Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Lothar Müller

Journalist, Publizist und Literaturwissenschaftler
Geboren 1954

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2008
Laudatio von Ingo Schulze
Dankrede von Lothar Müller
Urkundentext

Lothar Müller, dessen Kritiken, Essays und Studien auf glückliche und heute selten gewordene Weise sinnliche Anschauung, elegante Prosa und theoretische Reflexion verbinden...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt, Gustav Seibt, Werner Spies

Kleines Lothar Müller ABC

LAUDATOR
Ingo Schulze
Geboren 15.12.1962
Schriftsteller

Lieber Lothar Müller, liebe Familie Müller, meine sehr verehrten Damen und Herren,

vor einigen Monaten bat ich einen Veranstalter, Lothar Müller zu fragen, ob er nicht eine Lesung von mir in Berlin moderieren und begleiten könne. Das sei schwierig, bekam ich zu hören, Lothar Müller sei bereits im September im Haus, und für November gebe es auch schon eine Anfrage. Müsse es denn Lothar Müller sein? Nein, aber wenigstens fragen solle man ihn doch.
Zunächst schien es so, als ginge alles gut für mich aus. Lothar Müller sagte zu. Ich freute mich, nicht zuletzt deshalb, weil ich nun erfahren würde, was er von meinem neuen Buch hielt, wie er es im Verhältnis zu den anderen einordnen und bewerten würde, und wahrscheinlich bekäme ich Beobachtungen zu hören, die in keiner Rezension standen und die mich überraschen würden. Gefiele es ihm nicht, hätte ich zumindest die Möglichkeit, mich Aug in Aug mit ihm zu streiten.
Bald darauf erhielt ich jedoch einen Anruf der Darmstädter Akademie, man leite eine Bitte an mich weiter. Überflüssig, es zu sagen: Laudator sein zu dürfen ist eine Auszeichnung, ich fühlte mich geehrt und erhoben. Aber da war noch etwas: »Er hat den Spieß umgedreht«, dachte ich, als hätte man mir gerade einen Streich gespielt. In mir breitete sich Beklommenheit mit der Tendenz zur Panik aus: Was sage ich als Roman- und Geschichtenschreiber über einen, der – Zitat – »vorbildliche Kritiken, vorbildliche Essays« schreibt.
Bin ich meines Kritikers Hüter? Woher soll ich das Wissen nehmen, um seine Bücher und Aufsätze gegen andere abzugrenzen und das Unverwechselbare an ihnen herauszustellen? Was mir neu erscheint, ist vielleicht ein alter Hut!
Liegt hier nicht ein Fall von Überschätzung vor? Ich habe oft beobachtet, dass sich Schriftsteller und Wissenschaftler oder Dichter und Professor begegnen wie die beiden Figuren von Paul Klee, die einander in höherer Stellung vermuten. Solche Bedenken sind bei Lothar Müller völlig unangebracht, das weiß jeder, der ein paar Worte mit ihm gewechselt oder etwas von ihm gelesen hat.
Was habe ich von ihm gelesen? Vor allem Artikel und Rezensionen in der FAZ, dann in der Süddeutschen, hin und wieder an anderer Stelle, von seinen Büchern kannte ich nur das 2006 erschienene Karl Philipp Moritz-ABC, und das fand ich großartig.
Da man sich auf die Müllerschen Anregungen verlassen kann, hielt ich für naheliegend, mich selbst in Sachen Lothar Müller zu alphabetisieren, und möchte Ihnen, so kurz und knapp wie es der Zeitplan gebietet, mein kleines Lothar Müller ABC vorstellen. Ich beginne mit A wie
ABKUNFT – In der Lotterie des Lebens, diesem »schrecklichen Glücksrad« wurde ihm ein gutes Los zuteil. Geboren 1954 in Dortmund, besucht er die katholische Volksschule und das altsprachliche Gymnasium und ist schon dreizehn, als der erste Fernseher ins Haus kommt. Da hat er Karl May, Albert Schweitzer, Moby Dick, Robinson und Schwabs Sagen bereits hinter sich und wird bald Begriffe wie »Basis und Überbau« oder »formelle und reelle Subsumption« für sich entdecken. Der Vater, Jahrgang 1905, war Mathe-Physik-Chemielehrer am Abendgymnasium und rettete sich im frühen Nazideutschland in eine Nische: Er wird Erzieher bei den Herzögen zu Mecklenburg im 1945 niedergebrannten Schloss Remplin bei Malchin in Mecklenburg-Vorpommern. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger verteidigt der ehemalige Zentrumsmann, der sich immer für die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz geschämt hat, den Katholizismus gegen den neuen Zeitgeist, der in Gestalt des Sohnes an seinem Tisch sitzt.
