Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Benno Geiger

Writer, Translator and Art historian
Born 21/2/1882
Deceased 26/7/1965

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1959
Laudatory Address by Otto Heuschele
Acceptance Speech by Benno Geiger
Diploma

Benno Geiger, den unübertroffenen Meister dichterischer Übertragungen aus dem Italienischen.

Jury members
Die Mitglieder der Kommission und des Erweiterten Präsidiums

Benno Geiger und die Kunst des Übersetzens

LAUDATOR
Otto Heuschele
Born 8/5/1900
Deceased 16/9/1996
Writer

... Die Akademie zeichnet die Arbeit eines Dichters aus, der ein umfangreiches lyrisches Werk von Rang hervorgebracht hat, der aber überdies seit mehr als einem halben Jahrhundert seine dichterische Kraft, seine Fähigkeit, die strengen Formen zu beherrschen und die Sprache zu gestalten, der Übersetzung von großen Dichtungen der Weltliteratur gewidmet hat. Die Akademie ehrt in Benno Geiger den Übersetzer, sie tut es aber im vollen Bewußtsein, daß diese Übersetzungen das Werk eines Dichters von hohen Graden sind.
Benno Geiger hat sich über die Aufgabe des Übersetzers in der Vorrede zu seiner Petrarca-Übersetzung selbst geäußert: »Hier sei nun«, so schreibt er, »einiges über die Aufgabe des Übersetzers von Gedichten beigefügt, der nur dann gute Arbeit leistet, wenn er selbst ein Dichter ist. Wörtliche Übertragungen haben meistens dichterisch genommen überhaupt keinen Sinn. Dinge, die in einer Sprache etwas bedeuten, bedeuten in einer anderen manchmal etwas ganz Verschiedenes. Bilder, die erweckt werden, ändern öfters ihr Gesicht. Man muß hinter die Worte hören können, um das Fluidum zu ergreifen, daraus sich die gemeinsame Welle, das Zusammenklingen zweier Sprachen ergibt.«
Das ist gültig und eindringlich gesagt und rührt an das Geheimnis des Übersetzens. Ich gebrauche dieses Wort Geheimnis mit allem Bedacht, weiß doch jedermann, daß ein vollendetes Gedicht immer ein Wunder bleibt, und daß es unerklärbar ist, warum die so und so geartete Zusammenfassung so und so gearteter Worte die geheimnisvolle, magische Kraft ausstrahlt, die von jedem echten, jedem vollendeten Gedicht ausgeht. Jedes Wort bildet eine Atmosphäre um sich; sie in eine andere Sprache zu übertragen, scheint auf den ersten Blick unmöglich. Und es gibt Äußerungen genug, auch von Berufenen, die davon sprechen, Gedichte seien nicht übersetzbar, weil der Duft, der Zauber, die Magie eines Gedichtes an eine Sprache gebunden ist und nicht einer anderen übermittelt werden kann. Man mag sich zu dieser Auffassung stellen wie man will, selbst wenn man sie teilte, müßte man sich aber ins Bewußtsein rufen, daß trotz dieser Erkenntnis schöpferische Menschen durch die Jahrhunderte nicht aufgehört haben, Gedichte zu übertragen, so wenig sie aufgehört haben oder je aufhören werden, Gedichte zu schreiben. Das Verlangen zu übersetzen ist also nicht geringer als das Verlangen, Gedichte zu schreiben. Ich wüßte nicht, was überzeugender für die im schöpferischen Übersetzen liegende Notwendigkeit sprechen könnte als diese Einsicht...
In der Übersetzung großer zeitloser Dichtung begegnen sich aber nicht nur die Sprachen zweier Völker, sondern auch die Zeiten. Übersetzen heißt deshalb häufig genug auch zwei ganz verschiedene Zeitalter miteinander in Berührung bringen. Für den, der Dante oder Petrarca übersetzt, ist damit die Aufgabe gestellt, die Sprache des 13. und 14. Jahrhunderts in die des 20. zu übertragen. Das Amt des Übersetzers ist ein Vermittler-Amt hohen Stiles. Das Medium der Vermittlung aber bilden die Sprachen, die sich begegnen.
Es ist also immer wieder die Gestaltung der Sprache, die darüber entscheidet, ob eine Übersetzung als gelungen oder mißlungen zu bezeichnen ist. Da aber in der Sprache die Seele und der Geist der Völker und auch der Zeitalter mitschwingen, ist es die Aufgabe dessen, der übersetzen will, die Seele und den Geist zu erspüren und zum Zusammenklingen zu bringen. Das freilich ist im höchsten Sinne nur dem verstattet, der wahrhaft berufen und begnadet ist und der die Kraft besitzt, die sprachlichen Formen zu meistern. Nur ein Dichter wird Gedichte wirklich übertragen können; aber es ist auch ein Dichtertum besonderer Art, das sich im Übertragen bewährt.
