Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Hubert Orłowski

Hubert OrłowskiHubert Orłowski

Geboren 22.5.1937

Friedrich-Gundolf-Preis 2016
Laudatio von Leszek Żyliński
Dankrede von Hubert Orłowski
Urkundentext

...für sein weitgespanntes Wirken als Vermittler zwischen der deutschen und der polnischen Kultur...

Jurymitglieder
Kommission: Irène Heidelberger-Leonard, Michael Krüger, Per Øhrgaard, llma Rakusa, Miguel Sáenz, Joachim Sartorius und Leszek Żyliński

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Leszek Żyliński
Geboren 19.10.1954
Germanist

Vom Lehrer und Vermittler

Wer sich die Liste der Publikationen, öffentlichen Aktivitäten und wissenschaftlichen Würdigungen von Hubert Orłowski ansieht, kann sich ein angemessenes Urteil dieses immensen Lebenswerkes machen. Achtzehn Monographien, ein paar Dutzend Sammelbände und Anthologien und über sechs Hundert Artikel und Essays bilden ein Oeuvre, das in der seriösen Germanistik (auch im Ausland) seinesgleichen lange suchen muss. Sie bezeugen aber gleichermaßen die überragende Position dieses Autors im polnischen öffentlichen Diskurs in Sachen Deutschland und deutsche Kultur. Orłowskis zahlreiche Aktivitäten in Forschungsräten, Redaktionsgremien, Verlagen und Akademien, seine vielfachen Auszeichnungen, Ehrendoktorwürden und Gastprofessuren beweisen gleichsam seine Position des Lehrers und Vermittlers ersten Ranges. Diesem Mann verleihen wir den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung der deutschen Kultur im Ausland für das Jahr 2016. Nach Abschluss des Germanistikstudiums in Posen Anfang der 1960er Jahre hat der gebürtige Ermländer Hubert Orłowski dort eine Wirkungsstätte und seine neue Heimat gefunden. An der Adam-Mickiewicz-Universität erklomm er sämtliche Stufen einer brillanten wissenschaftlichen Karriere; besonders lag ihm wohl immer sein Lehrstuhl für deutsche Literatur am Herzen, den er über dreißig Jahre innehatte und wo er Tausende von Studenten in ihrem Streben nach Literaturkenntnis und –verstehen begleitete, und über zwei Dutzend junger Forscher als verlässlicher Doktorvater zur Seite stand (manche sind bereits selbst Professoren).

Beeindruckend ist das Spektrum seiner Forschung, wo bei aller Vielfalt auch einige Konstanten ausgemacht werden können. Es entspricht dem intellektuellen Ehrgeiz des jungen Forschers und ist vor dem Hintergrund der Kriegserfahrung nur folgerichtig, dass Orłowski seinen Weg in die Germanistik mit dem wohl geschichtsträchtigsten und bedeutungsmächtigsten Roman der deutschen Literatur einschlägt. „Prädestination des Dämonischen. Zur Frage des bürgerlichen Humanismus in Thomas Manns Doktor Faustus“ heißt sein erstes Buch aus dem Jahre 1969, das bis heute in der Forschung hoch geschätzt wird. Seine „Untersuchungen zum falschen Bewußtsein im deutschen Entwicklungsroman“ (nur zwei Jahre später 1971 in Buchform publiziert), das anhaltende Interesse für Thomas Mann und für den geistigen Habitus der Deutschen der 30er und 40er Jahre bilden einen Ausgangspunkt für die jahrelange Beschäftigung mit der „Literatur im Dritten Reich“, wie auch der Titel seines Standardwerkes aus den 70er Jahren lautet, das mehrere Auflagen erlebt hat.

