Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Ralph Dutli

Ralph Dutli

Writer and Translator
Born 25/9/1954
Member since 1995
Homepage

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2006
Laudatory Address by Jochen-Ulrich Peters
Acceptance Speech by Ralph Dutli
Diploma

... für sein reiches und vielfältiges Übersetzungswerk, insbesondere für seine Übertragungen aus dem Russischen, unter denen wiederum seine zehnbändige Ausgabe der Werke von Ossip Mandelstam hervorragt...

Jury members
Kommission: Heinrich Detering, Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Ilma Rakusa, Lea Ritter-Santini, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Das sanfte Eis der fremden Hand: Lyrik-Übertragung als magischer Akt

Ein Gedicht in der fremdsprachigen Übertragung ist ein Gedicht im Exil. Es hat die Grenzen seiner eigenen Sprache zurückgelassen und muß sich neu einfinden im Fluidum der Fremdsprache. Das Exil kann die Hölle sein, eine Hölle der Einsamkeit und des Verkanntseins, der Entbehrungen und der blanken Not. Oder das Exil kann fruchtbar gemacht, zum Blühen gebracht werden. Gerade einige russische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts haben bewiesen, daß das Exil nicht gezwungenermaßen in die Hölle des Verstummens führt, daß es sprachlich bewohnbar gemacht werden kann: Marina Zwetajewa, Vladimir Nabokov, Joseph Brodsky.
Das Exil aber müssen Gedichte auf sich nehmen, wollen sie nicht in ihrem ureigenen Element für immer verharren und verzichten, in gänzlich fremden Ohren Weltpoesie zu werden. Der Lyrik-Übersetzer ist ein ekstatischer Gestalter des Exils, er hat dafür zu sorgen, daß das Exil des Gedichts in der Fremdsprache ein fruchtbares wird und kein von Verkanntsein und Mangel gezeichnetes. Er muß dem fremden Gedicht im Exil einen Wohnort schaffen, Luft zuführen, es nähren, es ruhig ein wenig hegen und hätscheln, es wärmen.
Wo sich ein Gedicht nacherzählen lasse in Prosa, da seien die Laken nicht angerührt, da habe die Poesie nicht genächtigt, heißt es in Ossip Mandelstams Essay Gespräch über Dante (1933).(1) In Hans Magnus Enzensbergers Museum der modernen Poesie (1960) steht nüchtern der Satz: »Was nicht selber Poesie ist, kann nicht Übersetzung von Poesie sein.«
Nur wenn die Übertragung eines Gedichtes in eine Fremdsprache Poesie ist und nicht Amalgam reizloser, ausgereizter, längstbekannter sprachlicher Konventionen, dann ist sie auch magischer Akt, das heißt: Beschwörungsformel, die spielend Räume und Zeiten überwindet. Übertragung als magischer Akt ist ein Akt der »Konzentration«. Nicht schwarze Magie (keine Voodoopüppchen, in die man die Stecknadeln seiner Verwünschungen sticht), sondern weiße, lichtbringende, luzide Magie.


Das selige sinnlose Wort
Das Wort der Poesie sei das »selige sinnlose Wort«, wie Ossip Mandelstam 1920, mitten im russischen Bürgerkrieg, inmitten von Hunger, Erschießungen und Terror, in einem Gedicht festgehalten hat:

»Ich brauch keinen Nachtpassierschein, rede
Mir die Angst aus vor den Posten dort,
In der Sowjetnacht werde ich beten
Für das selige sinnlose Wort.«(2)

