Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Elisabeth Edl

Elisabeth Edl

Literary scholar and Translator
Born 16/10/1956
Member since 2009

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2005
Laudatory Address by Andreas Isenschmid
Acceptance Speech by Elisabeth Edl
Diploma

... für ihr vielfältiges übersetzerisches Werk aus dem Französischen, insbesondere aber wegen der eleganten Präzision ihrer Neuübersetzung von Stendhals ›Le Rouge et le Noir‹...

Jury members
Kommission: Heinrich Detering, Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Ilma Rakusa, Lea Ritter-Santini, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Nun hört man Stendhals Stil im Deutschen

LAUDATOR
Andreas Isenschmid
Born 1952
Journalist and Literary critic

Zum Lob der Übersetzerin Elisabeth Edl
und ihrer Übertragung von ›Rot und Schwarz‹


Sehr geehrte Frau Edl, sehr geehrte Anwesende,

man hat mich schon früh in meinem Leben gegen deutsche Übersetzer aus dem Französischen eingenommen. Es war wohl in der ersten Stunde des ersten Semesters, in den exercices de traduction, als unser Französischlektor kundtat, wie merkwürdig er doch Leute finde, die noch nicht einmal die Titel der zu übersetzenden Werke korrekt ins Deutsche zu bringen vermöchten. Aus dem Malade imaginaire werde, als hieße er »Malade présomptueux«, ein »eingebildeter Kranker« statt eines »eingebildet Kranken« und aus der Putain respectueuse in seltsamer Verklemmtheit und, als hieße sie »respectable«, eine »ehrbare Dirne« statt einer »ehrerbietigen«. Doch was wolle man, pflegte er kopfschüttelnd zu schließen, das alles geschehe ja in einem Land, in dem man bis auf Lehrstühle hinauf den Schriftsteller Stendhal, der sich immerhin nach dem deutschen Ort Stendal genannt habe, als Stendhal ausspreche.
Zur Übersetzung von Stendhals Titeln hat sich unser Lektor nicht geäußert. Es mußte die, nun ja, österreichische Übersetzerin aus dem Französischen Elisabeth Edl kommen, um hier den entsprechenden Fund zu tun. In ihrer Neuübersetzung von Rot und Schwarz, um deren Lob es hier geht, erfahren die deutschen Leser erstmals den korrekten Untertitel dieses Romans. »Chronique du XIXe siècle« lautet der Untertitel, einer von zweien; und die deutschen Übersetzer setzten hierfür stets »Chronik des 19. Jahrhunderts«, was plausibel klingt und wörtlich gewissermaßen korrekt ist, nur den Nachteil hat, mit dem Inhalt des Romans rein gar nichts zu tun zu haben. Es brauchte Elisabeth Edls über die sture wörtliche Korrektheit hinaus horchenden gedankenreichen Ohren, um daraus »Chronik aus dem 19. Jahrhundert« zu machen. Nun wissen wir also, wie unser Buch heißt.
»Stendhal neu« gilt es zu loben, und das hier in Salzburg, wo Stendhal eine seiner berühmtesten Metaphern bezog. Die Kristallisation als Urvorgang der Liebe, einen seiner folgenreichsten Einfälle, hat er bekanntlich mit dem »rameau de Salzbourg« verbildlicht:

»In den Salzbergwerken von Salzburg wirft man in die verlassenen Tiefen des Stollens einen winterlich kahlen Baumzweig; zwei oder drei Monate später zieht man ihn wieder heraus, bedeckt mit glitzernden Kristallen: die kleinsten Ästchen, nicht dicker als eine Meisenkralle, sind besetzt mit einer Unzahl beweglicher blendender Diamanten; man kann den ursprünglichen Zweig nicht wiedererkennen. Was ich Kristallisation nenne, ist die geistige Tätigkeit, die an allem, was sich darbietet, die Entdeckung macht, daß das geliebte Wesen neue Vorzüge hat.«

