Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Jakob Hegner

Jakob Hegner

Publicist and Translator
Born 25/2/1882
Deceased 24/9/1962

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1961
Laudatory Address by Rudolf Hagelstange
Acceptance Speech by Jakob Hegner
Diploma

... einer jener wenigen Übersetzer, bei denen Beruf und Berufung einander durchdringen.

Jury members
Kommission: Rudolf Hagelstange, Hans Hennecke, Karl Krolow, Horst Rüdiger, Walter Franz Schirmer, W. E. Süskind

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Rudolf Hagelstange
Born 14/1/1912
Deceased 5/8/1984
Writer

Ein Preis für Übersetzer möchte manchem als liebenswürdige Arabeske, eine launige, aber gewichtlose Variante an unserer so abwechslungsarmen Literaturpreis-Börse erscheinen und hätte doch schon als Ausnahmewert im zementierten Kurs literarischer Aktien sein gutes Recht. Die Akademie für Sprache und Dichtung hat mit der Stiftung dieses Preises vor drei Jahren den Versuch unternommen, eine künstlerische und intellektuelle Leistung aufzuwerten, von der ‒ dessen dürfen wir sicher sein ‒ nur der geringste Teil der Leser überhaupt Kenntnis nimmt. Der Autor eines Buches tritt (so möchten wir annehmen) als feste Größe ins Bewußtsein aller oder doch der meisten seiner Leser. Der Verleger dieses Buches, so geflissentlich er auch sein Verlagszeichen und seinen Namen innen und außen montiert haben mag, wird sich kaum der Hoffnung hingeben dürfen, in gleichem Maße wahrgenommen zu werden. Der Übersetzer aber, der dieses Buch ‒ aus dem Englischen, Spanischen, Russischen, aus einer skandinavischen Sprache ‒ in die deutsche Sprache übersetzt hat, sieht sich, wenigstens nach bisher geltender Regel, im Umbruch des Buches meist auf eine Ebene mit dem Einbandgestalter und dem Drucker des Buches verwiesen. Es gibt einige sehr wenige Verlage, die den Namen des Übersetzers unter den des Autors setzen; Lyrik-Übersetzer genießen gelegentlich diese Sonderbehandlung. Durchweg aber spart die Titelseite den Übersetzer des Werkes aus, und nicht selten ist sein Name in der kleinsten nur möglichen Schrift-Type gesetzt und so angelegentlich dem Blickfang entzogen, daß selbst ein Eingeweihter meist Mühe hat, ihn aufzuspüren.
Ich weiß nicht, ob es jemanden gibt, der für dieses Gewohnheits-Unrecht eine plausible Erklärung anbieten kann. Soweit es die Eindeutschung literarisch minderer Texte ‒ niveauloser Unterhaltungs- oder Kriminal-Romane etwa ‒ beträfe, sähe man sich kaum zum Protest herausgefordert. Aber das beanstandete Verfahren scheint für die Literatur aller Gewichtsklassen zu gelten. Kann man es deshalb dem Verleger Jakob Hegner zum Beispiel noch als persönliche Delikatesse auslegen, daß er seinen Übersetzer Jakob Hegner ziemlich klein anprangert ‒ wir wollen zu seiner Ehre annehmen, daß er ihn wenigstens besser als allgemein üblich honoriert ‒, so muß man sich grundsätzlich doch verwundern, daß auch diejenigen Verlage das Licht ihrer Übersetzer unter den Scheffel stellen, die sehr gut wissen, wie sehr das Licht des Übersetzers am Ende auch dem Scheffel des Verlages zugute kommt. Es muß da ein weitverbreitetes, hartnäckiges Miß- oder Unverständnis obwalten, und die Person dessen, den wir heute ehren und auszeichnen, könnte uns Pate bei diesem unvermeidlichen Versuch stehen, einer unachtsamen und trägen Mit- und Oberwelt einmal ins Gewissen zu reden.
