Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Michael Walter

Michael Walter

Translator
Born 4/1/1951
Member since 1988

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1989
Laudatory Address by Hans Wollschläger
Acceptance Speech by Michael Walter
Diploma

... ein Meister in der reichen Tradition der Literaturübersetzung...

Jury members
Kommission: Hanno Helbling, Friedhelm Kemp, Lea Ritter-Santini, Hans Wollschläger

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

»Seit ein Gespräch wir sind ...«

LAUDATOR
Hans Wollschläger
Born 17/3/1935
Deceased 19/5/2007
Writer, Translator and Literary critic

Digressionen von einer Laudatio auf Michael Walter


Der gelehrte Bischof Hall, ich meine den berühmten Dr. Joseph Hall, der unter der Regierung König James I. Bischof von Exeter war, sagt uns in einer seiner Dekaden, zum Beschluß seiner göttlichen Kunst der Versenkung, gedruckt zu London im Jahre 1610, bei John Beal, wohnhaft Aldersgate-Street, »daß es ein abscheulich Ding sei, wenn ein Mann sich selber lobe;« − und das finde ich eigentlich auch. / Wenn aber andererseits etwas auf meisterliche Art ausgeführt ist, und fernerhin dieser Umstand wahrscheinlich nicht bemerkt werden wird; − so finde ich es ebenso abscheulich, daß ein Mann dieser Ehre verlustig und aus der Welt gehen sollte, und der Einfall in − und mit − seinem Kopfe verfaulte. / Dies ist aufs Haar meine Lage...

Nun, meine Damen und Herren, die unsere natürlich nicht − denn wir stehen ja eben im Begriff, das Dilemma zu lösen, indem wir einer auf meisterliche Art ausgeführten Arbeit, die wir bemerkt haben, Lob und Preis verleihen, und mir ist die Aufgabe zugefallen, den Laudator zu machen − was ich aber ganz und gar nicht so angenehm finde, wie die Festredensart es vorschreibt, sondern vielmehr schwer und heikel. Denn auch der Belobiger des Nicht-Eigenen ist ja keineswegs gefeit gegen die Gefahr, in den Geruch jenes Eigenlobs zu kommen, zeigt er doch zwangsläufig mit jedem Satz den Anspruch vor, durch Kenntnis und Sachverstand zum Loben befugt zu sein es riecht im Nu nicht gut, und die Abscheulichkeit ist da. Und zieht er sich auf den Fingerzeig zurück (»... soll das Werk den Meister loben...«), so steht’s kaum besser − und ein gar nicht kleines Dilemma kommt hinzu: auf wen oder was eigentlich zeigt sein Finger, wenn er auf das Werk zeigt? Nicht auf den gelehrten Bischof Hall (ich meine den berühmten Dr. Joseph Hall (der unter der Regierung König James I...)); das sicher nicht. Was ich am Anfang vorlas, war zitiert, wie Sie bemerkt haben, die ganze Lage-Beschreibung: − wer aber wurde da zitiert? Gehört haben Sie, als ich Ich sagte, die deutsche Ich-Stimme Michael Walters, die ich mir geborgt habe; aber ist nicht auch sie geborgt − nämlich von der englischen des Tristram Shandy (›Gentleman‹ mit Titel − einem Titel, den er bis in die Vokabelebene hinunter mit Bedeutung imprägniert hat (und den sein Nachfahre Oscar Wilde bei seiner Eheschließung gar als Beruf angab (und den zur gleichen Zeit ein deutscher Übersetzer mit »Erbherr« wiederzugeben unternahm...))) − und ist nicht diese Stimme zuletzt auch wiederum nur eine Übertragung, nämlich − komplex und tiefsinnig wie nichts − der ihres großen, weltweisen, schwermütigen Autors Lawrence Sterne ins Pyrotechnische, des »gewaltigen Menschheitslehrers«, wie Voltaire sagte welche Stimme hören wir, wenn wir Übersetzungen hören? Denn daß es die der Trinität selber sei, das All-und-Eines der drei zusammen, wäre ja nur in Utopia zu glauben: erwünscht, erhofft, erstrebt wohl wird es immer, erreicht jedoch so gut wie nie. Was also loben, wenn man eine Übersetzung loben will − und sich’s verbietet, einfach die Festrednerei vorzutragen, es sei das Utopische gelungen? Die Frage ist viel schwieriger, als sie scheint; ja, denkt man auch nur ein unvorsichtiges Weilchen länger darüber nach, als unbedingt nötig ist, so wird man von tiefer Beklommenheit befallen − und weiß im selben Moment, daß diese Beklommenheit eben die Sphäre ist, in der sich das Übersetzen selber seit eh und je abspielt. Man begibt sich in einen Beruf, in dem es zugeht wie in einem Alptraum: in dem die Meisterschaft der Werke nicht wie ein beglückendes Monument aufragt, sondern wie ein finsteres Götzenbild, das seinen Dienern beim Ritual die letzten Kräfte abverlangt und sie nie aus der Angst vor seiner Unversöhnlichkeit entläßt. Und so ist denn die Abschweifung von den Meisterwerken zu den Ängsten, von der Laudatio zu den Dilemmen gleichsam das Natürlichste von der Welt; sie hängen unlösbar zusammen bei diesem Beruf, allesamt −: wäre ihr Zusammenhang auch beim Lob dieses Berufs das Eigentliche, von dem man zu sprechen hätte? Und sprechen wir vielleicht schon längst davon?
»Denn es birgt diese lange Digression, in die ich aus Zufall geriet, wie in alle meine Digressionen (eine einzige ausgenommen) einen Meisterstreich digressiven Geschicks, dessen Wert, fürcht’ ich, bisher von meinem Leser übersehen worden ist, ‒ nicht weil es ihm an Scharfsinn mangelte, − sondern weil es ein Vorzug ist, den man in einer Digression selten sucht oder überhaupt erwartet; − nämlich: Daß, obzwar meine Digressionen, wie man bemerken wird, alle recht artig sind, − und ich von dem, woran ich gerade bin, so weit und so oft abschweife als nur irgendein Schriftsteller in Groß-Britannien; ich dennoch stets Sorge trage, die Sache so einzurichten, daß mein Hauptgeschäft in meiner Abwesenheit nicht stillesteht...«