Der Dichter, den wir ehren, hat diese Aufgaben immer neu auf sich genommen und hat sie in einer Form gelöst, die uns zeigt, wozu unsere Sprache fähig ist. Wir danken ihm die Übertragung des gesamten lyrischen Werkes von Petrarca, eine neue Übersetzung von Dantes Fegefeuer und endlich eine solche der ausgewählten Gedichte von Giovanni Pascoli. Dabei ist zu bemerken, daß uns damit das gesamte lyrische Werk Petrarcas zum ersten Male in lückenloser Vollständigkeit dargeboten wird.
Die Frage ist erlaubt, wie Benno Geiger für sein Wirken als Übersetzer vom Schicksal ausgestattet wurde. Daß er ein in drei Bänden vorliegendes umfangreiches eigenes lyrisches Werk geschaffen hat, wurde schon erwähnt. Es zeichnet sich aus durch die vollendete Beherrschung aller großen Vers- und Strophenformen. Es sind vor allem die klassischen Formen, derer sich der Dichter bedient, und es ist eine klassische Haltung, mit der er der Welt gegenübersteht. Experimente, Versuche, geistige Abenteuer sind ihm fremd. Was er gestaltet, ist sein Leben in dieser Zeit. Dieses Werk wird von Kennern hoch geschätzt, aber es ist bei uns kaum bekannt geworden. Dieses Übersehenwerden gehört zu dem merkwürdigen, in unserem Volke nicht seltenen Dichterschicksal. Es spricht für Benno Geigers geistige Haltung, daß er dies mit Gelassenheit und Würde getragen hat. Ich möchte, um diese Haltung zu charakterisieren, eine Stelle aus dem Vorwort zu der erwähnten Gesamtausgabe zitieren dürfen:
»Niemanden will ich anklagen! Niemanden verurteilen! Ich danke allen, die mich übersahen und an mir vorübergingen, jene Ruhe und abseitige Zufriedenheit, die mich den wahren Zielen nicht entrückten; danke ihnen jenen Zweifel an mir selber, der mich wach erhielt. So habe ich die Tages- und die Jahreszeiten zu verstehen und zu deuten gelernt, so sind Gebirge und Ebene, Meer und Landschaft, so sind die Fremde und die Heimat mein Besitztum geworden! Ich habe nicht nach Königen und Königinnen der Vergangenheit zu greifen gehabt, wo die Gestalt meiner Mutter, mit ihrer stillen Angst um mich, im Hintergründe meines Lebensschauspiels stand, wo das Geschick meiner Toten, meines Vaters, meiner Brüder mich erbarmte. Meine Mutter pflegte von sich zu sagen, daß sie, so wie der Chor der griechischen Tragödie, Kommentar und Warnung sei in meiner Dichtung. Nichts Erhabeneres hätte ich an ihre Stelle setzen können, die die einzige war, die an mich geglaubt hat.«
Einige wenige Daten aus Benno Geigers Leben mögen zeigen, wie er schicksalsmäßig für seine Aufgabe vorbereitet wurde. In Wien 1882 als Sohn eines schwäbischen Vaters und einer aus dem Baltikum stammenden Mutter geboren, wuchs er in Venedig auf, wo er zweisprachig erzogen wurde. In Berlin studierte er Kunstgeschichte und arbeitete unter Bode am Kaiser-Friedrich-Museum. Lebenslang blieb er der Kunstgeschichte zugetan; seine Urteile als Kunstkenner sind hochgeschätzt. Während er zunächst den Gründern des Insel-Verlages, Rudolf Alexander Schröder und Alfred Walter Heymel, befreundet war, gewann er, als er Rodaun bei Wien zum Wohnsitz wählte, Hugo von Hofmannsthals Freundschaft. Zu seinem großen Freundeskreis gehören aber auch Männer wie R. M. Rilke, Felix Braun, Stefan Zweig, Otto von Taube und Oskar Kokoschka. Die Namen deuten die geistige Welt, den Kunst- und Sprachraum an, in dem Geiger leben durfte. Venedig wurde ihm zur eigentlichen Heimat; italienische Dichtung, Kunst und Kultur bildeten den geistigen Raum, in dem er sich selbst fand. Waren es vor dem Kriege vor allem geistige und künstlerische Erlebnisse, die das Dasein des Dichters bestimmten, so widerfuhren ihm nach dem ersten Weltkrieg die härtesten Formen der Begegnung mit den Mächten der Zeit. Unter der italienischen und der deutschen Diktatur wurde er in Konzentrationslager gebracht.
Um so bewundernswerter scheint es mir, daß der Dichter in jahrzehntelanger Hingabe, mit großer Konzentration und mitunter in einer fast mönchischen Zurückgezogenheit sich zu dem Geist des Humanismus bekannte, denn seine Übertragungen sind auch ein Bekenntnis.
