Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Friederike Mayröcker

Friederike Mayröcker

Schriftstellerin
Geboren 20.12.1924
Mitglied seit 1985

Georg-Büchner-Preis 2001
Laudatio von Thomas Kling
Dankrede von Friederike Mayröcker
Urkundentext

... deren aus vielen und vielfältigen Büchern bestehendes Werk mit seinen Sprachströmen, Worterfindungen, Assoziationsereignissen die deutsche Literatur auf ureigene Weise reicher gemacht hat...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Christian Meier
Peter Hamm, Harald Hartung, Peter von Matt, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Klaus Reichert, Lea Ritter-Santini, außerdem Peter Benz (Stadt Darmstadt), Dieter Betz (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst)

Phantasie über LENZ von Georg Büchner, oder Gedächtnisrevolution im Steintale bei Pfarrer Oberlin in der vogesischen Wüste

am Abend des 20. Jänner 1778 erreicht LENZ das Dorf Waldersbach im Steintal, betritt das Pfarrhaus, wird von Pfarrer Oberlin willkommen geheiszen, verbringt 1 unruhige Nacht, stürzt sich in den Brunnen, und gierig wieder aufs Zimmer zurück. 20 Tage weilt LENZ im Pfarrhaus, schreibt Briefe, hält Predigten, »1 schöne Predigt, nur mit etwas zu vieler Erschrockenheit«, so Pfarrer Oberlin.

Mit 1 Ohr horchend auf den Topos der Poesie mit dem anderen auf des Todes Grauen und den Schauer des Wahnsinns. Daneben die Suppenschüssel, Schnüre der Suppe, das Brot.

Während er sein Gewand zu 1 Schosze zusammenfaszt, berauscht er sich an dem Atem der Alpenluft, in der angenehmen Gesellschaft der Morgensterne, sehnt sich nach seiner Geliebten, will 1 Kind im Nachbarort vom Tode auferwecken, mit seinem SPEZIALGEIST, will auf solche Weise die geliebte Friederike Brion zu neuer Liebe erwecken. Dann flort 1 Boskette aus Nebelwand um sein Gesicht dasz ihm bang wird, dunkles üppiges Blumengebinde, von der Gartenfassade her, büschelt ihm ans Auge: Rispen von blau und grau, Asche über dem Himmel. Wie ich gezogen bin, gelaufen, gestrichen, durch dieses Hinterland, so LENZ, habe ich von solchem Herumstreichen, Vagabundieren 1 melancholisches Herz bekommen: das Durchflügeln nämlich der vollen Bäume und Kräuter, erinnert 1 bis zum Horizont wogendes Grün von Tee und Ährenfeld, wirbelt dann seine Füsze hervor oder wickelt sie aus den Mullbinden, stürzt sich abermals in den Brunnstein, in die Brunnenbütte, in den Brunnentrog und gierig auf sein Zimmer zurück, schreibt an Lavater, in diesen seinen Tränen-Trümmer-Geschäften Delirien, usw. –

Büchner hat anhand der Aufzeichnungen Oberlins über die Vorkommnisse in seinem Hause, welche mit der Ankunft des Dichters LENZ zusammenhängen, seine Novelle LENZ aufgeschrieben: 1 unvergleichliches Meisterwerk, mit offenem Ende, 1 unvergängliches Stück deutscher Prosakunst. – Hier gelingt es Büchner, Lenzens Trauer darzustellen, darüber, dasz er durch Angst und Verzweiflung nicht imstande ist, Verantwortung für sich und die ihn umgebenden Menschen zu übernehmen, was durch den erschütternden Schluszsatz SO LEBTE ER HIN seinen Höhepunkt erfährt.

Büchner ist mit seiner Novelle LENZ vermutlich der 1. Dichter, der die moderne Technik der Montage angewendet hat.


