Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Nicholas Boyle

Nicholas Boyle

Germanist
Geboren 18.6.1946

Friedrich-Gundolf-Preis 2009
Laudatio von Gerhard Neumann
Dankrede von Nicholas Boyle
Urkundentext

Nicholas Boyles Werk verbindet ein unerschöpfliches Wissen auch bisher kaum bekannter Zusammenhänge mit der Gabe eines brillanten Erzählers.

Jurymitglieder
Kommission: Michael Krüger, Norbert Miller, Per Øhrgaard, Miguelm Saenz, Joachim Sartorius, Jean-Marie Valentin

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Die Geschichte der Modernität als Tragödie

Für einen nichtdeutschen Germanisten kann es wohl keine höhere Auszeichnung geben als die Verleihung des Friedrich-Gundolf-Preises durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Ich komme mir vor wie Wilhelm Meister, der auf seine Lehrjahre mit den Worten zurückblickt, »ich weiß, daß ich ein Glück erlangt habe, das ich nicht verdiene und das ich mit nichts in der Welt vertauschen möchte.« Eigentlich habe ich nicht bloß meine Lehrjahre, sondern mein ganzes Leben – aber das ganze Leben eines Gelehrten (wie man früher und treffender die Wissenschaftler nannte) sind ja Lehrjahre – dem Studium und der Vermittlung der deutschen Kultur gewidmet. Und kann es eine größere Ehre geben, als in seinem Lebenszweck und seiner Lebensaufgabe gerade durch diejenigen bestätigt zu werden, die am besten wissen müssen, was gelungen ist und was nicht? Einen gebührenden Dank auszusprechen, bin ich nicht imstande. Wenn ich mich jetzt förmlich und von Herzen bei Ihnen, verehrte Akademiemitglieder, dennoch bedanke, so aus dem einfachen Grund, dass der einzig passende Dank an den, der unser ganzes Leben bestätigt, darin besteht, dass man im selben Sinne weitermacht. Mein Versprechen also, in diesem Sinne weiterzumachen, bitte ich Sie so aufzufassen, wie es gemeint ist: als zutiefst empfundenes Dankeswort.
Für einen Goethebiographen ist freilich die Verleihung eines Preises, der den Namen Friedrich Gundolfs trägt, eine etwas zweideutige Ehre. Der Vergleich mit einem der größten deutschen Stilisten des frühen 20. Jahrhunderts, mit dem unübertroffenen Autor einer gewissen, wohl ›klassisch‹ zu nennenden Darstellung nicht bloß von Goethes Leben und Wirken, sondern auch von Shakespeares Werk und seiner Bedeutung für die deutsche Kultur, dieser Vergleich ist ebenso bedrückend wie unausweichlich. Ich versuche ihm dennoch auszuweichen. Denn ich habe mit meiner Goethebiographie etwas völlig anderes bezweckt als Gundolf, und das hängt aufs Engste mit dem zusammen, was ich für die Vermittlung der deutschen Kultur im englischsprachigen Bereich unternommen zu haben glaube. Ich habe mich bemüht, das Geheimnis der einmaligen Persönlichkeit Goethes nicht in ihrer organischen Ganzheit zu lokalisieren, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit. Und diese Widersprüchlichkeit wiederum habe ich nicht aus seinem eigenen, individuellen Wesen, nicht aus der Monade Goethe heraus zu erklären versucht, sondern aus seiner unglaublich energischen Reaktion auf die ihn umgebende Welt – auf die natürliche, die physisch-konkrete Welt, auf die Landschaften und die Städte, die er kennenlernte, auf die gesellschaftliche und politische Welt, in der er so viele verschiedene Rollen zu spielen hatte, und nicht zuletzt auf die intellektuelle Welt der Literatur, der Philosophie, der Naturwissenschaft und leider auch, ein wenig, der Theologie, die ihm die Denkformen vermittelte, in denen er sich und seine Umgebung zu begreifen hatte. Daher, aus dieser ihn physisch, sozial und geistig bedingenden Umgebung, stammen, wie ich meine, seine oft verblüffenden Widersprüche – die Modernität, ja Hypermodernität seiner poetisch ausgedrückten Einsicht in das Wesen der persönlichen Identität oder Nicht-Identität − »Bin ich Nichts, ganz Nichts geworden?