Wenn wir nämlich die munteren Reden der Politik über notwendiges Sich-kennen-lernen und Sich-verstehn, über gemeinsame Ursprünge und Endziele auch nur andeutungsweise ernst nehmen, so ist die Frage unausweichlich: Weshalb denn gerade die Mittler und Brückenschläger zwischen den Völkern und Sprachen, so ganz auf ihren und ihrer Verleger Opfersinn angewiesen, ein mehr oder minder bekümmertes Dasein führen müssen, anstatt auf redliche und überlegte Weise an dem ungeheuern Aufwand beteiligt zu werden, den die politisch durchorganisierte Welt nach außenhin treibt, vermutlich um über ihre innere Dürftigkeit und Bedürftigkeit hinwegzutäuschen. Wir alle wissen, daß die Mittel ‒ staatliche, behördliche, private ‒ relativ locker sitzen, wenn es darum geht, Kongresse zu veranstalten, repräsentative Empfänge zu geben ‒ kurzum: Kultur und Geistigkeit auf eine dekorative Form zur Schau zu tragen. Wir wissen auch, daß die Wissenschaft mit z. T. außerordentlichen Summen ausgestattet wird, um ihrer Forschungsarbeit nachgehen zu können ‒ und je forscher geforscht wird, desto rascher dürften die uneigennützigen Förderer vom Nutzen solcher Forschung überzeugt werden. Aber unsere Gesellschaftsordnung ‒ mögen wir sie nun christlich-abendländisch, westlerisch, kapitalistisch, freiheitlich oder sonstwie apostrophieren ‒ fehlt leider der Nerv, das Organ, das Gewissen für die geheimeren und geheimnisvolleren Pflichten und Schulden, ohne deren Erfüllung und Begleichung alle Regsamkeit, alle Streberhaftigkeit, alle Prosperität fragwürdig und zufällig bleiben. Wer wüßte nicht, daß der literarische Globus noch auf weite Strecken eine terra incognita ist oder dem Forschungsstand von (sagen wir) 1910 entspricht und daß von vielen Seiten her ‒ von Literarhistorikern, Philologen, Verlegern, internationalen Institutsleitern usf. ‒ die Verpflichtung und der Reiz gespürt werden, diesem Ungenügen abzuhelfen. (Erst vor ein paar Tagen versicherte mir ein englischer Professor, daß bis heute noch nie auf einer normalen Bühne ein Stück von Kleist, Hebbel und Grillparzer zur Sprache gekommen sei.) Es steht außer jedem Zweifel, daß ‒ in jedem Land und in jeder Sprache ‒ entscheidende Figuren jeweiliger oder der Weltliteratur, literarisch gesprochen, noch als verschwommene Schattenrisse dahindämmern und daß ihre Aufhellung und Profilierung zu neuen Einsichten und zu korrigierten Perspektiven verhelfen würden. Und ebenso darf man sich darüber klar sein, daß eine einigermaßen ausgeglichene Bilanz auch zeitgenössischer literarischer Ex- und Importe keinesfalls vom Nachteil für das Verhältnis der jeweiligen Eliten untereinander wäre. Die Mode und das Aktuelle verkaufen sich ja von selbst, und die erfolgreichen Autoren dieser Welt haben mehr Übersetzer, als sie gebrauchen können, und nicht selten haben sie auch noch dem falschen Manne die einträglichen Rechte vermacht. Wieviel aber von dem, was seine Wahrheit erst durch Fruchtbarkeit erweist, bleibt am Wege liegen, unbeachtet, ungenutzt, scheinbar nutzlos auch ‒ wie fremde Währung in unseren Taschen nutzlos ist, die niemand uns in die Valuta des Reiselandes ein wechseln kann. Wie lange noch mag es dauern, bis die Verwalter und Manager unserer Welt begreifen, daß die Kommunikation unter Kulturvölkern sich nicht in gemeinsamen Märkten und Generalstäben erschöpft. Wie lange noch muß allein dem Instinkt von Einzelgängern, der Fantasie von Außenseitern, der Laune des Schicksals überlassen bleiben, was die fantasie- und geistig planlose Macht verabsäumt...
Dergleichen Gedanken und Fragen, man versteht es, sind unbeliebt; sie erledigen sich am raschesten, wenn man sie rhetorisch nimmt. Man wüßte auch kaum eine Adresse, an die man sie richten könnte; denn wer wäre in unserem Lande für den geistigen Haushalt der Nation zuständig, wer fühlte sich für ihn verantwortlich und wer gar sähe eine Aufgabe darin, sich derart präzis und im Detail mit der Frage tiefergehender internationaler Kommunikation zu beschäftigen...
Dennoch bleibt die Aufgabe, und die hier aufgeworfenen Fragen haben ihre zwingenden Gründe, ja ‒ wenn man so will ‒ ihre leibhaftige Ursache: in Ihnen nämlich, verehrter Jakob Hegner, der Sie als einzelner einen Brückenschlag von imponierender Tragfähigkeit vollbracht haben und der Sie mir einmal in einem Gespräch gestanden haben, daß es Ihr Ehrgeiz, Ihre Aufgabe, ja Ihr Vergnügen sei, die Unruhe in der Uhr zu spielen.
