Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Ausgezeichnet werden Autorinnen und Autoren herausragender Kritiken und Essays aus den Bereichen Literatur, Musik, Theater, Kunst und Kulturpolitik. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträgerin 2020

Iris Radisch
Johann-Heinrich-Merck-Preisträgerin 2020

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht der Literaturkritikerin Iris Radisch den mit 20.000,- Euro dotierten Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2020.

Iris Radisch beeindruckt als Kritikerin und Essayistin durch profunde Kenntnis der deutschsprachigen und internationalen Literatur. Mit strengem Blick und zugeneigter Aufmerksamkeit begleitet sie das Schaffen zahlreicher Schriftsteller, und gerade als Redakteurin kämpft sie mit charmanter Hartnäckigkeit und geschliffenem Stil für anspruchsvolle Bücher, für eine Idee von ernsthafter Literatur jenseits aller Moden.

Zur Pressemitteilung

Der Preis wird am 31. Oktober 2020 in Darmstadt verliehen.

Aufgrund der COVID-19-Pandemie kann die Preisverleihung leider nicht öffentlich stattfinden.

Preisträger

Daniela Strigl

Daniela StriglDaniela Strigl

Literaturwissenschaftlerin und Literaturkritikerin
Geboren 1964

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2019
Laudatio von Lothar Müller
Dankrede von Daniela Strigl
Urkundentext

Sie beeindruckt durch die Breite ihres literarischen Horizonts und durch ihre stets wache Zeitgenossenschaft.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Ernst Osterkamp
Vizepräsidenten: Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Monika Rinck, Beisitzer: Elisabeth Edl, László Földényi, Michael Hagner, Dea Loher, Ilma Rakusa, Marisa Siguan

Die Parallelaktion

LAUDATOR
Lothar Müller
Geboren 1954
Journalist, Publizist und Literaturwissenschaftler