Auch heute ist es sinnvoll, für das nicht zu vereinnahmende, scheinbar unbrauchbare, aber von dem ganzen TV-Müll nicht totzukriegende und bloßer Gefälligkeit sich verweigern dürfende »selige sinnlose Wort« zu beten. Und eine denkbare Art des Sprach-Gebets ist die Übertragung in die Fremdsprache.
Das scheinbar sinnlose Wort der Poesie ist deshalb »selig«, weil seine Beschwörungskraft nicht zu übertreffen ist, weil es imstande ist, größten Reichtum über weiteste Entfernungen zu bewegen. Mandelstam schreibt in seinen Notizen über Poesie von 1923: »Poetische Sprache ist nie endgültig befriedet, in ihr brechen nach vielen Jahrhunderten alte Zwiste auf: Sie ist der Bernstein, in dem die vor Urzeiten vom Harz umschlossene Fliege noch immer summt – der Fremdkörper lebt noch in der Versteinerung weiter.«(3)
Auch von einer guten Gedichtübertragung haben wir genau das zu fordern: daß der Fremdkörper noch in der Versteinerung der Form lebe, daß die Fliege im Bernstein summe und surre, daß die immerjunge Zikade der Poesie sirre und zirpe, daß die Übertragung, wo es nötig ist, auch poche, knarze oder dröhne.
Lyrik-Übertragung ist nicht nur ein magischer Akt, sondern ein eminent thermisches Problem. Denn die Texte der Toten, der fernen, längst verstorbenen Dichter, sind als toter Buchstabe höchst wärmebedürftig, sie müssen erwärmterweckt werden, wenn sie leben wollen. Eine Passage aus Mandelstams Gespräch über Dante:

»Für die tastende Hand, die sich auf den Hals eines erwärmten Kruges legt, bekommt dieser seine Form dadurch, daß er warm ist. Wärme geht in diesem Fall der Form voraus, gerade sie leistet die skulpturierende Funktion. Im Zustand der Kälte, gewaltsam ihrem Glühen entrissen, taugt Dantes Divina Commedia nur gerade zu einer Zerlegung mittels mechanistischer Zängelchen, nicht aber zum Lesen, zur ausführenden Lektüre.(4)

Was ist Lyrik-Übertragung anderes als eine »ausführende«, aktive, verwandelnde Lektüre, eine belebende und wärmende Lesart?

Sein eigener schöner Verlierer


Lyrik-Übertragung ist nicht nur ein magischer Akt und ein thermisches Problem, sondern auch eine hochgradig erotische Angelegenheit, ein Wunsch und ein Weg, sich dem Fremden auszusetzen und es anzunehmen, durch das Fremde hindurch ins Eigene zu gelangen, das einem dann getrost fremd werden kann. Vielleicht verdanke ich diese Einsicht dem Glück, rund hundert Liebesgedichte Marina Zwetajewas (1892-1941) ins Deutsche übertragen zu haben.(5) Aber es geht bei jeder Übertragung um Magie, Wärme und Eros. Wenn ich von einem fremden Text nicht erotisiert werde, aufgewühlt oder angerührt, bestürzt oder verstört, bin ich unfähig, ihn zu übertragen.
Und hier möchte ich mit Ihnen sprechen, verehrter Herr Voß, vielleicht sind Sie da? Wenn Sie mir vom zarten Kapital Ihres Nachruhms diesen schönen Preis spendieren, darf ich doch Ihre noch immer bizarr-wunderbare Homer-Übersetzung zitieren? Und zwar eine Stelle aus dem IV. Gesang der »Odyssee«, die Episode um den Meergreis Proteus, der im »ägyptischen Meer« und am Ufer der Insel Pharos die Robben des Poseidon hütet. Menelaos wird bei der Heimkehr aus Troia nach Ägypten verschlagen und will von dem störrischen, sich verweigernden Proteus sein künftiges Schicksal erfahren. Proteus versucht, sich dem Irrfahrer Menelaos durch verschiedene Verwandlungen (in Löwe, Schlange, Panther, Eber, Baum und Wasser) zu entziehen. Proteus’ Tochter Eidothea steht Menelaos bei: »Alle furchtbaren Künste des Greises will ich dir nennen / [...] Denn der Zauberer wird sich in alle Dinge verwandeln, / Was auf der Erde lebt, in Wasser und loderndes Feuer« (Odyssee, IV. Gesang, 410, 417/418).
Menelaos und seine Gefährten sollen sich, um den Meergreis zu fassen, auf Eidotheas Rat in Robbenfelle hüllen und unter die Robben mischen. Leider ist das sehr unangenehm, denn die guten Tiere stinken furchtbar nach Tran, so daß die Proteus-Tochter den Lauernden Ambrosia unter die Nasen schmiert. Doch lassen wir hier lieber Ihre Übertragung sprechen, Herr Voß (Odyssee, IV. Gesang, 441-455, 459-47):

