Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Peter Gan

Peter Gan

Writer and Translator
Born 4/2/1894
Deceased 6/3/1974
Member from 1950 to 1962

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1973
Laudatory Address by Rudolf Hagelstange
Diploma

Peter Gan (Richard Moering) für seine von hohem sprachlichem Kunstsinn geprägten Übertragungen französischer und englischer Poesie und Prosa...

Jury members
Kommission: Hans Bender, Hans Hennecke, Horst Rüdiger, Fritz Usinger

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Rudolf Hagelstange
Born 14/1/1912
Deceased 5/8/1984
Writer

Sehr verehrter Herr Richard Moering alias Peter Gan − zwei Namen in einer Anrede − wollen sie uns an eine gespaltene oder auch gedoppelte Existenz glauben machen: dort den Übersetzer, hier den Poeten? Es schiene mir müßiges Fragen, denn Poesie hat wohl immer doppelten Boden, und beide Namen stehen für ein und dieselbe Sache, welche Sprache heißt. Sprache kulminiert in der Dichtung, im Gedicht, und Dichtung basiert auf der Sprache. Und Sprache ist hier als globales oder internationales Phänomen gemeint. Denn: ich weiß nicht, ob ein Poet denkbar ist − vielleicht vom sogenannten Mundartdichter abgesehen −, der außer zu seiner Mutter-sprache kein Verhältnis zu anderen verwandten oder fremden Sprachen hätte. Jede neu eroberte Sprache erschließt einen neuen Lebensbereich, eröffnet uns einen weiteren Aspekt der Welt.
Der hier und heute Geehrte hat, soviel ich sehe, in deutscher Sprache wenig eigene Prosa geschrieben, und dann fast immer Essayistisches, einige Rezensionen, einige Kommentare oder auch »Causerien«, wie er’s in sympathischem Understatement bezeichnet. (Ich denke z. B. an den »Kleinen Drehorgelgruß« − einen Nachruf auf die verklungene Welt der Leierkastenmänner.) Umso erstaunlicher sind die Gewichte, die er − mit glücklicher Hand − aus anderen Sprachen (zumeist englischer und französischer Prosa) in unsere Sprache hinübergetragen, übertragen, übersetzt hat.
Wenn man dabei Namen, gute, erfolgreiche, bekannte, nennt, muß man sogleich hinzufügen, daß es sich fast immer um einzelne, gelegentlich sehr spezielle Bücher dieser Autoren handelt − was den Schluß nahelegt: diesem Übersetzer habe es genügt, eine Handschrift in all ihren persönlichen Zügen zu entziffern, und er sei dann, nach gelungener Deutung, zum nächsten verlockenden Gegenstand übergewechselt. Auf jeden Fall vermißt man (gern) die Serien-Arbeit und nimmt umso lieber das Singuläre, gelegentlich Ausgefallene wahr − wie etwa Eric Linklaters Kindergeschichte »Wind im Mond«, Robert Burtons »Schwermut der Liebe« aus dem Altenglischen, Claire Sainte-Solines Kreta-Idylle »Antigone«, Melvilles tragischen »Billy Budd«, Bemelmans »How to travel incognito« oder Harold Nicolsons »Rose und Sporn«. Auch die Namen Henry James, Carson MacCullers, Graham Greene, Duff Cooper und Charles Morgan sind in Moerings Bibliografie vertreten oder die französischen: Albert Camus, Romain Gary, Louise Vilmorin... Aber, wenn man von Evelyn Waughs »Tod in Hollywood« absieht, − Modeschlager, Bestseller haben wohl nicht zu Buche geschlagen in diesem Übersetzerleben, das vom ersten bis zum letzten Titel 43 Jahre überspannt.
Wir wollen weder die Lust am jeweiligen Autor noch die Askese des Übersetzers Moering (im Hinblick auf ein Leben in oder à la Hollywood) über Gebühr mystifizieren, − das Handwerk des Schriftstellers, zumal eines, der − wie Max Rychner einmal schrieb − »in Jean Pauls Küche kocht«, hat keinen goldenen Boden, und die graziöse Schreibe des Poeten Gan, dieses einmalige und durch und durch persönliche (personare) Gemisch aus Reflexion und Meditation, Weltbetrachtung und Selbstverhör, Weisheit und Narretei, Ja und Nein... diese unverwechselbar (im guten Sinne) mono-tone, ebenso auf sich bestehende wie sich immer wieder in Frage stellende, immer ernst zu nehmende, aber nie pathetische Schreibe lief wohl nie in dieser zweiten Jahrhunderthälfte und auch kaum zuvor Gefahr, von der Mode auch nur annähernd so begünstigt (und honoriert) zu werden wie etwa Erich Kästners Verse um die dreißiger Jahre.
Ich will damit keinen Beziehungen oder Analogien das Wort reden, die da und dort vermutet werden könnten oder geäußert wurden (ich nenne die Namen Lichtenberg, Morgenstern, Busch, Claudius, Goethe) − jeder Intellektuelle ist ein Epigone der Aufklärung und jeder poeta doctus hat seinen moralischen Kern. Wenn Karl Kraus zu Hitler nichts mehr einfiel, so beweist das den einmaligen Zusammenfall von Unmoral und Dummheit in Hitler. War es Shanghai, welches brannte, als Kraus Korrekturfahnen las und getadelt wurde, weil er sich in diesem weltgeschichtlichen Augenblick um die Kommata kümmerte, und lapidar bemerkte, daß Shanghai eben nicht brennen würde, wenn alle Kommata stets richtig gesessen hätten? Hören wir, was unser Preisträger zum Thema »Komma« zu sagen hat:

»Komma, Strenge ohne Krampf,
simpel, nie zu fassen,
halb Hans Wurst und halb Hans Dampf,
Kind in allen Gassen.

Irr- und Elmslicht, Spott und Spiel,
Zünglein an der Waage,
Rettungsring, sag’ ich zuviel?,
in verwirrter Lage.

Klein der Wink, die Wirkung groß,
garnicht oder richtig,
regelmäßig regellos,
stets entscheidend wichtig,

gern pedantisch und korrekt,
gern auch ungewöhnlich,
manchmal offen, oft versteckt,
immer ganz persönlich.

Hippokrene, Pferdefuß,
Luzifer, gefallen;
Komma, dunklen Scheidegruß
laß ihn dir gefallen.«

Ich weiß nicht, ob es ein geringeres und zugleich (Karl Kraus!) gewichtigeres Ungefähr gibt, das der Mühe eines Dichters wert wäre, als ein Komma, und ich weiß auch nicht, ob vor Peter Gan oder Moering dem Komma so viel Ehre erwiesen wurde. Léon-Paul Fargue hat zwar das Motto für Gans Gedicht auf die Interpunktion geliefert »L’art est une question de virgules«; − aber hat er dieses jungfräuliche »Häkchen, das sich beizeiten krümmt« besungen? Ich glaube nicht. Man muß wohl so wollüstig-verschwenderisch mit den »Virgulen« umgehen wie wir Deutschen, um ihnen ihre fast grenzenlose Vielseitigkeit und Dienstbereitschaft abzulauschen. Aber hier wäre ganz rasch auch einem Mißverständnis vorzubeugen, das Gan-Moering in den Verdacht des flotten Federfuchsers nehmen wollte. Wenn er es mit der Sprache treibt, so läßt er sich doch gleichzeitig auch von ihr treiben. »Ich komm beim Dichten manchmal nicht zu Wort«, heißt es einmal bei ihm. Er weiß, was er sagen will, aber er hört auch, was die Sprache selbst sagt. Und natürlich hat, wer das Komma besingt, auch die Sprache besungen.
Von den drei kurzen Versuchen, von denen nur einer den Arakel trägt, möchte ich die beiden griffigsten hier im Wortlaut anführen. Zunächst:

»Die Sprache

Geh, laß die Sprache für dich denken,
in der ein Wort das andre gibt.
Hör zu, statt vorlaut sie zu kränken.
Nur Arme lassen sich nichts schenken,
und zuviel Fleiß macht unbeliebt.
Geh, laß dein Lied sich selber singen

und laß den eignen Witz in Ruh.
Die Muse läßt nicht mit sich ringen.
Gesang ist Glück. In diesen Dingen
geht’s nie mit rechten Dingen zu.

