Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Sebastian Haffner

Sebastian Haffner

Schriftsteller, Publizist und Journalist
Geboren 27.12.1907
Gestorben 2.1.1999

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1980
Laudatio von François Bondy
Dankrede von Sebastian Haffner
Urkundentext

... der mit seinen kritischen Schriften zur Zeitgeschichte den literarischen Rang und die geistige Würde des politischen Essays in Deutschland von neuem befestigt hat.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Beda Allemann, Dolf Sternberger, Eva Zeller, Beisitzer Ludwig Harig, Karl Krolow, Horst Rüdiger, Gerhard Storz, Hans-J. Weitz, Bernhard Zeller, Ehrenpräsident Bruno Snell

 
LAUDATOR
François Bondy
Geboren 1.1.1915
Gestorben 27.5.2003
Journalist

»Wenn die Atombombe den Krieg der Großmächte untereinander und die Maosche Guerilla den Krieg der Großmächte gegen die Armen und Schwachen seines Sinns beraubt haben - was bleibt? Mit welcher Art Krieg muß man für die Zukunft noch rechnen? Dem Krieg der Schwachen untereinander?«
Das steht gegen Ende des Essays, mit dem unser Preisträger 1966 Schriften von Mao eingeleitet hat; das Zitat zeigt, so meine ich, die objektiven Grenzen und die subjektiven Qualitäten des analysierenden Kommentators, der nicht nur sagt, was war und wie er es haben möchte, sondern auch was, jenseits unserer Wünsche, zu erwarten ist.
Die objektiven Grenzen, denn es folgt der skeptische Satz: »Um was soll der geführt werden?«, dem die syrische Besetzung Libanons, die vietnamesische Besetzung Kambodschas und der Golfkrieg doch Inhalt gegeben haben. Die subjektive Qualität, denn 14 Jahre danach ist diese hier als übriggebliebene Art von Krieg bezeichnete auch wirklich die einzige gewesen. Und welche Freude, einen Futurologen zu finden, der sich niemals so nennen würde!
Um so weniger als der Historiker ein Passatologe, der Kolumnist ein Präsentologe ist und daß Sebastian Haffner in beiden Eigenschaften nicht nur mit hinreißender Erzählergabe, mit Transparenz ohne Simplifizierung schildert, wie es war – die besten Beispiele sind sein Preußenbuch und seine Churchill-Monographie –, sondern daß er, wo es sich so fügt, seine Meinung, seine Wünsche kraftvoll und eindeutig formuliert. So eindeutig, wie es oft gerade die von ihm gutgeheißenen Politiker und Parteien nicht durchaus schätzen.
Dafür ein Beispiel jüngster Zeit. In Überlegungen eines Wechselwählers wird die Bewahrung der regierenden Koalition dringend empfohlen, aber da heißt es dann: »In Wirklichkeit will die SPD keinen Sozialismus, weder einen demokratischen (wenn es den gibt) noch einen undemokratischen; in den elf Jahren, die sie nun in Bonn regiert, hat sie nicht einen
einzigen Industriezweig [...] zu sozialisieren [...] versucht. Es ist auch nicht etwa so, daß sie davon nur durch die Rücksicht auf ihre Koalitionspartner zurückgehalten worden wäre. Sie will es einfach nicht, sie denkt nicht daran.«
Da versteht man, wenn Organe der hier angepriesenen Partei über diesen Wahlhelfer, diesen Wechselwähler, der ein Buch lang erklärt, warum es nicht Zeit für einen Wechsel ist, gar nicht glücklich waren. Von diesem getarnten Segensspruch – »blessing in disguise« – war die Tarnung augenfälliger als der Segen. Der Historiker der Zwischenkriegszeit ist als Nachrichter so kräftig in seinen Verdammungen, daß die Darstellung zum Tribunal wird. Das gilt besonders für Die verratene Revolution – neun Jahre später als Die deutsche Revolution 1918/19 neu erschienen. Hier wird der Verrat der sozialdemokratischen Führer an dieser Revolution mit unübertreffbarer Schärfe angeprangert. Im Nachwort zur Neuausgabe steht: »Es ist mir für meinen heutigen Geschmack zu viel Entrüstung darin. Ich würde es heute anders schreiben: ruhiger, skeptischer, kälter.«
Als Historiker legt der Autor dieses streitbaren Werks viel Material vor, das dem Leser erlaubt und sogar hilft, gänzlich andere Schlüsse zu ziehen als er selber. Hat nicht – so mag sich dieser Leser fragen – eine Mehrheit von Sozialdemokraten sich in diesen »Verrätern« erkannt, von ihnen vertreten gefühlt? In ändern Büchern hat Haffner deutlich gemacht, wie sehr 1918 die Deutschen, auch die Arbeiter, noch monarchistisch empfanden. Auch haben vor dem Gebrauch der Kategorie »Verrat der Führer« als historische Erklärung zwei gute Autoren gewarnt: Friedrich Engels in der Geschichte des Bauernkriegs und Richard Löwenthal in einem Essay ›Zur Problematik der versäumten Revolution‹ im Band Sozialismus und aktive Demokratie.
Haffners Thesen, Tendenz und Temperament, durch die jeder seiner Sätze gespannt und spannend ist, mindern das Interesse seiner zeitgeschichtlichen Darstellungen nicht. Dieser Autor kann, wenn der Vergleich erlaubt ist, die Parteilichkeit eines Treitschke mit der Objektivität eines Ranke verbinden. Er versucht nicht, das sperrige Material seinen Ansichten gefügig zu machen, sondern wirft es ihnen immer wieder – um so rühmlicher, wenn er es nicht absichtlich tut, sondern bloß nicht anders kann! – zwischen die Beine.