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
hochverehrte Honoratioren und Honoratiorinnen,
liebe Daniela Strigl,
an ihren Sätzen sollt ihr sie erkennen, das gilt für die Literaturkritiker wie für die Autoren. Und an den Sätzen, die sie sich zu eigen machen. Nehmen wir zum Beispiel die Sentenz »Ein Gedanke kann nicht erwachen, ohne andere zu wecken.« Sie stammt von der österreichischen Autorin Marie von Ebner-Eschenbach. Daniela Strigl hat sie als Motto über den Abschnitt »Essay« gesetzt, in ihrem Buch Alles muss man selber machen, ein Titel übrigens, dem so gar nichts Seufzend-Anklagendes anhaftet, sondern der schlicht und einfach die Do-it-yourself-Parole formuliert, mit der sie in ihrem Werk das Kleeblatt aus Biographie, Kritik und Essay aufblättert. Wenn ich im Folgenden die Sätze, die ich aus ihren Schriften zitiere, persönlich nehme, also nicht lediglich als Aussagen über die Welt lese, sondern als Auskünfte über die Kritikerin Daniela
Strigl, dann fühle ich mich von ihr selbst dazu ermuntert. Denn wer sie auch nur ein wenig dabei verfolgt, wie sie alles selber macht, dem kann nicht entgehen, dass sie die Einheit von Charakteristik und Kritik verkörpert, die am Beginn des Aufschwungs von literarischer Kritik und Essay stand, titelgebend in Friedrich und August Wilhelm Schlegels Charakteristiken und Kritiken. Nie marschieren in ihren Rezensionen die Sätze stracks auf ein Urteil los, stets umspielen sie zunächst ihren Gegenstand, erkunden die Ansprüche, die er selbst sich stellt. Die Maxime, unter der dies geschieht, hat sie einmal so formuliert: »Kritik, wahre Kritik – was nicht unbedingt heißt: professionelle Kritik – muss zunächst das Kunstwerk in seiner Gestalt nacherschaffen, nachvollziehen.« Die Kritik ist in diesem Satz der Fluchtpunkt der Charakteristik, aber ohne Charakteristik würde der Gegenstand der Kritik ins Ungefähre verflattern.
Wie aber lässt sie selbst sich charakterisieren, wie lässt sich die Gestalt der Kritikerin Daniela Strigl nachvollziehen, nacherschaffen? Versuchen wir es mit dem Satz »Ein Gedanke kann nicht erwachen, ohne andere zu wecken«. Ob er universell gilt, ist fraglich. Es sind immerhin, auch auf dem Feld der Literaturkritik, unaufgeweckte Gedanken gar nicht so selten. Gewiss aber ist: Ein Gedanke, der im Kopf von Daniela Strigl erwacht, hat es sehr gut getroffen. Denn dieser Kopf gehört zum Reich des Witzes.
Das Neueste aus dem Reich des Witzes, diese Beilage zur Königlich privilegirten Berlinischen Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, verantwortet von Gotthold Ephraim Lessing, war eines der ersten Foren öffentlicher Kritik im Deutschland des 18. Jahrhunderts. Man muss den Begriff Witz im Sinne Georg Christoph Lichtenbergs nehmen, als korrosive Kraft, die eine Pointe verschmäht, wenn sie auf Kosten des Verstandes geht, um ihn in einer Charakteristik Daniela Strigls, die übrigens Lichtenberg häufig zitiert, verwenden zu können. Witz, sagt Friedrich Schlegel, ist logische Geselligkeit. Die Affekte aber und das Temperament müssen dabei nicht draußen bleiben, sie sind unabdingbar für die Legierung des Stils von Charakteristik und Kritik. Daniela Strigl mag es nicht, wenn im Feuilleton »dünne Suppe aus goldenen Schüsseln« verabreicht wird, verdächtig ist ihr die »Verkleisterung von Kunst mit marktgängig mehrheitsfähiger Moral«, zu ihrem Stil gehört in Wendungen wie diesen ein Element, das eng mit dem Witz verschwistert ist: Prägnanz.
Über Marie von Ebner-Eschenbach schreibt Daniela Strigl in ihrer
fulminanten Biographie, dass sie »mit ihrer Scharfsicht, ihrer Fähigkeit zur Pointierung, aber auch einem gewissen Quantum Bosheit durchaus das Zeug zur Kritikerin gehabt hätte«. Ich erlaube mir, auch diesen Satz in die Charakteristik seiner Urheberin einzufügen, und ziehe als Beleg dafür den ersten und den letzten Satz der Rezension heran, die sie dem Romandebüt ihres Landsmannes André Heller gewidmet hat. »André Heller muss man mögen, so wie man Ingwerkekse mögen muss oder Maiglöckchenparfum.« Die Ingwerkekse in diesem Anfangssatz sind vergiftet, vom Maiglöckchenparfum ganz zu schweigen, und das Gift wird im letzten Satz der Rezension die Allerweltsformel des konventionellen Bedauerns durchtränken: »Man kann ihn für vieles bewundern, für das Verfassen von Romanen leider nicht.«