Teil 2 :

also hatten wir sehr viel Regen und Witterung, sagt LENZ, ich murre selbst auf mein abgängiges Gedächtnis, nur so viel weisz ich dasz ich in Ehrfurcht (Erfurth) halt machen wollte, LUST WÄLDCHEN. Ich erhielt warme Beköstigung, alles freundete sich mit mir an, während ich betete zur kl. Chimäre mit der ich morgens aus dem Bette stieg. An Lavater habe ich den anderen Tag geschrieben: warst du es nicht, Lieber, der mir erzählt hat, dasz Apostel Johannes in den Zwischenstunden, da er das Evangelium schrieb, weiter nichts tat als mit seinem Sperber zu spielen? – und weiter: wenn der Schimmer einer Morgensonne die Jalousien durchdringt, ist es wie die Glorliole der heiligen Anna, die ihren Mann Joachim küszt und umarmt, während in dem Bildzwischenraum zwischen den Seitenansichten der beiden Heiligen 1 geheimnisvolles weil fast unzugängliches 3. Angesicht zum Vorschein kommt, was als Vorgriff auf die kubistische Kunst, insbesondere bei Picasso, verstanden werden mag (solch Schädel Wallfahrt und Almwäsche, den tollen Fusz versinken lassend im feuchten bewaldeten Erd- oder Himmelreich, usw.) und weitergeschrieben: als ich gestern das Päckchen öffnete, sind mir so viele Gedanken auf 1 x durch den Kopf gegangen, und es wäre 1 schöner Brief geworden, heute vormittag wieder alles verschwunden, und verschwommene Mattigkeiten. Aber es war gestern schon sehr spät, und ich wollte nicht riskieren, nicht mehr einschlafen zu können, wie es bei allzu spätem Bettgehen immer wieder passiert, usw. Bin glücklich über dein Geschenk, den violetten Chalzedon, den ich sogleich ans Lederband geknüpft und um den Hals gelegt, auf dasz der Wunderstein immer bei mir sei, denn die wechselnden Stimmungen und überschieszenden Passionen sind schwer zu ertragen – ich glaube ja selbst nicht daran, an mein Schreibenkönnen, und das Gefühl, jemand könnte zusehen oder auf das Klopfen, der Maschine lauschen, wäre ganz und gar blockierend, schreibt LENZ an Lavater weiter, der Stein wird mir seinen Zauber nicht versagen, sobald ich ihn mit den Lippen berühre, sei mir weiterhin DONNERND und behalte mich lieb... ich wünschte ich könnte noch 1 x 1 Buch schreiben ohne das Thema der Selbstzerstörung, ach die Weltprovinz, alles auf Abruf, alles verbeult, die verknäulten Prinzipien. Ich hänge ja ganz heraus aus der Zeit aus dem Tag, auch bin ich nur imstande, aus 1 Kopf Verzweiflung heraus zu schreiben, auf unsäglichem Teppich 1 Bäumchen im Fensterwinkel, will mich nicht umbringen, will nur Ruhe und Trost, usw.

NIMM FLÜGEL, und gierig wieder aufs Zimmer zurück, so 1 Nachsinnen ist über den Tagen dasz ich es selbst nicht weisz, nur wittern kann Ost und West, nur gehen kann aus und ein, ohne Gedanken, nur ächzen im Blasebalg (Wind) dasz es tobt in Kopf und in Auge, dasz ich stundenlang auf meinem Lager müszig, wo Schlummer und Traum mich schlieszlich umfangen – ach 1 Dämmern, 1 Donnern, Umhertoben, Stürmen, nur Gefühle Gefälle von.