»Wahrlich, die Lauer bekam uns fürchterlich! Bis zum Ersticken
Quält’ uns der tranichte Dunst der meergemästeten Robben!
Denn wer ruhte wohl gerne bei Ungeheuern des Meeres?
Aber die Göttin ersann zu unserer Rettung ein Labsal:
Denn sie strich uns allen Ambrosia unter die Nasen,
Dessen lieblicher Duft des Tranes Gerüche vertilgte.
Also lauerten wir den ganzen Morgen geduldig.
Scharweis kamen die Robben nun aus dem Wasser, und legten
Nach der Reihe sich hin am rauschenden Ufer des Meeres.
Aber am Mittag kam der göttliche Greis aus dem Wasser,
Ging bei den feisten Robben umher, und zählte sie alle.
Also zählt’ er auch uns für Ungeheuer, und dachte
Gar an keinen Betrug; dann legt’ er sich selber zu ihnen.
Plötzlich fuhren wir auf mit Geschrei, und schlangen die Hände
Schnell um den Greis; doch dieser vergaß der betrüglichen Kunst nicht.
[...]
Aber wir hielten ihn fest mit unerschrockener Seele.
Als nun der zaubernde Greis ermüdete, sich zu verwandeln,
Da begann er selber mich anzureden und fragte:
Welcher unter den Göttern, Atreide, gab dir den Anschlag,
Daß du mit Hinterlist mich Fliehenden fängst? Was bedarfst du?
Also sprach er; und ich antwortete wieder und sagte:
Alter, du weißt es (warum verstellst du dich, dieses zu fragen?),
Daß ich so lang auf der Insel verweil, und nirgends ein Ausweg
Aus dem Jammer sich zeigt, da das Herz den Genossen entschwindet!
Drum verkündige mir, die Götter wissen ja alles!
Wer der Unsterblichen hält mich hier auf und hindert die Reise?
Und wie gelang ich heim auf dem fischdurchwimmelten Meere?«

Lassen Sie uns hier mit dem Vorurteil aufräumen, jede literarische Übersetzung sei schon nach höchstens zwei Generationen veraltet. Neben dem Harz, dem Saft, dem Tran Ihres Homer, Herr Voß, sieht so mancher smarte Zeitgeist-Homer ziemlich alt aus.
Der Lyrik-Übersetzer hat manchmal einiges auf sich zu nehmen, sich in fremdes Tierfell zu hüllen, um die jugendlichen Greise der Weissagung und der Verwandlungskunst zu fassen zu kriegen. Er muß sich zuweilen dem bis zum Ersticken furchtbaren Tran-Gestank aussetzen (und vielleicht jahrelang in Abgründen der Angst und des Grauens, z.B. der Stalin-Epoche, wühlen). Und er bekommt doch von einer Göttin oder Muse Ambrosia unter die Nase geschmiert, den Geruch einer wunderbaren Sprache, z.B. des Russischen.
Beim scheinbar »fremdbestimmten« Tun ist das Medium dennoch sehr wohl im Eigenen, das heißt im Eigentlichen, das die Sprache ist. Er ist ein selig Unterlegener, sein eigener schöner Verlierer.


Das sanfte Eis der fremden Hand

Das Wechselspiel von Fremdem und Eigenem läßt sich darstellen an einem Gedicht des zwanzigjährigen Mandelstam, aus dem Jahr 1911. Als Jugendlicher war er einmal schwer an Typhus erkrankt. Die Fahrt in der Ambulanzkutsche ins Krankenhaus, samt Fieberträumen, Kälte und Schlafwunsch, blieb ihm immer im Gedächtnis. Das Gedicht beschwört diese fiebrige Fahrt und ein kühles Auge-in-Auge mit dem Schicksalsstern, das Wissen, von Fremden gefahren zu werden – zu einem unbekannten Ziel. Und dennoch ist da ein wundersames Aufgehobensein in einer »fremden Hand«.

»Wie langsam nun der Schritt der Pferde,
Wie wenig Licht, Laternenschein!
Mich fahren Fremde – und sie werden
Das Ziel wohl wissen, sie allein.

In ihre Sorge mich ergebend –
Ich möchte schlafen, mir ist kalt;
Es wirft mich hoch, mich wirfts entgegen
Dem einzigen, dem Sternenstrahl.

Der Kopf, er brennt, er schaukelt lange,
Und sanft das Eis der fremden Hand,
Der dunkle Umriß dort, die Tannen,
Noch nie gesehen, unbekannt ...(6)

Der Kopf brennt, und eine Krankenschwester vielleicht kühlt dem Patienten die Stirn in diesem zarten Vers: »Und sanft das Eis der fremden Hand«.
Das Klischee möchte natürlich gern, daß der Autor des Originalgedichts die Richtung bestimmt, also gleichsam vorne auf dem Kutschbock sitzt, während der Gedichtübersetzer als halb-ohnmächtiger Patient im dunklen Wagenfond liegt und in Wörterbüchern blättert. Das Komplexe der Lyrik-Übertragung besteht aber gerade darin, daß der Kutscher nicht unbedingt das Ziel seiner Fahrt weiß und daß der Patient alles andere als passiv oder eine Dulderseele ist. Gewiß begibt er sich in fremde Hände, aber er überläßt sein Sprach-Organ dem fremden Text (dem fremden Kutscher) nicht in einem passiven Geschehenlassen, sondern in dauerndem Dialog mit ihm, in Zurufen, Anweisungen. Der scheinkranke Patient hört und tastet den Text ab, um deutlicher von ihm bewohnt zu werden. Er protokolliert unbewußt die ganze Fahrt.
Manchmal geschieht etwas Merkwürdiges: Kutscher und Patient wechseln die Plätze, der Patient führt den Autor-Kutscher ins Krankenhaus der Musen, wo die Heilung – das gelungene Gedicht, das Glück des Gedichts – erwartet wird. Das geschieht mehrmals: Sie wechseln die Plätze. Für die letzte Wegstrecke bis zur Ankunft in der Klinik ist einzig der auf dem Kutschbock sitzende fiebrige Patient verantwortlich. Er kann mit dem Chor der Musen seiner Muttersprache kommunizieren bei der Ankunft, wo der Kutscher stumm bleiben muß.
Walter Benjamin schrieb in seinem vielfach kryptischen Essay Die Aufgabe des Übersetzers: »In ihnen [den Übersetzungen] erreicht das Leben des Originals seine stets erneute späteste und umfassendste Entfaltung.« Und an einer anderen Stelle: »Denn in seinem [des Originals] Fortleben, das so nicht heißen dürfte, wenn es nicht Wandlung und Erneuerung des Lebendigen wäre, ändert sich das Original. Es gibt eine Nachreife auch der festgelegten Worte.«


