Geschichte

Die Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist am 28. August 1949 in der Paulskirche in Frankfurt am Main öffentlich verkündet worden. Seit 1951 hat sie ihren Sitz in Darmstadt auf der Mathildenhöhe.

1949 – schwierige Anfänge
1950er – Demokratisierung
1968 – Bewegte Zeiten
1989 – West-Östliches
1997 – Sprachfragen
2006 – eine Akademie in Europa

1997 – Sprachfragen

Oskar Jancke hatte Sprachpflege und Spracherziehung als zentrale Aufgaben der Akademie gesehen. Auch der 1949 gewählte Name »Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung« bekundet die herausgehobene Rolle, die einer – literarisch fundierten – Beschäftigung mit Sprachfragen damals zugewiesen wurde.

»Macht und Ohnmacht der Sprache«: Ankündigung von Veranstaltungen der Tagung 1952.
Oben Anmerkungen von Oskar Jancke, Vizepräsident der Akademie.
© Deutsche Akademie

Dabei wurde von Anbeginn an die Spracharbeit der Akademie sowohl von sprachkritischen Arbeiten, für die stellvertretend das Engagement Dolf Sternbergers stehen kann, als auch von solchen einer am öffentlichen Diskurs orientierten Sprachwissenschaft, »Sprachpflege« in einem »umfassenden und normativen Sinn« (W. E. Süskind, 1950), begleitet. Exemplarisch sei hierfür das von Harald Weinrich geleitete »Sprachnormen«-Projekt genannt, dessen Ergebnisse zwischen 1980 und 1983 unter dem Titel »Der öffentliche Sprachgebrauch« erschienen sind.

Auch viele der seit 1967 ausgeschriebenen Preisfragen – z.B. »Kann Sprache Gedanken verbergen?«, »Brauchen wir im Deutschen den Konjunktiv?« oder »Spricht die Jugend eine andere Sprache?« – illustrieren das besondere Interesse der Akademie an Sprachthemen, ebenso wie viele Ausgaben des seit 2005 bestehenden Magazins »Valerio«.

Und noch ein weiteres Thema begleitete die Akademie: die Rechtschreibreform. 1954 hieß dies noch »Rechtschreibungsreform«, als Gerhard Storz den Mitgliedern von einer Tagung zu dem Thema in Stuttgart berichtete und seine Gründe darlegte, warum er den dort diskutierten Reformzielen der »Stuttgarter Empfehlungen« ablehnend gegenüberstehe – eine Haltung, der sich die Mitglieder einstimmig anschlossen. Noch im Jahr 1954 wurde ein kritisches Gutachten der Akademie zu den Reformplänen vorgelegt. Gleichwohl beteiligte sich die Akademie an einem »Arbeitskreis für Rechtschreibregelungen«. 1958 informierten Max Stefl und Gerhard Storz die Akademie, dass es ihnen bis jetzt gelungen sei, Pläne für eine radikale Kleinschreibung zu verhindern. Im Vorfeld einer für 1964 in Wien geplanten Konferenz der Rechtschreibkommissionen der deutschsprachigen Länder formulierte Gerhard Storz gemeinsam mit Kollegen eine erneute Stellungnahme (Jahrbuch 1963, S. 150 ff.) – und wiederum stand das Thema der Groß- und Kleinschreibung im Mittelpunkt. »Der Übelstand der Unsicherheit, was die Rechtschreibung angeht«, heißt es gleich zu Beginn, »wird so lange nicht richtig gesehen, als er allein auf Mängel im System unserer orthographischen Vorschriften zurückgeführt wird. Kein orthographisches System ist vollkommen, und die heutigen Klagen würden auch nach Reformen nicht verstummen, sofern solche nicht von einem neuen Geist der Handhabung begleitet würden. Denn es ist ebenso sehr das Drängen auf absolute Sicherheit, das aus gewissen Unklarheiten der Orthographie einen unerträglichen Übelstand macht, wie jene Unklarheiten selbst.« Daraus entwickelte sich dann ein entschiedenes Plädoyer gegen eine »orthographische Einheitstyrannei«.

