Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Walter Boehlich

Walter Boehlich

Literaturkritiker und Publizist
Geboren 16.9.1921
Gestorben 6.4.2006
Mitglied seit 1995

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1990
Laudatio von Peter Wapnewski
Dankrede von Walter Boehlich
Urkundentext

Walter Boehlich, für sein editorisches, übersetzendes, kritisches und essayistisches Werk...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Walter Helmut Fritz, Hans-Martin Gauger, Hartmut von Hentig, Beisitzer Georg Hensel, Ivan Nagel, Lea Ritter-Santini, Guntram Vesper, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger

»Die Antwort ist das Unglück der Frage«

Sie werden erwarten, daß ich über Kritik und Kritiker zu Ihnen rede, aber einerseits haben das Bessere als ich oft genug getan und anderseits bin ich von Mißtrauen erfüllt, was das Gewerbe des Kritikers als solches sowohl als auch was die Kritiker selbst angeht. Was wir wissen, ist, daß es die Sache und den Beruf gibt, aber kaum wissen wir, nach welchen Kriterien wir beide beurteilen sollen. Wenn die Sicherheit des Urteils den Kritiker ausmachte, gäbe es keine Kritiker, denn sie alle, auch die vermeintlich größten, haben nicht anders gekonnt, als immer wieder vor ihren Gegenständen zu versagen. Die wenigsten haben vorurteilsfrei, und das heißt: mit Urteil, auf die Literatur ihrer Zeit reagieren können. Im besten Falle haben sie einzelne Werke in ihrer Bedeutung erkannt, im schlechtesten ihre eigenen spontanen Emotionen mit einem Urteil verwechselt – unter der Voraussetzung, daß die allmählich sich herausbildende Rangordnung Anspruch auf Beständigkeit erheben kann, was sie nur in Grenzen tut, da sie immer neu hergestellt wird und hergestellt werden muß.
Blind ist nicht so sehr das Werk als vielmehr der, der es beurteilt, partiell blind wenigstens. Er sagt in dem, was er schreibt, sehr viel mehr über sich selbst, den Grad seiner Empfindlichkeit ebenso wie über den seiner notwendigen Bornierung, als über das betrachtete Werk; er offenbart sich, aber nur sehr eingeschränkt das Werk, das vieldeutig und verschlossen bleibt und immer wieder neu erkannt werden muß. Von mir aber möchte ich eben nicht erzählen. Also erzähle ich Ihnen lieber eine Geschichte von einem anderen, bei dessen Lektüre einer gesagt hat, daß er sich wie der Bel zu Babel an einem solchen ungeheuren Mahle ergötzt habe. Ich werde diese Geschichte, die gewiß auch etwas mit Kritik und einem Kritiker, meinem Kritiker, zu tun hat, erzählen auch auf die Gefahr hin, daß Sie sie schon kennen, und wenn ich ihr einen Titel geben müßte, dann hieße sie: ›Die Antwort ist das Unglück der Frage‹.
Nun die Geschichte: Im Jahre 1748 erscheint ein Regensburger Pfarrerssohn als Begleiter des jungen Herrn von Schönberg in Paris, wo er alsbald Karriere machen wird. Er heißt Melchior Grimm und hat in Leipzig bei Gottsched studiert und die französische Aufklärung schätzen gelernt. Bald wird er Vorleser des Erbprinzen von Sachsen-Gotha, dann Sekretär des Grafen von Friesen, schließlich des Herzogs von Orléans. In Frankreich wird er zum Franzosen, wie andere vor und nach ihm. Glückliche Zeiten, in denen den Leuten die Nationalität noch nicht am Leibe klebte wie ein Nessushemd – auch wenn es unglückliche Zeiten für die große Zahl waren.
Der junge, 1723 geborene, Grimm lernt im August 1749 seines Interesses für die Musik wegen Rousseau kennen und veröffentlicht 1753 sein Pamphlet vom Kleinen Propheten von Boehmisch-Broda, das seine Spuren auch in der deutschen Literatur hinterlassen hat. Rousseau führt ihn bei dem Baron Holbach ein, auch einem Deutschen, aus Heidenheim, der zum Franzosen wurde. Er wird zum Mitglied der ›Synagoge‹, in der er den 10 Jahre älteren Diderot wiedersieht, dessen Bekanntschaft er bei Rousseau gemacht hatte. Der ›Prophet‹ und der ›Philosoph‹ werden Freunde, so enge Freunde, daß immer dann, wenn Diderot von ›meinem Freunde‹ spricht, kein anderer als Grimm gemeint ist. Diderot hat Grimm über alles geschätzt, seine Begabung und seinen Geist weit über den eigenen gestellt, eine Beurteilung, mit der er sich selbst ein wenig unterschätzte.