Es wäre wohl recht müßig, hier und jetzt die Vielfalt der weiteren Veröffentlichungen aufzuzählen und zu besprechen, die der Preisträger als Autor und Herausgeber mit seiner Handschrift zeichnete. Sie gehören fast ausnahmslos zum festen Bestandteil der internationalen Germanistik und haben den Rang des berühmten Posener Literaturwissenschaftlers begründet. Einen Aspekt will ich jedoch herausstellen: Er betrifft Orłowskis zahlreiche Studien zu Problemen der deutsch-polnischen Stereotypengeschichte, zu unserer gegenseitigen Imagologie, wie sie sich nicht nur in der Literatur, sondern im öffentlichen Diskurs manifestiert. Seine umfangreiche Studie „>Polnische Wirtschaft<. Zum deutschen Polendiskurs der Neuzeit“, 1996 vom hochgeschätzten Harrassowitz-Verlag auf Deutsch und zwei Jahre später auf Polnisch veröffentlicht, erfuhr eine breite Rezeption und Anerkennung nicht nur unter den Spezialisten. Mit diesem Wurf gelang es dem Autor, über die engen Grenzen der Literaturwissenschaft hinauszugehen und in vorbildlicher Interdisziplinarität für seinen Forschungsansatz sowohl Sozial- und Mentalitätsgeschichte, als auch Ideenkritik und historische Semantik zu mobilisieren, was schließlich dieser Monographie das Qualitätszeichen einer vom Anspruch her oft postulierten, aber nur selten eingelösten kulturwissenschaftlichen Untersuchung verlieh. Orłowskis Erkenntnisse darüber, mit welchen Mitteln und durch welchen mentalen Horizont die Stereotypie der ‘polnischen Wirtschaft’ Definitionsmacht über den deutschen Polendiskurs ausübte, klärten grundlegende Ungleichwertigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zwischen Deutschen und Polen schlüssiger auf, als vieles, was bis dato in der einschlägigen Ost-, Polen-, bzw. Deutschlandforschung erschienen war; es half uns allen auch mehr als all die gutgemeinten Beteuerungen der Publizistik oder Politik.

Mit dem Friedrich-Gundolf-Preis ehren wir heute aber nicht nur einen ausgewiesenen Forscher, sondern zugleich einen homme de lettres, der mit seiner Tätigkeit als Herausgeber, Essayist, Übersetzer, Autor zahlreicher Vor- und Nachworte zu Übersetzungen deutscher Literatur den öffentlichen Deutschlanddiskurs in Polen maßgeblich mitgestaltete. Orłowskis profunde Kenntnis deutscher Literatur geht einher mit seinem Sinn für Literatur als einem Phänomen, das zum Denken zwingt und nach Auslegung verlangt. Die ästhetische Qualität literarischer Texte weiß er immer mit dem historischen oder philosophischen Blick zu kontextualisieren, so dass seine intellektuelle Arbeit sich zwar des Werkes von Thomas Mann oder Elias Canetti, von Gottfried Benn oder Günter Grass annimmt, aber der Leser gleichsam unweigerlich in die begriffliche Welt und die Deutungsräume eines Max Weber, Walter Benjamin oder Reinhart Koselleck als Garanten intellektueller Stringenz hineingezogen wird.

Hubert Orłowski übt seine Vermittlerrolle sehr gekonnt aus. Er hat es verstanden, sei es mit einem Buchtipp, sei es mit einem Nachwort oder mittels eines Anthologiebandes deutsche Literatur bekannt und beliebt zu machen, ohne dass daraus Literatur-light wurde. Er vermochte, die Werke eines Thomas Bernhard oder einer Christa Wolf in ihrer Einzigartigkeit so fesselnd darzustellen, dass bald wahre Lesergemeinden dieser Autoren entstanden. Orłowskis Dienst an der deutschen Literatur verdanken polnische Leser zahlreiche Anthologien deutscher Gegenwartsliteratur. Er wählte Lesenswertes aus Prosa, Drama und literarischer Essayistik für polnische Verlage aus; in seinen zahlreichen Buchbesprechungen und alljährlichen Kommentaren für das „Literarische Jahrbuch“ erfuhr der literarisch interessierte Leser in Polen, was Dichter deutscher Zunge bewegt.

