Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Victor Lange

Victor LangeVictor Lange

Germanist und Anglist
Geboren 13.7.1908
Gestorben 29.6.1996
Mitglied seit 1957

Friedrich-Gundolf-Preis 1966
Dankrede von Victor Lange
Urkundentext

... den Forscher, Lehrer und unermüdlichen Vermittler deutscher Literatur in den Vereinigten Staaten.

Jurymitglieder
Die Mitglieder der Kommission und des Erweiterten Präsidiums

Der distanzierende Blick

Ich danke Ihnen, verehrter Herr Präsident, und den freundlichen Stimmen, die mich durch die Zuerkennung des Preises für Germanistik im Ausland ehren, sehr herzlich für Ihr Vertrauen. Ein Preis, zumal wenn er so beredt verliehen wird, verführt den Empfänger nur allzu leicht dazu, anzunehmen, er habe ihn tatsächlich verdient. Ich will mich hüten, das Lob ohne die gebührenden Skrupel einzustecken ‒ ne credas laudatoribus tuis ‒ und nehme die Verleihung eher zum Anlaß, ein paar selbstkritische Betrachtungen über die doch wohl nicht ganz selbstverständlichen Funktionsformen eines Germanisten im Ausland anzustellen.
Was rechtfertigt es denn, daß er, der jedenfalls örtlich distanzierte, der sozusagen konsularische Fürsprecher der deutschen Dichtung und nicht der eigentliche, der unmittelbare, der Bonner, der Stuttgarter, der Tübinger Germanist von Ihnen gepriesen und belohnt wird? Ich möchte glauben, daß es der Sinn des Preises ist, nicht nur die eine oder andere gelehrte Leistung auszuzeichnen, sondern den Beitrag der nichtdeutschen Germanistik zu einer gemeinsamen wissenschaftlichen Aufgabe ins Licht zu rücken. Denn wenn es für die Gründer der Germanistik, etwa für Jacob Grimm, und noch für Scherer oder Erich Schmidt und seine Schüler, ein einigermaßen fragwürdiger Anspruch gewesen wäre, jenseits der Aktualität des deutschen Lebens ernste germanistische Forschung und Lehre betreiben zu wollen, so haben sich die Arbeiten und Prinzipien der ausländischen Germanistik während der letzten Jahrzehnte in einem erstaunlichen Maße als wichtig und fruchtbar erwiesen. Die äußere, technische Beweglichkeit des wissenschaftlichen und literarischen Verkehrs hat dazu ebenso beigetragen wie die folgenreiche akademische Emigration nach 1933; vor allem aber ein grundsätzlicher Wandel in der Wissenschaftsgesinnung, die Abwertung jener nationalistischen Denkperspektiven, die gerade für die deutsche Germanistik bis zum Zweiten Weltkrieg entscheidend waren. Es gab eine Zeit, in der der ausländische Germanist sich mit den Vertretern seines Faches in Deutschland eins wissen wollte im Gefühl der gemeinsamen nationalen Sendung, der Überzeugung vom beispielhaften Anspruch seiner Wirkung, die sich jenseits der Grenzen in einer Art von kolonialpolitischem Wettbewerb zu behaupten suchte. Derlei missionarische Vorstellungen haben ihren Sinn, ihre Rechtfertigung, ja ihren selbstgefälligen Reiz längst verloren. Das schwärmerische Pathos, die stellvertretende patriotische Geste gehören nicht mehr zur Haltung desjenigen, der im Ausland von deutschen Dingen spricht. Die Weltläufte haben auch dem akademischen Betrachter einer großen Tradition allen Grund zur Zurückhaltung gegeben ‒ zumal der für ihn eigentlich greifbare Gegenstand ja nicht so sehr die deutsche Wirklichkeit überhaupt sein kann, als deren Konkretisierung in Dichtung und Sprache. Nicht kulturpolitische Ambition also, sondern ein lebendiges Verhältnis zum literarischen Kunstwerk, seinen spezifischen sprachgebundenen Formen und Energien verschafft heute der Germanistik, wie jeder Literaturwissenschaft, wo sie auch immer betrieben wird, ihre Resonanz.