Soweit Stendhal in der Übertragung von Franz Hessel.
Stendhal neu also. Die Vorfrage ist erlaubt, ob das notwendig sei. Man hat auch Flauberts Madame Bovary in den letzten Jahren mehrfach neu übersetzt, doch wiewohl ich die neueste Übersetzung die annehmbarste finde, konnte man auch mit anderen ordentlich leben. Bei Rot und Schwarz ist das anders. Wer die Übersetzungen von Otto Flake oder Arthur Schurig, die dtv respektive der Insel Verlag anbieten, mit dem Original vergleicht, kann sein Vertrauen in die Menschheit verlieren. Was man hier antrifft, hat niemand genauer ausgedrückt als Stendhal selbst in einem Brief an einen Übersetzer: »Spinnen Sie die Seiten beim Übersetzen endlos aus, machen Sie aus einer Seite vier, streichen Sie, oder besser gesagt, übersetzen Sie nicht, was Ihnen flach erscheint. Schwächen Sie alles ab, was Ihnen übertrieben erscheint.« Er hätte noch hinzusetzen müssen: sparen Sie nicht an krudesten Übersetzungsfehlern, und streichen Sie sicherheitshalber, was Sie nicht verstehen, dann wäre er in der Nähe von dtv und Insel gelandet. Da wird bei Flake, um nur ein Beispiel von unzähligen zu nennen, aus »la belle demoiselle venait de placer devant lui une tasse« »das schöne Fräulein kam heraus und stellte eine Tasse hin« statt »es hatte eben eine Tasse hingestellt«. Schurig kriegt das Kunststück fertig, einen Absatz mit einem von Stendhal nie geschriebenen Satz beginnen zu lassen, in der Folge aus fünf Stendhal-Sätzen voller Finessen zwei blasse Resumierphrasen zu fertigen, um dann im Schlußsatz eine Anmerkung, die nämlich, daß ein Papst gegen Ende des Cinquecento gelebt habe, dreist gleich in Stendhals Text hineinzuschreiben.
Mit all dem möchte ich nicht sagen, daß Elisabeth Edl uns im Gegensatz zu den genannten Übersetzern den Gefallen korrekter Wörtlichkeit tut, was immer das sei – obgleich ich genau das auch sagen möchte, freilich als Selbstverständlichkeit, noch nicht als Lob. Als ich den Lektor Wolfgang Matz auf die eine Nichtwörtlichkeit aufmerksam machte, die mir aufgefallen war, ließ mir Frau Edl tags darauf bestellen, ich solle doch auch die Anmerkung lesen, in der sie begründe, warum sie hier von Stendhal abweiche. Die erste Wohltat, die diese Übersetzung ihren Lesern erweist, ist also ihre schlichte Verläßlichkeit. Sie beginnt beim Untertitel, berücksichtigt alle Kursivierungen, achtet die Satzgrenzen und beachtet als erste überhaupt Stendhals sehr bemerkenswerte Kolumnentitel, die wie ein fortlaufender Kommentar am oberen Seitenrand mitlaufen und in Deutsch noch nie zu lesen waren. Edls Verläßlichkeit setzt sich fort im ersten Abschnitt, wo sie wiederum als erste Stendhals etwas vertrackte Landschaftsbeschreibung angemessen (und das heißt eben auch: etwas vertrackt) ins Deutsche bringt, sie begleitet uns bis in den letzten Satz, wo nur bei Edl Madame de Renal stirbt, »ihre Kinder im Arm«; bei allen andern steht »in den Armen ihrer Kinder«, was angesichts des Alters der Kinder kurios ist. Sie umfaßt einen Anmerkungsapparat, neben dem selbst die althergebrachte Pléiade erblassen mußte. Und sie bewährt sich im Postscriptum, wo Edl ein Satzzeichen, über dessen Verwendung durch Stendhal sich eine eigene kleine Abhandlung schreiben ließe, nämlich einen Doppelpunkt, erstens mit übersetzt, was nicht alle tun, und ihn zweitens, was nur sie tut, an den semantisch wie rhythmisch richtigen Ort setzt.
Hier nun, in dieser Hellhörigkeit für den Rhythmus von Stendhals Sätzen zeigt sich allerdings auch gleich, daß Edls Verläßlichkeit mehr ist, als nur Verläßlichkeit. Ihre Lösungsart ist nicht die wohltuend korrekte, sondern die findige und schlagende. Also fliegen bei ihr nicht Hüte vom Kopf, als wären wir im schneidigen Preußen, sie werden gelüpft, wir sind ja in der Franche-Comté. Und die Redewendung »à lui le pompon«, die Flake vor Schreck gleicht vergißt, wird bei ihr nicht zu »ihm gebührt der Vorrang« oder »Ehre, wem Ehre gebührt«, sondern – Stendhal sagt ja selber, es sei ein »mauvais mot« − zu »er schießt den Vogel ab«. Edl kann eben nicht nur Deutsch und Französisch, nicht nur Stendhals Französisch und das dazugehörende Deutsch, sie kennt auch bis in die Finessen die ästhetische Eigenart des Werkes, mit dem sie es zu tun hat. Daher gibt sie etwa den Landschaftsbeschreibungen die gebührende, ganz unromantische Präzision, denn sie weiß, daß Stendhal Landschaften mit dem »regard dur d’anatomiste« sieht, um es mit Jean-Pierre Richard zu sagen.
