Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Massimo Cacciari

Massimo Cacciari

Philosoph
Geboren 5.6.1944

Friedrich-Gundolf-Preis 2002
Laudatio von Kurt Flasch
Dankrede von Massimo Cacciari
Urkundentext

... dessen philosophisch-literarisches Lebenswerk aus der ständigen Beschäftigung mit der deutschen Philosophie und Literatur von Meister Eckhart über Schelling und Hegel bis Heidegger erwachsen ist.

Jurymitglieder
Kommission: Heinrich Detering, Norbert Miller, Ilma Rakusa, Lea Ritter-Santini, Jean-Marie Valentin

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Von Marx zum Engel

LAUDATOR
Kurt Flasch
Geboren 12.3.1930
Philosoph

Unsere Akademie verleiht den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutschsprachiger Kultur im Ausland an Massimo Cacciari.
Wem die Aufgabe zufällt, Massimo Cacciari zu loben, wird die Gründe rekonstruieren, welche die Akademie bewogen haben, den Preis an ihn zu vergeben, aber er muß sich hüten, ins Uferlose zu geraten: An Massimo Cacciari ist zu Vieles laudabel. Da hat sich ein Professor für Philosophie 1993 um das Amt des Bürgermeisters von Venedig beworben und es gegen tausend Widerstände erhalten: Wer wird nicht einen Denker loben, der sich des leidenden Gemeinwesens annimmt? Und Venedig hat gelitten ‒ unter Ratten und Touristen, unter Hochwasser und Müll. Dazu kam der Brand von La Fenice. Hat sich der Traum vom Philosophenkönig am Jahrhundertende erfüllt? Nein, das nicht gerade, aber immerhin: Er hat U-Bahn und Weltausstellung von der edlen alten Stadt ferngehalten. Bewohner der Serenissima versichern, der Venezianer Cacciari habe sich um seine Vaterstadt verdient gemacht. Und wer Venedig fördert, ist deutschen Schriftstellern, ist deutschen Künstlern lieb. Nur darf ich ihn dafür heute nicht loben, denn nicht dafür bekommt er den Preis. Uns geht es um den Kulturvermittler Cacciari.
Wie ein aufgeschlagenes Buch erzählt sein philosophisch-literarisches Werk von einem individuellen Denkweg innerhalb der intellektuellen Entwicklung Italiens von 1970 bis 2002.
1970 war Cacciari ein entschiedener Linker. Damals erschien in der Zeitschrift Contropiano (Nr. 2, 1970) sein Aufsatz Qualificazione e composizione di classe: problemi generali; 1973 bereits kam er in deutscher Übersetzung in Frankfurt a. M. heraus. In dieser Studie geht es um Ausbildungsstand, Arbeitsplatzbewertung und allgemeine Wirtschaftsentwicklung im Kapitalismus, und schon damals spielte ein deutscher Autor die zentrale Rolle, nämlich Karl Marx. Da stehen Zitate, die heute wieder nachdenkenswert sind. Zum Beispiel das folgende: »In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit, als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden.« (M. Cacciari, Qualifikation und Klassenbewußtsein, Frankfurt a. M. 1973, S. 75 Anm. 33). Heute werden noch ganz andere Agentien in Bewegung gesetzt; wir lesen mit dem jungen Cacciari das Marx-Zitat neu.
Cacciari ließ es nicht bei der intellektuellen Beratung der Arbeiterbewegung; er wurde Abgeordneter des PC in Rom. Doch 1987 brach er mit der Partei; er wurde ein unabhängiger Kritiker ihrer intellektuellen und politischen Befangenheiten. Vor allem nutzte er die neugewonnene Muße: Er schrieb sein philosophisches Hauptwerk, Dell’inizio, das 1990 erschienen ist. Das Siebenhundert-Seiten-Buch, teils in Dialogform geschrieben, lädt den Laudator zum Verweilen ein; es präsentiert und konkretisiert die deutsche Philosophie von Eckart / Cusanus bis Nietzsche / Heidegger. Ein ungeheurer Reichtum von Einfällen, Lektüren, Assoziationen breitet sich aus. Dies Buch ist nicht zusammenzufassen; man muß es schon lesen. Einen einzigen Gesichtspunkt hebe ich hervor: Cacciari beginnt mit einer Überlegung zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Deren erster Satz lautet in der zweiten Auflage: »Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel.«
Damit verspricht Kant, scheint es, einen festen Ausgangspunkt, einen nicht zu hinterfragenden »Anfang«. Aber Cacciari bringt seinen Leser ins Sinnieren, indem er den ersten Satz der ersten Auflage desselben Buches daneben legt. Dieser heißt nämlich: »Erfahrung ist ohne Zweifel das erste Produkt, welches unser Verstand hervorbringt.« Jedesmal versichert Kant, an seinem Satz bestehe kein Zweifel, aber die Sätze widersprechen sich: Die Erfahrung kann kein reiner Anfang sein, wenn sie das Produkt unseres Verstandes ist. Denn dann wäre der Verstand das Erste oder der Anfang. Cacciari entfaltet zwischen diesen beiden Positionen ein subtiles Spiel; er macht deutlich, daß die Suche nach dem reinen Ursprung zu nichts führt. Erfahrung sei ein Sich-ins Bild-Setzen: è un porsi-in-imagine (S. 54), sagt da ein Satz, der eher deutsch klingt als italienisch und der auch ohne heideggerische Bindestriche nicht auskommt. Das ist nur der Anfang der Abschaffung des Anfangsproblems. Cacciari verfolgt das Ursprungsdenken weiter zurück bis Parmenides und den gleichnamigen platonischen Dialog, dessen Bedeutung für Cusanus und die deutsche idealistische Philosophie unser Akademiemitglied Raymond Klibansky 1929 entdeckt hatte. Cacciari zeigt im Gespräch mit Hegel und Schelling, daß auch das parmenideisch-rein abgetrennte Eine kein erster Anfang sein kann. Es ist es so wenig wie bei Kant der sinnliche Eindruck der zweiten Auflage oder das denkende Ich der ersten. Diese Präsentation der deutschen philosophischen Tradition vollzieht, ohne gelehrtes Brimborium, eine metaphysisch-nachmetaphysische Reflexion mit poetischem Drang zu sinnlicher Anschauung. Metaphern blühen auf, vor allem die von Ufer, Insel und Meer.
Hatte Kant selbst doch den festen Boden der Erfahrung mit einer Insel verglichen, die rings umgeben sei von unbezwingbarem Meer und täuschenden Nebelbänken; sie lockten, schrieb er, den philosophischen Kopf zu Ausfahrten, die scheitern müssen. Wenn der sinnliche Eindruck das Erste ist, dann müssen wir mit dieser Insel uns bescheiden; ist er aber nicht der wahre Anfang, dann ist Ausfahrt nicht nur gestattet, sondern bildet eine unentbehrliche Phase menschlichen Lebens. Es gibt kein gemeinschaftliches Leben, keine Ordnung ohne Ortung. Unser Ort, liegt dann wohl, sehr venezianisch, zwischen terra ferma und Meer.
Cacciari hat dieses Motiv ausgebaut in dem Buch, das bei uns unter dem Titel Gewalt und Harmonie. Geophilosophie Europas 1995 erschienen ist. Schon das Thema »Geo-Philosophie« hat eine deutsche Vorgeschichte, die über Carl Schmitt bis zur politischen Geographie von Friedrich Ratzel zurückreicht. Bevor man es nach rechts oder links einreiht, muß man sehen: Cacciari will eilfertige Moralismen vermeiden; er lenkt, wenn er über die Zukunft Europas nachdenkt, den Blick zuerst einmal auf die Landkarte. Die Zeiten sind vorbei, in denen die Weltgeschichte auf die Formel zu gehen schien, sie sei eine Geschichte von Klassenkämpfen. Politisch-philosophische Reflexion beginnt wieder buchstäblich auf dem Boden; sie denkt nach über Land und Meer; sie respektiert die Geographie.
Cacciari meditiert die großen geschichtlichen Erfahrungen Europas von den Perserkriegen bis zum Ende des Kalten Krieges; er interpretiert die klassischen Texte, die diese Konflikte gestalten − von den »Persern« des Aischylos bis zu Nietzsche und Carl Schmitt. Er schöpft aus dem Fundus der griechischen, der italienischen und nicht zuletzt der deutschsprachigen Kultur, zumal der Weimarer Zeit. Er hat Walter Rathenau und Georg Simmel übersetzt; er hat die Wiener Klassiker des Jahrhundertbeginns studiert: Freud und Hofmannsthal, Wittgenstein und Karl Kraus. Von ihnen angeregt, analysiert er die inneren Spannungen, die Widersprüche Europas, vor allem den europa-immanenten Gegensatz von besinnungsloser Aktivität und dem Ruf nach Meditation, von Machtbesessenheit und der Bereitschaft, den Machtwillen gegen sich selbst zu wenden.
Cacciaris Geo-Philosophie läuft darauf hinaus: Die Stellung Europas in der künftigen Welt wird davon abhängen, wie es seine Herkunft begreift. Es wird darum gehen, einen Begriff von Einheit zu denken und zu verwirklichen, der Verschiedenheit und Andersheit nicht von sich ausschließt.
Wer über Cacciari in vorgeschriebener Kürze spricht, windet sich in dessen Überreichtum von Motiven, Zitaten und Anwendungen. Schwerlich entgeht er dem Vorwurf, er habe ungebührlich verkürzt. Ich nenne noch sein Buch: Dallo Steinhof. Es versammelt die österreichische Avantgarde, ihre Ausblicke auf das beginnende 20. Jahrhundert, in ihrer wirbelnden Bewegung. Er folgt Robert Musil, er diskutiert mit Weininger, auch mit Ernst Jünger. Er greift aus auf Husserls Wiener Vortrag über Die Philosophie in der Krisis der europäischen Menschheit. Seine Analyse wird zur poetischen Meditation; die Geschichte der neuen Wiener Musik rückt zusammen mit der der Malerei und des philosophischen Denkens: Nicht von abgezogener Kultur ist die Rede; wir blicken mit ihm auf die Großstadt vor uns, sehen die Leiden der psychisch Kranken, hören von den Versuchen, sie zu verstehen, und das vor der Architektur Otto Wagners, vor seinem Bau der Heil-und Pflegesanstalten und der Kirche am Steinhof.
Hier muß ich eine Geschichte erzählen, die Cacciari vielleicht gar nicht gefallen wird. Sie ist aber passiert, in seinem Venedig. Vor einigen Jahrzehnten saß ich dort in einem kleinen Hotel beim Frühstück. Ich interessierte mich für italienische Landschaftsunterschiede und Dialekte; mir war aufgefallen: Der Dialekt der Kellnerin klang so anders als der venezianische. Ich erlaubte mir die Frage, wo sie herkomme. Wie jeder Mann und jede Frau in Italien beantwortete sie die Frage gern und prompt: Aus Bologna. Ich sah an dem intelligenten Gesicht der Frau, daß es da noch etwas mehr zu lernen gebe und fragte sie wie nebenbei: Was ist denn der Unterschied zwischen Bolognesen und Venezianern? Sie antwortete ohne zu zögern; sie hatte offenbar über diese Frage nachgedacht: I Veneziani sono religiosi, noi siamo reali.
Diesen Satz kann man verschieden übersetzen. Er heißt zum Beispiel: Die Venezianer wählen christdemokratisch, wir Bologneser hingegen die ganz besondere Species bologneser Kommunisten. Er heißt auch: Die Venezianer sind fromm, uns Bologneser verurteilt ein Papst schon mal als Epikureer. Ich lege mich da nicht fest und werde mich hüten, hier in Turin bolognesische Vorurteile über Venezianer zu verbreiten oder gar auf Massimo Cacciari anzuwenden. Ich brauchte aber eine Notbrücke, einen ponte die sospiri, um auf sein Buch über die Engel zu kommen. Es ist erschienen, bevor die Engel postmodern in Mode kamen, anno Domini 1986. Kant hat von sich gesagt, er sei immer in die Metaphysik verliebt gewesen, nur habe er sich von dieser Dame keines Gunsterweises erfreuen können. Mir ist es nicht besser ergangen als Kant, so weiß ich nicht einmal, ob es Engel gibt. Für heute ist das auch nicht nötig. Ich weiß nicht, ob es sie gibt, ich weiß, wo sie herkommen, nämlich nicht vom Himmel. Einer von ihnen trat, von Berlin kommend, als Angelus novus bei uns auf; scharenweise entflogen sie einem Castello bei Duino. Walter Benjamin und Rilke haben sie frei gelassen, diese Vögel der Seele, offene Momente in einem verzweckten Leben, momentane Ortslosigkeiten, Utopien. Sie stammen aus dem Orient, von dem wir alles Licht haben, aber zu Cacciari kamen sie auf dem Weg über die deutschsprachige Kultur. Er bestaunt ihre bunten, tausendäugigen Flügel; der Freund von Luigi Nono lauscht ihren Gesängen. Der Denker Cacciari artikuliert mit ihrer Hilfe, was Darstellung heißt in Dichtung, Kunst und Philosophie; er kämpft mit ihnen für einen neuen Begriff von Zeit. Eine aparte Wende von Marx zum Engel; ich beleuchte sie mit wenigen Worten zu den beiden Komplexen; Darstellen und Zeit-Erfahren.
Ein Ding sagen, das gehört einer anderen Ordnung an als ein Ding zu sein. Damit wir ein Ding bestimmen können, muß es einen Umhof der Unbestimmtheit haben. Und den arbeitet Cacciari mit Hilfe der Engel-Metapher heraus, die Duineser Elegien und die These IX von Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen im Hintergrund. Indem wir sprachlich etwas bestimmen oder es künstlerisch darstellen, realisieren wir das Immer-schon-Bedingtsein jedes Anfangs, leben wir vom Bezug des Bestimmten zum Unbestimmten, der terra ferma zum Meer.

»Dies zu deuten bin erbötig!
Hab ich dir nicht oft erzählt,
Wie der Doge von Venedig
Mit dem Meere sich vermählt?«


Als Walter Benjamin seinen Angelus novus ankündigte, erzählte er eine talmudische Legende. Ihr zufolge werden die Engel in jedem Augenblick neu erschaffen, um, nachdem sie vor Gott ihren Hymnus gesungen haben, aufzuhören und in Nichts zu vergehen. Benjamin gab damit ein Bild, wie er die Aktualität seiner Zeitschrift verstand: als ungefällige Zeitgenossenschaft, ebenso aufmerksam wie fremdbleibend, anfangend, um aufzuhören, zeitbestimmt. Cacciaris Engelphilosophie entwickelt ein Konzept menschlicher Zeiterfahrung, das sich der, wie er sagt, Chronolatrie entzieht, also die mechanische Kontinuität durchbricht zugunsten des Augenblicks als Lichtmoment, ästhetische Evidenz und als Entscheidungspunkt. In der Zeit zu sein, ohne Chronos, das sei von den Engeln zu lernen. Deswegen sei der Engel notwendig. Cacciari braucht die Engel − als Mythograph des Darstellens, als Denker der Kunst, des Dichtens und überhaupt des Sagens; er braucht sie, um durch die Maschen des physischen Zeitnetzes hindurchschlüpfen zu können. Sie fügen dem anti-historistischen Schriftsteller die Stimmen verschiedenster Regionen und Jahrhunderte zum chronos-überlegenen Einklang zusammen. So treten auf ein- und derselben Seite indische Erzählungen, chaldäische Orakel, pythagoreische Fragmente und apokryphe Evangelien auf, um dasselbe zu bezeugen wie Baudelaire und Kafka, wie Carl Schmitt, Franz Rosenzweig und Martin Heidegger. Parallelen. Parallelen, die sich vielleicht im Engelreich schneiden, nicht freilich in der chronologisch fixierten Geschichte.
Cacciari kritisierte gestern noch, am 3. Mai 2002, in der Repubblica, die italienische Kultur stöhne unter der Last des Historismus. Dipende Taktschläger des langsamen Geistes ironisieren seine Allversöhnung und kritisieren die Mißachtung der Chronologie. Geht Cacciari in der Verachtung der Chronolatrie zu weit? Darüber ließe sich lange reden. Eines bliebe unberührt: Im Italien der Gegenwart findet sich schwerlich eine intensivere Gegenwart der deutschsprachigen Kultur. Für diese produktiv-umschaffende Vermittlung ist die Deutsche Akademie Herrn Massimo Cacciari dankbar verbunden.
Diesen Preis, Caro Cacciari, Lei lo ha meritato.