Fastet sogar der Zaunkönig unter den Mandelbäumen (Mohnpflanzungen), Fusz rührt an Bergspitze von Blumen, etwa Provinzen, also bin ich mein eigenes Kleidermagazin, 1 Monstrosität, trage sämtliche Kleider übereinander auf dem Leib, die Blicke der Passanten mir folgen, mich verlachen, über mich spotten etc., nehme die Socken von Trockenleine statt sie über die Füsze, fahre mit den Händen hinein, gebrauche sie wie aus der Form geratene Fäustlinge, Bermudas, bin fast ganz von Kleidern und Wäsche, bin in heillosem Nervenzustand, manchmal sogar die Hemisphäre angekleckert, was mein restliches Selbstgefühl austreibt... bin immer gleich untertan, gerate in jedermanns Sog oder Schuszfeld, verliere mich an die Vielfalt der Möglichkeiten, habe für dich lieber Lavater, so LENZ an Lavater, habe für dich ALLES MEXIKO mitgebracht, auch Pelikane Feder (Pelikans), habe am Morgen, – viel zu selten – die Vision oder Perlhuhn, weine die halbe Nacht, kann kaum mehr etwas zusammenbringen, lese tief in den Morgen, sehe jungen Fuchs auf dem Fuszboden in meiner Kammer, das spitze Gesicht, seine zusammengeschobenen dunklen Strümpfe, dann wieder das Schwirren Blinken und Funkeln in meinem Kopfe, dasz es wie Gestöber durcheinander zu wirbeln scheint, dasz es die Herzschläge beschleunigt, den Gehörsinn verstümmelt, bis endlich nur noch 1 Vibrieren vernehmbar, oder Dahlien Kopf... das knistert so bei der Abschaffung meines Körpers, so LENZ an Lavater, lauter Wahrheiten gemischt mit Emotion, usw., das Schreiben vielleicht 1 Anflehen, 1 triebhaftes Nachspüren eines intellektuellen Geschmacks auf der Zunge... die Wahrheit ist, unsere Welt- und Lebensenttäuschungen werden durch unser Schreibenkönnen gnädigerweise aufgefangen, ohne dieses unser Schreibenkönnen wären wir längst wahnsinnig geworden, unter allen Gesichtswinkeln, ich glaube der Stiefmütterchen Geist von Horst Jannsen: »ich bin ganz Auge«, hat er geschrieben und legte sich Stiefmütterchen aufs Auge, deckte seine Augen mit Stiefmütterchenblüten zu, erschreckend sein weit geöffneter lachender Mund, vielleicht hatte auch er die Angst gekannt, verrückt zu werden, wie wir anderen auch. Wie Mutter wenn sie den ganzen Tag den Zwang verspürte, das AUGE DES GOSAUSEES zu betrachten, sie sagte dann, sie habe die Angst verrückt zu werden, weil sie den ganzen Tag dieses AUGE DES GOSAUSEES betrachten müsse, nichts sonst, immer nur DAS AUGE DES GOSAUSEES, sie starre den ganzen Tag und die halbe Nacht auf das AUGE DES GOSAUSEES und wartete auf den Augenblick des Verrücktwerdens, usf.

Auch fürchte er sich vor sich selbst in der Einsamkeit eines Waldes, nicht wahr, obwohl, die Täler waren die schönsten, die Alpenhäuschen... die Pflanzstätten, das Kosthaus.

Viel Aberwäldchen und Atemwäldchen in Stadt und Land, so LENZ an Lavater, möchte mich da ins KRISEN-HÄUSCHEN zusammenkauern, keine FIRMUNGSMENSCHEN mehr sehen, aber die Sprüh- und Glühperiode der deutschen Literatur bedenken, und Flurgesang, er nehme an dasz das was die Seele im Schlafe tue, ihr eigentliches Geschäft sei, nicht wahr.

Und sagen alle: ich schreibe apostolischen Stil, und sagen alle: meine Schriften haben 1 geheime Grammatik, furios, in den Fingerspitzen kribbelt die Buchstabenwelt, usw.