Zum Leidwesen der Mutter, einer ehemaligen Schülerin des Vaters, die gern Jura studiert hätte und zur Sozialhelferin ausgebildet wurde, müssen die Kämpfe um das Seelenheil ihres Kindes, die auch unter Aufbietung der neuesten Erkenntnisse der Naturwissenschaft geführt wurden, einen großen Raum eingenommen haben.
»Bei uns ging es immer um was«, sagt Lothar Müller, und das, so steht zu vermuten, hat sein Verhältnis zum Wort, zum Gespräch, zur Auseinandersetzung geprägt.
1972 ist der Abiturient Erstwähler, und erstmals dürfen 18-jährige wählen. Für ihn wird die Ostpolitik Willy Brandts wie dessen »Mehr Demokratie wagen« zum entscheidenden Wahlargument. In Marburg studiert er sechs Jahre Germanistik und Geschichte.
»Ich habe während meines Studiums fast nur gelesen, schon damals viel 18. Jahrhundert.«
Lesbar schreiben, gegen die Spezialsprachen, sei es die Semiotik, sei es die Systemtheorie. Seine Stärke, das weiß er früh, ist der Stil.
Nach dem Studium absolviert er in Berlin sein Referendariat, macht sein 2. Staatsexamen, verbringt 1981 mehrere Monate in Rom, beginnt mit journalistischer Arbeit, vor allem für den Rundfunk, und beendet 1984 seine Dissertation. Bis er 1989 als Dozent an die Freie Universität Berlin geht, arbeitet er vertretungsweise als Redakteur beim NDR in Hannover, dann als ständiger Gastmoderator des Kulturmagazins Texte und Zeichen. 1995 wechselt er von der FU an die Humboldt Universität und tritt 1997 in die Literaturredaktion der FAZ ein, von 2001 an arbeitet er für die Süddeutsche Zeitung.
ALLTAG – Ich hatte gezögert, ob ich nicht statt von Alltag lieber von Albtraum sprechen sollte. Denn ich habe zwei berufliche Albträume. Der eine: Ich bin Wirt und muss so lange hinterm Tresen stehen, bis der letzte Gast gegangen ist. Der zweite: Ich bin Feuilletonredakteur einer großen deutschen Tageszeitung. (Vor die Wahl gestellt, würde ich mich für den Kneiper entscheiden.)
Ich besuche Lothar Müller an einem Wochentag mittags in der Feuilletonredaktion der Süddeutschen. Er sitzt in einem großen Raum unterm Dach, sein weitläufiger Schreibtisch ist belegt mit Bücherstapeln, Manuskriptstapeln, deren Ausrichtung nicht rechtwinklig ist, aber gewisse Ordnungsstrukturen nahelegt. Als Zeuge eines Redakteurstelefonats erfahre ich, dass der, den man bitten wollte, einen Nachruf zu schreiben, nicht zu erreichen ist. Man vereinbart, um zwei noch mal miteinander zu telefonieren, zur Not müsse man selbst schreiben. Anstelle eines Punktes am Satzende wird der Hörer aufgelegt.
»Soll ich ein andermal wiederkommen?«, frage ich. »Nein, wieso denn?«
Das Fenster geht auf einen Innenhof. Durch große glänzende Scheiben sieht man in Büros, sie wirken wie eine Anhäufung von Aquarien.
Im Winter sei es schön, die erleuchteten Fenster der anderen zu sehen und zu beobachten, welches lange hell bleibt, welches früh dunkel wird. »Die sind für mich, was ich für die bin.« Dieser Satz offenbart einen Standpunkt, der Lothar Müllers Beziehung zu anderen zu bestimmen scheint. Gefragt, warum ich eigentlich die Artikel lese, unter denen sein Name steht, würde ich sagen: Da geht es immer um etwas. Und: Weder blickt er aus olympischer Höhe herab noch betet er kniefällig an, er ist achtungsvoll, weil er Gleichberechtigung voraussetzt und erwartet.
Wir sitzen beim Essen. Ich merke, dass er es befremdlich findet, was ich da von Albtraum erzähle. Er widerspricht mir nicht, er erklärt mir, wann welche Konferenz stattfindet, dass man weniger selbst schreibt als vorschlägt, auswählt, anruft, bittet, arrangiert, umstellt, kürzt. Ich begreife, er macht das gern. Er sieht es als Möglichkeit, als Anregung.
In seiner ›Kritik des Augenblicks‹(1) schreibt er:

