Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Sebastian Haffner

Sebastian Haffner

Schriftsteller, Publizist und Journalist
Geboren 27.12.1907
Gestorben 2.1.1999

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1980
Laudatio von François Bondy
Dankrede von Sebastian Haffner
Urkundentext

... der mit seinen kritischen Schriften zur Zeitgeschichte den literarischen Rang und die geistige Würde des politischen Essays in Deutschland von neuem befestigt hat.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Beda Allemann, Dolf Sternberger, Eva Zeller, Beisitzer Ludwig Harig, Karl Krolow, Horst Rüdiger, Gerhard Storz, Hans-J. Weitz, Bernhard Zeller, Ehrenpräsident Bruno Snell

 

Eine Dankrede für einen Literaturpreis ist immer eine Verlegenheit. Nachdem ich mir schon so viel unverdientes Lob angehört habe, wäre es eine Vermessenheit, noch weiter über mich selbst zu sprechen; und eine noch größere Vermessenheit, mich über den Stand der gegenwärtigen Literatur im allgemeinen oder über literarische Kritik und Essay im besonderen vom hohen Roß auszulassen. Ich möchte mir so aus der Patsche helfen, daß ich Ihnen ein bißchen über den Mann erzähle, dem der Johann-Heinrich-Merck-Preis seinen Namen verdankt. Damit hoffe ich, wenigstens dem einen oder andern von Ihnen etwas Neues zu bieten.
Vielleicht schließe ich dabei von mir auf andere. Denn von mir selbst muß ich leider gestehen, daß ich bis vor wenigen Wochen von Mercks Schriften so gut wie nichts gekannt und von seinem tragischen Leben nichts gewußt habe außer dem wenigen und, wie ich jetzt finde, etwas Ungerechten, was Goethe in ›Dichtung und Wahrheit‹ über ihn überliefert hat. »Zugleich kalt und unruhig« wird er da genannt, von seiner Neigung, andere zu kränken und zu verletzen, ist die Rede, bei allen seinen kritischen Arbeiten sei er verneinend und zerstörend zu Werke gegangen, und ein paarmal spricht Goethe sogar von »Mephisto Merck«. Man würde aus alledem kaum entnehmen können, daß Merck in einer entscheidenden Jugendphase Goethes engster und bester Freund gewesen war, der ihm Mut zu sich selbst machte und ihn öffentlich durchsetzen half, ja daß man Merck in gewissem Sinne, mehr als Herder, den Entdecker Goethes nennen kann. Was ja allein schon für seine ungewöhnlichen kritischen Fähigkeiten spricht.
Denn Merck war ein geborener Kritiker. Er hatte alles, was den großen Kritiker ausmacht: die leidenschaftliche Liebe zur Literatur und übrigens auch zur bildenden Kunst (Musik und Theater interessierten ihn nicht), umfassende Belesenheit, den Adlerblick für die außerordentliche Qualität und allerdings auch die – ich möchte sagen: leidende Ungeduld mit dem Unechten, Ungekonnten oder auch nur Mißglückten, die für den Autor so kränkend ist und den Kritiker so unbeliebt macht. Scharf war Merck, das muß man sagen, scharf bis zur Erbarmungslosigkeit, aber ich fürchte, wo er am schärfsten urteilte und verurteilte, hatte er leider oft am meisten recht. Was er zum Beispiel über den deutschen Roman seiner Zeit zu sagen hat, trifft noch auf einen großen Teil der heutigen deutschen Romanproduktion so schrecklich zu, daß man beim Lesen und Wiedererkennen manchmal hell auflacht. Die Autoren, schreibt er, »hüteten sich, Charaktere auszuarbeiten, schufen sich ein Detail, das sie nie gesehen hatten, und setzten sich in eine Stimmung, die weder Krankheit noch Gesundheit war, sondern eine gemachte Indisposition... Niemand kann die Dinge lesen, außer junge Leutchen, die sich mit der Tradition der neuern schönen Schriften schleppen. Dem Publikum der Weltleute, für die man eigentlich zu schreiben hätte, ist es, wie billig, das ekelhafteste Gericht, weil aus der ganzen Reminiszenz ihrer Erfahrungen nichts dem ähnlich sieht, was man ihnen hier auftischen will.« 1780 geschrieben, aber 1980, im Zeitalter der Apo-Kater-Romane, so aktuell wie damals. Sogar die Entschuldigungen, die man schon damals dafür bereit hatte, daß der deutsche Roman etwa mit dem englischen nicht mitkam, klingen wie heute geschrieben: »Da hatten wir keine Hauptstadt, wo sich die Sittenmaße sammeln und zum epischen oder dramatischen Effekte reifen konnten; da war unser Charakter zu einschichtig, unsere Regierungsform zu despotisch... Kurz, weil das Kunstwerk nicht gelang, so waren Pinsel, Palette und Cannevas schuld daran.« Schrecklich treffend; und daher natürlich für die Betroffenen kränkend.