Bin in den Brunnen gesprungen, das kalte Wasser hat gut getan, und gierig zurück auf mein Zimmer, verwende seit Tagen den gleichen Löffel das gleiche Gerät, so dasz ich nicht mehr unterscheiden kann zwischen Wachen und Träumen, so LENZ an Lavater, habe Magnolien gemalt vor den Kindern, Kindschaften, Trachten und fremde Bäume. Das ganze ist 1 Aufbau, wenn zu viel geflogen wird, auch der Vormittag ist 1 Aufbau, Mutter hatte veilchenblaue Augen oder Vergiszmeinnicht, erinnere nicht was ich hatte tun wollen, das Leben scheint mir verworren, das Sausen der Wälder, Geschwirr elegisch und Blattgeriesel, habe mir kaum die Schuhe zugebunden oder beseelt, im Traum 1 Vogel zieht schwarze Schleppe nach, sakraler Akt, Oberlin liest aus seinem Kalender vor, der Regen prasselt gegen die Scheiben, als sei Wasser keuchend und kochend im Topf, dann erhob sich der Wind, ich hörte im Schlaf wie die Uhr pickte.

Alles ist angebracht, alles ist möglich. –

Wir dürfen jedoch nicht übersehen, dasz 1 solches Kunstwerk, 1 solches BÜCHNERKUNSTWERK in seiner Leuchtkraft und Empfindsamkeit recht wenig zu tun hat mit jener historischen Figur eines LENZ: eine solche KUNSTWISSENSCHAFT, eine solche KUNSTREDE, eine solche Kunstleibeserzählung nämlich.

Dieser ganze Telegraph zwischen uns, schreibt LENZ an Lavater, dieser ganze Telegraph zwischen Friederike und mir, Anmerkungen einer Trauer, Erscheinungsblässe, alles abbildern meine Augen wollen alles abbildern, Mirakel und Nelkenfeld, Feld von Azur, 1 nie vollendete Liebesszene, tausend Gefühle und deren Gegenteil, die Eintracht der Laube schmeckend, Landschweifungen: Landabschweifungen, das Blinken in den Kronen der Bäume, usw. Ach die Rehe murmelten ihre Wege, das Unwiderrufliche nahm seinen Lauf, nämlich in der Tautropfenform meines Herzens war alles versammelt. Das Geheimnisvolle das ganz und gar Intime das Verborgene machte dasz der Boden unter den Füszen nachzugeben schien. Ach in den nachschimmernden Augen und Auen, bin an die Erde gefesselt, an irgend zärtliche Autoritäten, Genet hat gesagt dasz sein Theater sich an Tote richte... da ist was, da, so Zungen am Horizont, etwas vielleicht Insekt, während ich tippe, geht langsam am geschlossenen Fenster vorüber. Dann, die Phantasie einer Levitation, usw. In Aufwallung vielleicht, der Vogel in seinem Antennenkleid, das Stranden des Vogels auf meinem Handrücken, so oder jenseits oder neben mir, am Straszenrand die schmelzende Amsel, 1 Handteller Handlanger nachts auf meiner Bettstatt, so habe ich mich verlesen, während auf meinen Knien auf heruntergefetzten Papierstreifen die halben Sätze die verrückten Vorlagen für die Weiterarbeit am nächsten Morgen, während der Sturm in der Nacht die Fensterflügel aufrisz und beutelte, oder ich glaube der Sturm peitschte meine Herzschläge dasz sie mir den Schlaf austrieben – also mein Körper so elend geworden indem er in den Gärten oder sonstigen Unterhaltungen. (Die unaufgefalteten Flügel auf Zinnien und Zichorie, in der Gartenallee in dem Gartengelände: die exklamierte GEPUTZTHEIT DER ALPEN: LIEBENALPEN, die gefältelten Heiligkeitsräume, NOPPEN IM NACHT AUGE / NACHT CAFÉ, usw. Ach, der Mensch ist drauf und dran, SALZBURGERFÜSZE zu bekommen, so LENZ an Lavater, ich denke oft an mein Mädchen, wundere mich über die Assoziationen die sich einstellen beim Wiederlesen ihrer, Friederikens, Briefe: und Mund an Mund der gelöffelte Purpur, Plüschwange, Märzhäubchen, Blütennerv Stimme und lichtbrüstig: Einweihungen Betäubungen Malz Rosen Efeu Gespinst feines Gerank im rauschenden Ufergelände... habe einen Glühteppich unter den nackten Sohlen, auch Vaterunser-Bewusztsein, und weiter: LENZ an Lavater: da ist 1 Fremder in mir, der hat das alles gemacht, der hat mir das alles geschrieben, der hat das alles geflüstert, nicht wahr. In den Träumen dann alles in mir vollgrünte und ich aufschrieb was mir entgegenwallte – tief tief in Wald also im Unbegreifen. Auch wenn ich mich in meiner Substanz zu gerne schon erlöst wüszte.