»In der Leerstelle, die die Kulturkritik hinterlassen hat, fungiert bisher die universalisierte Glosse als Platzhalter. [...] Es hilft nichts, über die Boulevardisierung des Feuilletons zu lamentieren, wenn die ästhetische Kritik in der Rivalität um die Definitionen von Aktualität und Zeitdiagnose gar nicht erst antritt. [...] Kurzum, es fehlt derzeit dem Aufmacher zur jüngsten Castingshow, zur Rentenpolitik oder New Economy im Feuilleton das Gegenüber: Der Aufmacher über den Standort des Erzählers im zeitgenössischen Roman, über den Stand der Schauspielkunst oder die Kunst, Schiller zu sprechen... Mag sein, dass das alles irgendwo vor kommt, aber prägende Kraft gewinnt es im Feuilleton erst, wenn es sich in der Rivalität um die Setzung von Aktualität behauptet. Dafür zu sorgen, ist derzeit die Hauptaufgabe ästhetischer Kritik.«

Ich verließ Lothar Müller vor 14.00 Uhr. Wie ich am nächsten Tag sah, hatte er in der folgenden Stunde den Nachruf selbst geschrieben. Hätte aus seinen Zeilen nicht Betroffenheit über den frühen Tod des großen Wiener Literaturwissenschaftlers gesprochen, ich wäre überzeugt gewesen, der Nachruf hätte ausgefeilt in der Schublade gelegen.

Ich überspringe längere Ausarbeitungen zu A wie AKRIBIE und A wie ANTHROPOLOGIE und komme zu A wie
ANTON REISER. 1987 erschien Lothar Müllers Die kranke Seele und das Licht der Erkenntnis − Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser. Für keinen anderen Roman – auch da gibt es Glaubenskämpfe in der Familie, auch da geht es um das Seelenheil –, für keinen anderen Autor, hat sich Lothar Müller so ins Zeug gelegt.
In Müllers Buch, das seinem Autor den Doktortitel eintrug, wird man von einem Erzähler begrüßt:

Im Sinne Fieldings mag ein Gasthof als Schauplatz dieser Einleitung vorgestellt werden. Die Region, zu deren Besuch er sich dem Publikum empfiehlt, ist die Kulturlandschaft des 18. Jahrhunderts, und meine Aufgabe wird es sein, dem potentiellen Gast diese oder jene Einzelheit der Lage und Umgebung des Hauses zu erläutern in der Hoffnung, ihn dadurch zum Bleiben zu animieren.

