Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Konstantin M. Asadowski

Konstantin M. Asadowski

Germanist und Übersetzer
Geboren 14.9.1941
Mitglied seit 1992

Friedrich-Gundolf-Preis 1990
Laudatio von Efim Etkind
Dankrede von Konstantin M. Asadowski
Urkundentext

... vor allem für seine Rilke-Studien, die überraschende und für das Werk dieses Dichters bedeutsame Verbindungen zur russischen Lyrik des 20. Jahrhunderts kenntlich gemacht haben.

Jurymitglieder
Kommission: Roger Bauer, François Bondy, Wolf Lepenies, Norbert Miller, Lea Ritter-Santini

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Russisch-deutsche Wechselbeziehungen

Sehr geehrter Herr Präsident!
Sehr geehrte Mitglieder der Akademie!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Wenn ich heute, an diesem für mich feierlichen Tag, zurückblicke, sehe ich deutlich, daß mein Weg als Philologe und Germanist in gewisser Weise vorherbestimmt, ja von Kindheit an vorgezeichnet war.
Ich wurde geboren und wuchs auf in einer russischen Intellektuellenfamilie, obwohl ich strenggenommen eigentlich kein Russe bin. Das kommt in Rußland häufig vor. Mein Vater stammte aus einer Familie mosaischen Glaubens, meine Mutter aus einer deutschen, wenn auch stark russisch geprägten, lutheranischen Familie. Im alten Sankt-Petersburg existierte bekanntlich eine blühende deutsche Gemeinde: es gab in der Stadt deutsche Schulen, Kirchen, Vereine und Gasthäuser; Zeitungen erschienen in deutscher Sprache. Zu dieser deutschen Kolonie gehörten auch meine Vorfahren mütterlicherseits, die Bruns. Denselben Namen trug als Mädchennamen meine Mutter, Lidia Brun. Daraus, glaube ich, wird verständlich, daß ich mich auf meinem weiteren Lebensweg der Germanistik zugewandt habe.
Viel später, als ich mich mit der Erforschung russisch-deutscher Kulturbeziehungen beschäftigte, hatte ich die Gelegenheit, in einem Leningrader Archiv das Tagebuch Friedrich Fiedlers zu studieren. Fiedler war Lehrer der deutschen Sprache an Petersburger Gymnasien, Dichter und Übersetzer sowie bedeutender Sammler von Büchern und Manuskripten. Im damaligen Petersburg stellte Fiedler eine ungewöhnlich farbige Gestalt dar. Ich habe des öfteren über ihn geschrieben (auf russisch) und Auszüge seines umfangreichen Tagebuchs publiziert, das wertvolle Informationen über russische und deutsche Literaten zu Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts enthält. (In absehbarer Zeit hoffe ich, diese Materialien auch in Deutschland zu veröffentlichen.) Mein lebendiges Interesse an Fiedler und meine tiefe Sympathie zu ihm sind sicherlich durch die Empfindung einer entfernten Blutsverwandtschaft hervorgerufen: ähnlich wie meine Vorfahren mütterlicherseits stammte Fiedler aus der Petersburger deutschen Kolonie, war jedoch ganz durchdrungen von der russischen Kultur. Er war Deutscher der Herkunft nach, aber in der Seele Russe.
Das ist der Grund, weshalb ich heute zu Beginn meines Dankwortes meine Mutter erwähne. Ihr verdanke ich in erster Linie meine Kenntnisse der deutschen Sprache und meine früh erwachte Neigung zur deutschen Kultur.
Meine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Germanistik begann ich an der Philologischen Fakultät der Leningrader Universität. Mit Dankbarkeit erinnere ich mich an viele meiner Lehrer, wenn ich heute hier auch nur wenige von ihnen nennen kann. Ich hatte das Glück, bei dem Akademiemitglied Viktor Žirmunski, dem bedeutendsten unserer Germanisten, Vorlesungen zu hören, ferner bei Professor Maria Tronskaja und anderen. Später, nach dem Hochschulabschluß, führte ich meine Promotionsstudien am Leningrader Pädagogischen Institut unter der Anleitung meines Doktorvaters, Professor Naum Berkowski, fort. Berkowski war einer der wenigen Kenner und Anhänger Friedrich Gundolfs bei uns. Ähnlich wie V. Žirmunski verfaßte auch Berkowski grundlegende Werke über die deutsche Romantik, deren Ideen und Geist die russische Kultur des vergangenen und dieses Jahrhunderts so reich befruchtet haben.