Vor allem aber hat Elisabeth Edl − und damit komme ich zum größten, alle bloße Verläßlichkeit weit übersteigenden Vorzug dieser Übertragung – ein Gespür für die Wiedergabe von Stendhals Stil im Deutschen. Nur bei ihr hören wir das Stendhalsche an Stendhal, dieses oft so brüske Klacken seiner Sätze, das Schroffe und Abgehackte der Satzstellungen, die Verve, das Energische, Willensmäßige seiner Verknappungen, die raschen Floretttouchen seiner Kommentare. »Sortez à l’instant du café, ou je ne vous aime plus; et cependant je vous aime bien«, sagt ziemlich ironisch die Serviertochter Amanda zu Julien. Das hieß bis jetzt ziemlich plump: »Oder ich mag Sie nicht mehr leiden. Und ich habe Sie doch wirklich gern«. Auch: »Oder ich mache mir nichts mehr aus Ihnen; aber ich mache mir recht viel aus Ihnen.« Auch: »Oder ich will nichts mehr von Ihnen wissen. Ich habe Sie sehr gern.« Keine dieser Lösungen ist falsch, aber alle sind ein Graus, wie ein rundes Drittel der Sätze in den bisherigen Stendhal-Übersetzungen. Nun heißt es in einer Fügung, die Knappheit und Ausdruck glücklich trifft: »Oder ich mag Sie nicht mehr; und ich mag sie sehr.«
Das klingt wie eine Kleinigkeit. Aber nur, wenn man Abschnitt für Abschnitt solche Kleinigkeiten mehrfach richtig macht, klingt Stendhal auch deutsch unversehens so, wie ihn Valéry so unübertrefflich charakterisiert hat: »Ein Meister jener abstrakten und feurigen Literatur, die, trockener und schwebender als jede andere, für Frankreich bezeichnend ist. Ein Genre, das auf Harmonie und Ausgewogenheit der Formen pfeift. Es liebt die Verkürzung und die lebhafte Reaktion des Geistes. Es ist verwirrend wie ein sehr schlagfertiger Mensch. Es hält das Dogmatische wie das Poetische fern, die es gleichermaßen verabscheut.« Erst seit Edl sind diese Sätze auch für jemanden nachzuvollziehen, der Stendhal auf deutsch liest.
Vieles an Edls Übersetzung ist rar, bewundernswert und erstaunlich. Überraschend ist es nicht. Man kann seit Jahren einem Wenigleser, der nur zwei bis drei Bücher im Jahr lesen und dabei keine Enttäuschung erleben möchte, den Ratschlag geben: lesen Sie einfach alles, was Elisabeth Edl übersetzt. Edl kann die melancholische Lakonie Modianos und die sinnliche Intellektualität von Michaux, sie trifft den Kammerton von Greens Tagebüchern, das Aphoristische der Cahiers von Simone Weil und − hier wie bei Weil zusammen mit Wolfgang Matz − die spröde Mystik meines hochverehrten Landsmanns Philippe Jaccottet. Auf den Einwand des Weniglesers, das komme aber alles aus dem Französischen, kann man gelassen entgegnen, man lese dafür besseres, vielfältigeres und reicheres Deutsch als oft bei der Lektüre deutscher Autoren. Nie haben diese Bücher den papierenen Ruch schneller Übersetzungsware, nie wird über die unterschiedlichsten Stile die Einheitssauce dolmetscherischer Standardlösungen gegossen. Jedes Edl-Buch ist anders, jedes für sich überzeugend.
Bange muß einem um diese Übersetzerin also nicht sein. Aber man sieht doch gespannt der Arbeit entgegen, die ihren stilistischen Anschlag stärker als jede herausfordern wird: der Neuübersetzung der von Rot und Schwarz so entfernten Chartreuse de Parme, an der Frau Edl gerade sitzt. Den Streit zwischen den Rougistes und den Chartreux, der in Frankreich aus Anlaß der neuen Pléiade-Ausgabe von Stendhal gerade wieder hochgeht, muß sie dann in sich selber ausfechten. Für sie ist das Arbeit, für uns Vorfreude. Ich kenne nicht viele Übersetzer, auf deren neue Bücher ich mich freuen kann wie auf die neuen der anderen Autoren. Dafür, liebe Frau Edl, den herzlichsten Dank!