Nun muß man erwähnen, daß der Abbé Raynal, dessen gelehrte Beziehungen zu Diderot hinreichend bekannt sind, 1747 begonnen hatte, einige kleinere europäische Höfe mit Nachrichten über das intellektuelle und literarische Leben in Paris zu unterrichten, die unter dem Namen Nouvelles Littéraires bekannt geworden sind. Raynal war vielbeschäftigt und verlor zusehends den Geschmack an dieser Arbeit. Grimm, längst eingeführt in der Gesellschaft wie auch im Kreise der tonangebenden Frauen und Männer, nahm ihm 1753 die Last ab und schrieb nun seinerseits regelmäßig und wohlunterrichtet die Lieferungen der Correspondance Littéraire, wenn auch nicht ohne fremde Hilfe, meist die Hilfe des geduldigen Diderot, der stets dann, wenn Grimm sich auf Reisen begab, für den Stoff sorgen mußte.
So auch im Frühjahr 1769, als Grimm zu einer langen Reise in den Osten aufbrach. Seine Abonnenten hatte er vorsorglich unterrichtet, daß er abwesend sein werde und daß Diderot sich erboten habe, an seine Stelle zu treten. Nur wurde die Reise länger als beabsichtigt, da Grimm sie nutzte, eine neue Karriere, eine diplomatische diesmal, vorzubereiten. Diderot dagegen leidet unter einer Arbeit, die ihm über den Kopf wächst, denn außerdem soll er zwei Tafelbände der Encyclopédie zum Druck vorbereiten, die Dialoge über den Getreidehandel des Abbé Galiani druckfertig machen und bisweilen auch Eigenes schreiben. Er vernachlässigt seine Freunde, fährt höchstens einmal für einen Tag nach Grandval zum Baron Holbach, verliert die Lust am Briefschreiben. Er arbeite wie ein Teufel, erklärt er, und auch, daß Grimm ihm alle Zeit nehme. Am einen Tage schreibt er Grimm, er solle sich keine Sorgen machen, er könne keinen besseren Gebrauch von seiner Zeit machen, am anderen, daß er arbeite wie noch nie, wieder ein andermal, die Correspondance Littéraire drücke ihn zu Boden, er sei fix und fertig, ist aber immer bestrebt, Grimms ›Laden‹ gut zu beliefern. Bisweilen macht ihm das sogar Spaß, und dann sagt er, er schreibe gute Sachen, angeregt durch ziemlich schlechte. Er sehnt sich danach, die verdrießliche Arbeitsschürze loszuwerden, und als nach fünf Monaten Grimms Rückkehr bevorsteht, schreibt er seiner Freundin Sophie: ›Grimm ist immer noch nicht angekommen; also trage ich, liebe Freundin, immer noch die Arbeitsschürze seines Ladens; aber ich beginne, ihrer müde zu werden und weiß nicht mehr, warum ich seine Rückkehr herbeisehne, ob es das Vergnügen ist, einen Freund wiederzusehen, oder das Vergnügen, von einer Bürde befreit zu werden, die auf mir lastet.‹ Und weiter unten: ›Ach! Fräulein Volland, wie alt bin ich! Wenn ich erledigt bin, dann antworte ich Ihnen, daß es Leute gibt, die ihren Laden eher geschlossen haben. Ich habe...; ich mag es Ihnen nicht sagen: dieses Alter ist entsetzliche Er war da sechsundfünfzig und hatte noch fast fünfzehn Jahre zu leben.
Was wir auf solche Weise erfahren, ist lediglich, daß Diderot monatelang gearbeitet hat wie ein Wilder, aber das tat er auch sonst, allem Anschein zutrotz. Nur, wo sind diesmal die Früchte seiner Arbeit? Schlägt man die Ausgabe der Correspondance Littéraire von Tourneux auf, dann fehlen in ihr genau die fünf Monate der Abwesenheit Grimms, kommentarlos. Sie fehlen nicht nur in dieser Ausgabe, sie fehlen überhaupt in der Correspondance. Das war schon dem Hegelianer Rosenkranz aufgefallen, dem wir die erste und noch heute intelligenteste Diderot-Monographie verdanken. Auch er hatte keine Erklärung dafür. Hatte Grimm seinen Freund vergeblich so hart arbeiten lassen? Hatte er ihn mißbraucht? Sein kritisches Genie für den Papierkorb arbeiten lassen? Kritik schließlich war eine, wenn nicht die Leidenschaft Diderots, gelenkt gleichzeitig durch Aesthetik und Moral.