»Eingezogen in die Sprache, angekommen in der Literatur«
Ilma Rakusa, Yoko Tawada, Zsuzsanna Gahse (v.l.n.r.),
Herbsttagung 2008 in Darmstadt
© Isolde Ohlbaum

In den 1990er Jahren stand das Thema der Orthographiereform dann erneut auf der Tagesordnung. Während die Akademie auf ihren Tagungen über »Die Zukunft der Literatur und Sprache in einem vereinten Europa« (Straßburg, 1995) und »Sprachenpolitik in Europa« (Darmstadt, 1995) diskutierte, wurden von den politisch Verantwortlichen die letzten Schritte zur Umsetzung einer seit längerem vorbereiteten Neuregelung der deutschen Orthographie vollzogen. Im Juli 1996 wurde die »Gemeinsame Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung« von Vertretern aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Österreich, Rumänien, der Schweiz und Ungarn unterzeichnet und die Einführung für 1998 festgesetzt. Am 25. Oktober 1996 erklärten die deutschen Kultusminister, der demokratische Entscheidungsprozess sei jetzt abgeschlossen.

Kritik und Widerstand gegen die durch diese Reform eingetretene »schwer erträgliche Lage« (Chronik, S. 211) sollten die Akademie in den nächsten Jahren beschäftigen. Im Frühjahr 1997 wurde schließlich eine Rechtschreib-Kommission der Akademie gebildet, »die Vorschläge erarbeiten soll, wie eine einheitliche deutsche Rechtschreibung sowie deren sinnvolle Fortbildung künftig zu gewährleisten ist« (Chronik, S. 211). Außerdem wurde ein Moratorium gefordert, damit keine vollendeten Tatsachen geschaffen und insbesondere Schulen und Verlage nicht weiter verunsichert werden.

Viele Mitglieder wollten an der vertrauten ›alten‹ Orthographie festhalten und für ihre Wiedereinführung streiten. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1998, das den Kultusministern das Recht attestierte, auch ohne parlamentarische Ermächtigung die Reform anordnen zu können, war diese Position jedoch politisch kaum mehr durchsetzbar. Die Akademie entschloss sich in dieser Situation, einen detaillierten Kompromissvorschlag zu erarbeiten, der im Frühjahr 2003 in Buchform vorgelegt wurde. Peter Eisenberg, der diese Arbeiten geleitet hatte, formulierte später in seiner Funktion als Vorsitzender der Sprachkommission: »Der Kompromiss ist von Vertretern reiner Lehren auf Seiten der Reformverfechter wie ihrer Gegner hart kritisiert worden, zumal die Akademie selbst ihn mehrfach in aller Offenheit als zweitbeste Lösung bezeichnet hat« (Spracharbeit, S. 28). Im Interesse der Wiederherstellung des »Rechtschreibfriedens« und einer einheitlichen Orthographie erschien dies den meisten Mitgliedern jedoch als einzig sinnvoller Weg – und dass der neu geschaffene Rat für deutsche Rechtschreibung in seinen Beschlüssen 2006 den Kompromissvorschlag in wesentlichen Teilen umgesetzt hat, mutet wie eine späte Bestätigung dieser Hoffnungen an.

»Reichtum und Armut der deutschen Sprache. Erster Bericht zur Lage der deutschen Sprache«. Buchvorstellung 2013 in Berlin.
v.l. Peter Eisenberg, Heinrich Detering, Werner Scholze-Stubenrecht
© Deutsche Akademie

Während die Vertreter der Akademie im Rat für deutsche Rechtschreibung an einer weiteren Verbesserung der Neuregelung arbeiten, hat die Akademie 2007 mit ersten Überlegungen für ein neues umfangreiches Projekt begonnen: dem 2009 in Zusammenarbeit mit der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften begonnenen und 2013 vorgelegten ersten »Bericht zur Lage der deutschen Sprache«.

Literatur:

Chronik: Zwischen Kritik und Zuversicht. 50 Jahre Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Herausgegeben von Michael Assmann und Herbert Heckmann. Göttingen: Wallstein 1999. 81 Abb. 479 S.

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Jahrbuch 1963. Heidelberg: Lambert Schneider 1964. 231 S.

Reichtum und Armut der deutschen Sprache. Erster Bericht zur Lage der deutschen Sprache. Herausgegeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Berlin, Boston: de Gruyter 2013. 233 S.

Zur Reform der deutschen Rechtschreibung. Ein Kompromißvorschlag. Herausgegeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2., durchges. Auflage. Göttingen: Wallstein 2003. 141 S.

Spracharbeit. Peter Eisenberg in: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt 2008, S. 26-29.