Geschichte

Die Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist am 28. August 1949 in der Paulskirche in Frankfurt am Main öffentlich verkündet worden. Seit 1951 hat sie ihren Sitz in Darmstadt auf der Mathildenhöhe.

1949 – schwierige Anfänge
1950er – Demokratisierung
1968 – Bewegte Zeiten
1989 – West-Östliches
1997 – Sprachfragen
2006 – eine Akademie in Europa

1949 – schwierige Anfänge

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist aus einem mehrjährigen Diskussionsprozess in der literarischen Öffentlichkeit hervorgegangen: als ein Ort des freien Gesprächs nach den Jahren der Diktatur. Bereits auf dem ersten gesamtdeutschen Schriftstellerkongress, der im Oktober 1947 in Berlin stattgefunden hatte, war von Rudolf Leonhard der Gedanke einer »Deutschen Akademie« formuliert worden.

Berliner Schriftsteller-Kongress von 1947
© Deutsche Akademie

Ein Jahr später, bei einem zweiten Schriftstellerkongress, der zur Erinnerung an die 1848er Revolution im Mai 1948 in der Frankfurter Paulskirche zusammentrat, hielt Oskar Jancke eine für die weitere Entwicklung folgenreiche Rede »Über eine deutsche Akademie«. Oskar Jancke war in den folgenden Monaten der Motor der Akademiegründung. In zahllosen Gesprächen mit Kollegen, mit verschiedenen Schriftstellerverbänden und dem P.E.N.-Club trieb er seinen Plan voran. Eine wichtige Unterstützung für sein Ziel der »Umwandlung gleichsam einer Horde von Außenseitern in einen mit besonderer Autorität versehenen Teil der Gesellschaft« (Doppelleben, S. 94) erfuhr Jancke im März 1949 in Hamburg auf einer »Arbeitstagung deutscher Schriftstellerverbände«. Alle Kräfte sollten jetzt, darauf verständigten sich die Teilnehmer in Hamburg, auf die feierliche Proklamation der Akademie zu Goethes 200. Geburtstag in der Frankfurter Paulskirche hinarbeiten. Es galt, den Gedanken einer gesamtdeutschen Akademie doch noch gegen die immer heftiger auseinanderstrebenden Tendenzen in Ost und West zu verwirklichen. Die Zeit drängte, denn plötzlich trafen Nachrichten ein von einer in der sowjetischen Besatzungszone betriebenen Wiederbegründung der Preußischen Akademie und ihrer Literaturklasse sowie von Plänen in der französischen Zone, in Mainz eine Akademie der Wissenschaften und der Literatur einzurichten. Janckes Bemühungen waren erfolgreich. Am 28. August 1949 eröffnete der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb die Veranstaltung in der Paulskirche.

Programm des Festaktes 1949 in der Paulskirche
© Deutsche Akademie

Adolf Grimme hielt die Festansprache und verkündete schließlich die Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung – als »eine Stätte der Freiheit«, unabhängig »von Staat, Politik und allen Einflüssen, die ihrem Wesen nicht gerecht werden« (Doppelleben, S. 109). Nach Jahren der erzwungenen Sprachlosigkeit stand für die in der Paulskirche Versammelten die Hoffnung auf eine aktive Mitwirkung am demokratischen Neubeginn im Vordergrund. In dem vom Krieg zerstörten Land, mit einer von Diktatur und Völkermord zerrütteten, geschändeten deutschen Kultur und Sprache konnte und wollte die Akademie ihre Legitimation einzig aus der Unabhängigkeit ihrer Arbeit und der sachlichen Autorität ihres Urteils ziehen. Deren öffentliche Anerkennung konnte freilich, gerade nach den Erfahrungen der Diktatur, nicht staatlich verordnet werden, sie sollte vielmehr durch das Engagement der Mitglieder im Wiederaufbau einer demokratischen Kultur gewonnen werden.

Verkündigung der Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in der Paulskirche zu Frankfurt am Main 1949
© Deutsche Akademie

Viele erhofften sich Ende der 40er Jahre einen Ort, an dem die Trennungen und Verletzungen zwischen emigrierten und in Deutschland gebliebenen Schriftstellern überwunden werden konnten, eine unabhängige Instanz, die an die Verfolgten und Verstummten erinnerte – beispielsweise durch die Wiederentdeckung und Veröffentlichung ihrer Werke. Dieser Aufgabe wandte sich die Akademie bereits kurz nach ihrer Gründung zu, mit Büchern von Franz Baermann Steiner, Gertrud Kolmar oder Jesse Thoor begann sie vor allem der Literatur des Exils in Deutschland eine Stimme zu geben. Ebenso mussten die Verheerungen, die die deutsche Katastrophe nicht zuletzt im gesamten Feld der Sprache angerichtet hatte, kritisch gesichtet werden; diese sprachkritische, aufbauende Arbeit, die mit Namen wie Dolf Sternberger oder Gerhard Storz verbunden ist, sollte der jungen Demokratie in Deutschland insgesamt zugutekommen. Weitere frühe Pläne der Akademie galten einer demokratischen Neubegründung des Deutschunterrichts in den Schulen und den dafür notwendigen neuen Lesebüchern. Dieses bildungspolitische Engagement von Leo Weismantel und anderen Mitgliedern demonstrierte ebenso wie die seit der Gründung betriebene aufklärende Sprachkritik, dass die Akademie als staatsferne öffentliche Instanz gleichwohl die politischen Instanzen beratend unterstützen konnte. Schließlich begann der 1951 an die Akademie übertragene Georg-Büchner-Preis sich schon bald als wichtigste literarische Auszeichnung der Bundesrepublik durchzusetzen und der jungen Literatur der Nachkriegszeit Aufmerksamkeit weit über Deutschland hinaus zu verschaffen.

Literatur:

Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland. Band 1: Begleitbuch zur Ausstellung erarbeitet von Helmut Böttiger unter Mitarbeit von Lutz Dittrich. Band 2: Materialien zur Ausstellung, herausgegeben von Bernd Busch und Thomas Combrink. Göttingen: Wallstein 2009. 2 Bde., 528 Abb., 878 S.