Er litt unter schlechten Büchern und unter schlechten Dichtern, wie man aus der Geschichte des Poeten von Pondichéry weiß, und aus anderen Zusammenhängen weiß man, wer sein Abgott als Kritiker war. Als andere von Pollion erzählten, der angesichts von schlechten Versen des Augustus gesagt hatte, einer, der zwanzig Legionen kommandiere, könne keine schlechten Verse machen, hat er erwidert, daß er mehr als Pollion denjenigen liebe, der aus den Steinbrüchen geholt wurde, zu denen er verurteilt worden war, weil er die Verse des Tyrannen Dionys schlecht gefunden habe, und um sein Urteil über neue Verse des Tyrannen gebeten, geantwortet habe: »Bringt mich zurück in die Steinbrüche«. ›Ach! meine Freundin – und diesmal ist das nicht Sophie – Verteidiger der Wahrheit aus Beruf, die zurückweichen, wenn es sich darum handelt, sie zu gestehen? Vielleicht wäre ich so feige, aber ich würde mich deswegen verachten. Wenn man den Mut nicht hat, zu seinen Worten zu stehen, gibt es nur eins: schweigen. Ich will nicht, daß man den Tod sucht, aber ich will auch nicht, daß man ihn flieht.‹
Moral war es auch, die nach mehr als drei Jahrzehnten der Freundschaft mit Grimm ein plötzliches Ende bereitete. Grimm hatte sich verändert, schon seit Beginn der sechziger Jahre. Er hatte nach und nach die liberalen Grundsätze aufgegeben, die er mit Diderot teilte, und redete mit zwei Zungen, meist mit einer höfischen. Diderot dagegen wurde mit den Jahren immer radikaler, also aufrichtiger. Er hatte die Hoffnung auf Reformen aufgegeben und hegte revolutionäre Gedanken. ›Das Buch‹, hat er ein Jahr vor seinem Tode geschrieben, ›das ich liebe und das die Könige und ihre Höflinge verabscheuen, ist das Buch, das Brutusse zeugt; man gebe ihm welchen Namen auch immer.‹
Kurz vorher war die berühmte dritte Auflage von Raynals Geschichte beider Indien mit ketzerischen und radikalen Beiträgen aus Diderots Hand erschienen, die Grimm zu der Bemerkung veranlaßte: ›Entweder glauben Sie, daß die, die Sie angreifen, sich nicht an Ihnen rächen können, und dann ist es erbärmlich, sie anzugreifen; oder Sie glauben, daß sie sich rächen können und werden; dann ist es töricht, sich ihrem Groll auszusetzen.‹ Diderot hat daraufhin einen von Herbert Dieckmann im fonds Vandeul aufgefundenen Text verfaßt, der den einstigen ›Propheten‹ als ›Antiphilosophen‹, den Autor aber immer noch als Philosophen, den ersten als korrumpierten Pragmatiker, den zweiten aber als moralische Person erweist.
Noch einmal: die Arbeit eines solchen Mannes, die Arbeit eines halben Jahres verloren? Sie ist nicht verloren, Grimm hat ehrenhaft gehandelt. Diderot hat ihm bei seiner Rückkehr ein Konvolut von etwa vierzig Rezensionen übergeben, von denen rund ein Drittel in der Correspondance Littéraire veröffentlicht worden ist, im Herbst und Winter 1769. Aber das wissen wir erst seit wenigen Jahren durch die Herausgeber der großen Diderot-Ausgabe.
Die Geschichte ist damit noch nicht ganz am Ende, denn noch haben wir eine Bemerkung vom August 1769 nicht kennengelernt: ›Wenn es keine neuen Bücher gibt, über die ich berichten kann, mache ich Auszüge aus Büchern, die es nicht gibt, und warte darauf, daß sie geschrieben werden.‹ Ein hinreißender Einfall, den ein Menschenalter später ganz ähnlich ein deutscher Kritiker gehabt hat, aber offensichtlich wirklich nur ein Einfall, denn Diderot hat in Wirklichkeit etwas ganz anderes getan, er hat nicht Auszüge aus Büchern gemacht, die es nicht gab, sondern fast nebenbei eines seiner blendendsten Werke zu Papier gebracht, das Gespräch zwischen D̕ Alembert und Diderot und seine beiden Fortsetzungen, die ihn als das zeigen, was alle zu sein hätten, als kritischen Kritiker.
Damit ist die Geschichte zu Ende, die Frage nach Diderots Tätigkeit zwischen dem Mai und September 1769 beantwortet. Aber: ›Die Antwort ist das Unglück der Frage.‹