Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Viktor Žmegač

Viktor Žmegač

Germanist
Geboren 21.3.1929

Friedrich-Gundolf-Preis 1987
Laudatio von Bruno Hillebrand
Dankrede von Viktor Žmegač
Urkundentext

... welchem wir wertvolle Arbeiten zur Literaturästhetik bei Brecht, Lukács und Broch verdanken sowie eine Literaturgeschichte, die auch den europäischen Rahmen wahrt.

Jurymitglieder
Kommission: Beda Allemann, Roger Bauer, Eduard Goldstücker, Lea Ritter-Santini,

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Ein weitdimensionierter Pragmatiker des Denkens

LAUDATOR
Bruno Hillebrand
Geboren 6.5.1935
Germanist

Ich spreche nicht über Friedrich Gundolf, ich konzentriere mich auf Viktor Žmegač − das erleichtert manches. Denn selbst bei bester Dialektik würde es nicht zu einer Versöhnung kommen − wie in Hegels Ästhetik − zwischen der »Poesie des Herzens« und der »Prosa der Verhältnisse«. Bei aller sublimen Hegel-Kenntnis, die ihn befähigt, marxistische Ästhetik vom Grund her zu denken, dürfte selbst Viktor Žmegač diese Synthese schwerfallen. Also zu ihm und seinem Werk und was er damit in Bewegung setzte in der germanistischen Szene. Ich will mit einem Zitat beginnen, gleichsam werbend, obwohl der, um den es geht, solche Werbung nicht nötig hat. Der wohltemperierte Mord, das ist der Titel einer Sammlung von Essays »Zur Theorie und Geschichte des Detektivromans«, die Viktor Žmegač 1971 herausgab. Das Vorwort beginnt vergleichsweise heiter, − denken wir zurück an die Krisenstimmung von damals. In Kreisen konservativer Literaturhistoriker kursiere neuerdings, so Žmegač, eine dem Schema nach übrigens alte Witzfrage. »Was tut ein seriöser Literaturforscher?« − »Er interpretiert romantische Lyrik.« − »Was tun zwei seriöse Literaturforscher?« − »Sie bereiten eine neue Barockedition vor.« − »Und was tun drei seriöse Literaturforscher?« − »Drei seriöse Forscher gibt es nicht mehr. Einer von ihnen beschäftigt sich mit Trivialliteratur.« Wer an dem Witz Gefallen finde, der möge sich beeilen, ihn weiterzuerzählen, fügte Žmegač damals hinzu, der Zeitpunkt sei nämlich abzusehen, da er nicht mehr verstanden wird.
Inzwischen ist dieser Zeitpunkt lange überschritten, und die Tatsache, daß wir die Pointe lächelnd quittieren, zeugt vom Abstand und vom Progreß der Literaturwissenschaft seit annähernd zwanzig Jahren. Die Trivialliteratur als Thema ist hoffähig geworden, die Herbstsitzung der Akademie im letzten Jahr hat das noch einmal gezeigt, und die sozialkritische Literaturforschung wurde es allemal, kein Zweifel besteht an diesen Fakten, und an dieser Entwicklung hat Viktor Žmegač ganz entscheidend mitgewirkt. Selbst entwerfend, aber auch und im besonderen koordinierend, vermittelnd, antreibend zu produktiver Teamarbeit, ausgleichend, wo sich die Standpunkte verhärteten, dabei nie den eigenen Standort aus dem Auge verlierend. In einem doppelten Sinne haben so Person und Werk ihre Wirkung gezeitigt, ich fasse es kurz, es sind Toleranz und Sachkompetenz, die seine Forschungen tragfähig machen. Hinzu kommt jener spezifische Esprit, der ja nicht nur in Frankreich wächst, hinzu kommt Zivilcourage, − man bedenke, in welchem Land folgender Satz geschrieben wurde. »Man sollte allerdings nicht vergessen, daß die Gepflogenheiten mancher Historiker, die sich für Marxisten halten, kaum dazu angetan waren, das Ansehen geschichtlich analysierender Kunstbetrachtung zu fördern.