Sie hören, ich habe abermals mit einem Zitat das Abschweifen meiner Gedanken zu berechtigen gesucht − und mir ein Eckchen von jenem grandiosen Kunststück ausgeliehen, mit dem Lawrence Sterne die Wirrnis des Weltlaufs konterkarierte und in Form sortierte zugleich −: darf ich wenigstens darauf hoffen, daß auch mein Hauptgeschäft, die Laudatio, dabei in der Abwesenheit ein bißchen vom Fleck kommt? Tatsächlich kann man vom schweren Beruf des Übersetzens auch lobend nicht sprechen, ohne daß die Schatten länger fallen wo das Licht hernehmen? Es sieht ja düster genug aus, sobald man sich auch nur flüchtig umschaut: Nicht nur sind die schlechten, die ahnungslosen oder hingepfuschten Übersetzungen von Literatur so häufig wie das ›a‹ im Sanskrit; auch die guten, in denen das Beste gegeben wurde, bleiben immer nur Dokumente einer »fruchtbaren Illusion« (Fritz Senn) − und prallen schon zu Beginn ihres Unterfangens gegen eine historisch immer höher gewachsene Mauer von Grund-Verdikten: »abscheulich« fand es Lichtenberg und ohne Nützlichkeit, »unmöglich« Claudius wie auch Humboldt, »notwendig mangelhaft« Schopenhauer... ich müßte Ihnen eine geschlagene Stunde lang vorlesen, um einen auch nur kleinen Eindruck davon zu geben, wie beängstigend die Stimme der Autoritäten gegen unseren schweren Beruf spricht. Oder sollten wir uns von der anderen Seite den verdüsterten Schreibtisch erleuchten lassen, der enthusiastischen, idealistischen? Sie gibt es ja auch: seit Goethes großartigem Wort von der »Weltliteratur«, »seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander«, wie der Übersetzer Hölderlin sich freute, ist vom Übersetzen auch die alleredelste, allerfeierlichste Rede gewesen: vom »Dialog der Kulturen«, ja vom »bridging cultures« − über das »innere Verstehen«, das »zu wahrem Einverständnis« führe, wie Schadewaldt den »höchsten Sinn der Übersetzung im Zeitalter der Kommunikation« beschrieb − bis zur Aufgabe der »Friedenssicherung«, die den Übersetzern von der Londoner Deklaration »Towards a Reading Society« 1982 zugewiesen wurde... ach wissen Sie, bei all diesen liebenswürdigen Utopien bekommt man’s als Praktiker, der ihr Priester sein soll, nur einmal mehr mit der Angst zu tun − und nährt auch, sei’s denn nach Priesterart, im Hinblick auf den Glauben an eine »lesende Gesellschaft« seine ganz speziellen Zweifel. Sie zu besiegen gelingt einem höchstens bei dem dritten wandhohen Widerstand, durch den man mit dem Kopf hindurch muß: dem der ›Theorie‹, nämlich jener ›Übersetzungswissenschaft‹, die sich im letzten Jahrzehnt so mächtig etabliert hat und deren großes Verdienst darin liegt, daß sie sich wohlweislich hütet, es mit der Praxis aufzunehmen −: es kann nicht ausbleiben, daß man sie an ihren Früchten erkennt, als bloßen gestrickten Wind (auch wenn man natürlich erst ein ganzes Stückchen Leben und Arbeit zurückgelegt haben muß, um gegen Wissenschaft skeptisch werden zu können (und zu den wenigen freudigen Überraschungen des Berufs gehören Nachrichten wie die, daß Marbach sich schon vor einem Jahrzehnt entschlossen hat, auf die Speicherung linguistischer Sekundärliteratur zu verzichten (die, wo sie sich in die Literatur einmischt, ebenso ersichtlich, wie sie sich auf Humboldt beruft, doch nur auf Humbug zurückgeht))). Ängste, wohin man blickt, wenige Freuden was macht die Hauptsache − wo denn bleibt das Lob?
Ich stand eben im Begriff, Euch in großen Umrissen meine Onkels Toby’s höchst wunderlichen Charakter hinzuzeichnen; − da gerieten meine Tante Dinah und der Kutscher dazwischen und entführten uns auf eine einige Millionen Meilen weite Wanderung mitten ins Herz des Planetensystems: Nichtsdestoweniger werdet Ihr feststellen können, daß am Portrait von meines Onkels Toby’s Charakter die ganze Zeit über mählich weiter gemalt wurde; − freilich nicht die großen Konturen, − das war unmöglich, − aber unterwegs sind doch hie und da einige Familienzüge und leise Striche hineingetuscht worden, so daß Ihr jetzt mit meinem Onkel Toby schon viel besser bekannt seid als vorher. / Dieser Kunstgriff macht die Maschinerie meines Werks zu einer eigenen Spezies; zwei gegenläufige Bewegungen, die für unvereinbar galten, stecken darin und sind glatt miteinander verbunden. Mit einem Wort, mein Werk ist digressiv und doch ist es auch progressiv, − und das zu gleicher Zeit. / Dies, Sir, ist durchaus eine andere Geschichte, als die von der Bewegung der Erde, die sich in täglicher Rotation um die eig’ne Achse dreht und dabei gleichzeitig auf ihrer elliptischen Bahn fortschreitet, woraus dann das Jahr resultiert und der Wechsel und Wandel in den Jahreszeiten entsteht, der uns so ergötzlich ist; − obwohl ich gestehen muß, daß eben diese Geschichte mich auf den Gedanken brachte, − wie ich denn überhaupt glaube, daß die größten unserer vielgepriesenen Verbesserungen und Entdeckungen von ähnlich läppischen Fingerzeigen hergekommen sind...