Sie sagten das als Verleger, der Sie ja im Neben- oder Hauptberuf auch noch sind, und daß Sie auch dies sind, scheint unserer Feierstunde hier einen eigenen Reiz, eine Andeutung von Haut gout, einen Stich ins Gewagte zu geben. Denn wiewohl keiner aus dem Gremium, das diesen Preis vergibt, zu Ihren Autoren zählt, bleiben Sie doch Verleger. Aber der Umstand eben, daß Sie als Verleger keinen hier anwesenden Autor und daß keine hier anwesenden Autoren Sie als Verleger enttäuschten, neutralisiert, ja glorifiziert Sie geradezu: Sie werden darüber zum Inbegriff des idealen Verlegers. Denn unsere besten und treuesten Freunde ‒ wer hätte es nie erfahren! ‒ sind immer die Verleger, mit denen wir uns in den Traum eines gemeinsamen Erfolges teilen und denen wir (und die uns) die gemeinsame Erfahrung enttäuschender Abrechnungen ersparen. »Was sich nie und nirgends hat begeben, das allein veraltet nie.« Noch zwischen dem ältesten Autor ‒ sofern er Rang hat ‒, und dem betagtesten Verleger ‒ sofern er Interesse hat ‒, wabert eine merkwürdige, beinahe panische Erotik, wenn sie einander begegnen. Vielleicht kommen aus dieser eigenartigen Spannung heraus die Abwerbungen der Verleger und die Treuebrüche von Autoren.
Verleger schreiben zuweilen; gelegentlich spielen sie auch Herausgeber. Aber Übersetzer unter ihnen sind selten. Anton Kippenberg, der sehr stolz auf seine größere Katharina war, hat nicht nur Reime geschüttelt und die Geschichten seiner Hansestadt Bremen aufgeschrieben ‒ er hat auch einmal ein Buch von Timmermans sehr hübsch übersetzt ‒ aber es war sein Vergnügen, seine Sonntagszigarre. Wie er sich ausdrückte, hatte er das Buch »übertragen« ‒ was ja allgemein als anspruchsvollere, gewichtigere Wendung gilt, in diesem Fall aber ‒ da der Weg vom Niederdeutschen zum Flämischen wohl nur über das Gäßchen und um die Ecke führte ‒ den Sachverhalt unfreiwillig genau wiedergibt: man konnte das Objekt einfach hinübertragen, während ein »Übersetzer« wie Sie über Abgründe und Wirbel hinweg den Weg von einem zum anderen Ufer finden muß. Bei Ihnen heißt es ganz einfach: Deutsch von Jakob Hegner ‒ was mich eine glückliche, sachgerechte Formel dünkt. Aber nicht die Formel ist hier von Belang, sondern die Leistung, die sich hinter ihr verbirgt. Und Übersetzung, in großem Stil, ist Aufgehen, ist Aufopferung, Martyrium... und wenn es seinen Sinn und Erfolg hat, ist es Eroberung, Erweiterung, Verdienst. Verdienst im unmißverständlichen Sinn des französischen mérite.
Das Ergebnis eines langen, reichen und bewegten Lebens stellt sich zumeist und gegen sein Ende hin erstaunlich logisch, zwangsläufig und überzeugend dar. Wer die Namen Jammes, Claudel, Bernanos nennt, spricht eine dreidimensionale Katholizität an, von deren literarischem Vorhandensein freilich vor gut vier Jahrzehnten kaum jemand in Deutschland etwas wußte. Wer heute dagegen den Namen Francis Jammes nennt, ist des ganzen Zaubers inne, den das Werk dieses naiven, franziskanischen, unendlich zarten, körperlich gedrungenen, weißbärtigen Basken ausstrahlt, von dem Rilke einmal ‒ möglicherweise in einer schwermütigen Anwandlung von intellektuellem Selbstüberdruß ‒ gesagt hat: dies sei der Dichter, der er ‒ Rilke ‒ gerne hätte werden wollen. Ich habe eines Herbstnachmittags 1940 einmal, als Soldat, am Grabe dieses Dichters gestanden ‒ Francis Jammes, poète, kein Wort mehr war auf seinem Grabstein in Hasparren zu lesen ‒, nachdem ich seine Witwe besucht hatte. Ich kannte seine gemmenhaften Mädchen-Geschichten und den rührenden Hasen-Roman, kannte also in etwa Francis Jammes. Aber als normaler, primitiver Leser kannte ich nicht den Übersetzer dieses Dichters.