Dann 1 paar Tage im Taubenzustand, im Zustand des Taubseins, nur Schlummern Hindämmern sich elend fühlen und krank in äuszerster Demenz, usw., ohne Gedanken, Gefühle, ganz in Niedrigkeit, erbärmlich, vernichtet, zum Schweigen gebracht, verdammt. Den Steg aufwärts zur WINKELEI eines Stadtviertels in dem Bergen, also die BERGSCHAFT mit Ursprungs-Corner als ob dort 1 Quelle entspringe und wir lange vor den Plateau Zweigen...

auch Sturzsucht, ohne dasz ich es vorhabe, mich aus dem Fenster zu schwingen, so LENZ an Lavater, Repetitionszwang, und ohne dasz ich es will, in höchster Geschwindigkeit Worte, ganze Sätze zu wiederholen: WENN DER WEISZE FLIEDER WIEDER BLÜHT, usw. – Und plötzliches Seelenfeuer, und sehe sie, höre sie, wie, sie in ihrem Winterhütchen, und so den Kopf an mich lehnt... und alles wie gerafft, so gräszlich ergriffen und atemlos, dann wieder schwarze tiefe rasende Freude, gesprenkelte Vogelherzen an Leimbäumen, usw., Literatur entsteht aus Literatur, mein geschlitzter Habitus, so LENZ an Lavater, das sind Kinder Gottes in Blumen, Lachsalven, Lachsalven, immer wieder aus Lokalen, der helle Schein, und jeder hat ja 1 einzigen süszen Ort, den er Zeit seines Lebens bewahren möchte, nicht wahr, und hier in der Welt ist dieser mein süszester Ort im Steintal in Waldersbach bei Oberlin usw.

Stottere mich, buchstabiere mich durch deine Seele, lieber Lavater, bin zerrissen, zerronnen, zerlumpt, ach von Mutter und Schwester habe ich meine Liebe meine Lieder zur Natur, fast Andacht, fangen mich auf, wenn ich vom Himmel falle, tief tief ins zitternde Rauschgrün... aus dem Augenwinkel 1 dunkles Flattern gegen die Sonne, fürchtete, mied jede Art von Veränderung., manchmal nicht vors Tor, nicht bis zum Zeughaus – etwa Beobachtung allergeringster Objektveränderungen, als hätte 1 Hand sie aus ihrer ursprünglichen Lage verrückt, dann wieder Lust auszubrechen, mit dem Sturm durch die Täler, die Berge, Plateau-Zungen, Kukuruzwald, in 1 Traum heute nacht die brausende Bora, 1 Kammer mit Möbelstücken vollgeräumt, 2 Luken statt Fenster, Boden, Wände und Decke von Feuchtigkeit morsch, im Vorraum, vom Bett aus, gesichtet: hingekauertes schwarzes Hündchen, Hundedressur. Es ohrringt ja alles, aber ich weisz manchmal nicht, hatte ich 1 Sache schon GELEBT oder hatte ich mir alles nur vorgestellt, ich bete jeden Abend zum Hanf, zu den Laternen, meine Zunge so schwarz, und jemand wusch sie mir mit der Handbürste, wogegen ich schrie, schrie, so laut dasz ich davon erwachte, von 1 Nervenfieber geschüttelt, von ungewöhnlicher Hitze gedörrt, usw.