Noch einmal zitiert, noch einmal eine Abschweifung −: da will ich doch selber, im Vertrauen darauf, daß auch an meinem Charakterportrait die ganze Zeit über mählich fortgemalt wurde, noch ein paar Familienzüge hineintuschen. Es sind, wie es sich bei diesem Beruf nun einmal trifft, nur weitere Ängste, lauter Sorgenfurchen. Die Familien-Zugehörigkeit zum Beispiel: wie bange nicht nähert man sich dem großen Clan, der so viele Adels-Prädikate vor seine Namen gesetzt hat (und hätten wir mehr Zeit, so würde ich Sie auffordern, sich doch rasch zu einer Gedenkminute zu erheben: für Eschenburg oder Bode, für Regis oder auch Theremin, für Rückert den Unvergleichlichen); wie bange nicht tritt man in das reichliche Jahrzweihundert des Übersetzens ein, das mit dem Tristram Shandy begann und das man in weitere Zukünfte ausdehnen helfen soll! Es war ja eine durchaus Große Zeit, und sie hat durchaus bewirkt, daß der Deutsche Leser, wenn ihm danach ist, wenigstens auf Brücken zwischen den Kulturen hin- und hergehen kann (auch wenn es oft nur Eselsbrücken sind) wie bedrohlich nicht kann solche Größen-Ordnung sein! Was muß man nicht alles lernen, ehe man ab ovo auch nur in seiner eigenen Gegenwart angelangt ist man bleibt zwangsläufig, wie Swinburne es sich zu sein entschloß, ein lebenslänglicher Student. Lauter Ängste: wären uns die Minuten nicht gezählt, so würde ich Ihnen ein bißchen aus diesem Studentenleben erzählen: von den Anfängen, wo man − außer der Sprache selbst natürlich − die Hilfsmittel handhaben lernt (und ein »Mitwörterbuch«, wie Jean Paul es sich zu Beginn seiner Laufbahn anlegte, ist das Mindeste, mit dem man sich weiterhelfen muß, wo sie versagen) −, bis zum Ziel und Ende, wo nichts mehr hilft und sie alle am Ende sind: wo es das zu übertragen gilt, was Nietzsche als das »Tempo« eines Textes umschrieb − und was Benjamin gerade anhand einer französischen Nietzsche-Übersetzung, wo er es »ausgewechselt und selbst französisch« geworden fand, befremdet respektvoll den »Horizont und die Welt um den übersetzten Text« nannte: also jene Hypersphäre des ›Stils‹, in deren dünner Luft nur die allerwenigsten Übersetzer noch bei Atem bleiben. Es ist jene der Meisterwerke, von deren Höhe das Reine Glück winkt − und die Abgründe am tiefsten stürzen lassen −: wenden wir einen Gedanken doch wenigstens auch daran, wie gefährlich Übersetzer leben, die da hinauf müssen. Die Gipfel der großen Literatur sind jene der Angst pur zugleich: jenes »Üb’ Ersetzen«, das Karl Kraus definiert und demonstriert hat, stellt den größten Anspruch überhaupt. Die Notwendigkeit, im Großen Kanon mitzusingen, ohne von Haus aus das Stimmrecht dazu mitzubringen: nichts kann fürchterlicher sein, und je tiefer man in die Komplexität des Notentextes eingedrungen ist, desto beklemmender legt sie sich um die Kehle. Man ahnt nicht nur, wie leicht man falsch singen könnte − man weiß, daß man falsch singt, immerzu, selbst wenn nur man selber es hört. Man weiß, was man den Werken antut, professionell, weil die unerbittliche Moira des Berufs selbst keinen Satz ins Vollkommene entkommen läßt: in jedem lauert das schlimme Jota der Menschenähnlichkeit, in jedem kann das Comma Johanneum stehen, und kein Übersetzerleben schließt mit einer anderen Erkenntnissumme als jener, die Grabbe in den schlicht-wuchtigen Satz faßte: »Der Verfasser schätzt seine Werke nicht hoch und kennt Fehler darin, die kein Kritiker finden wird...« Es gibt vielleicht keinen Beruf, in dem die Selbstkritik derart vernichtend anfällt und mit soviel Gründen um alle Verdrängungsmöglichkeit gebracht wird..., das wollen wir nun aber nicht mehr ausdenken, weil es sonst ganz dunkel wird, und uns lieber mit einer weiteren Abschweifung in Sicherheit bringen...