Der Autor rechnet mit »flüchtigen Durchreisenden«, »anspruchsvollen Dauergästen«, »interessierten Kennern der Gegend«, »professionell neugierigen Weltenbummlern«, mit »Beamten von der Gewerbeaufsichtsbehörde«, »ästhetisch ambitionierten Landschaftsgärtnern«, »scharfsichtigen Kartographen« und nicht zuletzt mit »Architekten und Kollegen, die bauliche Veränderungs-Maßnahmen am Haus oder Verbesserung seiner Bewirtschaftung vorzuschlagen haben. Sie alle sind willkommen.«
Mit der Aufforderung: »Blättern Sie!« war ich wohl als flüchtig Durchreisender taxiert.
Was mich sofort überzeugt, ist der Einstieg in eine Zeit durch einen Roman, der wie ein Schacht in die Tiefe führt und von dem aus sich Stollen, die den verschiedenen Flözen folgen, durch den Berg treiben lassen. Ich selbst halte Anton Reiser aus vielen Gründen für einen idealen Einstieg in das späte 18. Jahrhundert. Von ihm führt ein Weg zu Jean Paul, Tieck und E. T. A. Hoffmann wie auch zu Seume, Kleist und Büchner. Der Anton Reiser ist einer der Urmeter der deutschen Literatur. Dies hat Lothar Müller mit Kraft und Verve vorgetragen. Er liest den Reiser als Krankengeschichte, um ihn »in Stoff und Form als zugleich individuellen und historisch-exemplarischen ›Fall‹ auszulegen«.
Und die Fragen kommen, wie sollte es anders sein, aus dem Heute. »Nicht zuletzt von der Differenziertheit des Bildes, das wir uns von der historischen Aufklärung machen, hängt die Genauigkeit unseres aktuellen Denkens über Funktion und Grenzen von Aufklärung ab.«
Schon auf einem beliebigen Dutzend dieser mehr als vierhundert Seiten finde ich mehr Bemerkenswertes, als ich hier vorweisen kann.
Müller entdeckt bei Moritz den »Zufall als einen Zauberschlüssel einer ungesteuerten Wiederbelebung des Vergessenen«, und stellt eine strukturelle Analogie zwischen dem Reiser und Prousts ›mémoire involontaire‹ her.
Nicht nur die Passagen über die Bindung der Erinnerung an Orte oder die über die Verknüpfung von Erinnerung und Selbstbewusstsein lese ich wie eine Erzählung, in der es auch um eigene Erfahrungen, um meine Welt geht.
Im lapidar mit »Epilog« überschriebenen Schlusskapitel fragt Lothar Müller, »wie in die Rekonstruktion der Krankengeschichte Anton Reisers die Entstehungsgeschichte des Schriftstellers (K. P. Moritz – I. S.) eingeschrieben ist, wie der Knecht des Lebens zum Herrn des Erzählens wird«.
Sie kulminiert in der Interpretation der einzigen Passage des Reiser, in der das Wort Widerstand fällt. Der Tod eines zu Unrecht erfolglosen Arztes wie unbeachteten Schriftstellers flößte Reiser »einen gewissen Trotz ein, auch dem Schwersten nicht zu unterliegen, und das gewissermaßen durch Widerstand zu rächen, was jener gelitten hatte«.
Müller kommentiert dies: »Die Metamorphose des erinnerten Kindes zum erinnernden Autor und seinem Alter ego, zum moralischen Arzt, ist das Ergebnis dieses Widerstands.«
Müllers Denken, dem man folgen kann, ohne eine Metasprache erlernen zu müssen – die zu Beginn bekundete Gastfreundschaft bleibt bis zur letzten Seite erhalten –, differenziert die eigene Wahrnehmung, und Widerstand beginnt bekanntlich mit der Wahrnehmung. Das Buch, das Lothar Müller zum Autor machte, verdankt sich selbst einer widerständigen Haltung.
Ich überspringe die Paragraphen zu
A – Erich AUERBACH als Leitstern, in dem die falsche Opposition von Primärliteratur – Sekundärliteratur erörtert und problematisiert und in dem auf das folgende Stichwort
A – wie AUTOR – Wer ist ein Autor und wer ist es nicht? – verwiesen wird. Auch dieses Stichwort muss ich Ihnen aus Zeitgründen vorenthalten, ganz so wie
