Johann-Heinrich-Merck-Preis

The »Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay« (Prize for Literary Criticism and Essay Writing) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964, financed by the Darmstadt-based Merck pharmaceutical company.
It is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The Johann Heinrich Merck Prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Günther Rühle

Günther Rühle

Director of a theatre and Drama critic
Born 3/6/1924

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2007
Laudatory Address by Peter Iden
Acceptance Speech by Günther Rühle
Diploma

... der in monumentalen Büchern zum Chronisten der Ereignisse und Menschen des Theaters in Deutschland geworden ist.

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt, Gustav Seibt, Werner Spies

Der Darmstädter Knoten

Verehrte Mitglieder der Akademie, verehrte Juroren,

Sie haben mir den Johann-Heinrich-Merck-Preis verliehen für die erfreulich mühselige Arbeit als Kritiker des Theaters mit angehängter Arbeit als ruhestörender Intendant. Ungerecht kann ich das nicht finden. Ich danke für diese Aufmerksamkeit, die mich noch zu Lebzeiten erreichte. – Dank auch an Peter Iden. Wir beide haben einmal – bei aller Gegensätzlichkeit mancher Bewertungen – so etwas wie eine Frankfurter Schule der Theaterkritik dargestellt: begründend und fordernd. Im zeitgenössischen Schwund eingreifender Theaterkritik sind wir Erinnerungsposten.
Wenn man den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhält, wird man sofort Fragen ausgesetzt. Erstens: War das der Gründer der Chemiewerke Merck? Dann muss ich sagen: NEIN, das war der Enkel! Es folgt Frage zwei: Wer war dann dieser Merck, der gemeint ist? Dann sage ich, Mercken selbst zitierend: Er sei bekannt, weil er über hundert Elefanten und 28 Rhinozerosse entdeckt und geborgen habe, zumeist im Hessisch-Darmstädtischen. Er meine nicht die Darmstädter. Sondern die Knochen aus der Vorzeit. Ein Rhinozeros Merkii steht wohl noch im Landesmuseum. Sage ich dann: Dieser Merck wurde also ein sehr angesehener Naturforscher, folgt sofort Frage drei: Was hat das Sammeln von abgelebten Rhinozerossen mit Ihrer Arbeit, besser, mit Ihrer Auszeichnung zu tun? »Hoffentlich nichts!«, sage ich dann; es ist das Schöne an den Preisen, dass sie unverhoffte Sprünge machen.
Hat, Frage vier, dieser Johann Heinrich Merck denn große Sprünge gemacht? Beachtliche, sage ich. Der Sammler fossiler Knochen – die einer Giraffe erfreuten ihn besonders – wurde sogar Unternehmer. Ihn rührten die vielen Soldatenkinder, die verarmt und ohne Schulbildung in Darmstadt herumliefen; er wollte sie in einer Kattunfabrik beschäftigen, ab 8 Jahren, 300 Stück. Carl August von Weimar gab dafür eine Bürgschaft. Das Unternehmen scheiterte. Aber es ehrt ihn bis heute.
Dieser Merck war doch ein beachtlicher Mann. Ein Satz aus einem Brief an Schleiermacher macht ihn noch heute erkennbar. Der Merck-Satz heißt: »Wir sind doch nur insofern etwas, als wir was für andere sind«. Wielands Bemerkung bestätigt ihn: »Du hältst immer mehr, als du versprichst, und bist immer besser, als Du scheinen willst.« – Von wie vielen unsrer Zeitgenossen könnte man so was sagen? Wäre er nicht ein idealer Theaterintendant geworden? Umgang mit seltsamen Lebewesen, auch Rhinozerossen, hätte er dort nicht entbehrt.