Gekränkt hat der Kritiker Merck auch seine große Entdeckung und seinen großen Liebling Goethe; daran ist kein Zweifel. Zweifelhaft nur, ob er damit nicht eigentlich recht hatte, ob er nicht genau Goethes schwachen Punkt traf. Das fing schon an in den Jahren der großen Jugendfreundschaft, 1772/73, als Merck in seinen frühen Dreißigern und Goethe in seinen frühen Zwanzigern war. Da schrieb Goethe zum Beispiel mitten zwischen dem ›Götz‹ und dem ›Werther‹ und dem ersten Faustfragment, die bei Merck allesamt eine begeisterte Aufnahme fanden, den ›Clavigo‹. Dazu Merck: »So einen Quark mußt du mir nie wieder schreiben; das können andere auch.« Goethe nahm das übel; er schmollte darüber noch vierzig Jahre später, als er Mercks Ausbruch – und seine eigene etwas lahme Antwort: »Muß doch nicht alles immer über alle Begriffe sein« – in »Dichtung und Wahrheit« wörtlich zitierte. Nun, der ›Clavigo‹ ist, das darf man heute wohl, ohne sich der Majestätsbeleidigung schuldig zu machen, offen sagen, wirklich ein ziemlich schwaches Stück. Und Goethe hätte vielleicht sich selbst einen Gefallen getan, wenn er sich Mercks Kritik auch da, wo sie einmal nicht aus Lob bestand, ein bißchen zu Herzen genommen hätte, denn sie traf eine Schwäche, die Goethe zeitlebens anhaftete. Der große Mann hat sich ja auch später manches durchgehen lassen, und sein Werk würde noch heller strahlen, wenn nicht eine ganze Menge Gelegentliches, Unbedeutendes und manchmal geradezu Läppisches darin mitliefe. Merck sah das früh.
Das kleine Zerwürfnis über ›Clavigo‹ war nur ein Vorspiel. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, in Goethes erster Weimarer Zeit, ging die Freundschaft langsam in die Brüche. Die beiden schrieben sich noch und sahen sich auch noch ein- oder zweimal, Ende der siebziger Jahre, aber es ging nicht mehr gut zwischen ihnen. Mercks Briefe hat Goethe »vertilgt«, weil sie »von Swiftischer Galle« und »verletzender Kraft« gewesen seien, und was sie enthielten, kann man sich etwa vorstellen, wenn man hört, was Merck Goethe bei ihrem Weimarer Zusammensein 1778 ins Gesicht sagte: »Siehst du, im Vergleich mit dem, was du in der Welt sein könntest und nicht bist, ist mir alles, was du geschrieben hast, Dreck.« Und, bei dem gleichen Aufenthalt, zu anderen: »Was Teufel fällt dem Wolfgang ein, hier in Weimar am Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzen, andere zu hudeln oder, was mir alles eins ist, sich von ihnen hudeln zu lassen? Gibt es denn nicht Besseres für ihn zu tun?« Wobei man immerhin bedenken muß, daß Goethe ja wirklich in den ersten zehn oder elf Weimarer Jahren, 1775 bis 86, bis zur Flucht nach Italien, die Existenz eines Hoffaktotums führte und literarisch fast unfruchtbar geworden war.
Die Ironie ist nur, daß alles, was Merck Goethe vorwarf, auf ihn selber genauso und noch mehr zutraf. Ich habe vorhin von Mercks tragischem Leben gesprochen. Das Wort »tragisch« ist vielleicht zu hoch gegriffen. Große Tragödie, hoher Aufschwung und Absturz, findet in diesem Leben nicht statt. Aber ein trauriges Leben war es, ein verschwendetes Leben, deprimierend zu betrachten, und deprimierender noch muß es zu leben gewesen sein. Merck endete mit fünfzig Jahren durch Selbstmord, nachdem er schon seit seinem vierzigsten Jahre in immer tieferer Melancholie dahingekümmert war und seine kritischen Talente immer weniger öffentlich ausgeübt hatte. Und wenn Goethe in seinen ersten zehn Weimarer Jahren in Gefahr gewesen war, als Hoffaktotum zu versanden – Merck war eigentlich nie etwas anderes gewesen und wurde nie etwas anderes, und das an einem kulturell bescheideneren Hof als dem Weimarer, dem Darmstädter nämlich. Merck war von Beruf sein ganzes erwachsenes Leben lang Hessen-Darmstädtischer Armeezahlmeister, mit dem Titel »Kriegsrat« und mit einem Jahresgehalt von 450 Gulden. Er war also arm. Seine literarische Tätigkeit, hauptsächlich für Wielands Teutschen Merkur, brachte so gut wie nichts ein. Bei seinem Besuch in Weimar berichtete der lokale Tratsch, er sei »zu Pferd, mit einem ärmlichen Mantelsack und einem einzigen Frack in Weimar angekommen und habe von Frankfurt bis dahin nicht mehr als einen Dukaten Reisekosten gehabt, weil er immer nur in Fuhrmannskneipen eingestellt habe.