Geschichte

Die Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist am 28. August 1949 in der Paulskirche in Frankfurt am Main öffentlich verkündet worden. Seit 1951 hat sie ihren Sitz in Darmstadt auf der Mathildenhöhe.

1949 – schwierige Anfänge
1950er – Demokratisierung
1968 – Bewegte Zeiten
1989 – West-Östliches
1997 – Sprachfragen
2006 – eine Akademie in Europa

1968 – Bewegte Zeiten

Die Generation, die in den Jahren nach der Gründung mit ihrem Erfahrungshintergrund, mit ihren politischen Empfindlichkeiten, ihren literarischen und kulturellen Vorlieben das Binnenleben der Akademie bestimmt hatte, konnte und wollte sich nur vorsichtig neuen Einflüssen öffnen. Aus den Konflikten der Anfangsjahre hatten sie eine vielfach von Männerfreundschaften getragene Diskussionskultur entwickelt, die in der Sache jedoch überraschend offen und interessiert war. Am deutlichsten ist dies vielleicht an den Entscheidungen über die Vergabe des Büchner-Preises ablesbar, die – angesichts einer in vielen Punkten eher konservativen Grundhaltung vielleicht überraschend – oftmals mutig und weitsichtig waren. Einer Erneuerung standen jedoch nicht nur innere Beharrungs­kräfte entgegen, hinderlich war auch die Begrenzung der Mitgliederzahl, durch die Zuwahlen strikt reglementiert waren. Andere Stimmen kamen daher zunächst weniger in den Strukturen der Akademie und vergleichbarer Institutionen zum Zuge, sondern unabhängig von ihnen, in literarischen Gruppierungen wie beispielsweise der Gruppe 47, die sich in den 50er Jahren zu einem wichtigen Kristallisationszentrum des literarischen Aufbruchs in der Bundesrepublik entwickelt hatte.

Demonstration gegen den Büchner-Preisträger Günter Grass 1965 in Darmstadt
© Pit Ludwig/ Deutsche Akademie

Blickt man auf die Büchner-Preisträger der 60er Jahre, dann wird freilich deutlich, dass auch die Akademie sich inzwischen gewandelt hatte. Mit Hans Magnus Enzensberger, Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Wolfgang Hildesheimer, Heinrich Böll oder Helmut Heißenbüttel erwies sie nicht nur ein großes Gespür für die neu entstehende Vielfalt deutschsprachiger Literatur, sie war auch inmitten der Turbulenzen dieser Zeit angekommen. Die Themen, die ihre Mitglieder beschäftigten, reichten von den in der Öffentlichkeit geführten Debatten über den Zustand der schulischen Bildung oder eine geplante Rechtschreibreform bis zum von zahlreichen Akademiemitgliedern unter­zeichneten »Aufruf für eine neue Regierung«, dem Engagement gegen die Notstands­gesetze oder der Solidarität mit dem Prager Frühling.

Peter Handke, Büchner-Preisträger 1973, Karl Rahner, Rolf Michaelis (v.r.n.l.)
© Pit Ludwig/ Deutsche Akademie

Die Preisverleihungen wurden jetzt zum Schauplatz kultureller und politischer Auseinandersetzungen. 1965 erhoben Demonstranten vor der Darmstädter Orangerie gegen den Büchner-Preisträger Günter Grass den Vorwurf der Pornographie; 1966 traf vor der Verleihung ein anonymer Brief ein, der aus Protest gegen die literarischen Zustände damit drohte, bei der Veranstaltung Senfgas zu verbreiten (Chronik, S. 109); 1968 forderte die »Darmstädter Studentenzeitung« ein Mitspracherecht der Studenten bei der Wahl des Büchner-Preisträgers sowie eine deutliche Verjüngung der Akademie, außerdem verteilten Demonstranten ein Flugblatt gegen den Preisträger Golo Mann; 1969, während der Verleihung des Preises an Helmut Heißenbüttel, ergriff schließlich die APO das Wort und warf der Akademie und ihrem Preisträger ein formalistisches Literaturverständnis vor – bevor der Preisträger seine Dankrede mit den berühmten Worten begann: »Eine Rede ist eine Rede ...«. In seinen Notizen konstatierte der damalige Generalsekretär Ernst Johann: »unsere – vom schönsten Herbstwetter begünstigte – Tagung wurde zum ersten Mal ernsthaft zu stören versucht« (Chronik, S. 118).

Für den neuen Stil interner Debatten spricht nun freilich, wie bei der nächsten Gelegenheit, im Frühjahr 1970, eine rege Auseinandersetzung über die Form der Preisverleihung einsetzte. Festgehalten wurde am öffentlichen Charakter der Preisverleihungen, einig waren sich die Mitglieder auch, dass künftig bei Protestaktionen und Störungen die Preisfeier abgebrochen werden sollte – die Akademie dürfe keinesfalls unter Polizeischutz tagen. Doch auch über das inhaltliche Profil der Zeremonie wurde rege diskutiert: Ernst Kreuder beispielsweise wollte die Feier künftig näher an Büchner sehen, »weniger akademisch und mehr revolutionär«, ein anderer warnte vor einer »Kanonisierung unseres Helden« (Chronik, S. 120).

Helmut Heißenbüttel, Büchner-Preisträger 1969
© Deutsche Akademie

Auch an den gewachsenen internen Strukturen wurde nun gerüttelt und 1972 eine »kritische Kommission« eingerichtet, die in drei Bereichen neue Wege suchen sollte:
»1. Die Frage des Selbstverständnisses der Akademie,
2. die Frage der Rolle und des Bildes der Akademie in der Öffentlichkeit,
3. die Frage der möglichen Demokratisierung der Auslegung ihrer Satzung.« (Chronik, S. 130)

Literatur:

Chronik: Zwischen Kritik und Zuversicht. 50 Jahre Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Herausgegeben von Michael Assmann und Herbert Heckmann. Göttingen: Wallstein 1999. 81 Abb., 479 S.

Geschichte des Georg-Büchner-Preises. Soziologie eines Rituals. Judith S. Ulmer. Berlin, New York: de Gruyter 2006. 10 Abb., XI, 379 Seiten.