Merck war ein multifunktionaler Mensch. Er war Staatsbeamter, führte die Kriegskasse, war Kriegszahlmeister, Fürstenkindererzieher, Reisebegleiter von Hoheiten. Ein kühner Intellektueller von Natur, aber auch ein vom Amt gefesselter Mensch. Er war, sagte Goethe, erbittert gegen die Welt. Die Ergebenheitsformeln unter Merkens Briefen enthalten einen ungeschriebenen Roman von Dienstfertigkeit und Beflissenheit. Das heißt: er hat viel geschluckt und seine Freiheiten suchen müssen.
Darum lebte er doppelt und dreifach. Er hat gedichtet, übersetzt, er verstand sich auf bildende Kunst, Goethe verführte ihn zum Zeichnen, er war Bilderankäufer für die fürstlichen Galerien in Darmstadt und Weimar, Kunsthändler und: Kunstdenker. Als Kunstdenker rührte er an den Schlaf des Landes. Er wusste, was ein »Umtausch der Bilder« für Fühlen und Denken in einem Volk bedeutet. »Bilder müssen gegen Bilder umgetauscht werden!« Das war ein Kernsatz von Merck. Er suchte die Maler endlich dazu zu bringen, wahre Landschaften zu malen, ihre barocken Landschaftsphantasien sein zu lassen. Er bestand auf Lebensnähe »Man sehe das an, was uns umgibt!« Das heißt: Er engagierte sich in dem großen Vorgang der Verwandlung der Bilder, mit und von denen wir leben. Das Erschaffen neuer Bilder: in der Malerei, auf dem Theater, in der Literatur: Das war die Vorrevolution von damals. Da trafen sich – von Lessing entzündet, von Shakespeare befeuert – der junge Goethe, der muntere Lenz, und die wilden Jungdramatiker Wagner und Klinger, und der Merck. Schiller lief hinterdrein und überholte alle. Ihre neue Bildwelt reichte auf dem Theater von Miß Sarah Sampson über den Hofmeister bis zu den Räubern und Kabale und Liebe. Als Goethe und Merck sich als Literaturkritiker in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen zusammenfanden, war Merck der Chef, bei dem »kein Buchstabe eingerückt werden durfte, der nicht durch meine Hand gegangen ist«. Er war der Artikelbeschaffer, der der Kritik, dieser neuen aufklärenden Kraft, ein Forum baute. »Sie werden sich nächstens wundern, wie der Staub von den Perücken der Kahlköpfe fliegt; bei Gellerts Werth und Sultzers Theorien gedenken Sie an Ihren Freund M.« Das sind Sätze aus einem Brief in dem tollen Jahr 1772.
So gehörte er in die Schar der stürmend-drängenden Gründer der neuen Zeit. Ein Journalist war er in der Frische des Lebens, Kollege also, ein Schandmaul auch. Immer hatte er Gegenargumente, bedenkenswerte. Er hat Goethen, der ihn nie vergaß, auch oft geärgert mit seinem Dreinreden, als er ihm die Wetzlarer Lotte, die Charlotte von Stein, auch die Brüder Stollberg madig machte. Den Clavigo hat er »einen Quark« genannt, den Werther nicht gemocht. Mehr als einmal hat Goethe ihn »Mephistopheles« genannt. Schon in meinem ersten Semester – 1946 – hab ich bei dem vortrefflichen Ernst Beutler (den ich von hier in Goethes Himmeln grüße) gelernt, dass Merck im Urfaust spukt.
Aber der Mephisto kann nicht der Hauptgrund für die Merck-Erinnerung sein. Immerhin hat er auch Goethes Götz zum Druck gebracht und damit der neuen, dramatischen Kraftfigur zum Leben verholfen, die sich die Theater eroberte. Dieser Merck war nicht – obwohl in Darmstadt die Empfindsamkeit einen Nährboden hatte – für das Weiche, Gefühlige. Kraft wollte er, Zukunft. Wie im Götz von Berlichingen: »Sage er seinem Herrn, er solle mich im Arsche lecken!«
In seinen Briefen gibt es viele rebellische Sätze. Er sah das Farcenhafte der Situation, in der er lebte. »Farce« sagt er ausdrücklich – wenn er, der sich als Lakai von Despoten fühlte, als Begleiter von Hoheiten sich selbst von armen Lakaien bedienen lassen musste. Er mochte die harten Komödien von seinem verrückten Freund Lenz.
