Johann-Heinrich-Merck-Preis

The »Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay« (Prize for Literary Criticism and Essay Writing) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964, financed by the Darmstadt-based Merck pharmaceutical company.
It is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The Johann Heinrich Merck Prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Albrecht Schöne

Albrecht Schöne

Literary scholar
Born 17/7/1925
Member since 1980

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1983
Laudatory Address by Adolf Muschg
Acceptance Speech by Albrecht Schöne
Diploma

... einen Wissenschaftler, dem es in seinen Büchern und Aufsätzen über die ältere und die neueste deutsche Literatur gelingt, den Scharfsinn des gelehrten Diskurses in die Leichtigkeit und Eleganz einer Sprache zu fassen...

Jury members
Juryvorsitz: Vizepräsident Herbert Heckmann (geschäftsführend)
Vizepräsidenten Ludwig Harig, Eva Zeller, Beisitzer Beda Allemann, Geno Hartlaub, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsidenten Dolf Sternberger, Bruno Snell, Gerhard Storz

 

im alten Merck-Ton


- Unter Anleitung unseres Zeremonienmeisters treten jetzt dreimal zwei Herren ans Rednerpult, um wechselweise Lob und Dank zu sagen. Die Choreographie des Preisverleihungsrituals weist mir die erste Dankrede zu
- für die nach Johann Heinrich Merck benannte Auszeichnung. Nach dessen Tod hat der alte Goethe vermerkt, er besitze aus der Feder seines Darmstädter Jugendfreundes Episteln von ungemeiner Derbheit und Galle: »mit so verletzender Kraft geschrieben«, daß er sie nicht publizieren, »sondern sie entweder vertilgen, oder als auffallende Dokumente des geheimen Zwiespalts in unserer Literatur der Nachwelt aufbewahren« wolle.
Ich weiß also, wofür; weiß auch, in welcher Tonlage; weiß nur noch nicht, wem ich zu danken habe. Den Akademiemitgliedern wohl kaum. Bei der Zuteilung dieser Preise werden sie nicht befragt. Eher der Jury also, die jetzt wenigstens zwei von drei verfügbaren Auszeichnungen an Angehörige unserer Akademie vergibt, so daß das meiste Geld, wie recht und billig, in der Familie bleibt. Nur kommt halt nicht aus ihrer eigenen Tasche, was sie haushälterisch auszahlt. Eher an die geldgebenden Stifter also sollte ich mich wenden, die sich jetzt nobel im Hintergrund halten. Doch nehme ich an, daß diese entweder öffentliche Gelder verwalten oder ihre Mäzenatenkraft aus dem §9 des Körperschaftssteuergesetzes ziehen, welcher die Abzugsfähigkeit solcher Zuwendungen verfügt. Und Finanzbeamte zu preisen, habe ich gar keine Lust.
So kann ich vorerst nur Ihnen danken, lieber Adolf Muschg. Sie haben mich geschont, so gut es ging, und mir den Schweiß der Peinlichkeit nicht öffentlich auf die Stirn getrieben. Denn was Sie unter dem Gattungszwang der Lobrede als indikativische Beschreibung von wirklich Zustandegebrachtem ausgeben mußten, habe ich mir ohne Mühe übersetzen können in einen konjunktivischen Entwurf dessen, was ich hätte zustande bringen sollen.
Als man mich telegraphisch befragte, ob ich diesen »Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay« anzunehmen bereit sei, ist mir die Antwort nicht ganz leicht geworden. Was der Lobredner verschweigen muß, darf der Dankredner eingestehen: Ginge es mit rechten Dingen zu, hielte man sich nämlich an das, was hierzulande unter der literarischen Kritik und dem Essay verstanden wird, käme ich für eine solche Auszeichnung gar nicht in Frage. Aufs Einfachste und Äußerlichste gebracht, meint literarische Kritik bei uns die rezensierende