Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Drinka Gojković

Drinka Gojković

Übersetzerin und Herausgeberin
Geboren 7.12.1947

Friedrich-Gundolf-Preis 2014
Laudatio von Alida Bremer
Dankrede von Drinka Gojković
Urkundentext

...der unermüdlichen Mittlerin, die [...] den Zugang zu wichtigen kulturellen und wissenschaftlichen Debatten eröffnet hat...

Jurymitglieder
Kommission: Michael Krüger, Per Øhrgaard, llma Rakusa, Miguel Sáenz, Joachim Sartorius, Jean-Marie Valentin

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Akademiemitglieder,
sehr geehrte, liebe Alida Bremer,
sehr geehrten Damen und Herren,

im Jahr 1788 veröffentlichte Dositej Obradović, serbischer Aufklärer und erster serbischer Bildungsminister, einst Student an der Universität Halle, unter seinem Namen eine Sammlung von 160 Fabeln. Darunter waren auch sechs von Lessing. Dositej Obradović machte kein Hehl daraus, dass er sie von Lessing »entliehen« hatte. Er hat sie überarbeitet und ihnen eine Moral angefügt. Mit etwas Wohlwollen können wir diese Fabeln als die ersten literarischen Übersetzungen aus dem Deutschen ins Serbische betrachten.
Ein Jahr später übersetzte der junge serbische Dichter Emanuel Jankovič, ebenfalls Student in Halle und Mitglied der dortigen Naturforschenden Gesellschaft, auf ähnliche Art das Lustspiel Der dankbare Sohn von Johann Jakob Engel: Die Handlung verlegte er nach Serbien, und er gab den Figuren serbische Namen. Solche Übersetzungen nannte man »Einserbungen«. Einige Jahre später, 1793, wurde Jankovič' »Einserbung« des Stücks Der böse Vater und der schalkhafte Sohn von Franz Xaver Stark als erstes Theaterstück in serbischer Sprache aufgeführt.
Hätte Friedrich Schleiermacher, der Verfasser des berühmten Textes Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens, diese Übertragungen lesen können, hätte er sie für ein extremes Beispiel der »Annäherung des Schriftstellers an den Leser« gehalten, für eine grundfalsche »Naturalisierung« des Originaltextes.
Obradović und Jankovič konnten natürlich diese Ansichten Schleiermachers nicht kennen, doch selbst wenn, hätten sie sich davon wenig beeindrucken lassen. Ihre »Einserbungen« schufen sie für die literarisch unerfahrene serbische Leserschaft mit dem Hauptziel, »unterhaltend« zu belehren, und zwar vor allem in moralischer, weniger in literarischer Hinsicht. Als 1803 die erste serbische Fassung von Wielands Geschichte der Abderiten erschien, war sie originalgetreu, also keine »Einserbung« mehr, doch ihr Übersetzer Nikolaj Lazarević hatte zweifellos ebenfalls die Belehrung des Publikums im Sinn; das zeigt allein schon seine Entscheidung, gerade diese beißende Satire Wielands zu übersetzen.
All diese Übersetzungen entstanden zu einer Zeit, als Serbien noch kein Staat war, keine Universität hatte, kaum ein Gymnasium (das erste wurde 1791 gegründet), von einer Druckerei ganz zu schweigen. Auch die Sprachreform war noch nicht in Sicht. Die serbische Literatur, die jahrhundertelang von der mittelalterlichen, vorwiegend kirchlichen Schrifttradition abgeschnitten gewesen war, begann sich gerade erst zu entfalten.
Der Katalog der Serbischen Nationalbibliothek verzeichnet im 18. Jahrhundert 48 Bücher, die aus dem Deutschen ins Serbische übersetzt wurden: vorwiegend österreichische Gesetzbücher, einige historische Werke und aus der schönen Literatur lediglich Werke von Ludwig Heinrich Nicolay, Salomon Gessner und die gerade erwähnten Stark und Engel. Lessing, Goethe und Schiller erschienen auf Serbisch erst um 1830.
Nicht uninteressant ist, dass in hundertfünfzig Jahren, also vom späten 18. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, 998 aus dem Deutschen übersetzte Titel veröffentlicht wurden; zwischen 1945 und 2000 jedoch – 5530.