« ruft der verzweifelnde Tasso aus – und das oft bewusst Reaktionäre, ja sogar bewusst Banale seiner öffentlichen ästhetischen oder politischen Stellungnahmen; die extreme Feinheit in seinen Urteilen über Personen und in der Handhabung der Sprache, in der er sie ausspricht, etwa in seinen Briefen oder in Dichtung und Wahrheit, und seine manchmal brutal anmutende Bereitschaft, andere zu verführen, auszunutzen und fallen zu lassen; sein subtiles, oft unterschätztes oder sogar übersehenes Verständnis für die philosophischen Entwicklungen seiner Zeit und sein stures Festhalten an naturwissenschaftlichem Unsinn. Das alles habe ich aus dem Kontext heraus zu verstehen versucht, in dem Goethe gelebt und gewirkt hat, und Goethes Kontext ist ein Großteil von dem, was man deutsche Kultur nennt und was als deutsche Kultur im Laufe von zwei Jahrhunderten dem Ausland vermittelt worden ist. In allem, was ich geschrieben habe – nicht bloß in der Biographie, sondern auch in meinen nicht übersetzten Arbeiten zur Weltpolitik, zur Literatur- und Kulturkritik und zur Theologie –,war ich bestrebt, Deutschland als einen Teil von Westeuropa und das deutsche Schicksal als Teil eines gesamteuropäischen Schicksals zu verstehen. Wenn es einen deutschen Sonderweg gegeben hat, so ist es ein Sonderweg, den prinzipiell jeder europäische Staat gehen kann, er ist in dem europäischen Staatswesen selbst angelegt. Und aus diesem Grund ist das deutsche sozialpolitische Denken und die Literatur, die aus der Erfahrung der deutschen sozialpolitischen Möglichkeiten erwachsen ist, von unmittelbarer Bedeutung auch für alle anderen modernen Staaten und Kulturen. Dass sich in Deutschland eine Philosophie und eine Literatur entwickelt haben, in denen die moderne Subjektivität in beispielhafter Weise beleuchtet und ergründet wird, ist so gut wie ein Gemeinplatz. Weniger bekannt ist die genaue Art dieser Subjektivität. Denn so wie in der modernen Gesellschaft – d.h. in der Gesellschaft, wie sie sich zuerst im Europa des 12. und 13. Jahrhunderts gestaltet und seitdem im Laufe des Globalisierungsprozesses über die ganze Welt verbreitet hat – das menschliche Individuum sich als Schnittpunkt zweier sozialer Prozesse spezifiziert hat, nämlich der Konsumption und der Produktion, so gibt es eine zwiefache Spezifikation der Subjektivität. Es gibt eine Subjektivität des Konsumenten und eine Subjektivität des Produzenten, so wie es ein Subjekt gibt, das die Welt aufnimmt und genießt, und eines, das die Welt bearbeitet. Im neuzeitlichen Europa – so die These von Who Are We Now? – werden diese beiden Aspekte des Subjekts kulturell vorzugsweise von jeweils einem der beiden Flügel der europäischen Mittelschicht zum Ausdruck gebracht, das konsumierende Subjekt vom Bürgertum im eigentlichen Sinne, der Bourgeoisie, und das produzierende Subjekt vom Beamtentum, der Bürokratie. Von den großen Konsumenten der Renaissance an, von Rabelais und Rojas, bis hin zu Buddenbrooks und Ulysses ist das konsumierende Subjekt mit der Entwicklung des literarischen Realismus verbunden, vor allem des Romans. Im realistischen Roman wird das Angebot des Teufels im Matthäusevangelium angenommen, die Welt und ihre Herrlichkeiten werden als Gegenstand des Genusses dem Subjekt einverleibt. Was aber dem Realismus in diesem literarischen Teufelspakt fehlen muss, ist die subjektive Wirklichkeit der Arbeit, zunächst der Arbeit, mit der Gott im Anfang die Welt und alle ihre Herrlichkeiten erschaffen hat – dem realistischen Roman gelingt es jedoch nicht einmal, auch nur die Wahrheit der menschlichen Arbeit darzustellen. Sogar für Zola ist die Welt der Arbeit letzten Endes nur objektiv darstellbar, als Objekt eines pervers-pittoresken Konsums. Die Anstrengung und Selbstentäußerung des produzierenden Subjekts ist mit realistischen Mitteln nicht aufzufangen. Diese Aufgabe bleibt dem anderen Flügel der