Ich möchte wünschen, viele Menschen könnten ermessen, was es für unsere Zeit bedeutet, daß ein Dichter diese Leistung auf sich genommen hat, daß er ohne Rücksicht auf Wirkung und frei von allem Ehrgeiz, ohne Dank und Ruhm zu erwarten, dieses wahrhaft großartige Übersetzungswerk schuf. Geiger hat sich in den Geist seiner Texte versenkt, er hat, ohne diesen Geist zu vergewaltigen, eine Sprache gefunden, die wir lesen und verstehen können, eine Sprache, die unsere Sprache ist, nicht zwar die unseres raschen Alltags und auch nicht die unserer Neuerer, sondern eine Sprache, die in unserer großen Überlieferung steht. In ihr halten sich Geschmeidigkeit und Festigkeit das Gleichgewicht, sie strömt rhythmisch fort, ohne zu zerfließen, sie ist voll Musikalität und Klang und vermag das Seelische und Geistige in gleicher Weise wiederzugeben wie das Sinnliche. Es ist eine Sprache, die die Zeiten überbrückt, insofern sie uns ein fernes Lebensgefühl nahe bringt, soweit das einer Sprache überhaupt möglich ist.
Der unvergessene Münchner Romanist Karl Voßler hat sich zu diesen Übersetzungen bekannt: »Jede echte Dichtung erzeugt in jedem Jahrhundert, in jedem Himmelsstrich, den sie durchtönt, einen veränderten Widerhall. Der übertragende Dichter ist ja, kann und soll ja nichts anderes sein als eben dieser Widerhall. Ein reineres Echo als dieses konnte der große italienische Trobador im deutschen Schallraum von heute sich nicht wohl erwarten oder wünschen. ‒ An Vollständigkeit des Wollens und Könnens kann sich keiner mit Benno Geiger messen.«
Das ist das Urteil eines berufenen und strengen Richters. An solchen und ähnlichen Ermutigungen hat es dem Dichter in den Jahrzehnten nicht gefehlt, aber nun scheint die Zeit gekommen, daß sein Werk in ein weiteres öffentliches Bewußtsein eintrete, daß es aufgenommen werde von den Zeitgenossen, daß es wahrhaft wirke.
Denn ein solches Werk der Übersetzung, dem wir den Rang einer echten Kunstleistung zubilligen, wird vom einzelnen nicht für sich selbst getan, so sehr er zunächst keine andere Absicht damit verbinden kann als eben die des Nachbildens eines Kunstwerkes. Sie wird auch getan als eine Tat in der Zeit, die nicht hinter anderen Taten zurückstehen sollte. Das Dasein einer solchen Übersetzung bedeutet eine Aufforderung, unserer Vergangenheit erneut wieder zu begegnen: in diesem Fall einer der höchsten Formen unseres abendländischen Erbes: dem heraufkommenden Humanismus, der uns alle, ob wir es bewußt fühlen und zugeben oder nicht, geformt und der unser aller Schicksal mit bestimmt hat. Ich sehe in der Tatsache, daß diese neuen Übertragungen Dantes und Petrarcas uns geschenkt wurden, ein Bekenntnis zum lebendigen Humanismus. Auch das ist zu bedenken, und der Entschluß unserer Akademie, diese Leistung zu ehren, ist mutig genug und wird hoffentlich auch in diesem Sinne von Freunden und Liebhabern der großen Dichtung erkannt werden. Daß uns ein solches Werk großer Übersetzungskunst erreichte, bedeutet für uns aber nicht nur ein Geschenk, dessen wir uns rühmen dürfen, es schließt auch Verpflichtungen in sich. Wir werden an ihm das Maß abnehmen müssen für die Forderungen, die wir an Übersetzungen schlechthin zu stellen haben.
Es bleibt mir nur noch der Dank an den Dichter, der uns mit seinen Übersetzungen neue Provinzen im Reiche dessen geschenkt hat, was Goethe Weltliteratur nannte. Für den, der sich im Goetheschen Sinne zur Weltliteratur bekennt, und wir müssen es heute mehr als je tun, bedeutet das Erscheinen dieser Übersetzungen ein dichterisches, künstlerisches, geistiges und menschliches Ereignis, das wir nicht hoch genug werten können. Vor allem den Jüngeren unter uns sollte diese Leistung Vorbild, Ansporn und Ermutigung sein, zeigt sie uns doch, wessen unsere Sprache noch immer fähig ist, wenn sie von einem Meister geformt und gestaltet wird, der sich an Maß und Norm hält. Mit dem Dank verbinden wir die Verpflichtung, das übernommene Werk der kommenden Generation weiterzureichen.

(Gekürzt)