Schon das Aufgezählte dürfte ausreichen, Hubert Orłowski mit dem Gundolf-Preis auszuzeichnen. Doch der kulturell so rege Zeitgeist Ende der 90er Jahre flüsterte dem ausgewiesenen Literatur- und Kulturforscher ein neues Projekt. Seit zwanzig Jahren betreut Orłowski sein wohl ehrgeizigstes intellektuelles und verlegerisches Unternehmen, das ein wahrer Glücksfall für die polnische aber auch für die deutsche Kultur ist. Die Buchreihe Poznańska Biblioteka Niemiecka (Posener Deutsche Bibliothek) ist ein Markenzeichen für die interessierte polnische Öffentlichkeit geworden. Hier finden Forscher, Studenten, Publizisten übersetzte und kommentierte Werke deutscher Autoren vor, die deutsche und europäische Kultur hauptsächlich des 20. Jahrhunderts mitgeprägt haben. Auf diese Weise haben deutsche Intellektuelle vom Rang eines Walter Benjamin und Wolf Lepenies, Norbert Elias und Jürgen Kocka, Reinhart Koselleck und Karl Schlögel in der polnischen Öffentlichkeit den ihnen gebührenden Platz bekommen. Hier wurden Bücher jener genannten deutschen Geistesgrößen publiziert, hier wurden ebenfalls Themenbände von Spezialisten konzipiert und ediert, die die polnische intellektuelle Diskussion sichtlich bereicherten. Die Bände zur konservativen Revolution, zum geopolitischen Denken in Deutschland, zu Europa-Visionen deutscher Intellektueller, zur Kultur der Technik, zu Konfessionalisierung, zum deutschen Sonderweg oder zu Sprachen der Gewalt – allesamt in sorgfältiger einheitlicher Ausstattung – könnten hier exemplarisch genannt werden. Vierzig Bände sind schon erschienen, weitere zehn bereits angekündigt oder den verantwortlichen Herausgebern und Übersetzern anvertraut. Die Bibliothek erscheint unter dem Motto: „Nachbarschaft verpflichtet. Insbesondere dann, wenn diese Nachbarschaft eine lange, wechselvolle Geschichte hat. Die Erinnerung daran trennt und verbindet. Als gemeinsame Erfahrung ist sie wichtig für die Gegenwart.“

Diesem selbstverfassten Motto ist Hubert Orłowski über viele Jahre seiner Aktivität treu geblieben. Folglich wirkt er seit Jahrzehnten in und für die Gegenwart, indem er den Polen und den Deutschen hilft, gegenseitig ihre Geschichte und ihre Kultur zu verstehen. Sein Wunsch war immer, einen kreativen Rezeptionshorizont aufzubauen, so dass beide Nationen in ihren jeweiligen Sonderwegen von der Nabelschau des Eigenen abtreten und über die Vermittlung der Kultur sich als wahre Nachbarn wahrnehmen. Es scheint angebracht, gerade vor einer Akademie, die sich auch der Sprachpflege annimmt, Orłowskis Engagement für die deutsche Sprache hervorzuheben. Ein Jahrzehnt stand er dem Komitee der polnischen Olympiade der deutschen Sprache vor, einer Einrichtung und einer Idee, die Empathie und Interesse von Schulkindern und Gymnasiasten für deutsche Sprache und Literatur in Polen recht erfolgreich förderte. Nächstes Jahr wird ein 40-jähriges Jubiläum dieser Olympiade gefeiert. Sehr geehrte Akademiemitglieder, Sie sehen, wir ehren mit dem Friedrich-Gundolf-Preis des Jahres 2016 einen Literaturforscher, einen Polyhistor und einen vielseitigen Vermittler der deutschen Kultur, der in einem Nachbarland beinahe zu einer Institution wurde. Ein solches Lebenswerk auszuzeichnen ist Anerkennung einer Person, aber es ist ebenfalls ein Zeichen der Hochschätzung der Kultur, die uns in unserem Dialog in Europa gerade in schwierigen Zeiten nicht nur Zuflucht bieten, sondern auch Grundlage für Werte und Empathie liefern kann. Dass diese Dimension im Verhältnis zwischen Deutschen und Polen in den vergangenen Jahrzehnten immer mitgesehen und mitgedacht wurde, verdienen wir wesentlich Hubert Orłowski.

Dafür, lieber Hubert, bedanke ich mich zuerst als polnischer Germanist und Leser, und ich gratuliere Dir als Mitglied dieser Akademie herzlich zum Preis. Ihnen allen danke ich für die Aufmerksamkeit.