Literaturkritik, die man im Feuilleton findet, und läßt sich der Essay am ehesten daran ausmachen, daß er keine Fußnoten braucht. Einmal habe auch ich ein kleines Schreibstück an Reich-Ranicki geschickt, aber unser Kritikerpapst hat das aus gutem Grund nicht eingerückt in seine Zeitung. Und beinahe jeder der von mir an anderer Stelle gedruckten Seiten reichen die Anmerkungen leider bis zum Knöchel oder zum Knie, wenn nicht gar bis zum Halse, so daß die Textzeilen oben kaum Luft bekommen – bleifüßig steht sie im gelehrten Ballast.
So ist das doch in aller Regel: unsere Dichter und Schriftsteller, unsere Kritiker und Essayisten dann, unsere Literaturwissenschaftler und Literarhistoriker schließlich ackern auf getrennten Feldern. Und selbst einen kleinen Grenzverkehr bewachen sie nicht ohne Argwohn. Um aus der Schule meiner eignen Zunft zu plaudern: Reden zwei Germanisten über einen dritten (von dem wir, um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben, hoffen wollen, daß er wenigstens nicht selber Verse schreibt oder Romane verfaßt) und einigen sie sich darauf, daß seine Geisteswerke eher doch zum Genre literarischer Kritik gehörten, journalistischen oder essayistischen Charakter besäßen, dann ist das alles andere als ein Ausdruck kollegialer Wertschätzung. Unter meinesgleichen erfüllt die Verleihung eines Preises für literarische Kritik und Essayistik nahezu den Tatbestand des öffentlichen Rufmords.
Dagegen uns zu schützen, gehen wir auf Distanz. Wir wissen zwar, daß man in einer schwerverständlichen Spezialistensprache ebenso belangloses, überflüssiges oder unsinniges Zeug schreiben kann, wie in Sätzen, die um keinen Grad schwieriger, und mit Begriffen, die durchaus nicht neuartiger sind als die Sache, um die es dabei geht. Wir wissen aber auch, daß ausgedroschenes Stroh und breitgetretener Quark auf diese Weise weniger leicht bemerkbar werden. Zu eben der Zeit, in der wir die unsozialen Sprachbarrieren zwischen den Benutzern restringierter und elaborierter Kodes lauthals anzuprangern begannen, haben wir selber uns einen ziemlich hochgestochenen, theorieüberlasteten, esoterischen Jargon zusammengeborgt, der (obgleich sich’s um Quantenphysik hier durchaus nicht handelt) außerhalb unserer selbstgenügsam gewordenen Zunft auf so abschreckende Weise imponiert, daß jedenfalls ein umsichtiger Feuilletonchef oder Zeitschriftenherausgeber diese Elaborate seinem breiteren Lesepublikum kaum noch zumuten dürfte.
Ach, es gäbe mehr dergleichen zu beklagen. Wahrhaftig auch in umgekehrter Richtung. Unsere Dichter sind hochgelehrte Leute zumeist (wie epigonale Phasen der Literaturgeschichte das allemal fordern), tragen in großer Zahl Doktor- und Ehrendoktorhüte oder wären ihrer würdig. Aber nicht nur in Ausnahmefällen geben sie die Literaturkritik, die Literaturwissenschaft (und am Ende selbst den armen Deutschunterricht, der ihnen doch die Leser heranziehen soll) für schlechterdings ärgerliche, verächtlich sekundäre oder gänzlich überflüssige Geschäfte aus – obgleich sie doch wohl manches dort gelernt haben und einiges Förderliche noch immer lernen könnten von Literaturkritikern und Literaturwissenschaftlern.
Wölfe zu Schafen, Löwen unter Lämmer – so finden wir uns unter das Dach dieser preisverleihenden Akademie. Schiller (›Der Handschuh‹):

»Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern sich die greulichen Katzen.«

Unmerklich leises, tiefes Knurren. Lauter wird es freilich und entschieden mordsüchtig, sobald einem Unliebsamen Zutritt in unseren Mitgliederkreis verschafft werden soll.

»Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf – da wird’s still...«

Ich aber will an Johann Heinrich Merck mich halten. Über »Gelehrte, Virtuosen, Schriftsteller, wizige Köpfe u.dgl.« hat der verfügt: »Wo viele von ihnen zugleich sich in einem engen Raum beysammen befinden, da solte wenigstens unter ihnen eine Art von Gleichheit stattfinden.«
Gleichheit – welcher Art denn? und worauf gegründet? Man könnte immerhin versuchen, sich beispielsweise die Einbildungskraft einmal nicht allein als ein Privileg der Dichter vorzustellen oder das kritische Vermögen nicht nur als ein Standesmerkmal der Rezensenten. Könnte vielmehr (um bei meinem Thema zu bleiben) den Begriff der literarischen Kritik probeweise einmal so grundsätzlich nehmen, daß er unsere sogenannte Literaturkritik mitsamt der Literaturwissenschaft umgriffe, zu deren beiderseitiger Beförderung, und dann auch noch weit in die Bedingungen der poetischen Produktion hineinreichte. Zu freundlicher Erinnerung: Als Lessing erklärte, alles in seinen Schriften Erträgliche verdanke er am Ende doch der Kritik, bezog er sich nicht auf seine rezensierenden oder literaturtheoretischen Arbeiten, sondern auf seine dramatischen Versuche.
Unser Johann Heinrich Merck hat nicht nur (ziemlich epigonale) Verse gedichtet, literarische Kritik geübt und Essays verfaßt, bevor er sich, fünfzigjährig, eine Pistolenkugel ins Herz schoß. Er war auch auf handfest praktische Weise geschäftig, hat bis zum bitteren Ende des Bankrotts eine Baumwollspinnerei betrieben und sich mit Säugetierskeletten immerhin auf so verdienstliche Weise befaßt, daß die Paläontologen ihm zu Ehren eine neuentdeckte Nashornart aus dem Pleistozän »Rhinoceros Merckii« benannten. Der hat all das, was wir betreiben, als »intellektuelles Zeug« und »Papierwesen« am Ende nicht so sonderlich hoch bewertet.

»Schon so früh so fleißig?«

In Versen zwar, aber ziemlich maulig gab er zur Antwort:

»Es ist einem bey dem bösen Wetter so scheißig,
Daß man alles Mögliche treibt
Und sogar Recensionen schreibt.«