Merck hätte selbst gern Lenzens Neuen Menoza geschrieben. Die Zustände am Darmstädter Hof waren so: »Jeder der in den Schlosshof tritt, auch in den äußeren, wo keine Herrschaften wohnen, muss den Hut abnehmen, wenn er nicht 50 Prügel haben will. Sogar die Bauern, die das Holz mit ihren Ochsen hinaufdrücken, müssen neben ihren Ochsen den Hut abnehmen, ehe sie die geheiligte Stätte betreten«. So schrieb Merck an Carl August nach Weimar. (Sie denken jetzt gewiss an Wilhelm Tell: »Siehst du den Hut dort auf der Stange«? Schiller meinte diese Realität von damals) – Und an die Herzogin Anna Amalia: »Mein Journal ist voll von Bemerkungen über Fürsten, Philosophen, Elephanten, Walfische, Giraffen, Rhinozerosse und andere große Tiere [...]« Sein naturforschender Blick schob zusammen, was da kreucht und fleucht und zusammengehört.
In der Lakonie solcher Notate spürt man, dass in dem schicksalsgebeutelten, immer wieder sich verkannt fühlenden, schließlich verarmten Mann, der doch als intelligenter Journalist dem Ludwig Börne vorauslief, etwas vom Kommenden steckte. »Man sehe [...] ob man einen Stein aus der zugespitzten Pyramide unserer europäischen Gesellschaft verrücken kann [...]«, schrieb er an Jacobi. 1771!! Achtzehn Jahre vor der Revolution. – Die politischen Täter der nächsten und übernächsten Generation haben es versucht. Georg Büchner schickte den Hessischen Landboten deswegen los gegen die frivolen Zustände im Land, gegen die Merck schon losdachte. In diesem Kampf wurde Georg Büchner – verfolgt und zurückgeworfen auf sich selbst – das, was Merck mit seinen Mühen, ein Schriftsteller und Dichter zu werden, noch nicht erreichte. Büchner gelang es, abermals neue, bleibende Bilder zu schaffen – Bilder, zu denen Mercks Freunde aus dem Sturm und Drang die realistischen Grundentwürfe machten. Büchner ging auf ihrem Weg. – Den Aufbruch von 1772 hat er – seine Lenz-Novelle zeigt es – vom Ende her nachgedacht.
Büchners Dichtung ist geboren nicht mehr aus einem Aufbruch, sondern aus der erlittenen Erfahrung, dass die Mächtigen auch nach 1830 noch immer und wieder machtstark sich regten. So wurde Dantons Tod zum großen Bild der eigenen revolutionären Enttäuschung, in einer Sprache, die noch das nächste Jahrhundert ergreifen kann. – Leonce und Lena entstand aus dem von Zorn und Haß geprägten Blick auf den fürstlich verwalteten Kleinstaat. Merck nannte ihn in einem Brief an Carl August: eine »Wüste Sahara, in der – Jahrein Jahraus – kein Tropfen Menschenverstand dem müden Wanderer mitgeteilt wird«. Die ausgehungerten Bauern, die da im Spalier ihrem Fürsten zujubeln, sind noch immer die aus dem Hessischen Landboten. Auch Merck hat einst so »an Ludwigs Tag beim Feste eines Despoten in der langen Reihe paradiert«, wenn der Fürst kam in das ›Königreich‹, das bei Büchner vornehm »Popo« heißt. Sie können es auch anders nennen, dann wird deutlicher, was er meint.
Und schließlich Woyzeck. Das ist die Inspektion der Militärschicht im Darmstädtischen, dem Leben im Kleinstaat, der 6000 Soldaten unterhielt. Dass Büchner den Mordfall Woyzeck aus Leipzig ins Hessische übertrug, sagt, was er meinte: diese festgezurrte, in sich selbst inhuman gewordene Welt seiner Herkunft. Woyzeck ist eine Inspektion wie Die Soldaten von Lenz: man spürt den Zusammenhang.