Wer aber, um in die zweite Dimension zu steigen ‒ wäre für uns dieser dickköpfige, unaufdringlich durchdringende, selbstsichere, schwerblütige und »undiplomatische« (weil überzeugte) Diplomat Paul Claudel, Verfasser merkwürdig hymnischer, homerisch tönender, schwer spielbarer und darum reizvoller Stücke ‒ »Verkündigung«, »Goldhaupt«, »Ruhetag«, »Der seidene Schuh« (den der Kölner Volksmund 1947 die Dreigroschenoper der CDU nannte) ‒ Protagonist aller heimgekehrten Apostaten, Briefpartner André Gides... wer wäre er für uns Deutsche ohne seine Übersetzer? (»Der seidene Schuh« ist von Balthasar übersetzt.) ‒ Ich verrate mit Wollust, daß Sie, lieber Hegner, ihn einmal ein »Ekel« genannt haben (in privatem Gespräch, versteht sich), und ich werde ihm zeit meines Lebens wohl nachtragen, daß er Goethe ‒ entweder in Unkenntnis seines Werkes oder (was wahrscheinlicher ist) in Ermangelung einer adäquaten französischen Übersetzung ‒ einen »feierlichen Esel« genannt hat. Aber auch das gehört wohl zur Dimension Claudelscher Weitsicht, und woher sollten wir denn unsere ketzerischen Impulse nehmen und nähren wenn nicht aus den Torheiten und Irrtümern der großen Heilsbesessenen religiöser wie politischer Fakultät bzw. katholischer wie kommunistischer Provenienz (um auf den anderen Ärgernis-Erreger, Brecht, anzuspielen)! Ein Dichter von dantesker Größe und Befangenheit. Man muß den Hut ziehn.
»Tu deine Hand in deinen Ärmel und umfasse dein Gelenk: was ist der Leib anders als Erde, denn sobald du ihn in die Erde legst, ist er darin verschwunden, und es zergehn seine Wirbel und seine Rippen und die Knöchel seiner Füße wie mürbes Gestein und rostiges Eisen.«
Oder:
»Erkenne zuerst, wie jedes Feuer wirkt: es trennt, es bindet, indem es das Luftige wieder der Luft und der Erde die Asche zurückgibt. Daher der Vergleich mit der Wissenschaft und ebenso der Gerechtigkeit: reinlich, bestimmt und unbestechlich. Man sagt vom Feuer, daß es ergreift und verzehrt, so wie das Herz die Speise, die ihm das Feuer kocht, und zieht daraus Fleisch und Bein und Fett und Blut und Tränen.
Wovon es sich nährt, das zerstört es nun und bildet aus dem Zerstörten Wärme und Licht.
Wovon es sich nicht ernähren kann, zum Beispiel vom Eisen, das macht es geschmeidig und weich. Und was es nicht erweichen kann, das macht es zu Kalk.« (Aus »Le repos du septième jour« ‒ »Der Ruhetag«.)
Und wie ‒ um auf die dritte Dimension zu kommen ‒ könnten wir uns heute, in der Saison der zornigen jungen Männer, nicht der Vaterschaft des zornigen Mannes namens George Bernanos erinnern, zumal seiner »Sonne Satans« und seines »Tagebuches eines Landpfarrers« vor allem. »Ein hervorragender, ein gefährlicher Kopf« - so haben Sie ihn in der Einleitung zum landespfarrherrlichen Tagebuch empfohlen, und wenn ich die Zeichen der Zeit richtig deute, möchte ich hinzufügen: ein für die Welt, für uns alle unentbehrlicher Kopf, zumal unentbehrlich für den Katholizismus. Selten hat die Orthodoxie einen so unabhängigen, leidenschaftlichen Geist erzeugt, geduldet oder dulden müssen. Mit dem Auftreten dieses Dichters hat das katholische Frankreich eine vielleicht an der Oberfläche begrenzte, aber in die Tiefe hin unabschätzbare Renaissance erfahren. Die Wahrheit selbst, auch die politische, hat in diesem Manne ihren furchtlosen und streitbaren Anwalt gefunden.
Mit diesen Namen ‒ Jammes, Claudel und Bernanos ‒ ist freilich das Verdienst Jakob Hegners nicht ausgeschöpft. Wir dürfen den Marcel Schwobs nicht verschweigen, von dem sein Übersetzer einmal sagte: er wäre ein großer Dramatiker, doch schriebe er winzige Geschichten. Und auch der Umstand, daß sich den vier Franzosen ein schottischer Schriftsteller namens Bruce Marshall zugesellte, hat sein ganz spezifisches Gewicht. Zu jener von Jammes entfalteten Blumenhaftigkeit der frommen Herzen nämlich, zum feierlichen Pathos des christlichen Tragöden Claudel und zum heiligen und liebenden Zorn des unerbittlich gerechten Bernanos tritt nun das nachsichtige Lächeln, das humane Schmunzeln, die heitere Frömmigkeit des Schotten Marshall, von dessen Büchern »Das Wunder des Malachias« und »Der Stundenlohn Gottes« (oder »Keiner kommt zu kurz«) die Chance haben, in die Literatur einzugehen.
