Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Marian Szyrocki

Marian Szyrocki

Germanist
Geboren 6.4.1928
Gestorben 30.1.1992
Mitglied seit 1982

Friedrich-Gundolf-Preis 1976
Laudatio von Richard Alewyn
Dankrede von Marian Szyrocki
Urkundentext

Er hat in deutscher wie in polnischer Sprache wertvolle Beiträge zur Barockliteratur Schlesiens verfaßt; er hat die Kenntnis der deutschen Gegenwartsliteratur in Polen gefördert...

Jurymitglieder
Kommission: Richard Alewyn, Fritz Martini, Herman Meyer

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Die schöne Polin

Seit der Zeit der Minnesänger, zu deren Nachfahren die Mitglieder der Akademie wohl gezählt werden dürfen, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit des wahren Dichters die Frau, die ihn immer wieder fasziniert und die er nicht müde wird zu preisen. Was liegt näher für einen polnischen Germanisten, einen Diener der Literatur, als Ihnen als Dank das Wertvollste, was wir besitzen, zu präsentieren: »Die schöne Polin«.
In letzter Zeit ist es Mode, nach dem Stereotyp des Franzosen, des Engländers, Italieners oder Polen zu fragen. Doch obwohl die Forscher mit mathematischer Sorgfalt verfahren, haben die Ergebnisse von vornherein nur den Wert von halben Wahrheiten. Trifft doch der Stereotyp z. B. des Franzosen grob gerechnet nur eine Hälfte der französischen Nation, die Männer. Viel prägnanter scheint doch das Bild der Französin zu sein. Bundesdeutsche Umfragen nach dem Stereotyp des Polen haben ergeben, daß dieser als Nachfolge einer Kampfsituation entstand und für den heutigen polnischen Arbeiter, Bauern oder Intellektuellen nicht zutreffend ist. Bestimmt hat er aber kaum etwas mit dem Stereotyp der Polin gemein, der irgendwann Anfang des 19. Jahrhunderts in der Zeit der Romantik mit der Redewendung von der »schönen Polin« sich auch in Deutschland eingebürgert hat und in Studentenlied, Operette, Erzählung und Roman kolportiert wurde. Es ist heute aber kaum bekannt, daß die »schöne Polin« bereits viele Jahrhunderte früher, in den legendären Anfängen des polnischen Reiches, eine markante Rolle in den dramatischen deutsch-polnischen Beziehungen spielte. Alte Chroniken erzählen die rührende Legende von der schönen polnischen Fürstin Wanda, die den Freitod wählte, um den Krakau belagernden Roderich trotz gegenseitiger Liebe nicht heiraten zu müssen, und so die Stadt vor dem Deutschen zu retten, der selbst bald aus Liebesleid und Trauer starb.
Kurz darauf machte sich um die Normalisierung der deutsch-polnischen Kontakte die Tochter des ersten polnischen Königs Boleslaw Chrobry, Regelinda, verdient, indem sie den Markgrafen von Meißen faszinierte und dann seine Frau wurde. Noch heute zeugt im Naumburger Dom ihre Skulptur, die der Volksmund »die lachende Polin« nennt, von dem ersten deutsch-polnischen Eheglück. Daß man eine Ehe mit einer Polin nicht schnell vergißt, bezeugt das noch heute begangene Fest der »Landshuter Hochzeit«, die immerhin 1475 von Georg dem Reichen von Landshut und der Polin Jadwiga ‒ auch Hedwig genannt ‒ gefeiert wurde. Es ist eigentlich selbstverständlich, daß der vitale König August der Starke die Schönheit der Polinnen hoch geschätzt hat, erstaunlich ist aber immerhin, daß der spröde und dem anderen Geschlecht wenig geneigte Preußenkönig Friedrich II. in seiner Jugend dem Eindruck der bezaubernden Erscheinung von Anna Orzelska so erlag, daß er das einzige Mal in seinem Leben in Liebesglut entflammte und anschließend aus Sehnsucht der Liebeskrankheit verfiel, von Tag zu Tag blasser und schmaler wurde, was sein Vater eindeutig als Symptome der Schwindsucht zu erkennen glaubte.
Die Liste der deutsch-polnischen Liebesgeschichten und Ehen ist lang, und daß vor dem Charme der Polin sogar Philosophen kapitulierten, beweist am besten das Beispiel von Ernst Bloch und Frau Karola aus Lodz.
In der polnischen Literatur setzten sich seit dem Nationalepos »Pan Tadeusz« von Adam Mickiewicz vor allem zwei Stereotypen der polnischen Frau durch, und zwar das junge, schöne, unschuldige Mädchen und die reife, welterfahrene, kokette Dame, beide gewohnt, von den Männern umworben zu werden. Die polnischen Schriftsteller wurden nicht müde, das Bild dieser beiden Schönheiten in ihren Werken zu variieren. Obwohl sich freilich diese Stereotypen nicht mit dem Bild der Durchschnittspolin decken, haben sie als Idealfiguren eine gewisse Gültigkeit und sind in dem Maße zutreffend, in dem sich eine Spanierin durch ihre Grandezza auszeichnet, einer Deutschen Tüchtigkeit bescheinigt wird, die Wienerin etwas vom »süßen Mädel« hat und der Französin Liebeserfahrung nachgesagt wird.
Wie sind aber die heute in Polen lebenden fast 18 Millionen Frauen wirklich? Die gesellschaftlichen Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten in Polen stattgefunden haben, übten einen starken Einfluß auf die Situation der Frau aus und haben den Prozeß ihrer Emanzipation beschleunigt. Die Polinnen nehmen heute nicht nur am politischen Leben teil, sondern sie lernen und studieren und arbeiten in Berufen, die ihnen vor kurzem noch unzugänglich waren. Allerdings verzichtet heute die polnische Frau wieder auf Beschäftigungen, die größere Anforderungen an die physische Kraft stellen und die sie in dem ersten Nachkriegsenthusiasmus erstürmt hatte, um sich nun immer öfter in leitende Stellungen emporzuarbeiten. Aus vielen Arbeitsbereichen hat sie bereits den Mann verdrängt. In polnischen Banken, in Verlagen, in Schulen, ganz zu schweigen von der Leichtindustrie, herrschen die Frauen.
Bei der Berufskarriere ist der Polin ihr Selbstbewußtsein behilflich. Sie ist es gewohnt, beim gesellschaftlichen Zusammensein im Mittelpunkt zu stehen und von den Männern unterhalten zu werden; Komplimente nimmt sie als selbstverständlich hin. Sie wechselt gern ihr Aussehen, ist kokett, kapriziös, anspruchsvoll, launenhaft, unberechenbar, ja sie langweilt die Männer so gut wie nie. Die Polin will immer als Frau gesehen werden. Sie ist bemüht, ihre Weiblichkeit zu unterstreichen und die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts auf sich zu lenken. Sie will umworben sein, ja sogar ihr Ehemann ist zu Huldigungen verpflichtet. Der Mann, es fällt ihm die Rolle des Werbenden zu, beklagt die Unnahbarkeit der Frau. Sie dagegen ist änigmatisch zurückhaltend, vertröstet ihn auf eine günstigere Zeit, läßt ihn hoffen. Es ist eine Art von gesellschaftlichem Spiel, an dem beide Seiten ihr Vergnügen haben, und das von Ausländern oft mißverstanden wird.
Um die Polin, ihr Verhalten und ihre Rolle besser zu verstehen, muß man daran erinnern, daß in Polen »die Lebensweise und die Tugenden« des Bürgers, die in der Vergangenheit nicht selten bei uns aufdringlich durch fremde Kolonisten demonstriert wurden, als lästig und lächerlich empfunden werden. Somit finden wir im heutigen Lebensstil manches aus der Tradition des demokratisierten polnischen Kleinadels der vergangenen Jahrhunderte, nur daß die Verhaltensformen ähnlich wie die Literatur unserer Klassiker zum Allgemeingut wurden. Beispielhaft ist hier die Übernahme des Handkusses, der heute in Bauern- und Arbeiterfamilien vielleicht üblicher ist als in Intellektuellenkreisen. Er hat alle Gegenbewegungen überlebt und ist u. a. Ausdruck des spezifisch gespannten Verhältnisses, das in Polen zwischen Frau und Mann besteht.
Sucht man nach für Deutsche verständlichen Analogien, muß man weit ausholen und auf den Minnesang verweisen. Der Ritter, der zum Dienst der Frau und Herrin verpflichtet ist, überschüttet sie in seinen Versen mit Komplimenten, klagt aber gleichzeitig über ihre Unnahbarkeit, wobei diese Klage sehr wichtig ist, sie bezeugt nämlich beider Unschuld und ermöglicht das öffentliche, gesellschaftliche Spiel mit dem Minnewort. Diese Minnesängerhaltung, die später im Petrarkismus fortlebte, würde vielleicht am ehesten ‒ allerdings in einer demokratisierten Form ‒ dem stereotypen eigenartigen polnischen Frau-Mann-Verhalten in der Gesellschaft entsprechen, was freilich nichts über das Geschehen in den Schlafgemächern aussagt. Nur dem Schriftsteller ziemt es, Intimes auszuplaudern. Der Literaturforscher bleibt trotz seiner Kompetenz diskret, auch wenn letzten Endes allein dadurch das Rätsel der »schönen Polin« nicht ganz gelöst werden kann.
Meine Damen und Herren, ich bitte Sie um Verständnis.