Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Werner Spies

Werner Spies

Kunsthistoriker
Geboren 1.4.1937
Mitglied seit 1977

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1979
Laudatio von Carl Linfert
Dankrede von Werner Spies
Urkundentext

... der als Kritiker der bildenden Kunst neue und treffende Ausdrucksweisen für ihre Zerrissenheit wie für ihre Behauptung in unserem Jahrhundert gefunden hat.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Dolf Sternberger, Eva Zeller, Beisitzer Karl Krolow, Horst Rüdiger, Bernhard Zeller, Ehrenpräsident Gerhard Storz

Den Texten des Kritikers sollte etwas Gewalttätiges anhaften

Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für diese Auszeichnung. Ein solcher Preis zwingt zu Fragen, die sonst eher unterschwellig als Unlustgefühle anklingen. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Wie läßt sich überhaupt heute noch so etwas wie Erlebnisfähigkeit herstellen? Denn ohne eine solche Möglichkeit, sich immer neuen Eindrücken, Erfahrungen offenzuhalten, verliert derjenige, der über seine Zeit referiert, eigentlich neben der Lust auch die Legitimation. Im besten Falle sind diese Texte aus dem Affekt heraus geschrieben. Und diese Plötzlichkeit des Reagierens, das die eigene Befindlichkeit notwendigermaßen einbezieht, bringt Formulierungen zustande, denen etwas von der Gewalttätigkeit ihres Entstehens anhaftet. Die Frage nach der ungenauen Figur des Kritikers wird immer wieder gestellt. Damit stellt sich die Frage nach einer Strategie des Vorgehens, ja nach einer Theorie. Es gibt eine solche nicht. Oder sie scheint nur dort aufzutreten, wo in einer Art Zeitenklage dem Kunstbetrieb, der nicht voraussagbar erscheint, einige vergangene Schnittmuster angeboten werden. Auch wenn es keine Norm für den Kritiker gibt, so ist zu sagen, daß das, was als Erfahrung, an Erinnerung sich im einzelnen anstaut, die Verbindlichkeit und Gefahr für den Kritiker darstellt. Er glaubt, daß die eigene Erfahrung den Fortgang der Zeit, die Zerstörung des Neuen durch das Allerneueste aufhalten müsse.
Überblicken wir die ziemlich junge Geschichte der Kunstkritik, so stellen wir fest, daß sie beinahe von Saison zu Saison ihren Wortschatz, ihre Losungen, ihr immer waghalsigeres Quantum an Einfühlungsbereitschaft neu zu memorieren hat. Wieviel Fremdsprachen hätte der Kritiker erlernen können, hätte er statt der jeweils neuen Namen von Künstlern, Galeristen, Meinungsmachern einfach Vokabeln pauken dürfen!
Was der Kritiker in Beschlag zu nehmen hat, es spielt sich in dem kurzen Augenblick ab, der zwischen dem Moment des Entstehens und des Vergessens oder der Dauer liegt. Aber die Dauer gehört ja bereits dem Historiker, der, gierig hinter dem Kritiker lauernd, den Balg abzieht. In diesem Schwanken zwischen dem Wunsch nach Verbindlichkeit, Kontinuität und dem Zwang, immer erneut zu reagieren, liegt eine Zerrissenheit. Baudelaire, der in seinem Jahrhundert über den Status des Kritikers nachsann, litt in gewissem Sinne noch auf gegenteilige Weise. Er suchte sich gegen die Sicherheit eines unverbrüchlich scheinenden Geschmacksurteils Relativität zu erkämpfen. Deshalb trägt die Sammlung seiner Kritiken auch den bezeichnenden Plural »ästhetische Neugierden«. Und er notierte: »Ein System ist eine Art Verdammung, die uns zu einer ewigen Verneinung zwingt. Wir müssen stets ein neues erfinden.« Deshalb setzte er dem Etablierten die Schnelligkeit des Erlebens, des Momentanen, in seinen Worten: der Modernität, entgegen.
Unsere Verdammung liegt nicht in einem System, nicht darin, daß wir an das Diktat einer gültigen Kunst gebunden wären. Unsere Verdammung – innerhalb einer schwindelerregenden Relativität – liegt eher darin, daß wir in einer Art immer rascher zuschnappender Dialektik fast nur noch Momentanes – und dies zumeist ganz schwach – erleben. Wer auch nur zehn, zwanzig Jahre Aktivität in Ateliers, Galerien, Ausstellungsräumen überblicken kann, wird von einem Schwindelgefühl ergriffen. Von einem Schwindelgefühl, das dieses zwanghafte, einfach motorische Zugreifen, Beschreiben, Deuten, Plausibelmachen und Wiedervergessen