Wer zu solch pointierter Prägnanz, solch korrodierendem Witz fähig
ist, muss über eine spitze Zunge verfügen. Und klug genug sein,
diese spitze Zunge nicht zur losen Zunge zu machen, sie also nur wohldosiert, nicht inflationär einzusetzen. Daniela Strigl verfügt über diese Klugheit, und ein Grund dafür ist, dass sich ihr kritisches Temperament nicht allein im Medium der Schrift herausgebildet hat. Witz und Zunge sind mit der Mündlichkeit im Bunde. Wer je mit ihr in einer Jury gesessen oder ihre Auftritte als Jurorin beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb verfolgt hat, der weiß, wie souverän Daniela Strigl die Kunst der lebendigen Rede und mündlichen Charakteristik beherrscht. Eine Schule dieser Kunst ist – von der französischen Moralistik bis ins Wien und Berlin der ästhetischen Moderne – die Salonkultur, die von Sottisen gewürzte Konversation, aber auch die scheinbar harmlose Plauderei.
Wir sind hier nicht im Salon. Sondern auf der Bühne der Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung. Das verlangt einen gewissen
Ernst und verbietet das Abgleiten einer Laudatio in die Plauderei.
Also frage ich streng kantianisch : Es gibt die Rezensentin Daniela
Strigl, die in Wort und Schrift die Kunst der Charakteristik beherrscht, es gibt die Buchautorin Daniela Strigl, die Biographien über Marie von Ebner-Eschenbach und Marlen Haushofer verfasst hat, es gibt die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl, die nicht erst seit ihrer Dissertation über den Lyriker Theodor Kramer unablässig in Fachzeitschriften veröffentlicht, es gibt die Essayistin, die, wie im angelsächsischen criticism üblich, im journalistischen Tagesgeschäft ebenso zu Hause ist wie im strengen Diskurs der Philologie, es gibt die Jurorin und die Moderatorin auf Podien in Deutschland, Österreich und der Schweiz – wie ist diese unwahrscheinliche und unwahrscheinlich produktive Figur mit ihrer kaum überschaubaren Publikationsliste möglich?
Die Strigl-Kunde gibt eine vorläufige, soziologisch grundierte Antwort. Eine der Bedingungen für die Möglichkeit dieser Figur, zumal ihrer stilistischen Bandbreite und der Vielfalt medialer Formen, deren sie sich bedient, liegt in der Infrastruktur, in der sie sich bewegt, in den formellen und informellen Ämtern, die sie ausübt. Daniela Strigl ist Universitätsdozentin in Wien mit all den Tagungs- und Forschungsvorhaben, die das mit sich bringt, und sie ist Journalistin, war, zum Beispiel, Chefredakteurin der steirischen Kulturzeitschrift was. Sie hat dieser Überlagerung diskursiver Felder den Facettenreichtum ihrer Autorschaft abgewonnen, das Zugleich von hundert Zeilen Glosse und mehrhundertseitiger Biographie, anmerkungslosem Essay und fußnotengespicktem Aufsatz, Intervention der Jurorin und editorischer Notiz, Vorwort zu einer Anthologie und Vorwort zu einer Werkausgabe. Geboren im Jahr 1964 in Wien, verknüpft sie Anregungen, die sie auf der einen Seite von ihrem akademischen Lehrer, Wendelin Schmidt-Dengler, empfangen hat, der zur Spezies der publikums- und gegenwartszugewandten, stilistisch eleganten Germanisten gehörte, und zum anderen von der
Kritikerin Sigrid Löffler, der großen österreichischen Antipodin Marcel Reich-Ranickis, mit der sie nicht jedes Urteil – etwa über Thomas Bernhard – teilt, von deren Rezensionen in der Zeitschrift Profil sie aber sagt: »Löfflers Schärfe hat mir jahrelang den Montag versüßt.«
Es gibt die Kritikerin Daniela Strigl – wie ist sie möglich ? Wir sind noch im Vorhof einer Antwort, nähern uns aber den Regionen, in denen die wichtigsten Energiequellen ihrer Produktivität zu vermuten