Das Romfoto, das du mir zukommen lieszest, so LENZ an Lavater, auf den Kopf gestellt, und schon wurde aus der weiszlichen Landstrasze auf der sich 1 menschlicher Schatten abzeichnete, ein weiszes plattes Gesicht mit Schnurrbart, Menjoubärtchen: es war 1 erschreckende Verwandlung ich kann gar nicht so schnell die katholischen Blätter umwenden als die Tage vergehen... so war mein Gesicht schwarz gepudert und Sackleinen um meinen Leib.

Die ausgelegten grünen Gemüse und Fleischfrüchte, grüne Bananen Tomaten Birnen Melonen, selber in brüstchens Mühlstein, Ballen und Säcke von Mehl oder Witterung (Tau) und Harz an den knarrenden Schäften der Bäume, in deren Rinde geritzt Friederikens Name so dasz ich weine, denke den ganzen Tag an sie, bin ganz verwüstet verkommen verdammt, Unpasz der Tränen, sitze am kl. lockeren See, dort wo Geist flattert, das Halluzinative im Aufbegehren, und vieles bleibt UNGEFRÜHSTÜCKT – aber vielleicht sind alle diese Perspektiven zu heulend aufsäszig. –

Wir, Oberlin, Madame Oberlin und ich, ruft LENZ, wir trinken wir sitzen, im Garten, wir haben Tränen auf unserem Gesicht, ach durcheinandergeweint, so durcheinandergeweint, 1 kl. Schöszling auf der Terrasse, wehend und schnaubend: ich jage hinaus ins Schilf in den Turm in die offenen Schlünde der Schwalben und schreie schreie, winde aus nasse Seele, MEINE.

Halbe Stunde muszte ich durch den Wald gehen, Klee an der Kehle. Ganz deutlich sehe ich heute nacht das Wort AMEN in 1 Buch mit weiszen Seiten, dazu massives Picken mehrerer Uhren, vermutlich 4, 1 asynchrones Picken, oder tropfender Wasserhahn, 1 Opiumhain, mitreiszender Morgen, 1 Schwall von Gedankenverkettungen, Gefühlsbelichtungen, Erinnerungsphänomenen, marokkanischen Gazellenhändchen.

Oberlin notiert: er rezitiert Stellen aus Shakespeare, jedes kleinste Papier sei ihm heilig dasz er darauf seine Gedanken schrieb und hätte es nicht vermocht 1 Stück Zettel fortzuwerfen, legte dann sein Gesicht auf den Erdboden so dasz seine Brille verrutschte: legte das Gesicht auf den Boden als wolle er die Erde küssen von Waldersbach, als ob er das Strömen eines unterirdischen Wassers belauschen wolle, ich glaube ERZENGEL AM HIMMEL, in Waldersbach wo er sich geflüchtet hatte in 1 Gestalt, die ihm stetig vor Augen, also die Schwärmerei im deutschen Redewort, oder Einfall allerheiligsten Geistes, etc., und endlich gab sich zur Ruhe. –

1 Häufchen Blume 1 Häufchen Schuh, nämlich diese unverbrüchliche Treue zwischen Natur und Sprache.

Dank:

Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für die Ehre, die sie mir hat zuteil werden lassen, ich danke dem Land Hessen und der Stadt Darmstadt für das Geschenk, das mit der Verleihung des Georg Büchner Preises verbunden ist, ich danke den Mitgliedern der Jury, ich danke Thomas Kling für die Laudatio.

Und ich gedenke in dieser Stunde meinem liebsten Vertrauten Ernst Jandl, der an meiner Freude und meiner Ergriffenheit Anteil genommen hätte, könnte er heute hier sein, an meiner Seite.