Wer je mit dem Theater zu tun hatte, der weiß, daß man mit dem Drama und der Oper den Ruf einer Bühne bestimmt, mit der Operette aber das Budget absichert. Der Verleger Jakob Hegner ist dem Übersetzer Hegner gerade für die Übertragungen dieses weder mit seinem Witz noch mit seinem Katholizismus geizenden Schotten Dank und gutes Honorar schuldig. Aber auch der Übersetzer Jakob Hegner sollte seinem Auftraggeber eine gewisse Dankbarkeit nicht vorenthalten. Das Wissen um den Unterschied, der zwischen Ihren Franzosen, verehrter Hegner, und diesem so überaus spendablen Schotten besteht, läßt Sie ins Understatement flüchten: dieser Marshall ist für Sie ein katholischer Offenbach, ein wenig Operette, ein mit bischöflichem Imprimatur versehenes Singspiel ‒ oder was weiß ich. Aber wenn wir einmal unter Handwerkern reden dürfen, so liegt doch der Reiz einer geringeren Aufgabe in der Möglichkeit, das Schwächere zu stärken, das Gute zu verbessern, das Original zu übertreffen. Karl Kraus war ein Verehrer von Jaques Offenbach, und wenn es dieser Welt an etwas gebricht, so gebricht es ihr an Heiterkeit, an Ironie und Selbstironie. Auch und vor allem der betont christlichen Literatur ‒ die hier als qualifizierte Literatur an sich, also auch ohne Engagement als Literatur verstanden sein möchte ‒ gebricht es an der guten Miene zum bösen Spiel, an franziskanischer Unbefangenheit, an Timmermanscher Sinnesfreude, kurz an jener gelassenen Heiterkeit, die doch eigentlich als lächelnde Blüte der gesicherten Frucht des Paradieses vorausgehen sollte. Gerade weil wir das Übersetzen als ein edles und redliches Handwerk betrachten, darf auch diese wohltuende, nutzbringende und Freude stiftende Leistung in Ihrem Meisterbrief nicht unerwähnt bleiben.
Es empfiehlt sich auch grundsätzlich, diese Stunde von Pathos und aufgesetzter Feierlichkeit freizuhalten, weil Feierlichkeit Ihnen ‒ zumindest im öffentlichen ‒ ein Greuel sein dürfte und weil Sie ja auch für Ihren eigenen Lebensstil die Elemente der Frömmigkeit, des Glaubens, der Weltanschauung gern auf die nüchterne Funktion einer Lebensgrammatik reduzieren. Als Verleger sind Sie wenn nicht mit allen, so doch mit vielen Wassern ‒ unfreiwillig ‒ gewaschen, und als sogenannter Nicht-Arier von allen Hunden und Bluthunden dieses Jahrhunderts gehetzt und gebissen worden. Sie haben gespielt, verloren, wieder gespielt, gewonnen, geopfert, verloren, entbehrt, ausgeharrt, wieder begonnen, gewonnen... Ein Ausnahme-Schicksal, so möchte es scheinen ‒ es war das normale für alle oder doch die meisten von denen, die sich im allgemein Fatalen dieses Jahrhunderts einen Rest persönlicher Freiheit bewahrten.
Wenn Ihnen heute eine Akademie, d. h. eine Gesellschaft von Schreibbeflissenen ‒ Schriftstellern, Essaisten, Übersetzern, Literarhistorikern, Philologen ‒, einen der Summe nach bescheidenen, dem Vorkommen nach einmaligen Preis verleiht, so sollen Sie eben damit endlich auch als Übersetzer erfahren ‒ was Sie als musterhafter Drucker schon früh und als Verleger, so scheint mir, nun zu guter Letzt erfahren haben daß Ihr Bemühen, Ihr Martyrium, Ihr Leben für Dichtung und Sprache nicht umsonst gewesen sind. Ihre Ehre ist unsere Freude, Ihre Freude unsere Ehre. Freuen wir uns gemeinsam und wenden wir zum Ende auf Ihren Umgang mit dem dichterischen Wort den Satz Peters von Ulm (aus dem Vierten Ereignis der »Verkündigung« von Claudel) an:
»Wie schön ist der Stein und wie weich in den Händen des Baumeisters! und wir richtig und schön sind doch die Lasten seines gesamten Werkes verteilt.«