sind. Zwei Sätze können als Wegweiser zu diesen Quellen dienen. Der
erste findet sich in Daniela Strigls Antwort auf eine Umfrage der Zeitschrift Neue Rundschau zu Walter Benjamins Die Technik des Kritikers in dreizehn Thesen. Sie erlaubte sich, eine vierzehnte These anzufügen, und die lautete lapidar: »Der Kritiker kann auch eine Kritikerin sein.« Das war mehr als eine Ergänzung. Es war eine Klarstellung, die alle zuvor formulierten Thesen betraf. Der zweite Satz ist in ihrer sechsten These enthalten: »Der Kritiker mag getrost moderieren, diskutieren, kommentieren, jurieren, sofern er nicht aufs Kritisieren vergisst.« In der Selbstverständlichkeit, mit der hier die Wendung »aufs Kritisieren vergessen« auftaucht, steckt der Satz: »Die Kritikerin kann auch eine Österreicherin sein.«
Die rituelle Klage über die Beliebigkeit und Richtungslosigkeit der
gegenwärtigen Literaturkritik ist bei Daniela Strigl gegenstandslos.
Denn sie verfolgt ein Projekt. Man könnte es als eine Parallelaktion bezeichnen, die aus diesen beiden Sätzen hervorgeht. Sie zielt zum einen darauf ab, das Recht und die Ausdrucksformen weiblicher Autorschaft zur Geltung zu bringen, und zwar über den Horizont der Gegenwart hinaus. Und zum anderen darauf, die Besonderheit der österreichischen Literatur und ihrer Ausdrucksformen zur Geltung zu bringen, auch dies über den Horizont der Gegenwart hinaus. Und über den Horizont Österreichs.
Funkelnde polemische Essays hat Daniela Strigl den Lipizzanern und der Kommerzialisierung der Spanischen Hofreitschule in Wien gewidmet, gegen die zeitweilige Einführung des preußisch-berlinischen Imperativs »Zurückbleiben, bitte!« in der Wiener U-Bahn hat sie energisch protestiert. Interventionen wie diese lassen sich der Striglschen Innenpolitik zuordnen. Entscheidender aber ist, dass sie eine österreichische Kritikerin ist, die im gesamten deutschen Sprachraum gehört wird und Autorität genießt, ob sie nun den neuen Roman des Leipziger Autors Clemens Meyer oder den des Wiener Autors Thomas Glavinic rezensiert oder den Erzählgestus der jüngsten Folgen in der Endlosserie des österreichischen Familienromans analysiert. Ihre Rezension des Debütromans von André Heller ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen, sie publiziert aber auch in der Zeit, in der Literarischen Welt und der Süddeutschen Zeitung, und in dem Wirbel, den sie im österreichischen Literaturbetrieb mit den vergifteten Ingwerkeksen erzeugt hat, konnte sie auch deshalb bestehen, weil sie den Sektionschefs der österreichischen Publizistik mit dieser multilateralen Autorität gegenübertreten
konnte.
Sie hat diese Autorität gewonnen, ohne die in ihrer Generation naheliegende Option zu wählen, sich als Speerspitze der österreichischen Moderne und Avantgarde zu inszenieren. Sie hat über die Kellerkinder der Avantgarde im Österreich der Nachkriegszeit und H. C. Artmann geschrieben und auch über Ingeborg Bachmann, aber immer mit dem Vorbehalt »Der Blick auf eine Ikone schränkt das Sichtfeld ein«, denn für jede Kunstreligion ist Daniela Strigl verloren. Thomas Bernhard liest sie nach eigenem Bekunden seit je, ohne aber den Drang zu verspüren, über ihn zu publizieren. Kurz, statt die Exportschlager der österreichischen Nachkriegskultur ins Zentrum ihres Werks zu stellen, hat sie ihre Parallelaktion dem strategischen Ziel unterstellt, den Begriff der literarischen Moderne selbst zu revidieren, von der Fixierung auf die Avantgarde zu lösen. Dafür steht ihre Dissertation über Theodor Kramer, in der sie den scheinbar erdverhafteten, gern von Heimatvereinen in Anspruch genommenen jüdischen Dichter im Horizont der Neuen Sachlichkeit erörtert. Dafür stehen vor allem ihre Biographien über Marlen Haushofer und Marie von Ebner-Eschenbach. Hier verschmelzen die beiden Seiten ihrer Parallelaktion. Diese Biographien bringen die spezifischen Ausdrucksformen weiblicher Autorschaft wie die Besonderheiten der österreichischen Literatur im Raum der deutschsprachigen Moderne insgesamt zur Geltung. Sie stehen in einer Tradition, die wie der Witz, die Prägnanz und die Charakteristik