Wie fern ist uns diese Welt gerückt? Unsere Theater spielen diese Stücke noch immer und immer wieder. Die Zeit, die so vieles auffrisst, frisst ja auch fast alle Theaterstücke. Aber sie hat es schwer, die Stücke aus der Welt zu bringen, in denen eine unüberholte Wahrheit steckt. Bilder von dem, was der Mensch mit dem und den Menschen macht und was sie mit sich machen lassen. Das ist Büchners Werk.
Unter Büchners Augen lebten auch die Figuren aus Niebergalls Datterich. Schnorrer dieses Typs – der »nur lebt im Wirtshause, borgt an allen Orten und zahlt keinem Menschen«, hat Merck schon 60 Jahre vor Niebergall in Darmstadt erlebt. Um den Kleinstadtmephisto Datterich herum leben die Dummbachs, Spirwes, Knerz und Bennelbecher. Diese enge, kleinbürgerliche Handwerker-Welt hat sich eingerichtet im Kleinstadtdespotismus, zieht sich sonntags gut an, zahlt Steuern für Hof und Militär und schreit wie in Leonce und Lena ihr »Vivat«, wenn der Fürst kommt. Die drei Stücke (Leonce und Lena, Woyzeck und der Datterich) geben das Bild einer Stadt in allen ihren Schichtungen. Oben, Mitte und unten. Nehmen Sie Dantons Tod über die Selbstvernichtung einer Revolution hinzu, deren Folge jene Zustände sind: Keine andere Stadt verfügt über eine solche dichterische Figuration. Hier ist getan, was zu Mercks Zeit in Goethes Umkreis als Forderung entstand. Merck sagte: »Seht an, was uns umgibt«. Eine Aufforderung ist ausgeführt, aber der Aufbruch von einst ist im Stillstand erstickt Das ist Büchners Ort. Er definiert ein Ende. Das Erschrecken soll wachmachen.
Kein Theater hat je diese Einmaligkeit in ihrem Zusammenhang, in ihrer drangvollen Gleichzeitigkeit gezeigt. Deutsche Zustände, in Horror, Sarkasmus, Humor und Groteske, gesehen mit den Augen des Zorns und – wenn nicht der Verzweiflung – doch des Zweifelns. Ein Denkstück sondergleichen. Darmstadt als Paradigma der Welt. Das nenne ich den Darmstädter Knoten; in der Entwicklungsgeschichte des Dramas, das die der Gesellschaft spiegelt.
In dem rasenden Tempo, mit dem wir uns von diesen Bildern deutscher Enge entfernten, steckt das Erschrecken, dass wir uns noch immer in ihren Menschen und ihren Bedingungen erkennen. Wir im Damals, das Damals in uns: entfernte Nähe. Das Theater unserer Tage unterschlägt immer mutwilliger und selbstgefälliger das Vorzeigen dieser Dimension.
Wir brauchten also eine Theaterkritik, die diese scharfe Kontur von Mensch und Zeit wieder einfordert. Und wir brauchten ein Theater, das die vergangene Zeit – unser aller Vorleben – nicht in den Klamotten und Marotten unserer bedeutenden, aber vom Theater nur schütter begriffenen und vorgeführten Gegenwart ertränkt.
1791, im Frühjahr, als auch Schiller noch gebannt auf die revolutionären Vorgänge in Paris sah, fuhr Merck ins aufständische Paris. Der Besuch war wohl sein letztes Glück. Noch lebten der König, noch Danton und Robespierre. Merck trat erregt vor das Gemälde vom ›Sturm auf die Bastille‹. Da spürte er etwas von seinem Traum, »was der Mensch und die Menschen einmal zu werden vermögen«. Er erlebte sein inneres Gemälde von einer befreiten und befriedeten Welt. – Im Februar 1791 kam er in jenes Darmstadt zurück. Ende Juni schoss er sich aus dem Leben – das Ende des verachteten Werther an sich wiederholend. Sich so einreihend in die Schar derer, denen auf Erden nicht zu helfen war.
Der Preis der Akademie, der Mercks Namen trägt, beleuchtet dieses stürmisch-drängende und bedrängte Leben. Ihr ist für dieses Merck-Denkmal zu danken.

Ich danke für den Preis.