hervorbringt. Wir sagen uns dabei mehr und mehr los von jeder Möglichkeit einer Faszination, wie auch eines skandalösen Mißverständnisses. Ganz offensichtlich zerstört dieses unbegrenzte Verstehen eigentlich jede Dauer. Es sind die so modernen Begriffe des Verstehens und der Einfühlung, die uns heute schaden. Blicken wir noch einmal auf Baudelaire zurück. In seinen Kritiken gibt es doch Urteile, die möglich waren, weil sie auch zerstörten. Ingres, Courbet fielen hier einem Delacroix oder Richard Wagner zum Opfer. Auch wenn wir heute, historisch betrachtend, anders oder, besser gesagt, breiter über die Zeit Baudelaires urteilen, liegt doch der Erkenntniswert seiner Kritik eben in dieser beneidenswert durch Affekt abgesicherten Einseitigkeit und Ungerechtigkeit.
Wird heute, in unserer so ständigen Bejahung überhaupt noch etwas Geschichtliches zuwegegebracht? Oder sind wir eigentlich dabei, in einer nicht mehr geschichtsfähigen, nicht einmal mehr zu Irrtum aufwiegelnden Unlust, sinnlos vergangene Liturgien zu repetieren? Haben wir uns dabei nicht eigentlich mit der von Hegel angedrohten Situationslosigkeit abgefunden? Die Medien, über die wir verfügen, dramatisieren heute stärker jedes Tun als je zuvor, aber sie entdramatisieren es im gleichen Maße auch wieder. Dies gilt für alle Lebensbereiche, für unser politisch-soziales Verständnis, das immer rascher die noch nie so deutlich gezeigten Katastrophen vergißt. Dieses Gesetz der beschleunigten Trauer oder Freude gilt auch für die Kunst.
Es ist vielleicht nicht nur die Aufgabe des Kritikers, immer Neues zu entdecken, nur Neues zu präsentieren. Vielleicht gehört es heute zu seiner Aufgabe, zu verlangsamen, ein Gefühl für Zeit zu erreichen. In einer Zeit, in der allgemein Ressourcen überdacht werden, kommt auch die kulturelle Sphäre nicht darum herum, die Termini Energieverschleiß, Raubbau, Überkonsum in ihre Sprache einzuführen. Eine Avantgarde, die im sich ständig beschleunigenden Zeitraffer das eben Skizzierte sogleich in individuell erkennbare Leugnung überführte und dabei anthropologische Grenzen erreicht hat, sucht sich ihrer leerlaufenden Dynamik zu entledigen. Ist es nicht irgendwie erschreckend, daß heute ein Künstler in seiner neuesten Ausstellung nach der nächsten gefragt wird? Und daß derjenige, der sich nicht ständig kontrovers zu definieren vermag, als impotent gilt? Die Avantgarde, die sicherlich als Erscheinung und Ideologie etwas Obsoletes geworden ist, hat in den letzten Jahren viel von ihrem Optimismus aufgeben müssen, jeweils so etwas wie absolute Jetzt-Formen als Äquivalente einer gesellschaftlichen Veränderung anbieten zu können. Überall sehen wir Versuche, Fixpunkte zu finden, überall stellen wir eine Suche nach Mythologien, nach einer Regression aus dem Präsens fest. Es sind dies, glaube ich, Versuche, die ständige Hinrichtung der Zeit durch die Zeit zu überlisten.
Neues erkennen, beschreiben, das bleibt als Aufgabe. Es bleibt die wichtigste des Kritikers. Aber sie kann nur dann weitergeführt werden, wenn eine Faszination vorgeführt werden kann. Die Surrealisten sprachen vom überspringenden Funken. Man kann von Epiphanie sprechen, von all dem, was ich vorher anzudeuten suchte, als ich darauf verwies, den Texten des Kritikers sollte etwas Gewalttätiges anhaften. Spuren einer Gewalt, die das Erlebnis hinterlassen.
Ich darf dies abschließend in zwei Sätzen auf mich selbst beziehen. Jeder, der sich mit seinem Schreiben der Aktualität zuwendet, braucht einen Ausweg aus einer Baudelaireschen Verdammung. Dieser Ausweg liegt nur in der eigenen Erlebnisfähigkeit. Über Erlebbares zu schreiben, enthält den Mehrwert der Passion. Deshalb hoffe ich, was mich betrifft, daß meine persönlichen Freundschaften – seien es die mit Picasso, Max Ernst oder Beckett – mich noch einige Zeit von der Not des lustlos-objektiven Protokollanten erlösen werden. Dies ist beileibe kein Plädoyer für einen Konservatismus, sondern dafür, die großen revolutionären Momente, die man als Zeitgenosse erleben durfte, nicht dem Heer derer zu überlassen, die Revolutionen nur dann für notwendig erachten, wenn sie längst aufgebahrt sind.