Ich nannte Löwenthal. Ein Freund beider machte mich unlängst aufmerksam, wie parallel die Karrieren lange Zeit verliefen. Beide wurden als Emigranten in England hochangesehene politische Kommentatoren, deren Kenntnis des Kontinents die englischen Leser schätzten. Beide waren nach dem Krieg Korrespondenten der englischen Presse in Deutschland.
Bei Haffner ist allerdings rätselhaft – auch diese Bemerkung verdanke ich dem erwähnten Freund wie der 1938 Emigrierte bereits vier Jahre später zum einflußreichen, in der anderen Sprache glänzenden Kolumnisten und mit Germany – Jekyll and Hyde zum englischen Buchautor werden konnte.
Es ist nicht abzuschätzen, wie viele Kolumnen Haffners ich in The Observer, Die Welt, Der Stern meist, nicht immer, mit Zustimmung gelesen, doch jedenfalls, soweit es ging, nie versäumt habe. Plötzlich fällt mir ein, wie anläßlich einer Olympiade Haffner in Die Welt davor warnte, in den Amerikanern überlebensgroße Naturen von stetigen Höchstleistungen zu bestaunen und darauf vorbereitete, hier auch Schwächen zu erwarten, damit nicht später bei deren Zutagetreten eine ganze deutsche Vorstellungswelt zusammenbreche. Ich weiß nicht, ob ich diesen Beitrag richtig resümiere – doch wie viele Zeitungsaufsätze sind überhaupt einem Leser nach langen Jahren derart gegenwärtig?
Alle hier Anwesenden wissen, daß unserem Preisträger zu Hitler viel eingefallen ist, weshalb auf Bemerkungen über sein erfolgreichstes Buch verzichtet werden kann. Statt dessen mache ich auf Haffners Nachwort zu Walter Kempowskis Band Haben Sie Hitler gesehen? aufmerksam. Dort sind Betroffenheit und in der Rückschau gewandeltes Urteil so persönlich ausgedrückt wie nirgendwo sonst. Eine Äußerung im Gespräch über Hitler in Aschaffenburg ist zu zitieren: »Der klassische Freiheitsbegriff, in England seit dem 17. Jahrhundert absolut maßgebend, ist in Deutschland auch vor Hitler immer nur ein ausländisches Gewächs gewesen.« Diese Feststellung beißt sich, so will mir scheinen, mit der These, daß nur einige bornierte kleinbürgerliche Politiker eine deutsche Revolution verraten hätten. Deshalb weiß ich ein probates Mittel für jeden, den irgendwann eine These Haffners provoziert hat: Noch mehr Haffner lesen!
Zum Schluß weise ich auf zwei Essays, die Haffners Gabe, so originell wie klar zu schreiben, besonders deutlich machen. Der Aufsatz über Philip Eulenburg ›Der letzte Bismarckianer‹, der vor drei Jahren im Merkur erschien, zeigt, wie konservative Preußen Friedenspolitik machten, während liberale Bürger von Weltmacht und Krieg träumten. Homosexualität war der moralisierende Vorwand der Angriffe gegen Eulenburg, Mangel an aggressiver Forschheit das eigentliche Ärgernis. Es läßt vermuten, daß die Gleichsetzung zwischen »Frieden« und »Fortschritt« historisch stets fragwürdig war. Der zweite kürzere Essay heißt ›Der Vertrag von Versailles‹ (München 1978). Hier wird gezeigt, wie die Wilsonschen Prinzipien Deutschland zum Sieger des Weltkriegs machen mußten, weil sie auf die Selbstbestimmung der Nationen bauten und die Deutschen die zahlreichste und stärkste Nation Europas bildeten, weshalb München 1938 als die Konsequenz von Versailles erscheinen konnte. Doch hält Haffner, dieser radikale Kritiker der deutschen Kriegspolitik, die deutsche Unterzeichnung des Versailler Vertrages für einen katastrophalen Fehler: »Sie mußte die Nation spalten und die Republik diskreditieren.«
Von dieser Seite und mit den hier gebrauchten Argumenten ist die in anderem Zusammenhang vertraute These vielleicht manchen anstößig, doch allen ein Denkanstoß. Auf die Kolumnen bin ich wenig eingegangen, die insgesamt viel mehr Leser hatten als die Bücher. Die Werke sind greifbar, und die Meinung über sie leicht nachzuprüfen. »Solange die Autoren nicht gehalten sind, sich selbst zu rezensieren, werden alle Bücher sehr gelinde mit dem Tadel wegkommen, weil er selten die rechte Stelle trifft, deren schwache Seite der Eigner (besser) kennt als irgendein Sterblicher.« Das schrieb vor eben 200 Jahren jener Darmstädter Kritiker, nach dem dieser Essaypreis benannt ist. Haffner kontra Haffner – das wäre spannend.
Wenn ein kleines Pfefferkorn von »vituperatio« zum Lob dieses Mannes, zu seinem Wesen, zu seinem Humor gehörte, so muß doch zum Schluß ein Bekenntnis den Vorrang haben. Es ist die vorbehaltlose Bewunderung eines Stils. Haffner ist so unbefangen, daß er dem Leser zurufen kann: »Keine Angst, ich verliere den Faden nicht!« und so sachlich, daß der Stil niemals als solcher auffällt. In seiner Sprache wird jede Information belangvoll und jede Ansicht unmißverständlich. Weil er so viel Anreiz gibt, mit ihm und manchmal – es ist im Grunde dasselbe – gegen ihn zu denken, ist Sebastian Haffner ein Schriftsteller, mit dem es sich leben läßt. Auch die ihn nicht kennen, spüren: das ist kein Belehrer, sondern ein Kamerad.