Und das Wunder geschieht

Die Muse mag die Stirn kühlen, das Ziel ist nicht von vornherein klar, aber wohin das Gedicht wie seine Übertragung, wenn sie gelingen soll, führen muß, ist im letzten Vers festgehalten: »Noch nie gesehen, unbekannt«. Das Niegesehene, Unerhörte, das Neue ist das Ziel, das die gesamte dichterische Moderne erreichen wollte.
Wenn die Lyrik-Übertragung, verstanden als magischer Akt, nicht das gleichsam erotische Verlangen hat, im unbekannten Neuen anzukommen, führt die Fahrt höchstens auf die Müllhalde der verbrauchten Lyrik-Gemeinplätze, oder in den Orkus des Vergessens. Es geht in der Lyrik-Übertragung letztlich um eine heilsame Befremdung des Eigenen. Das Eigene wird einem blühenden Exil ausgesetzt. Ein fieberhaftes und gefährdetes Tun. Und welch ein Glück, es auf der Stirn zu fühlen: das sanfte Eis der fremden Hand.
»True poems flee« – »Wahre Gedichte fliehen«, schreibt die wunderbare amerikanische Dichterin Emily Dickinson. Wenn es gelingt, dieser Fluchtbewegung ohne Schwere zu folgen, geschieht ein Wunder, ein sprachliches Wunder.
Zum Abschluß möchte ich Ihnen ein Gedicht von Joseph Brodsky vortragen, dem 1940 in Leningrad geborenen, 1972 unter Drohungen aus der Sowjetunion ausgewiesenen, 1987 mit dem Literaturnobelpreis geehrten, 1996 im New Yorker Exil seiner Herzkrankheit erlegenen Dichter, von dem ich soeben eine Lyrikauswahl herausgegeben habe − Brief in die Oase.
Der frühe Brodsky – skeptisch, illusionslos – versagte sich den Glauben an die Wunder. In dem Gedicht »Der 1. Januar 1965«, das in der Verbannung im eisigen russischen Norden entstand, nachdem der vierundzwanzigjährige Lyriker im März 1964 in einem absurden Prozeß wegen »Parasitentums« und »Nichtstuerei« zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war, fällt unerbittlich der Vers: »An Wunder glauben – ist zu spät«.
Auf die Absage an die Wunder kommt Brodsky fast drei Jahrzehnte später zurück, 1993, in einem Gedicht, das – nur zwei Jahre vor seinem Tod – von der Möglichkeit der Wunder spricht.(7) Es spricht immerhin auch davon, daß Wunder selbstgemacht sind. Genau wie Gedichte. Es formuliert ein Rezept. Das Wunder ist aus dem Winzigen gemacht: eine Prise, ein Körnchen, eine Handvoll, ein Fetzen. Wer im Krümel die Fülle zu ahnen versteht, ist für das Wunder begabt. Wunder entstehen aus dem Bruch-stück. Genau wie Gedichte. Sie bewahren das Gedächtnis: Noch in der Wüste finden sie den einsamen Adressaten. Genau wie Gedichte. Wenn einer das Haus verläßt, soll der von ihm selber zum Leuchten gebrachte Stern ihm nachblicken, »für alle Zeiten«. Genau wie Gedichte. Nicht nur im Gedicht »Was braucht es für ein Wunder?«(8) beschwor der späte Brodsky bereits den Abschied vom Leben, denn das Haus, das am Schluß verlassen wird, ist natürlich das Haus des Lebens.

»Was braucht es für ein Wunder? Die Schafhirtsweste,
eine Prise vom Heute, ein Körnchen vom Gestern,
zur Handvoll des Morgen rück dann, flinker Blick,
einen Fetzen des Raumes, ein Himmelsstück.

Und das Wunder geschieht. Denn Wunder vergessen
nur ungern ihre Erde, bewahren Adressen,
sie wollen ans Ende und finden, irrlichternd,
selbst noch in der Wüste den Einzigen, Richtigen.

Und verläßt du das Haus – knips den Stern an mit seinen
vier Lichtern, zum Abschied soll hell er dir scheinen,
daß die Welt ohne Dinge er fortan begleite
und leuchtend dir nachblicke, für alle Zeiten.«

Meine Damen und Herren, ob in stinkenden Robbenfellen, mit dem Ambrosia einer Göttin oder Muse unter der Nase, ob als abenteuerlicher Kutscher oder inspirierter Patient, ob in selig sinnlosen Gebeten – der Lyrik-Übersetzer hat letztlich nur eine einzige Aufgabe: den Wundern auf der Spur zu bleiben.

Für den Johann-Heinrich-Voß-Preis danke ich herzlich.

(1) Ossip Mandelstam: Gespräch über Dante. Essays II: 1925-1935. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Zürich: Ammann Verlag 1991, S. 113.
(2) Ossip Mandelstam: Tristia. Gedichte 1916-1925. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Zürich: Ammann Verlag 1993, S. 97.
(3) Ossip Mandelstam: Über den Gesprächspartner. Essays I: 1913-1924. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Zürich: Ammann Verlag 1991, S. 179f.
(4) Ossip Mandelstam: Gespräch über Dante. Essays II: 1925-1935, S. 150.
(5) Marina Zwetajewa: Liebesgedichte. Aus dem Russischen übertragen, herausgegeben und mit einem Nachwort-Essay versehen von Ralph Dutli. Zürich: Ammann Verlag 1997.
(6) Ossip Mandelstam: Der Stein. Frühe Gedichte 1908-1915, S. 47. (7) Ralph Dutli: Was braucht es für ein Wunder? Joseph Brodskys heillose Weihnachtsgedichte. In: Ders.: Nichts als Wunder. Essays über Poesie. Zürich: Ammann Verlag 2007, S. 123-137.
(8) Joseph Brodsky: Brief in die Oase. Hundert Gedichte. Herausgegeben von Ralph Dutli. München / Wien: Hanser 2006, S. 241.