« (1979 einleitend zur Geschichte der deutschen Literatur). Das ist so wahr als Tatsache wie pointiert als Ausdruck, womit ich nicht sage, daß ein Wissenschaftler von Pointen leben kann, aber wir alle wissen, wie angenehm es den Umgang macht, wenn der Kollege nicht nur Verstand und Wissen hat sondern auch Witz. Denn auch das wissen wir, wie schnell sich Wissenschaft verbeißt, in Standpunkte, Methoden und Weltanschauungen, das ist ein durchaus übergreifendes Phänomen, das konnte der Barockforschung ebenso widerfahren wie der marxistischen Literaturtheorie. Ob diese nun in gestärkter Weise anfällig war für den verbissenen Ernst des Daseins, mag dahingestellt sein, und ich deute das auch nur an. Denn ich will nicht polemisieren, ich will profilieren, den, der sich selbst profiliert hat im Verband gleichgesinnter Forscher, die aufbauten auf Methoden und Erkenntnissen, die damals die Germanistik noch weitgehend ablehnte.
Natürlich war Ende der 60er Jahre einiges in Bewegung geraten, aber der radikale Versuch einer Politisierung des Faches zeitigte eher die Folgen einer Kesselexplosion als die vernünftige Kanalisierung und Nutzanwendung der Kräfte. Ein Fach war in die Krise geraten, und darüber wurde bekanntlich viel debattiert, es wurde demonstriert, aber es wurden zugleich auch die Ansichten einer künftigen Germanistik produktiv ventiliert, und das nicht nur in jenem gelben Büchlein, das 1969 erfrischend die Szene bewegte. Die Forschung allerdings hatte schon neue Zeichen gesetzt, bevor das Spektakel losging, ich nenne nur den Strukturalismus, die Linguistik, die genannten Aspekte des Trivialen und Sozialkritischen. Das alles bedurfte nun der Aufarbeitung, der ruhigen Sichtung und abwägenden Integration. Viktor Žmegač war zu dieser Zeit Professor für Deutsche Literatur an der Universität Zagreb, schon das gab ihm Abstand zur Szene, überdies verfügte er über den Vorteil hautnaher Erfahrung im Umgang mit Ideologien. Gegen die Ideologie einer zweckfreien Wissenschaft die Ideologie einer »praktischen und parteilichen Wissenschaft« zu setzen, wie es damals in der Bundesrepublik gefordert wurde, das kam ihm nicht in den Sinn. Ausgerüstet mit der Kompetenz des profunden Kenners marxistischer Ästhetik, des historisch dialektischen Materialismus überhaupt, konnte er darauf verzichten, sich als Bekenner hervorzutun. Eine Umwertung aller fachspezifischen Werte hat Viktor Žmegač nie gefordert, obwohl er mit aller Deutlichkeit den Willen zeigte, Ernst zu machen mit dem, was man, ästhetisch abgeklärt, einen Perspektivenwechsel nennt. Die Ausleuchtung der Grenzphänomene des Ästhetischen wie die Scheinwerfereinstellung in Richtung Sozialgeschichte, das nahm er nicht mit revolutionärer Gebärde in Angriff, eher behutsam, wenn auch energisch aufbauend auf den empirischen Grundkomponenten seiner Forschungen. Und die betrafen und betreffen die deutsche Literatur vom 18. Jahrhundert bis heute, die Vielfalt ihrer Erscheinungen, die Bandbreite ihres ästhetischen und historischen Spektrums.
Sein erstes Buch trägt den Titel: Die Musik im Schaffen Thomas Manns, es erschien 1959 in Zagreb. Zehn Jahre später dann: Kunst und Wirklichkeit. Zur Literaturtheorie bei Brecht, Lukács und Broch. »Es geht um den Realismus« − dieses doppelbödige Zitat der beiden Streithähne Lukacs und Brecht umkreist Žmegač distanziert, im Sinne Thomas Manns fast humorvoll, analytisch nimmt er auseinander, was seinerzeit so verkeilt war. Letztlich steht er, der Schiedsrichter, wenn es um die Auslegung marxistischer Ästhetik geht, auf seiten Brechts, dessen Pokermiene er durchschaut, und dessen Schwejksche Attitüden ihn ganz offenkundig amüsieren. Brechts Späße kommen dabei zur Sprache − das Aufzeigen des Aviatikers zur Taube mit dem fachspezifischen Urteil: »Tauben zum Beispiel fliegen falsch« − aber auch Brechts Grundsätze: »Bei den reinen Formfragen soll man nicht allzu unbedenklich im Namen des Marxismus sprechen. Das ist nicht marxistisch.