Im ersten Nachkriegsjahr 1945 erschienen 6 aus dem Deutschen übersetzte Titel, alle von Marx und Engels. Ein Vergleich: Im selben Jahr wurden 5 Übersetzungen aus dem Französischen verlegt (darunter Tocquevilles Über die Demokratie in Amerika) und 13 aus dem Englischen. Schon im Jahr 1950 erschienen Werke von Keller, Lessing, Goethe, Kleist, Heine, Hauff, Hesse, Heinrich Mann, neben Büchern aus Medizin, Technik, Tierheilkunde, Mathematik und Sport; insgesamt waren es 54 aus dem Deutschen übersetzte Titel.
In jenen Nachkriegsjahren bekam meine Mutter, die exzellent Deutsch konnte und es unterrichtete, drei schöne rote Äpfel geschenkt. Um sie nach Hause zu bringen, musste sie sie fest in Zeitungspapier verpacken, denn schon allein ihr Anblick wäre bei der damals herrschenden Armut für die anderen Menschen eine Beleidigung gewesen.
Heute kommt es mir fast surreal vor, dass sich ein Staat, der sich buchstäblich aus Schutt und Asche erhob, von Anfang an um die Veröffentlichung von Büchern gekümmert hat. Es fehlten damals auch wichtigere Lebensmittel als Äpfel, aber Bücher wurden verlegt. Serbien hatte jahrzehntelang hervorragende Verlage, einige aus der Vorkriegszeit überkommen, andere neu gegründet. Sie alle wurden vom Staat finanziert. Als Redakteure berief man namhafte Intellektuelle und herausragende Schriftsteller. Der Partei ergeben? Nicht alle und nicht immer. Der Staat als Geldgeber bestand nicht auf einer dogmatischen Verlagspolitik, schon gar nicht bei übersetzter Literatur. Der erste Kafka auf Serbisch – Der Prozess, übersetzt von Vida Županski Pečnik – erschien schon 1953. Man hat heute den Eindruck, als hätten damals sowohl die Verlage als auch der Staat selbst stets im Sinn gehabt, was ein paar Jahrzehnte später der größte serbische Übersetzer aus dem Deutschen, Branimir Živojinović, so formulieren sollte: »Ohne Übersetzer« – bzw. ohne Übersetzungen – »wären wir blind, taub und stumm.«
Aber: Warum übersetze ich?
Vor nicht allzu langer Zeit geriet ich in die Lage, meine Lebenskräfte neu stärken zu müssen. Ich wusste, dass es nicht genügen würde, sich nur um den Körper zu kümmern; ich brauchte eine tägliche Quelle der Freude, etwas, das die Seele kontinuierlich ergötzen kann. So machte ich mich, ohne nach einem Verleger zu suchen, an Die kurze Geschichte der deutschen Literatur von Heinz Schlaffer. Dieser meines Erachtens intendierte Ausnahmefall der Literaturgeschichtsschreibung, dieser geistreiche und kämpferische Lesestoff wirkte auf mich wie ein Multivitamin-Cocktail. Mir gefiel, wie Schlaffer mit »sprachlicher Exzellenz« und »federnder Eleganz« die Kanons dekonstruiert, intellektuelle Frustrationen zerstört und an scheinbar unerschütterlichen Paradigmen rüttelt.
Das ist also die einfachste Antwort: Ich übersetze, weil es mir guttut.
Das Übersetzen ist eine merkwürdige Tätigkeit, die man nicht leicht beschreiben kann. Einer Anekdote zufolge soll der Maler Franz Marc – der bekanntlich unter anderem rote, blaue und grüne Pferde gemalt hat – auf die Frage eines Betrachters, was das denn für grüne Pferde seien, geantwortet haben: Das sind ja keine Pferde, das ist ein Bild! Kaum kann man den grundlegenden Unterschied zwischen dem Übersetzer und dem Schöpfer des Originals, also dem Schriftsteller, knapper verdeutlichen. Sowohl der Autor als auch sein Übersetzer gehen von einer – wenn auch unterschiedlichen – Vorlage aus: Für den Autor ist es die Welt selbst, für den Übersetzer das Originalwerk des Autors. Doch kann der Übersetzer von seinem Produkt nie sagen: »Das ist ja kein Original, das ist eine Übersetzung!