B – BERLIN, der Berliner Lothar Müller, siehe auch F wie Franz Hessel, der Spaziergänger.
B – BLÄTTERN SIE. Nicht: »Lesen Sie!«, sondern: »Blättern Sie!« hatte er gesagt.
Unter C wollte ich auf Müllers ausführlichen Essay über die philosophischen Schriften CASANOVAS eingehen. Denn in der Annäherung an diese widersprüchliche Figur lässt sich in nuce studieren, wie Philologe, Historiker und Philosoph zusammenfinden. Der Effekt aber, den Müller herzustellen weiß, dient immer dem verhandelten Fall, es geht um die Sache. Die Pirouette, die mancher Essayist am Ende eines Abschnitts glaubt drehen zu müssen, bevor er von der Bühne rauscht, ist ihm fremd.
Folgen könnten:
D wie DORTMUND, siehe auch B wie BORUSSIA, und E wie ESSAY, E wie ERFOLG – endlich ein Preis, E – ENTDECKUNGEN von A bis Z, zum Beispiel E wie ESTERHAZY und F wie FAMILIE / FAMILIENVATER-Töchtervater.
Unter F wie FAN und FUSSBALL erlauben Sie mir bitte eine Aussage zum Charakter von Lothar Müller. Ich kann bezeugen, dass der Preisträger die seltene Fähigkeit besitzt, seinen Verstand gegen die Korruption durch die ureigensten Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte zu behaupten. Seine Liebe und Verbundenheit sind unverbrüchlich, jedenfalls kann ihnen auch anhaltender Misserfolg nichts anhaben, selbst erklärte Gegner vermag er ehrlich zu loben, mit anderen Worten: Er ist unbestechlich.
G – GENERALISIERUNGEN, siehe unter L, LOB
H – der HISTORIKER
I und J betrachte ich bis auf weiteres als Leerstellen, »Leerstellen als Movens der Kulturwissenschaften«.
K – KARL PHILIPP MORITZ
2006, neunzehn Jahre nach dem ersten Buch, erscheint das Karl Philipp Moritz-ABC. Anregungen zur Spruch-, Denk- und Menschenkunde zum 150. Geburtstag des Autors. Müller entwickelt Form und Struktur, in denen er Moritz ins Hier und Jetzt holt, aus dessen eigenen Schriften. Schon der Titel ist Understatement und List zugleich, dem Leser wird die Rolle des ABC-Schützen angetragen.
Es entsteht nicht nur ein Lesebuch. Die Artikel von »Academie« bis »Zerstörung« werden kommentiert und erläutert. Der Wissenschaftler nimmt die Rolle des vermeintlichen Fußnotenlieferanten ein. Doch aus dieser zurückgezogenen Position schreibt Müller knappe Essays, die konzentriert sind wie ein Lexikonartikel, lesbar wie eine Glosse und nicht nur erhellend für das Verständnis von Moritz und des späten 18. Jahrhunderts, sondern auch für unser Hier und Jetzt.
Als Motto könnte der Satz von Moritz gelten: »Bei dem allen vergessen wir die Kürze des Lebens und daß wir in unserer Wahl desjenigen, womit sich unsre Gedanken vorzüglich beschäftigen und was wir vorzüglich wissen wollen, schnell und entschlossen sein müssen.«
Müller nimmt einem die Scheu vor den vermeintlich unliterarischen Werken von Moritz. Was wir heute unter Journalistik, Philosophie, Pädagogik, Psychologie oder Ratgeber rubrizieren würden, wird bei Moritz von einem starken erzählerischen Gestus bestimmt und gleichrangig eingebunden in seine »Bibliothek für den Menschen«. Dementsprechend folgt die Auswahl der Werke wie der Umfang ihrer Kommentierung dem Prinzip der Gleichberechtigung.
Allerdings konnte ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass Müller auch ein Spiel mit der Form treibt, dass er den Gestus der Enzyklopädisten aufnimmt und seine wissenschaftlichen Anmerkungen in Rollenprosa vorträgt.
Direkter noch als in seinem ersten Buch über Moritz stellt er Bezüge zum Heute her. »Wer Moritz kennt«, schreibt er,