»Digressionen sind unbestreitbar der Sonnenschein; − sie sind das Leben, die Seele der Lektüre; − nähmt Ihr sie zum Beispiel aus diesem Buch, − Ihr dürftet mir gleich das ganze Buch mitnehmen; − kalter, ewiger Winter würde auf jeder seiner Seiten herrschen; man erstatte sie dem Verfasser zurück; − und er wandelt einher wie ein Bräutigam, − wünscht allseits Glück; beschert Abwechslung und verhütet, daß einem der Appetit vergeht. / Die ganze Kunst liegt darin, sie so zuzubereiten und auszurichten, daß sie nicht nur dem Leser frommen, sondern auch dem Autor, der in dieser Sache wahrlich bejammernswert in der Klemme sitzt: Denn beginnt er seine Digression, − sogleich, merk’ ich, steht sein ganzes Werk stockstill; − und fährt er in seinem Hauptgeschäft fort, − dann hat’s mit seiner Digression ein Ende. / Das heißt mir Pfuschwerk. − Und aus dem nämlichen Grund habe ich von allem Anfang an mein Hauptwerk und alles Beiwerk mit solchen Schnittpunkten konstruiert und die digressiven und progressiven Bewegungen dergestalt miteinander verbunden und verzahnt, ein Rädchen mit dem ändern, daß meistens die ganze Maschine in Gang gehalten wurde; − und, was mehr besagen will, noch vierzig Jahre in Gang gehalten werden soll, wofern es dem Ursächler aller Gesundheit gefällt, mir so lange Leben und Lebensmut zu schenken...«