Freilich weiß der Germanist, der im Ausland wirkt, daß sein Thema, wie unvergleichlich wesentlich es ihm selbst auch sein mag, in der Welt, in der er davon spricht, nicht ohne weiteres den fraglosen Glanz, die zentrale Bildungsfunktion hat, mit der es in Deutschland selbst rechnen darf. Gerade in der Literaturwissenschaft ist für den Forscher und Lehrer die Bindung an den eigenen nationalen Sprachbereich besonders eng: der deutsche Germanist, der französische Romanist, der russische Slawist ‒ sie alle dürfen die Beschäftigung mit der eigenen Sprache und Literatur selbstverständlich auf die Bildungsideale ihrer Gesellschaft beziehen; sie artikulieren und deuten eine Sprach- und Dichtungswelt, deren unmittelbare kulturelle Relevanz offensichtlich ist. Der Germanist im Ausland muß, zumal wenn er etwa in einer so überzeugt pluralistisch gesinnten Kultur wie der amerikanischen wirkt, für eine Tradition unter vielen Verständnis zu schaffen suchen, für eine sprachliche Welt neben anderen, neben der englischen, der französischen, der orientalischen, neben derjenigen jedenfalls, die das Denken und Erleben seiner Schüler, seiner Freunde, ja, seiner Kinder in erster Linie bestimmt.
Von dieser Relativierung, dieser grundsätzlichen Verschiebung des Bezugssystems muß man ausgehen, wenn man den Sinn der germanistischen Arbeit im Ausland recht verstehen will. Man muß begreifen, daß im Vorgang des Betrachtens und Deutens innerhalb des geistigen Erlebnisbereichs des anderen Landes, die Phänomene der deutschen Literatur, ihre Gestalten, ihre Werke, ihr historisches Gerüst, in einer eigentümlichen Weise objektiviert, ja verfremdet werden, sich ohne den Schutz überlieferter, unbesehener Werturteile als Gebrauchsgegenstände behaupten, konkurrierend bewähren und ihre Gültigkeit immer neu erweisen müssen.
Dieser einigermaßen überraschende Anspruch bietet Gefahren und Reize. Er läßt uns die deutsche, die andere Dichtung, mit einem Maß an Unmittelbarkeit und Offenheit betrachten, das im ursprünglichen, voraussetzungsgebundenen Erlebniszusammenhang kaum gerechtfertigt, ja vielleicht gar preziös wäre. In der Ferne gewinnt auch die eigene Sprache ihre überraschenden Aussage- und Erinnerungskräfte, sie verliert an Formelhaftigkeit; wir verhalten uns skeptisch und kritisch, aber nicht selten offener gegenüber dem Zauber des Erstmaligen und Vieldeutigen, und stellen die Werke der Sprache in unerwartete geistige Beziehungen; wir können uns nicht dazu verstehen, das dichterische Phänomen aus scheinbar unausweichlichen Prämissen abzuleiten und müssen uns hüten, es im Akt des geschichtlichen Verstehens aufzulösen.
Wir sind versucht und vielleicht berechtigt, das literarische Kunstwerk in ähnlicher Weise zu verabsolutieren, wie die deutsche Kritik seit dem Ende des 18. Jahrhunderts Shakespeare über alle historischen und nationalen Bedingungen hinaus zum Element der eigenen geistigen Erfahrung gemacht hat. Denn im Blickfeld jenseits der Selbstverständlichkeit behauptet die Dichtung ihre Souveränität gegenüber ihren Ursprüngen und schafft ihre eigene Wirkungssphäre. So hat im vorigen Jahrhundert das Werk Schillers für den Osten, das Werk des Novalis für die französischen Symbolisten und Surrealisten, so haben in unserer Zeit gerade die ausländischen Interpreten Kafkas und Brechts Erfahrungsstrukturen in gesellschaftlichen Konstellationen erkennen lassen, die von den geschichtlichen Impulsen, die diese Dichter ursprünglich bestimmten, weit entfernt waren.
Der seltsame Vorgang einer perspektivischen Ablösung und Verschiebung des dichterischen Werkes in der Sicht von außen läßt sich an ein paar literarhistorischen oder literarkritischen Begriffen verdeutlichen, mit denen der Germanist gern so operiert, als seien sie prästabilisiert. Wie steht es, so könnte man fragen, um die Gültigkeit der deutschen Vorstellungen von Barock, von Sturm und Drang, von Biedermeier? Im weltliterarischen Gespräch läßt sich die gern vertretene These eines eigentümlich deutschen Charakters dieser historischen Kategorien nicht ganz ohne Spitzfindigkeit behaupten: selbst die deutsche Klassik erscheint im Urteil der französischen Literaturwissenschaft eher als ein lokaler Aspekt der europäischen romantischen Bewegung. Jenseits der deutschen Literarhistorie werden ihre kategorischen Rangurteile nicht selten in Frage gestellt: wie steht es mit Heine oder Keller ‒ sofern sie nicht nur als geschichtlich interessante, sondern als ästhetisch fraglos bedeutende Erscheinungen gelten sollen? Wie läßt sich die Größe der ebenso eindrucksvollen wie spröden, liebenswürdigen wie beschränkten Gestalt Stifters überzeugend bestimmen? Kein Zweifel, wir müssen je nach der geistigen oder gesellschaftlichen Perspektivik der Fragenden, je nach dem postulierten Wertzusammenhang und kulturellen Bedürfnis, einen deutschen und einen angelsächsischen Goethe, E. T. A. Hoffmann, Storm oder Rilke zu begreifen versuchen, dessen geschichtliche Wahrheit erst im übergeordneten Vorgang des Vergleichens geklärt werden kann.
