Geschichte

Die Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist am 28. August 1949 in der Paulskirche in Frankfurt am Main öffentlich verkündet worden. Seit 1951 hat sie ihren Sitz in Darmstadt auf der Mathildenhöhe.

1949 – schwierige Anfänge
1950er – Demokratisierung
1968 – Bewegte Zeiten
1989 – West-Östliches
1997 – Sprachfragen
2006 – eine Akademie in Europa

1989 – West-Östliches

Bereits 1967 hatte die Akademie sich vorgenommen, künftig gezielt korrespondierende Mitglieder aus den »Ostblockstaaten« aufzunehmen, auch das Gespräch mit der Sektion Dichtkunst und Sprachpflege der Ostberliner Akademie der Künste sollte gesucht werden. Die Wahlen von Reiner Kunze oder Christa Wolf (beide 1977), Zbigniew Herbert (1986) oder Pavel Kohout (1987) zu Akademiemitgliedern, die Verleihung des Büchner-Preises an Reiner Kunze (1977), Christa Wolf (1980) und Heiner Müller (1985) mögen diese langsam sich entwickelnde Aufmerksamkeit illustrieren, die mit zahlreichen Widrigkeiten zu rechnen hatte. Nicht zuletzt musste auf die Situation der Zugewählten Rücksicht genommen und mögliche negative Folgen für sie vermieden werden. Christa Wolf beispielsweise durfte sich, ganz entgegen den Gepflogenheiten, in einer nichtöffentlichen Sitzung dem Kollegium vorstellen.

Gabriele Wohmann, Christa Wolf, Hilde Spiel (v.l.n.r.) in der Darmstädter Orangerie, 1980.
© Deutsche Akademie

Mit dem Fall der Mauer und dem Ende der Ost-West-Konfrontation veränderte sich die Situation grundlegend. Am 30. November 1989 erklärte die Akademie, gemeinsam mit der Akademie der Künste Berlin, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste und dem P.E.N.-Zentrum Bundesrepublik Deutschland:

»Dichter, Theaterleute, bildende Künstler, Musiker geben der ›revolutionären Erneuerung‹ (Christa Wolf) ihren Mut, ihre Stimmen. In dieser Stunde, in der die Grenzen schwinden, ist ihre Neugier grenzenlos: Sie wollen erkämpftes Recht nutzen, Kunst und Kultur des übrigen Europa kennenzulernen. Wir brauchen sie nicht weniger, als sie uns brauchen. Sie werden uns brauchen, als Fragende, Lernende uns angehen, um freie Ideen und Institutionen in ihren Ländern durchzusetzen. Wir aber werden ihre Fragen fortan zur Überprüfung unserer eigenen Ideen und Institutionen brauchen; denn ›Stagnation‹ (Lähmung der Phantasie, Abstumpfung der Medien, Erstarrung der Verhältnisse) gibt es nicht nur in der materiellen Not, nicht nur in der politischen Unterdrückung.« (Chronik, S. 182) Gefordert wurde ein umfangreiches Unterstützungsprogramm des Bundes und der Länder, im Geiste des Austauschs, denn: »Soll es ein neues Europa geben, so wird es kein Europa der rechthaberisch Belehrenden und der demütig Belehrten sein. Wir brauchen ein Europa der gemeinsam Lernenden.« (Chronik, S. 183)

Kurz nach der Wiedervereinigung im Herbst 1990 meldete sich die Akademie erneut zu Wort: »Spätestens seit dem 3. Oktober steht die Frage an (...) ›Welches ist unsere Rolle unter den Völkern eines geeinten Europa?‹« (Chronik, S. 188) In den Verhandlungen für den Einigungsvertrag, so wurde kritisiert, seien kulturpolitische Fragen leider kaum erörtert worden, dabei sei Kultur vor allem auch »die Art und Weise, wie Bürger eines Landes miteinander umgehen« (Chronik, S. 189). Bei einer Arbeitstagung mit zahlreichen geladenen Gästen zum Thema »Deutsche Kulturpolitik in einem freien und geeinten Europa« (1.-2. Februar 1991) wurden daher die Möglichkeiten einer zugleich deutschen und europäischen Kulturpolitik ausführlich erörtert. Ein Ergebnis der Beratungen war der Appell an die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten der Länder, sie mögen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Bundespräsident einen »Rat für deutsche Kulturpolitik« einrichten könne. Dessen Aufgabe müsse sein, die Öffentlichkeit und die Regierung in kulturpolitischen Fragen »frei, expert und kontinuierlich« (Chronik, S. 189) zu beraten.