« Kommentar von Žmegač: »Historischer Materialismus als Erkenntnisquelle ohne die Verpflichtung zu streng materialistischer Erkenntnistheorie als künstlerisches Regulativ. Nichts anderes meint jedenfalls Brecht, wenn er schreibt, dem Künstler sei das Recht auf Humor, Phantasie und Freude am Ausdruck zuzugestehen.« Festzuhalten ist: dieser Literaturwissenschaftler kämpfte nicht nur gegen den Dogmatismus des Ideologischen zur gegebenen Zeit, er sprach sich auch dezidiert aus gegen jeden unverbindlichen Formalismus; in seinen Worten: gegen die mühelose Unverbindlichkeit terminologischer Equilibristik.
Diese Haltung baute er aus, er vertritt sie dann unmißverständlich in den später erschienenen Büchern, denen er als Herausgeber verantwortlich Profil gegeben hat. So einleitend zur Anthologie von 1970: Marxistische Literaturkritik. »Kunstfremde Literaturkritik hat es schon immer gegeben. Daß es auch Marxisten gibt, die ihr anhängen, kann nicht als Argument gegen die Grundsätze marxistischer Forschung gelten.« Žmegač ging es von Anfang an um Klärung der Fronten, beiderseits, − einerseits »Sinn und Zweck marxistischer Literaturforschung deutlicher vor Augen zu führen«, andererseits, und das damals noch zweifelnd, »vielleicht auch vorgefaßte Meinungen ins Wanken zu bringen«. Etwas war in Bewegung geraten, wie gesagt, und dieser Bewegung hat der Germanist Žmegač tüchtig Vortrieb gegeben. 1971 gab er die Methoden der deutschen Literaturwissenschaft heraus, ein Standardwerk der Methodenforschung, 1974 schon erschien die 3. Auflage. 1973 edierte er, zusammen mit seinem Lehrer Škreb, eine Sammlung von Originalbeiträgen Zur Kritik literaturwissenschaftlicher Methodologie. Žmegačs eigene Beiträge signalisieren jeweils den Umgriff, den ich verkürzt als komparatistisch bezeichnen möchte. Das Gelände war abgesteckt, und innerhalb seiner Grenzen oder auch darüber hinaus konnte das Werk erstellt werden, das man heute »Den Žmegač« nennt, die Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (1978-1984). Daß viele Fachgelehrte daran mitwirkten, mindert nicht die Leistung des Initiators, des engagierten Autors großer Teile und des Dirigenten in toto. Die Kritik war sich einig: diese Geschichte der deutschen Literatur hatte gefehlt, eine Literaturgeschichte nämlich unter dem Aspekt eines ausgewogenen sozialkritischen Ansatzes. Ein Ausländer hatte, zusammen mit einem Team von Wissenschaftlern aus Jugoslawien, der Schweiz, Österreich und der Bundesrepublik die Lücke gefüllt, die spätestens zu dem Zeitpunkt sichtbar wurde, als die Germanistik den Zirkel immanenter Deutung von Literatur verließ oder verlassen mußte.