Es gibt noch andere, noch problematischere Folgen des distanzierenden Blickes, evidente und verdeckte, mit denen sich die Germanistik im Ausland immer wieder abwägend, kritisch und vermittelnd befassen muß: denken wir etwa an die spezifisch deutsche Erscheinung jenes präzeptorialen, radikal fordernden, auf eine abstrakte Existenz bezogenen Dichters, die in dieser Form weder in der englischen noch in der französischen Literatur als beispielhaft bewundert wird; an jene ebenso charakteristische wie beunruhigende deutsche Tendenz zur Ästhetisierung und Polarisierung der ethischen und sozialen Werte, oder an die in der deutschen Kritik so unvergleichlich dynamisierte Vorstellung von künstlerischer Form ‒ alle diese Phänomene, deren Verständnis der deutsche Germanist apologetisch aus der zwingenden Konstellation der eigenen geschichtlichen Wirklichkeit abzuleiten geneigt ist, erweisen sich im Blick von draußen als objektiviert, als anfechtbar und herausfordernd.
Ein Germanist, sofern er etwas taugt, gehört zu seinesgleichen wo auch immer das Handwerk der literarischen Kritik, der Lehre vom künstlerischen, historischen und gesellschaftlichen Verständnis getrieben wird. Kein Wunder also, daß gerade der Germanist in Amerika, in einer instinktiv geschichtsskeptischen Umwelt, sich um diejenigen methodischen Prinzipien kümmern muß, die die Wissenschaftstheorien seines eigenen Wirkungskreises ihm bietet, daß er versucht ist, mit den Mitteln des new criticism, der linguistischen Analyse, der Anthropologie oder Literatursoziologie gewisse Erscheinungen der deutschen Literatur in ein neues und oft überraschendes Licht zu rücken. Wenn er noch vor einer Generation die Methodik der deutschen Germanistik in ihren philologischen und ästhetischen Kategorien sozusagen ins Amerikanische übersetzte, hat er sich in den letzten vierzig Jahren überraschend emanzipiert und ist eigene kritische Wege gegangen. Die Goethestudien Barker Fairleys, das Herder-Buch Robert Clarks, die Interpretationen C. F. Meyers durch Heinrich Henel, oder Fontanes durch Peter Demetz, aber auch entscheidende Anregungen zum Verständnis Kafkas und der deutschen expressionistischen Dichtung verdanken wir einer Forschungsgesinnung, die von der deutschen Germanistik kaum abhängig ist. Es ist kein Zufall, daß gerade die deutsche Literaturwissenschaft im Ausland in den letzten Jahrzehnten immer wieder von Gelehrten angeregt wurde, die nicht im engeren Sinne der historischen oder der eigentlich philologischen Lehre entstammen, daß eine Reihe der lebendigsten Germanisten in Amerika, England, Frankreich und Italien ‒ ich denke durchaus nicht nur an Emigranten ‒ von der Psychologie, der Jurisprudenz oder den Naturwissenschaften her sich mit deutscher Dichtung befaßt und damit die in Deutschland oft so bedenklich starre Trennung von akademischer Literaturwissenschaft und literarischer Kritik gelockert haben.
Lassen Sie mich Ihnen, verehrter Herr Präsident, mit diesen kurzen Worten der Selbstbesinnung noch einmal danken für eine Ehrung, die allen denen gelten sollte, die sich als Germanisten im Ausland lebendig verbunden wissen mit den Wirklichkeiten einer Sprache und einer Dichtung, die es hier wie dort zu deuten und zu bewundern gilt. Denn, so heißt es einmal bei Goethe, »wenn man von Schriften, wie von Handlungen, nicht mit einer liebevollen Teilnahme, nicht mit einem gewissen parteiischen Enthusiasmus spricht, so bleibt so wenig daran, daß es der Rede gar nicht wert ist«.