»wird kaum dazu neigen, ehrgeizige Projekte der Eliteförderung zu entwerfen, ehe er sich über den Stand der Elementarbildung Rechenschaft abgelegt hat. Und er wird zugleich skeptisch sein gegenüber allen allzu raschen Deutungen der Alphabetisierung, sei’s der klassischen, sei’s der elektronischen, als Agentin der Standardisierung, Normierung und Rationalisierung.«

L – LOB. Ob Lothar Müller den verwertbaren Satz für die Verlagsvorschau bewusst vermeidet oder ob er ihn erst gar nicht denkt, sei dahingestellt: Sein Lob verkörpert sich in der Genauigkeit und Differenziertheit, mit der er Texte transparent zu machen versteht, sodass sie durch seine Lektüre von innen zu leuchten beginnen.
M – MERCK, JOHANN HEINRICH. Über den Darmstädter Kriegsrat und Selbstmörder schreibt Lothar Müller in einer Rezension der großen Briefausgabe: »Er spricht von seiner literarischen Produktion immer wieder als von Papier-›Schnizzeln‹, er ist ein Mann der Zeitschrift, nicht des Buches.« Und wenn »diese Briefausgabe bis auf weiteres der Statthalter der großen Biographie (ist), die es bisher von Merck nicht gibt«, so wäre Lothar Müller jemand, dem es gelingen könnte, mit einer Biographie das von Goethe ins Mephistophelische gedrängte Merck-Bild zu revidieren.
Statt N noch mal
M – MARSHALL MCLUHAN. AUS Müllers Schriften ließe sich problemlos ein Band zusammenstellen, der im Wechsel von Nähe und Distanz ein kritisches McLuhan-ABC ergäbe. Gerade im Disput mit McLuhan wird die Ambivalenz von Theorien offenbar. Denn Begriffe können Bereiche unseres Alltags von unserer Wahrnehmung ausschließen und in unserem Bewusstsein löschen oder sie können Alltägliches als lebensnotwendig für uns benennen und bewusst machen.
O – OSTPOLITIK, keine NATO für Georgien.
P – PAPIER: »ES ist kaum übertrieben zu sagen, dass das Papier in der Vielfalt seiner Formen und Funktionen die moderne Schriftkultur ähnlich universell umspült und durchdringt wie das Geld, mit dem es sich in der Neuzeit zum Papiergeld zusammenschließt.«
Die Artikel zu
Q – QUALITÄT und
R – ROMAN entfallen aus Zeitgründen.
S – SEMPRE SIE, kein »Du-zer«.
S – SPEKULATION, keine.
T – THEMEN UND VIELFALT.
U – UNGESCHRIEBENE BÜCHER: Das Meer, das Meer und nicht die Berge!
V – der VERBÜNDETE. Wenn Lothar Müller herausarbeitet, dass Franz Fühmanns Berg-Projekt auf eine historische Anamnese des Sozialismus in der DDR zielte, zugleich aber auch »die Anamnese dessen, der sie erzählt« enthalten sollte, dann streitet er für eine Literatur, die ihre eigenen Voraussetzungen offen legt, und bezieht Position gegen ein Erzählen, das an der Unaufgeklärtheit über sich selbst scheitert. »Das Buch in seiner heilen Gestalt ist Literatur und ihre Kritik; Erzähltes und Erörterung des Erzählten«, zitiert er Fühmann, der »das Gespenstische als Wesenszug der verwalteten Welt« ansieht, weshalb bei ihm »Ost und West durch ihre gemeinsame Forcierung von Industrialisierung, Bürokratie und Spezialistentum eher als feindliche Brüder der modernisierten Hoffmann-Welt« erscheinen »denn als wesenhaft verschiedene Sphären«.
W – WEITER; Siehe: Blättern Sie!
X – XYLOPHON
Y – YPSILON
