbrachten, können heutzutage, technisch gesehen, Hunderte von Pianisten und Geigern. Durch entsprechendes Kopfstimmen-Training kann man ja inzwischen sogar die einst so beliebten Kastratenstimmen ersetzen. Ich behaupte nun: auch die Übersetzerei ist, wie das Musizieren, eine durch intensives Training verbesserbare Kunst. Ortega y Gasset meinte noch, eine genaue und, wie er sagte, »ganz klare« Übersetzung müsse gleichsam naturgemäß »unschön« sein, sie könne »keine literarische Anmut« beanspruchen und werde »nicht leicht zu lesen« sein, der Leser müsse von vornherein wissen, »daß, wenn er eine Übersetzung liest, er kein vom literarischen Standpunkt aus schönes Buch liest, sondern ein ziemlich beschwerliches Hilfsmittel benützt«. − Ich glaube sagen zu können: Heute sind wir literarischen Übersetzer dank intensiver Bemühungen, ausgiebiger Diskussionen im Kollegenkreis und eben geduldigen Übens − ganz technisch-praktisch, wie Musiker üben, wie Pianisten sich über Fingersätze verständigen – sehr viel weiter gekommen: genau muß beim Übersetzen nicht mehr zwangsläufig das Synonym für häßlich oder umständlich, schön oder elegant nicht mehr gleichbedeutend mit untreu sein.
Im übrigen haben auch die beiden Autoren, die so oft als Kronzeugen für das Entweder-Oder zitiert werden, nämlich Schleiermacher und Goethe, durchaus gesehen und anerkannt, daß der Gegensatz in glücklichen Fällen aufhebbar ist: Der so gern zitierte Satz von Goethe − »Es gibt zwei Übersetzungsmaximen: die eine verlangt, daß der Autor einer fremden Nation zu uns herüber gebracht werde die andere..., daß wir uns zu dem Fremden hinüber begeben...« − steht schließlich in einem Nachruf auf Christoph Martin Wieland (»Zu brüderlichem Andenken Wielands«, 1813) und geht folgendermaßen weiter: »Unser Freund, der auch hier den Mittelweg suchte, war beide zu verbinden bemüht, doch zog er als Mann von Gefühl und Geschmack in zweifelhaften Fällen die erste Maxime vor.«
Dieser Haltung möchte ich mich gerne anschließen. Was mich beim Neuübersetzen der Promessi Sposi angetrieben hat, war der Wunsch, dem deutschen Leser möglichst viel von dem zu vermitteln, was den Reiz dieses Romans im italienischen Original ausmacht, also den Text so vorzuführen, daß der deutsche Leser nicht nur den Inhalt, sondern auch die Art seines Vortrags erfährt, nicht nur das Was, sondern auch und vor allem das Wie der Erzählung. Daß dies bei einem Autor wie Manzoni durch eine möglichst getreue Wiedergabe der Syntax bzw. der Syntagmenfolge möglich sein müßte, war gewissermaßen meine Wette. Ich wollte zeigen, daß der Roman alles andere als behäbig erzählt ist, vielmehr passagenweise geradezu rasant und jedenfalls immer sehr anschaulich. Daher hat es mich besonders gefreut, wenn ich von Lesern und Kritikern hörte, daß meine Übersetzung »leicht lesbar« sei und sich »in einem Rutsch verschlingen« lasse. Das wollte ich erreichen, das war meine Wette. Wenn ich diese Wette gewonnen habe, dann allerdings nicht dadurch, daß ich mir − wie manche Kritiker meinen, es sei bei solchen Neuübersetzungen üblich – aus der zeitlichen Distanz zum Text eine größere Freiheit genommen hätte, sondern im Gegenteil dadurch, daß ich mir mit dem Vorsatz, die langen Satzperioden des Originals möglichst genau nachzubilden, um die narrative Logik und Psychologik mitzuübersetzen, geradezu selber Fesseln angelegt hatte.
Um abschließend so etwas wie ein übersetzerisches »Ideal« zu formulieren, kann ich noch einmal Ortega y Gasset zitieren. Er beendet seinen Aufsatz mit den Worten [in der Übersetzung von Gustav Kilpper, Ges. Werke Bd. 4, Stuttgart I956, S. 177]:

Es ist klar, daß das Publikum eines Landes eine im Stile seiner eigenen Sprache erhaltene Übersetzung nicht besonders schätzt, denn das besitzt es im Überfluß in der Produktion der einheimischen Autoren. Was es schätzt, ist das Gegenteil: daß die dem übersetzten Autor eigentümliche Ausdrucksweise in einer Übersetzung durchscheint, in der die Möglichkeiten der eigenen Sprache bis zur äußersten Grenze der Verständlichkeit ausgenutzt wurden. Die deutschen Übersetzungen meiner Bücher sind ein gutes Beispiel dafür. In wenigen Jahren sind mehr als fünfzehn Auflagen erschienen. Der Fall wäre unverständlich, wenn er nicht zu vier Fünfteln der gelungenen Übersetzung zuzuschreiben wäre. Meine Übersetzerin [Helene Weyl, † 1948] hat nämlich die grammatikalische Toleranz der deutschen Sprache bis an ihre Grenze gezwungen, um genau das zu übertragen, was in meiner Art zu reden nicht deutsch ist. Auf diese Weise sieht sich der Leser mühelos geistige Gebärden ausführen, die in Wirklichkeit spanische sind. Er erholt sich so ein wenig von sich selbst, und es belustigt ihn, sich einmal als ein anderer zu fühlen.

Solche Worte aus berufenem Munde zu hören, einschließlich der für mich höchsten Lobesworte, daß die Lektüre für den Leser »mühelos« und »belustigend« sei, das ist der Glanz im Dasein des Übersetzers.

Ich danke Ihnen für die Zuerkennung des Johann-Heinrich-Voß-Preises.