Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Ryszard Krynicki

Ryszard Krynicki

Übersetzer, Lyriker und Verleger
Geboren 28.6.1943

Friedrich-Gundolf-Preis 2000
Laudatio von Karl Dedecius
Dankrede von Ryszard Krynicki
Urkundentext

... dem Übersetzer und freundlichen Vermittler, der den Dialog mit der deutschen Kultur, trotz schwierigster persönlicher Erfahrung, nie aufgab...

Jurymitglieder
Kommission: François Bondy, Ruth Klüger, Norbert Miller, Lea Ritter-Santini, Jean-Marie Valentin, Peter Wapnewski

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Geist der neuen Ehrlichkeit

LAUDATOR
Karl Dedecius
Geboren 20.5.1921
Gestorben 26.2.2016
Übersetzer

Lieber Ryszard Krynicki,

Kulturvermittlung, derentwegen wir Sie heute hier zu loben, Ihnen zu danken haben, hat den Zweck, den eigenen, immer etwas eingeschränkten Horizont um andere Horizonte zu erweitern, Weite zu wagen, den Weitblick zu schärfen. Das hat dreifachen Sinn. Erstens den intellektuellen Gewinn, zweitens den politisch-praktischen, Frieden stiftenden Nutzen, in Krisenzeiten und bei einer so arg geprüften, strapazierten Nachbarschaft wie der deutsch-polnischen besonders wichtig, und drittens – aller guten Dinge sind drei − do trzech razy sztuka −, drittens den Abbau der emotionalen Schranken, der Aversionen; mit Hilfe aufrichtiger Sympathiewerbung Vorurteile durch Urteile ersetzen, aus Ferne Nähe schaffen. Kulturvermittlung setzt intakte Kommunikation voraus. Und Kommunikation beginnt mit und gipfelt in Sprache. Auf diesem Gebiet liegen Ihre besonderen Verdienste.
Wir sind glücklich, lieber Ryszard, daß wir Ihre Verdienste hier in Krakau, an Ihrem Wohnsitz und Sitz Ihres Verlages, würdigen dürfen.
Diese alte Königsstadt und europäische Kulturmetropole hat eine Tradition von großer Symbolkraft. Krakau war um 1500 mit seiner damals schon 130 Jahre alten Universität und Internationalität Mittelpunkt der Ost-West-Kontakte in Europa. Hier gedieh die Toleranz, blühten der Humanismus und die Künste. Hier fanden Zuflucht die in Spanien verfolgten Juden, denen der polnische König eine ganze Stadt baute, die in Frankreich verfolgten Hugenotten, die bald, dank ihrer Verdienste um die Krone, zum Patriziat der Hauptstadt gehörten, hier wurde mit offenen Armen der vor der päpstlichen Polizei fliehende Freidenker und Humanist aus der Toskana, der Dichter Filippo Buonaccorsi detto Callimaco, aufgenommen. In Italien wollte man ihn eikerkern, in Polen bekam er Asyl beim Erzbischof Gregor von Sanok. Später wurde er Freund des Königs in Krakau, dessen Sekretär und Erzieher der Kronprinzen. Nach Krakau floh auch Veit Stoß, den die Nürnberger Ratsherren einsperren wollten, wegen lächerlicher Schulden. Die Krakauer richteten ihm eine komfortable Werkstatt ein, in der er unter anderem den Krakauern in 20 Jahren Arbeit das schönste aller seiner Werke, den Altar in der Marien-Kirche, schenkte. An der Krakauer Universität lehrte Konrad Celtis, der deutsche Poeta laureatus, der hier an der Weichsel, nicht am Neckar, sein Herz verloren hatte an die Bürgerin Hassilina, der er hinreißende lateinische Liebesgedichte schrieb. Und hier gründete er die erste Literarische Akademie, die Sodalitas Vistulana. Das ist die Stadt, in die Sie, lieber Ryszard Krynicki, und Ihr Verlag hineingehören. Ich wundere mich nicht, warum auch Wisiawa Szymborska, Czeslaw Milosz und viele andere Dichter und Denker hier leben. Hier florieren die Musen und die Wissenschaften. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung schätzt sich glücklich, den Kulturdialog mit Ihrer Stadt, mit Ihrem Land, mit Ihrer Hilfe pflegen zu dürfen.
Dabei ist, meine Damen und Herren, Krynickis Aufgeschlossenheit Deutschland gegenüber, das Interesse an unserer Sprache und Dichtung, an unseren Problemen alles andere als selbstverständlich. Im Sommer 1943 machte Jean Améry seine Erfahrungen mit der Folter in einem Auffanglager der Nazis zwischen Antwerpen und Brüssel, was er beschrieben hat. Im selben Sommer 1943 ist Ryszard Krynicki im Lager Wimbert in Sanct Valentin in Österreich geboren, wohin seine Eltern zur Zwangsarbeit deportiert waren, was er nicht beschrieben hat. Die Wiederbegegnung mit Deutschen war für ihn keine einfache Sache. Aber er kam zu uns oft, suchte den unterbrochenen Dialog, lebte ein Jahr in Westberlin, ein Jahr in Darmstadt, als Gast des Deutschen Polen-Instituts, nahm in Deutschland an vielen Lesungen, Gesprächen, Symposia teil – wir lernten ihn schätzen. In einem kurzen, drei Zeilen zählenden Gedicht beschwört er die Einheit von Christus und Buddha. Ich fand die Erklärung dafür in Buddhas »vier edlen Wahrheiten«: das Leid erfahren, dessen Ursprung finden, seine Ursache aufheben und schließlich den rechten Weg einschlagen. Das ist Ryszard Krynickis Moralphilosophie.
In seinen Gedichten befindet sich Krynicki im Gespräch mit der deutschen Sprache und Dichtung ständig: mit Georg Trakl, Paul Celan, Erich Fried, Nelly Sachs, Bert Brecht, Rainer Kunze. Die letzte, von ihm selbst besorgte Auswahl seiner Gedichte trägt den Titel Der magnetische Punkt. Den Titel verdankt Krynicki Nelly Sachs. Bei ihr las er: »Dieses leidende Papier / schon krank vom Staub-zum-Staub-Lied / das gesegnete Wort entführend / vielleicht zurück zu seinem magnetischen Punkt / der gottdurchlässig ist −«. Man kann diesem Rechenschaftsbericht mehrere Wandlungen der Themen und Formen entnehmen, aber immer nur einen Sinn. Den Wahrheitsfanatismus, der nicht abläßt von der Forderung nach Aufrichtigkeit im Leben und in der Kunst, gleich welcher, ob bei Bert Brecht oder bei Rainer Kunze, nach ungeschminkter Information, gleich welcher, ob des Staates oder der Medien. Von diesem Geist der neuen Ehrlichkeit, den seine Haltung und Präsenz ausstrahlen, hat unser Kulturaustausch profitiert.