Z – ZU SPÄT ging mir auf, dass die angemessene Laudatio wohl eher eine Art Interview gewesen wäre.
Z zum zweiten: Die ZWEITE STIMME.
Das 2007 erschienene Buch Die zweite Stimme – Vortragskunst von Goethe bis Kafka greift das Unbehagen an der vorschnellen Deutung der Alphabetisierung wieder auf.
Die »Geschichte des Verschwindens der Stimme in der Schrift ist eine einflussreiche Standarderzählung der jüngeren Literaturwissenschaft, aber sie erzählt allenfalls eine Teilgeschichte. Ihr zentrales Phantasma, das Schriftmonopol, verdankt sie ihrer Taubheit gegenüber dem Stimmenzauber, der aus der Buchkultur hervorgeht.«
Es ist nicht nur erstaunlich, was Müller zu Tage fördert. Bewundernswert ist auch die Art und Weise, wie er den Vorleser aus dem Geschriebenen herauspräpariert. Das Buch beginnt mit einer scheinbar abseitigen Szene, der Begegnung Kafkas mit einem verwirrten Rezitator. Im Weiteren scheint es, als müsste man nur dem Spaziergänger und Reisenden Franz Kafka folgen, um aus dessen Prag in das Weimar Goethes zu gelangen.
»Gäbe es eine in Sonatenform verfasste Geschichte der klassisch-romantischen Literaturepoche, sie müsste als starkes zweites Motiv neben dem Siegeszug der Verschriftlichung und des leisen Lesens die Geschichte der deklamierenden, rezitierenden Stimmen enthalten, dieser Zwitterwesen aus Schrift und Schall, die über den aufgeklappten Buchseiten schweben.«
En passant werden die Räume und Traditionen erkennbar, aus denen jene Protagonisten kommen, die Kafka, der hellhörige Ohrenzeuge, in der Schrift aufzeichnet.
Lothar Müller rekonstruiert einen von Stimmen erfüllten Resonanzraum, der in der starren Entgegensetzung von Buch und stillem Lesen hier und Ton- bzw. Filmaufnahme da entweder keinen Platz hatte oder kaum beachtet wurde.
Er entdeckt in der Vortragskunst aber auch einen sozialen Raum. Im Falle Kafkas kommt man aufgrund des vorgelegten Materials und des skizzierten Kontextes nicht umhin zu sagen, dass die Möglichkeit, vorlesen zu können, sowohl Ansporn, Kriterium als auch Ziel seines Schreibens gewesen ist und seine Erzählungen und Romane geprägt hat. Dieser soziale Raum war aber auch wichtig für die Verbreitung seiner Arbeiten.
Als Kafka starb, war er vor allem deshalb bekannt, weil Ludwig Hardt, der bekannte Rezitator, ihn sowohl in sein Vortragsbuch wie in seine Vorträge aufgenommen hatte – neben Robert Walser, Georg Heym, Brecht und Rilke.
Ist es falsch zu behaupten, dass Die zweite Stimme auch von unsereinem handelt? Was würde aus uns Autoren, wenn wir nicht vorlesen könnten? In was für einer Gesellschaft lebten wir, wenn der Raum zum Vortrag – sei es eine Wohnung, eine Buchhandlung oder eine Akademie – fehlte?
Ich bin sehr froh, lieber Lothar Müller, dass Sie auf dieses Zwischenreich so eindringlich wie eingängig hingewiesen haben, und dass wir uns in ihm begegnen konnten und können, als Autoren und Vorleser, als Moderatoren und Zuhörer, als Bürger und Fußballfans und als Redner.

(1) In: Thomas Steinfeld (Hg.): Was vom Tage bleibt. Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen Öffentlichkeit in Deutschland. Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 2004, S. 89-94.