Johann-Heinrich-Merck-Preis

The »Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay« (Prize for Literary Criticism and Essay Writing) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964, financed by the Darmstadt-based Merck pharmaceutical company.
It is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The Johann Heinrich Merck Prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Iso Camartin

Iso Camartin

Publicist
Born 24/3/1944
Member since 1988

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1998
Laudatory Address by Libgart Schwarz
Acceptance Speech by Iso Camartin
Diploma

... der den Leser dank seiner Fähigkeit zur Analyse, dank der Eleganz seiner Sprache hellhörig macht für Zusammenhänge, welche das Fremde wie etwas Vertrautes zur Anschauung bringen.

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Christian Meier
Vizepräsidenten Elisabeth Borchers, Peter Hamm, Norbert Miller, Beisitzer Giuseppe Bevilacqua, Kurt Flasch, Adolf Muschg, Erica Pedretti, Klaus Reichert

Rettung durch Lesen

LAUDATOR
Libgart Schwarz
Born 25/1/1941
Actor

Wenn Iso mir die Aufgabe anvertraut, ihm das Lob auszusprechen, so erwartet er sicher kein kompetentes Urteil seiner Fähigkeiten, dazu wäre ich auch gar nicht in der Lage. Ich werde mich daher auf‘s Loben beschränken, was bei Iso Gott sei Dank nicht schwer ist.
Nun kenne ich Iso zwar seit zehn Jahren. Damals war er für ein Jahr Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Wir saßen nach einer Vorstellung im Lokal, und ich sagte, vom Spielen noch ganz mitgenommen, ich würde so gerne wissen, wie es bei Wissenschaftlern zugeht; worauf er mich sofort zu einem Vortrag in das Institut einlud. Und ihm verdanke ich es auch, daß ich meine geliebten Märchen gleich einem ganzen Schwung von Wissenschaftlern vorlesen durfte. Insgesamt haben wir aber öfter gesagt, daß wir uns sehen wollen, als daß wir uns wirklich gesehen hätten. Ich kenne Iso daher, wenn ich ihn kenne, vor allem aus seinen Büchern. Ich habe sie alle gelesen, auch das Manuskript seiner neuesten Essaysammlung Graziendienst. Ich werde also versuchen, einen Eindruck zu geben, wie er mir aus seinen Büchern entgegenkommt.
Offensichtlich gehört Iso selbst zu den Menschen, die durch Lesen gerettet werden. Auf dem einen Buchumschlag steht es, in einem anderen Klappentext noch einmal, und auch in seinen Texten selbst ist es nachzulesen. Er will also gar kein Geheimnis daraus machen. In einem Kapitel seines neuen Buches erzählt er von einer Tatortbesichtigungstour durch italienische Gärten und findet selbst in den schönsten nicht das, was Dichter darüber geschrieben hätten; worauf er triumphal und nicht klagend ausruft: »An Schönheit und Zauber alle wirklichen Gärten übertreffend sind die imaginären, die wir lesend durchstreifen.«
Aber man könnte auch sagen, er wird gerettet, weil er die Literatur so liebt. Er liebt die Bücher und er sucht den Menschen. Und er liebt viele und kann vieles lieben. Das ist kein Nachteil, keine Beliebigkeit, das ist Reichtum – und das Vermögen, von sich abzusehen. Ich möchte einen Satz auf ihn anwenden, den er über Max Frisch geschrieben hat: »Er macht glaubhaft, daß der Reduktionismus, dieses Ablehnen und Lächerlichmachen von allem was nicht in unser Denkschema paßt, nicht nur andere verletzt, sondern eine grausame Form von Selbstverstümmelung ist.«

Isos Leidenschaft für das andere und Unterschiedliche, für das Unauffällige, Nichtbedachte, nicht Beachtete ist es, so scheint mir, was ihm den Sinn für das Wesentliche im Unauffälligen finden läßt und womit er mich in die Geschichten von anderen und über andere hineinzieht, und auch meine Sehnsucht nach Büchern weckt, die er liebt. Seine Reflexionen über Gelesenes sind kein Ausbreiten gefundener Schätze, er weist mich auf anderes hin, nicht auf sich. Er macht mich hellhörig für Zusammenhänge, die ich ohne ihn nicht bemerkt hätte. Es kommt nur darauf an, diese anders zu betrachten und Andersdenkende zu akzeptieren.
Einmal standen wir vor einem Theater in Berlin, es wetterte jemand, man sehe immer nur dasselbe, worauf Iso ihm entgegnete, er brauche dann ja nur anders hinzusehen.
Sein Blick, der bereit ist, ohne Scheuklappen zu erkennen, ist es, dem ich begegnen will, von dem ich lernen will, wenn ich seine Bücher lese. Ich möchte von ihm aus schauen können, sozusagen vierhändig, mit meinen Augen lese ich sowieso.
Wenn er sich selbst mit ins Spiel bringt, dann um sich für etwas einzusetzen, sich die Blöße zu geben, anstelle von Kritik mit abwärts gerichtetem Blick. Diese unübliche Mentalität ist es auch, die mich beim Lesen erhebt, und mich oft binnen Minuten aus meinem Trübsinn reißt. Ich will ja auch gerettet werden. Ich bin eine dringend Hilfe Suchende beim Lesen. Ein Genußsuchender dürfte aber auch auf seine Kosten kommen. Seine klaren Gedanken und weitgefächerten Sätze belehren und bereiten dabei Genuß. Sie sind aber auch gegen Ablenkung resistent. Ich habe das mehrfach in der U-Bahn lesend erprobt. Also Iso, du bist U-Bahn-kompatibel.
Und frage ich mich dann, was es war, was mir die Augen wieder geöffnet hat, dann hast du mich mit einer Randerscheinung ins Weite geführt. Indem ich ins scheinbar Nebensächliche verlockt werde, gerate ich in die Ferne. Iso ist eben ein Vergrößerer von Details, und kein Verkleinerer von Größe. Es ist mir nicht aufgefallen, daß er je etwas Wichtiges unwichtig gemacht hätte.
Das zeigt sich auch im Sprachgestus. Da kommt kein Ton wie von einer Bibliotheksleiter herab. So ein Abstand wäre bei ihm nicht vorstellbar. Es ist aber auch kein Kammer-Ton, wo der Abstand zwar gering ist, aber nur wenige ihn hören könnten, es ist ein Umgangs-Ton, der sich selbst bewegt.
Er ist einmal da und einmal dort. Es ist ein Ton ohne Muskelanstrengung, aber mit langen Antennen und Fühlern. Er hat schon etwas von einem Schmetterling, wie er auf sehr feinfühlige Weise andere befruchtet, indem er selbst genießt, ernährt, sich aus Abgründen rettet.
Nicht nur, daß er die seltene Kraft hat, andere neben sich gelten lassen zu können – er sucht sie. Das ist Ausdruck seiner gedanklichen Weite, er braucht nicht die Größe. Und schließlich will er wohl auch bis in den Himmel, wo er bestimmt auch einmal vorbeikommen wird, allerdings ist es bis dahin noch sehr weit. Ich bin sicher, man wird ihn einlassen, und zwar trotz seines Sinnes für Gerechtigkeit: der läßt ihn noch für den Teufel Partei ergreifen und selbst in Engelsflügeln schwarze Federn finden.