Sei ganz bewußt und ganz befangen,
ganz ungefähr und ganz genau,
ganz Übermut und ganz voll Bangen,
ganz gegenwärtig, ganz vergangen,
ganz Seher: blind, und selige Schau.«

Hier ist alles ernst gemeint, ‒ auch vates, der Seher »Blind [Komma!] und selige Schau«. Aber die andere Seite der Münze sieht so aus:

»Sprache

Immer neues staunendes Entzücken,
wenn du, Sprache, deine Abgrundslücken
sprechend-spinnend, spielend-zielend, stopfst,
kindlich-kühn an Sesamspforten klopfst,
gleichsam hinter deinem eignen Rücken.«

»Gleichsam hinter deinem eignen Rücken« ‒ hier entzieht sich, koboldartig, die Verantwortliche der Verantwortung. Ein kräftiger Hauch von Unbestimmbarem, aber Mächtigem, von Eros, kommt ins Spiel, Ungewußtes, Unbewußtes, Hin-fälliges... lassen Sie mich der Banalität des Geläufigen nicht ausweichen:

»Halb zog sie ihn, halb sank er hin...«

Oder in Annäherung an alle glückselige Abhängigkeit des Sprechenden von seiner Sprache (und umgekehrt)

»Meinen Atem atmet mein Gebild...«

Sind wir abgewichen vom Thema »Übersetzung«, »Übersetzer«? Ich denke, nein. Eher im Gegenteil. Es ist so viel Mangel an Eros, soviel Überschuß an Flüchtigkeit, Merkantilismus, team work (im Sinn des Verwaschenen), amusischer Hast in diesem Geschäft des gegenwärtigen Übersetzens zu beklagen, daß es hoch an der Zeit ist, auf diese Leistung aufmerksam zu machen, die so legitim, logisch, zwingend und ‒ charmant auf dem erotischen Verhältnis zu jenem Wesen beruht, das die Sprache heißt. Mir jedenfalls hat die Beschäftigung mit den verschiedenen Proben dieser Übersetzungs- und Sprachkunst während der letzten Wochen zu der Überzeugung verholfen, daß auch der Glückwunsch, der hier und heute auszusprechen ist, einen doppelten Boden hat: indem nicht nur eine Akademie (die nie Perfektion, sondern bestenfalls ständige Bemühung repräsentieren kann) einem Preisträger »Glück wünscht« (wie man es fahrlässig im Deutschen formuliert), sondern daß sie sich selbst zu dieser Art Preisträger im Stillen beglückwünschen darf. Mir scheint, daß sie eher für sich die beiden Zeilen aus »Felix Culpa« von Peter Gan in Anspruch nehmen darf

»Denn wie alle, die gern träumen,
komm ich überall zu spät...«

als daß sie dem wohlfeilen Irrglauben erliegen sollte, mit dieser Wahl nicht auf jener Höhe zu sein, die man liebedienerisch gern »die Höhe der Zeit« nennt. Wir müssen ohnedies der kleinen Schweiz, ihren Literaturfreunden und Verlagen das Verdienst überlassen, das Œuvre dieses Poeten immer wieder beharrlich gepflegt und betreut zu haben. Seine Übersetzungen freilich sind auch deutschen Verlagen »zugute« gekommen.
Wenn ich eingangs von jenen speziellen und spezifischen Übersetzer-Leistungen des Peter Gan sprach, die sich auf Singuläres (in jedem Sinne) konzentrieren und also am räumlich Beschränkten ihren Rang bestätigen, so schulde ich dafür einige Beispiele, die sowohl die Lyrik wie Essayistisches betreffen. Lohnt es, ein von Rilke bis Usinger wiederholt übersetztes und für »unübersetzbar« erklärtes Gedicht von Mallarmé noch einmal zu formulieren, genau im Strophengang, dem Reim verpflichtet, der heute nur noch in banalsten Kopulationen der Schlagertexte ein vulgäres, um nicht zu sagen plebejisches Dasein fristet? Ich denke, es lohnt in einer Zeit, da selbst das Licht Geräusch verursacht, das Wehen des Fächers der Mademoiselle Mallarmé zu vernehmen:

»O Träumende, soll meines Fluges
weglose Wonne wirklich sein,
so wag es spielerischen Truges
und fange meinen Flügel ein.

Nachtkühle abendrötlich schaudernd
weht dir mein Fächeln zu und hebt
die strenge Grenze auf, bis zaudernd
der letzte Horizont verschwebt.

Ein holder Schwindel leerer Weite rührt,
lippenloser Kuß, dich an
‒ Kuß, der mit sich in süßem Streite
den fremden Mund nicht finden kann.

Fühlst du, wie deine Glut erkaltend
mit stummer Beichte mich umwirbt
und langsam mich zusammenfaltend
an einem innern Lächeln stirbt?

Mein weißer Flügel, eingezogen,
dein Szepter nun aus Elfenbein,
schlief rosenhimmelheimgeflogen
am Feuer deines Armbands ein.«

Größeren Umfangs und von gewichtigerer Thematik ist freilich Giraudoux’ »Cantique des cantiques«, ein kleines lyrisches Drama ‒ soweit ich sehe: das einzige Beispiel für einen Versuch, sich in den Besitz eines »Großformats« zu setzen. Wer Gott und die Welt in skurril schillernde Seifenblasen einfängt, die Philosophie den Tanzschritt lehrt, wem romantische Ironie ebenso eignet wie naiv-kreatürliche Schwermut ‒

»Ich sah ein graues Wasser wandern,
das trug die Tage fort.
Von Rosen kams und Oleandern,
die waren längst verdorrt... ‒«

der darf eine wohlbegründete Hygiene in puncto Themen- und Objektwahl pflegen. Originale ‒ und im Sinne einer listigen Vielfalt ist Peter Gan ein originales Temperament ‒ sehen sich immer wieder versucht, den anderen Stoff zu unterwerfen, ihn «umzuprägen, anstatt ihm in selbstloser Anverwandlung seine Autonomie zu belassen. Daß Gan-Moering in einzelnen Fällen lyrischen Originalen bis auf die Haut nahe gekommen ist, beweist sein Künstlertum, ein Künstlertum, das wohl durch nichts gefährdeter ist als durch Routine und in nichts besser aufgehoben als in der Beschränkung.
»Es gibt« ‒ sagt Paul Valéry in seinem ‒ neben einigen hochkarätigen Kurztexten von Gide und Malraux ‒ von Moering übersetzten Vortrag ›Über das Wesen der Poesie‹... »es gibt eine besondere Fähigkeit, eine individuelle Energie, die nur dem Poeten eignet. Sie erscheint in ihm und enthüllt ihn sich selber in gewissen Augenblicken von unendlicher Kostbarkeit. Aber das sind nur Augenblicke...« Später dann: »Inspiration, gewiß ‒ aber sie gehört dem Leser und ist seine Sache, wie es Sache des Dichters ist, sie zu berufen und glaubhaft zu machen...«
»Aber« ‒ so schließt Valéry seinen Exkurs ‒ »der Gegenstand ist heikel, die Stunde vorgerückt, und ich vermute mit Recht, daß Sie ungeduldig sind... Die Poesie ist in Wahrheit eine viel liebenswürdigere und weniger abstrakte Sache, als ich sie Ihnen heute vorgestellt habe.«
Oder ‒ um mit Gan-Moering zu sprechen:


»Heil uns, daß du sprichst, Orakel,
und herab vom Sternbalkon
uns, Transzendentalbouffon,
Mätzchen vormachst und Mirakel!«