Schon einleitend läßt der erprobte Kämpfer keinen Zweifel aufkommen, sein Konzept mit aller Schärfe herauszuarbeiten. Es geht um einen Geschichtsbegriff, der den empirischen Fakten verpflichtet ist, der Wirklichkeit in ihrer unverstellten Komplexität, und es ist einsichtig, daß bei solcher nüchternen Betrachtung fortfallen: Geschichtsphilosophie, Biographismus als Persönlichkeitskult, das Postulat von Autonomie des Kunstwerks und seines Schöpfers, kurz, jede Heroisierung oder museale Typisierung. Das literarische Werk in seiner sozialen Zeichenhaftigkeit zu sehen bedeutet, den Geschichtsverlauf als Veränderung zu akzeptieren, zu fragen, wodurch diese Veränderungen bewirkt werden, zu fragen nach den Ursachen des Wandels ästhetischer Vorstellungen und Formen. Und töricht wäre es, dabei die alten Kurzschlüsse zu reproduzieren, »etwa zwischen einem Verstypus und einer Regierungsform eine unmittelbare Beziehung sehen zu wollen«. Žmegač geht es um die Relativität künstlerischer Konventionen, um den Wandel rezeptiv bedingter Perspektivik, um die Akzeptation aller Bedingungen und Bedingtheiten der Geistesgeschichte und Sozialgeschichte, und daß er sich mit diesem methodischen Ansatz in guter Gesellschaft befindet, das bestätigt nicht nur der Strukturalismus. Daß im übrigen in vier großangelegten Unternehmen Literaturgeschichte als Sozialgeschichte teammäßig betrieben wird, bei Metzler, Hanser und Rowohlt, spricht für sich, − und nebenbei: »Der Žmegač « bei Athenäum hatte 1984 in diesem sportlichen Wettkampf als erster die Ziellinie erreicht.
Daß Viktor Žmegač neben dem Ordinariat − und in Zagreb gibt es nur einen Lehrstuhl für germanistische Literaturwissenschaft − Zeit gefunden hat für seine ebenso profunden wie umfangreichen Forschungen, das verdient Bewunderung. Schrieb er doch, über das bisher Genannte hinaus, zusammen mit zwei Kollegen seiner Universität, eine handliche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart (1981), edierte er doch das unentbehrliche Standardwerk Deutsche Literatur der Jahrhundertwende, eine Versammlung erstrangiger Gelehrter zu einem aufregenden Thema (1981), legte er doch vor Das große deutsche Erzählbuch (1979), ediert bei Athenäum, dem Verlag, der ihm die Treue hielt und dem er treu blieb über eineinhalb Jahrzehnte, schrieb er doch über Döblin, Rilke, Goethe, Adorno, jeweils in sehr spezifischer Konstellation, über das expressionistische Drama, über Ästhetizismus und Gesellschaft im 19. Jahrhundert, über Kunst und Ideologie in der Gattungspoetik der Jahrhundertwende, über die Aktualität der Wiener Moderne.
Und bitte lassen Sie mich hier enden mit der Bemerkung, daß die Ehrungen diesen unermüdlichen und strengen Forscher zurecht erreichten: 1974 die Goethe-Medaille für Germanistik (Goethe-Institut München), 1977 der Literaturpreis der Stadt Zagreb, 1980 der Wissenschaftspreis von Kroatien, 1984 Ruf auf einen Lehrstuhl der Universität Graz, 1985 Wahl zum Auswärtigen Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Geehrt wurde ein Mann, den Bescheidenheit und Bestimmtheit gleichermaßen auszeichnen. Er ist ein konsequenter Empiriker und ein weitdimensionierter Pragmatiker des Denkens, ein weltoffener Forscher. Theorie und Praxis des kommunikativen Handelns sind ihm angemessen, nicht Spekulationen und Utopismen. Seinen Schriften ist anzumerken, daß er eine strenge Schule durchgemacht hat, daß er sich dieser Schulung mit äußerster Disziplin unterzogen hat, vom Naturell her offenbar disponiert zur Objektivität des Sichtens und Urteilens.
Verantwortung schimmert überall durch, aber auch Lust zur Arbeit, aber auch und das gerade: Begeisterung für das Spezifische seines Faches, Begeisterung für Literatur, für das Werk und seine zeichenhafte Vermittlung von Geschichte.
Die Verleihung des Friedrich Gundolf-Preises an Viktor Žmegač heute ist die Anerkennung solcher Leistung und der gebührende Dank aller, die der Literatur verschrieben sind.