« Denn die Übersetzung muss ihrem Geist nach dem Original gleich sein, auch wenn ihre äußere Gestalt diesem Geist wenig ähnlich ist. Der bekannte Ausspruch, wonach die Übersetzung ein »Tanz in Fesseln« sei, weil der Originaltext ihr vielerlei Beschränkungen auferlegt, klingt geistreich und ist in einem gewissen Grade auch zutreffend. Man könnte es aber auch anders sagen: dass nämlich das Übersetzen geradezu ein Raum der Freiheit ist, einer Freiheit jedoch, die, wie jede sinnvolle Freiheit, immer auch Grenzen mit einschließt. Die größte Kunst beim Übersetzen ist, so sehe ich es zumindest, sich dieser Freiheit richtig bedienen zu können. Der Unterschied zwischen einer Übersetzung, bei der das gelungen ist, und einer, die darin versagt, kann ganz gering sein, doch fällt er sofort ins Auge.
Mein Berufsleben habe ich als freischaffende Übersetzerin verbracht. Dank dem Status eines sogenannten »freien Künstlers«, den der Staat, den es einmal gegeben hat, nicht nur Schriftstellern, Musikern, Malern und Schauspielern, sondern auch uns literarischen Übersetzern eingeräumt hat, genoss ich die staatlich finanzierte Kranken- und Rentenversicherung, solange ich imstande war, mich selbst um mein tägliches Brot, also um die Honorare, zu kümmern. Unabhängigkeit und Risiko gingen Hand in Hand. In einem Land, dessen Wirtschaft nach völlig anderen Prinzipien funktionierte, waren also die freischaffenden Künstler die ersten Vertreter eines freien Marktes. Von Anfang an übersetzte ich – wenn man so sagen darf – gierig. Ich mochte nicht alle Texte gleichermaßen, aber alle waren mir (bis auf wenige Ausnahmen) wichtig. Ich bin in einer Atmosphäre groß geworden, in der man an den Wert des geschriebenen Wortes geglaubt hat, und dieser Glaube ist mir bis heute geblieben, obwohl sich das Klima, das kulturelle ebenso wie jedes andere, von Grund auf verändert hat. Auf eine beinahe pathetische und gewiss auch altmodische Weise glaube ich daran, dass der Übersetzer eine Art Herold oder eben Landbote ist, weil er eine Botschaft übermittelt, die dort, wo er sie verkündet, bislang nicht bekannt war. Meine Motivation entsprang also nicht nur dem Wunsch, dem serbischen Leser die deutsche Kultur nahezubringen, sondern auch dem Wunsch, ihn anzuspornen, anhand der Werke einer anderen literarischen, intellektuellen, politischen Erfahrung über seine eigene nachzudenken. Das galt vor allem für die mir wichtigsten und liebsten Autoren: den ganz aus der Reihe fallenden Büchner; den frechen, in so vieler Hinsicht herausfordernden Hans Magnus Enzensberger; den philologisch kühlen und menschlich brodelnden Altphilologen und Emigranten Werner Jaeger; die zarte und wütende Dea Loher; den erstaunliche soziologische Einsichten gewährenden Wolf Lepenies; den großen Meister des Erinnerns und Vergessens Harald Weinrich; den von Verzweiflung erfüllten Joseph Roth – und Peter Szondi und Volker Klotz und Detlev Claussen und Clemens Meyer ... Es ist schade, dass die Zeit nicht reicht, sie alle, so wie sie mir lieb sind, zu nennen.
Als Dositej Obradović zum Studium nach Halle kam, meinte er sein größtes Ideal erreicht zu haben: »im Zentrum der Wissenschaft und Bildung, einer artigen geistigen Kultur« zu sein und »die Früchte des Geistes der größten Denker der aufgeklärten Menschheit« zu genießen.
Auch wenn ich den deutschen Geist niemals als »artig« kennzeichnen würde, erfüllt es mich mit großer Freude, dass ich der Kultur Serbiens wenigstens einen Teil der unruhigen, aufregenden und in vielerlei Hinsicht aufklärerischen deutschen Kultur vermitteln darf. Herzlich danke ich der Akademie für Sprache und Dichtung für die große Ehre, die mir durch die Verleihung des Friedrich- Gundolf-Preises erwiesen wurde.
Ich danke Ihnen.