Gleichzeitig begeisterte ich mich damals für das literarische Übersetzen, versuchte mich an der Übertragung deutscher Poesie und Prosa in die russische Sprache. Deshalb ist es mir heute eine besondere Freude, die an mich gerichteten Begrüßungsworte aus dem Munde des teuren Lehrers meiner Jugend, Professor Efim Etkind, zu hören, dessen Seminar zur literarischen Übersetzung ich vor nunmehr 30 Jahren besuchte und dessen Unterweisungen mir im weiteren so dienlich waren.
Die Namen der Professoren Berkowski und Etkind erwähne ich dankbar jedesmal, wenn ich an meine Dissertation denke, die Franz Grillparzer gewidmet war, dem großen Dichter Österreichs, der bis heute in Rußland nicht angemessen gewürdigt wird. In erster Linie interessierten mich damals die philosophisch-ästhetischen Ansichten Grillparzers sowie die Frage seiner österreichischen Eigenart, der in den Arbeiten westlicher Gelehrter so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Professor Berkowski war, wie gesagt, mein wissenschaftlicher Betreuer, Professor Etkind der erste Gutachter bei der Verteidigung meiner Dissertation. Es ist gut zu wissen, daß mein Gegensprecher nach 20 Jahren heute zu meinem Fürsprecher geworden ist.
Schon in den sechziger Jahren war mein Interesse vorwiegend auf Probleme der Komparatistik gerichtet. Die vergleichende Literaturwissenschaft erlebte zu dieser Zeit in unserem Lande einen Aufschwung, der insbesondere mit der Tätigkeit der Abteilung für literarische Beziehungen am Institut für russische Literatur in Leningrad verknüpft war. Diese Abteilung wurde viele Jahre lang von dem Akademiemitglied Michail Alekseev geführt, der gleichzeitig auch Vizepräsident des Internationalen Slavistenverbandes war. Unvergeßlich sind mir Vorträge auf wissenschaftlichen Tagungen in der Abteilung und meine persönlichen Begegnungen mit dem Akademiemitglied Alekseev.
Einer meiner ersten Vorträge in dieser Abteilung hieß »Rilke und Rußland«. Damals hatte ich gerade erst begonnen, über dieses herausfordernde und einzigartige Thema in der Geschichte deutsch-russischer Kulturbeziehungen zu arbeiten. Wie Sie wohl wissen, war der junge Rilke geradezu erfüllt von russophilen Neigungen, die sich zu Ende des letzten Jahrhunderts im Westen weit verbreiteten. Er reiste zweimal nach Rußland, traf mit Lev Tolstoi zusammen, übersetzte aus dem Russischen und schrieb über die russische Kunst. Mein Hauptanliegen bei dieser Arbeit bestand darin, das umfangreiche, in verschiedenen Archiven verstreute Material über die Beziehungen Rilkes zu Rußland zusammenzutragen, ferner galt es, das Wirken Rilkes als Verbreiter russischer Kultur in Deutschland zu würdigen, dabei aber das Utopische an seiner Vorstellung von Rußland und dem russischen Menschen nicht zu verschweigen. Das Ergebnis meiner langwierigen Arbeit war die Dokumentation Rilke und Rußland. Briefe. Erinnerungen. Gedichte, die in zwei deutschen Verlagen (Aufbau und Insel) als Buch gleichzeitig erschien. Rückblickend sage ich an dieser Stelle nochmals all denen meinen aufrichtigen Dank, die mir ihre Unterstützung nicht versagt haben, die an meiner Beschäftigung mit Rilke Interesse zeigten und mein Buch mit Zustimmung aufnahmen (insbesondere möchte ich die freundschaftliche Teilnahme Dr. Joachim Storcks erwähnen).