« Dieser arme Literat, übrigens noch mit einer unglücklichen Ehe belastet und mit acht Kindern, von denen allerdings, wie das damals so war, nur drei erwachsen wurden, verkehrte aber immer in den feinsten Kreisen, bei Hofe, vielbeschäftigt als Reisebegleiter, Bilderacquisiteur, wohl auch Vorleser, Unterhalter und gelehrter Korrespondent, gelegentlich als Sammler von Material gegen einen unliebsam gewordenen Minister, kurz, als eine Art utilité und Mädchen für alles, sozusagen zur Tafel zugelassen, aber immer an ihrem untersten Ende placiert. Ein Leben ständiger stiller Demütigung für einen selbstbewußten, scharfen und hochmütigen Geist, der sein wahres Talent immer nur als brotlose Liebhaberei betätigen konnte. Gewiß, die Weimarer Herzogin-Mutter Amalia zum Beispiel fand bei dem Weimarer Besuch, der die Trennung von Goethe brachte, Gefallen an Merck, lud ihn als Cicerone zu einer Rheinreise ein – »Merck ist ein großer Mentor für alle Kunstsachen und sieht für tausend Kenner gewöhnlichen Schlags« –, und hinterher gabs sogar noch ein Trinkgeld. Aber kaum zurückgekehrt von dieser Reise, schreibt Merck an Wieland: »Es kann mich weder Wärme noch Güte noch Freundschaft leider mehr erwärmen und mir das geringste Selbstvertrauen einflößen. Ich bin nicht zufriedener, als wenn ich Händearbeit getan hätte, und ich denke, mein Leben soll sich noch mit Mistfahren beschließen.«
Nun, mit Mistfahren endete Mercks Leben nicht, aber doch auf andere Weise traurig, peinlich und schrecklich. Der Sechsundvierzigjährige kam auf die langsam zeitgemäß werdende Idee, sich als Kapitalist zu versuchen. Er gründete ein Militärwaisenhaus, verbunden mit einer Textilfabrik. Fein klingt uns das heute nicht: Kinderarbeit, wohl gar so etwas wie Kinderzwangsarbeit, denn die armen Militärwaisen fanden sich ja wohl ungefragt ins Waisen- und Arbeitshaus gesteckt; andererseits freilich mochten sie, wie solche Dinge damals lagen, froh sein, ein Dach über dem Kopf und eine tägliche warme Suppe zu haben. Wie auch immer, der arme Merck hoffte, auf diese Weise endlich selbständig und wohlhabend zu werden; und das mißlang ihm gründlich. Im Herbst 1788 lesen wir, man muß wohl sagen: einen Bettelbrief Mercks, und zwar an niemand anders als Goethe: »Einer der unglücklichsten Menschen, der Ihnen ehedem wert war, ruft Ihre Hilfe in der drückendsten Lage an. Ich habe eine weitläufige Cottonfabrique übernommen, wovon ich nichts verstanden habe, bin mit rohen und verarbeiteten Waren überladen, die im Preise gefallen sind, ich soll bezahlen und habe kein Geld. Man wird alles angreifen, alles wird in der Verwirrung verloren gehn, meine Frau und Kinder kommen an den Bettelstab, und mit mir wirds werden, wie Gott will.« Schrecklich zu lesen, wenn man sich erinnert, auf welchem Fuß die beiden einmal miteinander gestanden hatten. Nun, Goethe half; er veranlaßte Karl August, mit einer Bürgschaft einzuspringen; übrigens – kleine Welt – bei dem Bankhaus Willemer in Frankfurt. Aber ganz scheinen Mercks Affairen nie mehr in Ordnung gekommen zu sein; vielleicht erholte er sich auch nie ganz von der Scham darüber, bei Goethe als Bittsteller wiederaufgetreten zu sein. Genug, im Sommer 1791 beendete er sein Leben, und zwar, indem er sich eines Morgens früh in seinem Büro mit einer Pistole ins Herz schoß. Er hinterließ keinen Abschiedsbrief, und es gab keine Nachrufe.
Von Goethe – immer wieder kommt man auf Goethe, wenn man von Merck spricht – gibt es ein Verschen, das früher ziemlich unbekannt war, aber heute gern zitiert wird:

»Wohl kamst du durch; so ging es allenfalls.
Mach’s einer nach und breche nicht den Hals!«

Man denkt dabei immer an Goethe selbst und findet dann den Anspruch vielleicht sogar ein bißchen übertrieben: Ein so ausgesprochenes Heldenleben war die bürgerliche Existenz des Weimarer Olympiers ja eigentlich nicht. Aber der kleine Vers enthält eine furchtbare Wahrheit, wenn man an die vielen deutschen Literaten und Intellektuellen denkt, die in Goethes Zeit tatsächlich den Hals brachen: den armen Kleist, den armen Hölderlin, in gewisser Weise auch Schiller, auch Lessing; und so auch unsern Merck, immerhin das zweitgrößte kritische Talent seiner Zeit und Goethes Entdecker und Förderer in glücklichen Jugendtagen. Sie alle scheiterten an dem halsbrecherischen Versuch, damals in Deutschland als Schriftsteller zu existieren.
Von Merck gibt es einen Dialog zwischen Leser und Autor, ein bitteres Stück, das uns klar macht, was es damals hieß, als Autor im vorbürgerlichen Deutschland sein Glück machen zu wollen. »Also alles, was geigt«, fragt da der Autor verzweifelt, »ist bei Ihnen ein Fiedler, und der Virtuose, der Sie in einer Stunde durch eine Welt von Empfindungen führt, ist Ihnen eins mit demjenigen, der Ihnen bei Tische im Wirtshaus aufspielt?« Der Leser antwortet von oben herab: »Ich dächte, einen, der vor meine Haustür kommt und was von mir haben will, den kann ich behandeln, wie mir’s gutdünkt. Amüsiert mich einer von den Herrn, so ist’s gut; aber dafür kann er doch nicht prätendieren, daß ich ihn als meinesgleichen traktieren soll.« Und der Autor hat das bittere letzte Wort: »Sie haben recht, so zu denken, denn Ihre Haustür liegt in Deutschland.«
Da muß man wahrhaftig dankbar sein, daß es jetzt in Deutschland einen Johann-Heinrich-Merck-Preis gibt, der deutsche Autoren daran erinnert, wie gut sie es heute haben.