Wußte er doch Bescheid um all den Ärger, mit dem wir’s im Papierwesen bis heute zu tun haben. »Kein deutsches Buch in London und Paris«?: »Wir glauben allgemein den Grund dieser betrübten Aspecte in der Faulheit der Ausländer zu finden, die sich so wenig Mühe geben wollen, eine Sprache zu lernen, in welcher die größten Schätze der Einbildungskraft und des gesunden Menschen-Verstandes aufbewahrt werden.« – »Ueberlegt man ferner den ungeheuren Preis unsrer Bücher, die nach dem inneren und äußeren Werth gerechnet, gerade um 200 pc. höher stehen, als die französischen, so ist die Unmöglichkeit des Vertriebs sehr begreiflich.« – Und: »Wir beklagen uns, daß unsere Großen keinen Geschmack an den Produkten unseres Geistes finden und [...] erstaunen, daß sie unser Deutsch nicht verstehen, ohne zu bedenken, ob es kann verstanden werden.« – Schließlich : »wie zu jeder Dieberey ein Stehler, Hehler und Abnehmer gehört, so würde bey uns die Entstehung so vieler ungereimten Geistesgeburten unmöglich seyn, wenn sich nicht zu jedem schlechten Schriftsteller ein schlechter Verleger und schlechte Leser fänden.«
Als dieser unser galliger Kritiker dem Herausgeber des ›Teutschen Merkur‹ (Christoph Martin Wieland in Weimar) 1781 einen Vorschlag zur Regelung der »Familienfrage« unterbreitete, meinte er alle, welche zu jener »Klasse von Menschen gehören, die Papier beschrieben haben, das nachher gedruckt worden ist«. Und nachdenkenswert scheint bis heute, wie er diese »Herren Mitbrüder« einschätzte: »fast alle mißvergnügt mit dem Lande wo sie wohnen, noch mißvergnügter mit dem Herrn ders regiert, und am mißvergnügtesten mit dem was ihnen am liebsten seyn sollte, mit der Haut die sie umgiebt, oder wie mans nennt, mit ihrer eignen Situation«; die Poeten unter ihnen wiederum den Prosaisten entschieden abgeneigt, denn es ging »ihr Haß gegen die Prosa oft so weit, daß sie keine Quittung schreiben, wenn man ihnen Geld schikt«. Nur, »das Jammern hilft nicht viel, wenn man vorwärts zu marschiren hat«, meinte Merck. So versuchte er mit diesem Essay im ›Teutschen Merkur‹, ein »Wohlthätigkeits Projekt der Welt ans Herz zu legen«, das gründlich für Abhilfe sorgte.
»Die großen Herren«, hat er da geschrieben, »machen überall milde Stiftungen für Personen, die nicht arbeiten können, wie Fündlinge und Fräulein, warum sollte man nicht ein Poeten-Stift errichten können?« Da sollten sie dann, wie in einer unaufhörlich tagenden Akademie für Sprache und Dichtung, alle für immer beisammen sein. Sollten natürlich besichtigt werden dürfen von Durchreisenden (Merck: »Weil sie daran gewöhnt sind«). Sollten zum Vorsteher einen »aus dem Prosaisten Stande« bekommen, da »die Politiker längst als ausgemacht angenommen haben, daß der blindeste Gehorsam bey der herzlichsten Verachtung desjenigen der zu befehlen hat, gar wohl bestehen kann.« Wäre schließlich in diesem unseren Stift (mit seinen Worten zu reden) »für Rasenplätze, freye Luft, Schatten und gutes Essen und Trinken gesorgt«, so würden die Insassen »dem Umgang mit der Welt, besonders mit geschäftgen Leuten, die sie ohnedieß von Herzen verachten, gern entsagen.«
Auf solche Weise, denke ich fast, könnte sich Mercks Hoffnung wirklich noch erfüllen: könnte »wenigstens unter ihnen«, all diesen Verfassern der Primärliteratur und Sekundärliteratur und Tertiärliteratur diejenige »Art von Gleichheit stattfinden«, die er uns so wünschte. Der mißvergnüglichen Welt entrückt, durch strenge Isolierung befriedet, brächten wir den herrschaftsfreien Dialog unter brüderlich Gleichen am Ende denn doch noch zustande.
Seit 200 Jahren wartet Mercks Projekt auf Verwirklichung. Immerhin, mit kleinen Schritten nähern wir uns dem Ziel. Ein Freitisch in der Villa Massimo, ein Stadtschreiberhäuschen in Bergen-Enkheim oder ein Plätzchen im Deidesheimer Turm lassen sich bereits als vorgezogene Außenposten des großen Merck-Stifts erkennen. Und ebenso muß man nun unsre drei Preise in diesem Zusammenhang würdigen. Ich darf nicht verschweigen, was Merck dazu gesagt hat, leider. (Er war halt »lang und hager von Gestalt, eine hervordringende spitze Nase zeichnete sich aus, hellblaue, vielleicht graue Augen gaben seinem Blick, der aufmerkend hin und wider ging, etwas Tigerartiges«, und Freund Goethe, der diesen Steckbrief verfaßte, nannte ihn den »Mephistopheles Merck«.) »Wäre die Nation wirklich in ihrem Geschmacke gebildet, so wäre ohnmöglich«, hat dieser Darmstädter Mephisto mit dem Tigerblick bemerkt, »daß nach der Prosa eines Lessing oder Moses [Mendelssohn] der Unsinn Anderer durch öffentliche Preise gekrönt und die Ziererey unserer jüngsten Schriftsteller [...] öffentlich gepriesen würden.«
Auch den nichtsdestotrotz nach ihm benannten Preis aber läßt die List der Literargeschichte nun als Abschlagzahlung auf das »Wohlthätigkeits Projekt« des uns noch immer vorenthaltenen Johann-Heinrich-Merck-Stifts verbuchen. Dafür danke ich allen Mitwirkenden, herzlich.