Darüber hinaus stelle ich fest, daß der Name Rilkes für die russische Kultur des 20. Jahrhunderts eine ganz besondere, fast symbolische Bedeutung gewonnen hat. Er, der große deutsche Lyriker, wurde und wird in Rußland von vielen als Symbol der Poesie selbst, als Verkörperung höchster Geistigkeit angesehen. Eben in diesem Sinne verstanden Rilke die hervorragenden russischen Dichter des 20. Jahrhunderts − Boris Pasternak und Marina Zwetajewa. Sie war es, die einst die Bemerkung fallen ließ, Rilke sei das »beste Deutschland«. Den Wechselbeziehungen zwischen ihr, Pasternak und Rilke ist ein eigenes Buch gewidmet, das ich gemeinsam mit den Erben Pasternaks, Elena und Evgeni, herausgab. Wie keine andere Arbeit zuvor, hat mir gerade diese eine unsägliche Freude bereitet: in den Spuren Pasternaks und Zvetajevas gelang es mir, der dichterischen Welt Rilkes noch näher zu kommen, und die intensive Auseinandersetzung mit ihm (dem »besten Deutschland«!) erwies sich für mich und meine kulturelle Prägung als äußerst anregend.
Der vergleichenden Literaturwissenschaft räume ich vielleicht den wichtigsten Platz unter meinen verschiedenen wissenschaftlich-literarischen Tätigkeiten ein. Meine besondere Vorliebe für Komparatistik − auf beliebiger Ebene der Beherrschung des Gegenstands − erklärt sich dadurch, daß sie Methoden bietet, über die Grenzen rein theoretischer Wissenschaft hinauszuschauen. International ihrem Inhalt und ihren Zielen nach, überwindet sie nationale Beschränktheit und strebt danach, enge geistige Verbindungen zwischen verschiedensprachigen und fremden Kulturen zu schaffen. In stärkerem Maße als andere literarhistorische und literaturwissenschaftliche Forschungsansätze ist die Komparatistik von kosmopolitischem Kulturgeist (wie ihn Rilke ideal-typisch verkörpert hat) durchdrungen. Und gerade dieser geistigen »Verfassung« bedürften wir heute in Osteuropa besonders. Kann denn hier angesichts der aufbrechenden Nationalitätenkonflikte und kulturellen Identitätskrisen der kosmopolitische Kulturgeist auf die Dauer ohne Bedeutung bleiben?
Die heutige Feier ist für mich ein außergewöhnliches, unvergeßliches Ereignis. Aber ich möchte sie nicht im geringsten als Abschluß sehen, bezogen auf meine bisherigen wissenschaftlichen Studien. Meine Arbeit zur Erforschung russisch-deutscher literarischer Beziehungen, ebenso wie meine Tätigkeit als Übersetzer aus dem Deutschen ins Russische, führe ich auch künftig fort. Ich möchte der Hoffnung Ausdruck geben, daß es mir gelingen wird, noch einige weitere Pläne auszuführen.
Tief bewegt habe ich in Leningrad im Januar dieses Jahres das Telegramm über die mir zuteil gewordene Ehre erhalten, und mein aufrichtiger Dank gilt der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Aber ich vergesse nicht, daß ich hier heute nicht nur als Preisträger für meine Arbeiten stehe, sondern auch als eine Person aus jenem Kulturraum, in dem jetzt sehr wichtige politisch-geistige Veränderungen vor sich gehen, und in diesen sehe ich Voraussetzungen dafür, daß ich heute an dieser Stelle zu Ihnen sprechen durfte.
Und erlauben Sie mir am Schluß die Bemerkung: Es ist mir besonders teuer, daß der mir zuerkannte Preis den Namen Friedrich Gundolfs trägt, des Schriftstellers und Philologen, des deutschen Neoromantikers. Der Gedanke stimmt mich froh, daß dieser große Name nun auch für die gegenseitige Bereicherung russischer und deutscher Kultur stehen wird.
Vielen Dank!