europäischen Mittelschicht Vorbehalten, der Bürokratie, dem Beamtentum und ihrem bevorzugten kulturellen Selbstausdruck: der systematischen Philosophie, vor allem der idealistischen. Hier wird der Versuchung des Teufels auf ganz andere Weise nachgegeben: seine göttliche Freiheit und seinen göttlichen Ursprung unter Beweis stellend, löst sich das Subjekt vom Boden der Wirklichkeit und wirft sich in die Luft, um über den Wassern zu schweben und durch das Wirken seines Geistes die Welt noch einmal zu erschaffen. Die realistische Dichte des Romans in der Darstellung des zu genießenden Objekts wird in der idealistischen Philosophie zwar nie erreicht, aber die Arbeit des Subjekts am Entstehen seiner Welt wird genau nachvollzogen. Bei Fichte, Marx und Nietzsche, die alle eher dem Professoren −, also dem Beamtentum als der Bourgeoisie zuzurechnen sind, ist das Projekt in Erfüllung gegangen, das bei Montaigne, Descartes und Leibniz seinen Anfang genommen hat. Hier haben die deutsche Kultur und die deutsche Sprache eine humanistische Leistung erzielt, die in jeder Hinsicht der Leistung des europäischen Romans gleichgestellt werden kann. Aber die deutsche Sprache hat noch Größeres aufzuweisen, das zur europäischen, ja zur Weltliteratur gehört. Drei der größten Meister dieser Sprache – Kant, Hegel und Goethe – ist es gelungen, die Forderungen des Realismus mit denen des Idealismus zu versöhnen und eine Subjektivität zu definieren, die sowohl Konsument als auch Produzent ist. Kant hat mit seinem Begriff einer kritischen Philosophie, deren Aufgabe es ist, die Grenzen des Erkennbaren zu erkennen, dasselbe geleistet wie Hegel mit seiner Ausarbeitung des Schellingschen Begriffs vom Geist, der gleichzeitig Subjekt und Objekt ist: Beiden nämlich ist es gelungen, ein Subjekt darzustellen, das zugleich die Welt genießt und aufnimmt und bearbeitend prägt. Und man darf wohl sagen, dass die kanonische literarische Konkretisierung dieser doppelten Subjektivität von Goethe geschaffen worden ist in der Gestalt seines Faust. Faust will den ganzen Bereich des durch Menschen zu Erfahrenden in sich aufnehmen und in seinem inneren Selbst genießen – aber er will sich auch rastlos betätigen, den Genuss immer hinter sich lassen, »sich immer strebend bemühen«. Er will endlos konsumieren, aber ebenso endlos produzieren. Er ist also die vollendete Darstellung des modernen Subjekts, der Schnittpunkt beider Prozesse im endlos sein wollenden globalen wirtschaftlichen Wachstum. Dass dieses moderne Subjekt das Produkt einer Versuchung durch den Teufel ist, ist Goethe auch nicht entgangen. Sein Faust geht einen Pakt mit dem Teufel ein, und seine Geschichte wird von Goethe der Gattung der Tragödie zugeordnet. Dass es möglich ist, die Geschichte der Modernität als eine Tragödie aufzufassen, ist eine Erkenntnis Goethes, die auch der nichtdeutschsprachigen Welt vermittelt zu werden verdient, zumal es ihr an einer gewissen Aktualität nicht gebricht.

Ich habe anfangs eine Stelle aus Wilhelm Meister zitiert − dass ich ein Glück erlangt habe, das ich nicht verdiene, und das ich mit nichts in der Welt vertauschen möchte. Das trifft insofern nicht ganz auf meinen Fall zu, als ich genau weiß, verehrte Akademiemitglieder, womit ich das Glück, das Sie mir bescheren, vertauschen will. Der Familienwagen, den ich vor 17 Jahren mit Hilfe eines literarischen Preises erstehen konnte, konkretisiert nicht mehr so ganz die Modernität. Als Fauststudent habe ich also den Spruch beherzigt, ›dann aber wieder zu was neuem‹, und einen schönen, neuen, natürlich deutschen Wagen bestellt. Auf diese Weise wird Ihre Gabe, für die ich mich nochmals bedanke, nicht nur zur Wiederaufnahme des endlosen globalen wirtschaftlichen Wachstums beitragen, sondern auch zur weiteren Vermittlung der deutschen Kultur im Ausland. Auch für Ihre Aufmerksamkeit bedanke ich mich.