»Deutsche Kulturpolitik in einem freien und geeinten Europa« –
Arbeitsstagung 1991 in Darmstadt
© Barbara Aumüller

Ein sichtbarer Ausdruck des neuen Engagements der Akademie waren in den folgenden Jahren die für die Frühjahrstagungen gewählten Orte in den neuen Bundesländern und in den benachbarten Staaten Osteuropas. Den Anfang machte im Mai 1991 die Tagung in Weimar mit einem »Gedankenaustausch über unsere Sprache«. Unter der Überschrift »Deutsch – Sprache in einem geteilten Land« wurde eine erste Bilanz versucht, welche Spuren die vier Jahrzehnte der Abgrenzung im Sprachgebrauch hinterlassen hatten. Die Folgen der Sprachregelungspraxis der DDR wurden ebenso diskutiert wie die von den Vertretern der Sprachkritik in der Akademie beobachtete »zunehmende Verschleierung« des Sprachgebrauchs in der demokratischen Öffentlichkeit der Bundesrepublik. In der Mitgliederversammlung am 17. Mai rückte die Frage, welche Folgerungen die Akademie aus der veränderten politischen Situation ziehen sollte, in den Mittelpunkt der Beratungen. Reinhard Baumgart hatte dem Kollegium vorgeschlagen, den Hauptsitz der Akademie von Darmstadt nach Weimar zu verlegen. Damit würde der Aufmerksamkeit für die neuen Bundesländer sichtbar Ausdruck verliehen. Auch könne die Akademie mit einem Wechsel nach Weimar in neuer Weise an die mit ihrer Proklamation zum zweihundertsten Geburtstag Goethes 1949 gesetzten Traditionen anknüpfen. Eine rege Diskussion schloss sich an: Während Beda Allemann für die Selbstauflösung der Akademie und ihre Neugründung in Weimar plädierte, brachten Jürgen Becker und Harald Weinrich die moderatere Lösung mit zwei Akademie-Sitzen ins Gespräch. Dadurch drohe allerdings, wandte Günter de Bruyn ein, die Abwertung Weimars zur Filiale, Hans Maier sprach gar von der Gefahr der Kolonisierung und mahnte zur Vorsicht. Herbert Heckmann verwies auf die gewachsenen Beziehungen zu Darmstadt und betonte, dass ein derartiger Schritt nur gemeinsam mit den Ministerpräsidenten der beiden Länder und den Oberbürgermeistern von Weimar und Darmstadt erwogen werden könne. Nach einer langen und regen Diskussion fand der Antrag schließlich keine Mehrheit.

»Kultur und Staat. Welche Kultur brauchen wir?« Frühjahrstagung in Jena, 2003.
v.r. Joachim-Felix Leonhard, Klaus Reichert, Bernhard Vogel, Jan Philipp Reemtsma, Klaus-Dieter Lehmann
© Isolde Ohlbaum

Verabredet wurde jedoch, die neuen Möglichkeiten der Begegnung und der Zusammenarbeit zu nutzen: In den nächsten Jahren müsse die Akademie im Frühjahr, wenn sie nicht im Ausland tage, vor allem in den östlichen Bundesländern zusammenkommen – und so trafen sich die Mitglieder 1994 in Leipzig, 1996 in Dresden oder 1999 in Erfurt.

Literatur:

Chronik: Zwischen Kritik und Zuversicht. 50 Jahre Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Herausgegeben von Michael Assmann und Herbert Heckmann. Göttingen: Wallstein 1999. 81 Abb., 479 S.