zum Aufschwung der literarischen Kritik im Zeitalter Johann Heinrich
Mercks gehört. Ich meine das Gegenüber der Polemik, die rettende
Kritik. Seit Lessing gilt sie den Toten, und zwar solchen Toten, die verleumdet, missachtet oder allzu gering geschätzt wurden. Daniela Strigl hat den Dichter Theodor Kramer gegen die vernichtenden Verdikte Elias Canettis gerettet. Sie hat die Texte von Marlen Haushofer, nicht nur den Roman Die Wand, sondern auch die Erzählungen, etwa Die Mansarde oder Wir töten Stella, gegen die Demutsgesten ihrer Verfasserin in Stellung gebracht, um sie als ebenbürtige Kontrastfigur zu Ingeborg Bachmann charakterisieren zu können, als Autorin von Rang, die es hinter ihrer Selbststilisierung als »›geplagtes Haustier‹ mit maßvollen literarischen Ambitionen« zu entdecken gilt.
Daniela Strigls Biographie von Marie von Ebner-Eschenbach ist ein
Musterbeispiel rettender Kritik. Gegen das Klischee der in eine Gloriole der Milde gehüllten behäbigen Matrone in Lebensführung wie Literatur entdeckt sie – wiederum gegen Selbststilisierungen und Selbstmissverständnisse – eine Großfigur des österreichischen Realismus wie der Listen weiblicher Autorschaft, eine Erzählerin, deren Werk zumal dort, wo es das blockierte Begehren und die unglücklichen Ehen ins Auge fasst, in die Regionen ästhetischer Modernität vorstößt. Daniela Strigl überführt Marie von Ebner-Eschenbach ihrer von ihr selbst verleugneten und in ihrer Rezeption verschütteten Modernität. Sie überführt sie – mit Hilfe von Georg Groddeck und seinem Buch vom Es – auch ihrer Sinnlichkeit in der Literatur wie im Leben, so wie ein Detektiv im scheinbaren Unschuldslamm die Täterin aufspürt.
Die Rettung der moderaten, im Widerspruch mit sich selbst stehenden
gegenüber der spektakulären Moderne hat bei Daniela Strigl Methode. Sie schließt die Fahndung nach Widersprüchen im scheinbar festgefügten Zentralmassiv der österreichischen Heimatliteratur des
späten 19. Jahrhunderts ein, die Entdeckung des kritischen Realismus
im Werk Peter Roseggers, etwa im Roman Jakob der Letzte sowie ihr
beharrliches Eintreten für Autoren wie Walter Buchebner und Albert
Drach.
»In meiner Familie habe ich immer als Michael Kohlhaas gegolten«
und »eine gewisse konservative, wertkonservative Haltung hatte ich
schon als Teenager«, auch das sind Strigl-Sätze. Sie sind eine gute Einstimmung auf die Frage, ob es sich bei der Kritikerin Daniela Strigl um eine feministische Kritikerin handelt. Sie ist es zweifellos in ihrem Eintreten für Autorinnen von Ebner-Eschenbach bis Elfriede Jelinek, in der Hartnäckigkeit, mit der sie den Bedingungen und Restriktionen der Entfaltung weiblicher Autorschaft nachspürt. Manifeste für die »gendergerechte Sprache« aber sind von ihr nicht zu erwarten. Ihre Kohlhaas-Natur sträubt sich gegen jede von oben verordnete Sprache, und sei das »Oben« auch eine »sprachfeministische« Reform. In deren Rigorismus wittert sie eine »Überreaktion und Überkompensation für die jahrhundertelange Repression des Weiblichen«. Ihre Skepsis formuliert sie mit Sätzen von Ingeborg Bachmann : »Wo nur mit der Sprache hantiert wird, damit sie sich neuartig anfühlt, rächt sie sich bald und entlarvt die Absicht.«
Die Sprachempfindlichkeit Daniela Strigls ist von ihrem Witz, ihrer
Prägnanz und Kunst der pointierten Formulierung nicht zu trennen. Sie kann es sich erlauben, dem sprachfeministischen Furor, der
»Gendermania«, die kalte Schulter zu zeigen, weil in ihrer Parallelaktion der Feminismus immer schon enthalten war. Nur eben nicht in der Form des Manifests, sondern im Medium der rettenden Kritik. Für ihre Sprachempfindlichkeit, ihre Sprachlust, ihren Sprachwitz und ihre Urteilskraft wird die Essayistin, Biographin und Kritikerin Daniela Strigl heute zu Recht geehrt. Herzlichen Glückwunsch zum Johann-Heinrich-Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung!