Friedrich-Gundolf-Preis

Der Friedrich-Gundolf-Preis wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Als »Preis für Germanistik im Ausland« wurde er 25 Jahre lang ausschließlich an Sprach- und Literaturwissenschaftler ausländischer Hochschulen vergeben. Mit der seit 1990 gültigen Bezeichnung »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« wird der Preis auch an außeruniversitäre Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Förderung deutscher Kultur und den Kulturdialog einsetzen. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie verliehen. Seit 2013 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Bernard Lortholary

Bernard Lortholary

Übersetzer, Lektor für deutsche Literatur und Hochschullehrer
Geboren 1.8.1936

Friedrich-Gundolf-Preis 2012
Laudatio von Jean-Pierre Lefebvre
Dankrede von Bernard Lortholary
Urkundentext

... dem Herausgeber und Übersetzer, dem wir eine umfangreiche Bibliothek deutschsprachiger Literatur in französischer Sprache verdanken.

Jurymitglieder
Kommission: Michael Krüger, Norbert Miller, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Miguel Saenz, Joachim Sartorius, Jean-Marie Valentin

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Jean-Pierre Lefebvre
Geboren 26.6.1943
Germanist und Übersetzer

Dafür, lieber Bernard, dass du heute von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Gundolf-Preis geehrt wirst, besitzt das Französische einen sehr ambivalenten, kaum übersetzbaren Ausdruck, der das Gefühl der Evidenz spontan zur Sprache bringt: »Tu ne l’as pas volé«, nicht übersetzbar – zweifelsohne – als: »Du hast es nicht geklaut«, sondern vielleicht nur nach dem hermeneutischen Modell, das mich vor 55 Jahren im Konstanzer Gymnasium sehr beeindruckt und in die tolle Zunft der aberwitzigen Übersetzer verführt hat: »Ei, ei, was seh ich... die Feuerwehr kommt...« – »œuf, œuf, que lac je, la feu qui vient...«
Also diesmal: »töte-Knoten-schlürf-Ach... Fensterläden...«
Wo diese Wendung herkommen könnte, weiß ich leider nicht zu sagen. Dass sie, warum sie mir in den Sinn kommt, errate ich dagegen wohl. Als Alt-Hegelianer gefällt mir daran die Negation der Negation, die hier deine Verdienste nicht nur als selbstverständlich anerkennt, sondern sie auch dialektisch strukturiert und potenziert.
Früher ließen sich zwar manchmal diese Worte im Maulwerk eines zu Tode genervten Schullehrers hören, nachdem er einem aufmüpfigen Schüler eine brennende Botschaft hinter die Ohren gehauen hatte, so dass einer, der das Lexikon der französischen Idiome auswendig kennt, da kritisch eingreifen dürfte – man solle in solch einer Angelegenheit den Ausdruck lieber beiseitelassen.
Im Grunde aber ist ein solches »Tu ne l’as pas volé« ein Ausdruck der tiefen Bewunderung, eine Huldigung, ein Lob, eine innige Laudatio.
Damit wird nämlich vom zornigen Ohrfeiger fast immer die Abermaligkeit der gestraften Exzesse gemeint, also deren Quantität und Hartnäckigkeit unbewusst ausgezeichnet.
Beide Aspekte lassen sich also gerade für die Auszeichnung deiner – ich zitiere aus unserer Satzung – »hervorragenden Leistungen bei der Vermittlung und Verbreitung deutscher Sprache und Literatur im Ausland« geltend machen. Du hast nämlich in Mengen, wie keiner vor dir, wiederholt und hartnäckig vermittelt und verbreitet, nicht nur über 100 dicke Bücher ins Französische übersetzt, darunter viele, die besonders widerspenstig waren, sondern auch jahrelang bei Flammarion und länger noch bei Gallimard als Verlagslektor fungiert und darüber hinaus als Germanist an der Sorbonne gelehrt und gebildet.
Eine vollständige Aufzählung der Titel, die du seit Ende der 1960er Jahre ins Französische übertragen hast, würde sämtliche Minuten, die mir zur Verfügung stehen, ganz und gar verzehren. Ich resümiere: je sechs Werke von Bertolt Brecht und Franz Kafka, fünf von Patrick Süskind, je vier von Hans Magnus Enzensberger, Hans Joachim Schädlich, Bernhard Schlink, je drei von Günter Grass, Peter Härtling, Robert Walser, je zwei von Ödön von Horváth, Rainer Maria Rilke, Urs Widmer, je eins von Thomas Bernhard, Thomas Glavinic, Norbert Gstrein plus ein Band Briefe von Mozart und einige Aufsätze von Immanuel Kant. In letzter Zeit hast du auch für die Zweig-Ausgabe in der Bibliothèque de la Pléiade, die Anfang nächsten Jahres erscheinen soll, die Übersetzung von vier, fünf längeren Novellen meisterhaft übernommen.
Das ist aber nur die eine Hälfte der Liste.
Die zweite Hälfte beinhaltet kaum weniger illustre Namen: Da findet man zum Beispiel noch bedeutende Monographien über Sainte-Beuve, Adorno, Julien Green.
Diese Abertausende von Seiten, die du immer direkt und druckfertig, zunächst auf einer Japy, später auf deiner alten sonoren Olympia mit deutscher Tastatur, dann auf einer maschinenpistolenartigen IBM mit Kugelkopf, wie vielleicht Ernst Jandl eine besaß, und schließlich sachte träumend vor dem taubstummen, blaubunt schillernden Bildschirm eines Macintosh-Computers in zahlreichen Überstunden getippt hast, rufen in mir unwiderruflich die Vorstellung vom Proletariat des ehemaligen Verlagssystems hervor, und bei der Ehrung des Preisträgers möchte ich jetzo die Rolle unterstreichen, die du bei der Herausbildung eines quasi gewerkschaftlichen Vereins der literarischen Übersetzer gespielt hast, der dann Verlegern und öffentlichen Gewalten einige Maßnahmen zum Schutz und besseren Ergehen der Übersetzer abringen konnte.
Dein meisterliches Können ist insofern nicht nur den Autoren und Lesern zugutegekommen. Es hat auch dein Ansehen bei den Verlegern gefestigt, ganz besonders bei Flammarion und Gallimard, und du hast immer dafür gesorgt, dass selbst die Berufsanfänger, die du betreutest, ein angemessenes Seitenhonorar bekamen.
Als Verlagslektor und teilweise als Übersetzer hast du aber auch Autoren verteidigt und durchgesetzt, die noch niemand in Frankreich kannte: Brigitte Kronauer, Katja Behrens, Thorsten Becker, Wolfgang Hilbig, Doris Dörrie, Julia Franck, Christoph Poschenrieder, Thomas Hürlimann, Elfriede Kern, Gabriel Loidolt, Markus Werner. Seit Jahrzehnten bist du jedes Jahr bei der Frankfurter Buchmesse präsent und aufmerksam gewesen.
Das ist also die Substanz, das Material, die Masse: die Bruttobilanz! Die Quantität...
Mehr aber als die quantitative Produktivität überrascht und verwundert deine Leser immer wieder die Feststellung, dass diese die literarische Qualität deiner Arbeit nie beeinträchtigt hat. Alle diese manchmal schwierigen Werke deutscher, österreichischer und Schweizer Autoren werden von dir in eine französische Sprache übertragen, die weder das Standardidiom ist, bei dem zum Beispiel sämtliche Deiktika von Flauberts Madame Bovary wegfallen würden, noch eine gleichförmige Lortholaryʼsche Prosa, die die bewundernswerte Varietät der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur glattbügeln würde: Einem jeden Autor bleibt seine Eigenart, und diese Achtung ist oft von den Schauspielern, die die von dir übertragenen Texte gesprochen haben, ohne Nachsicht legitimiert worden: Einen übersetzten Text auf die Bühne bringen ist die härteste Probe, der man ihn unterziehen kann.
Hier macht der Name des Preises – gewissermaßen seine Patenschaft – Sinn, nicht nur deswegen, weil Gundolf ein großer Übersetzer und Shakespeare-Interpret war, sondern auch, weil er einer der bedeutendsten Germanisten des 20. Jahrhunderts gewesen ist und dazu noch ein Schriftsteller, ein Dichter. Deine Arbeit bietet den Ertrag jener konzentrierten Energie, jener Synergie dar, die umfassende Bildung, Liebe zum Schreiben und sozialen Trieb legiert, den man auch die politische Zweckbestimmung der Arbeit nennen könnte.
Viele französische Germanisten sind gewissermaßen auch professionelle Übersetzer, und die meisten sind es wohl auch deswegen mehr oder weniger, weil die während der Übertragung eines deutschsprachigen literarischen Textes ins Französische reflexartig aufgestellten Hypothesen interessante hermeneutische Wege eröffnen, die der Interpretation zugutekommen: Schwierigkeiten machen einen aufmerksam, neugierig. Der Übersetzer befindet sich in der Position des Anthropologen, wenn nicht des ethnologischen Feldforschers: Seine idiosynkratische Verwirrung erhellt den Text. Man kann sogar sagen, dass sie das Original bereichert, seine Potentialitäten erweitert.
Mit dieser praxisbezogenen Ethik hast du als Herausgeber Goethes, Chamissos, Büchners gewirkt und als Lehrer, der die Studenten in die Kunst der literarischen Interpretation einführte, sei es an der Sorbonne oder an der École Normale Supérieure. Als ich selber dort Student war, hatten wir das doppelte Glück, unter deiner aufmerksamen Obhut und im toleranten Blick unseres anderen Deutschlehrers, Paul Celan, zu stehen. Du warst zu Beginn der 1960er Jahre ebenfalls sein Schüler – und 1968 sein Kollege. Wenn er den heutigen Tag erlebt hätte, würde er das, was er über dich in den 1960er Jahren in Briefen so laudativ geschrieben hat, ganz nachdrücklich wiederholt haben. Er war ein Virtuose der Übersetzung und hatte deine Virtuosität erkannt und anerkannt. Was mich auf Anhieb frappierte, war die große Ähnlichkeit eurer Schrift, euer ähnliches Schön-Schreiben. Und dann, darüber hinaus, die euch ebenfalls gemeinsame Haltung, in der Strenge und Nachsicht untrennbar miteinander verknüpft sind. Vor einigen Jahren, bei der Übersetzung des Bandes Schneepart, der die Gedichte aus dem Jahr 1968 enthält und sich auf die glücklichen und unglücklichen Ereignisse dieses ganz besonderen Jahres bezieht, hatte ich meine 68er-Kladde wieder hervorgeholt. Aber bei den Daten, die ich da wiederfand, hätte ich niemals sagen können, bei wem wir am jeweiligen Tag waren, und ich habe daraus den Schluss gezogen, dass wir in Wirklichkeit bei euch beiden waren, bei dir, dem Beinahe-Bruder, und bei ihm, dem Beinahe-Onkel.
Eine so familiär endende Laudatio soll also nicht nur die Worte des Lobes zum Schluss erklingen lassen – gelobt seist du, Lortholary! –, sondern – gebentscht seist du, Bernard! – auch die Worte des späten Dankes.