Zum letztenmal zitiert − und eine letzte Digression. Sie scheint noch weiter ab zu führen, noch weiter weg auch von der plaudernden Levität der Sterneschen Abschweifungen und ihrer wie unserer Hauptsache −: oder wäre sie dieser vielleicht nur desto näher, der eigentlichen des kunstreichen Formmittels, das dem formlosen Wettlauf den Spiegel hinhält und ihn zugleich aus dessen Symmetriebild mit Form überzieht, der eigentlichen auch ihres ihn empfindsam durchreisenden Autors, der mit ihr die heillose Blöße seiner Verzweiflung bedeckte? Das »Üb’ Ersetzen« hat noch einen anderen Klang, und er kommt aus dem längsten der Schatten: Nicht nur den Werken muß die Stellvertretung immer neu besorgt werden und nicht nur den Übersetzungen, die sie einmal besorgten − auch die Übersetzer kommen und gehen in Generationen durch die Ewigkeit der Literatur und sind selber ewig nicht; jede Zeit muß sie auch für das Vergangene (so hat’s schon Humboldt erkannt und in diesem Jahrhundert Ezra Pound ihm nachgesprochen) wieder hervorbringen, damit die Werke bleiben können, und oft ist einem um den Fortbestand des Geschlechts bange. Vor kurzem ist Elmar Tophoven gestorben, unser Freund −: kann ich zu seinem und seiner Leistung Gedächtnis Besseres vortragen, als daß in dem Augenblick, in dem ein Meister der Übersetzung die Akademie verläßt, ein anderer sie betritt? Wir wollen uns das doch tröstlich gesagt sein lassen, mit allem was es bedeutet; nicht nur das Leben geht weiter... Und jetzt ist, denke ich, mein Hauptgeschäft unter allen Digressionen weit genug gediehen, daß ich’s kurzum verrichten kann −: Lieber Michael Walter, meine Damen und Herren: Lob und Preis! Die deutsche Sprache hat, nach über 200 Jahren, nach so vielen Versuchen so vieler, ein Groß werk übereignet bekommen, in dem die trinitarische Ich-Stimme der Textinstanzen im schönsten Unisono zu uns spricht Leistung eines Gentleman, der sämtliche Ängste des so schweren, albtraumhaften Berufs bewältigt und das abscheuliche und unmögliche, das notwendig mangelhafte Übersetzen noch einmal wieder möglich gemacht hat ohne Mängel. Ich empfehle Ihnen, preisend und lobend, eine Entdeckung erfahren Sie erstmals alle Herrlichkeiten dieses so herrlichen alten Buchs, seine so präzis geschwätzige Weisheit, sein so streng strukturiertes Vergnügen, − und freuen Sie sich an der Kunst, mit der es Michael Walter gelungen ist, der schweren deutschen Zunge jenen geschwinden Schlag zu geben, der das tollend zarte Geschmetter dieser sehr ernsten Scherze erst hörbar macht. Und mehr will ich nun gar nicht sagen: − soll wirklich doch das Werk den Meister loben, der uns seine so gute Laune beigebracht hat. Das Ideal ist erreicht; der Lesenden Gesellschaft steht nichts mehr im Wege; auch der Friede scheint gesichert −: betreten Sie denn die Brücke, nehmen und lesen Sie.