Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Lothar Müller

Journalist, Publizist und Literaturwissenschaftler
Geboren 1954

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2008
Laudatio von Ingo Schulze
Dankrede von Lothar Müller
Urkundentext

Lothar Müller, dessen Kritiken, Essays und Studien auf glückliche und heute selten gewordene Weise sinnliche Anschauung, elegante Prosa und theoretische Reflexion verbinden...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt, Gustav Seibt, Werner Spies

Merck, der Mist und das Misstrauen

Verehrter Herr Präsident, lieber Ingo Schulze, verehrte Akademie-Mitglieder, hochverehrtes Publikum,

für den mir zuerkannten Preis danke ich von ganzem Herzen, und wenn das Herz dabei klopft, so liegt das vor allem am Namensgeber des Preises. Johann Heinrich Merck spricht in seinen Schriften und in seiner weitgespannten Korrespondenz oft burschikos vom Rezensionswesen und von Leuten meiner Art, den Journalisten. Er war über Jahre hinweg ein sehr gefragter Rezensent. Aber was er im kritischen Fach schreibt, nennt er am liebsten Quark, Lumpereyen, Schnizze. Und als er Christoph Martin Wieland im April 1776 überfällige Beiträge zum »Teutschen Merkur« endlich schickt, bittet er im Begleitbrief eher launig als zerknirscht um Entschuldigung, »daß ich meiner Pflicht so untreu war, Ihnen critische Mistbeyträge zu übermachen«. »Künftig aber«, so fährt er fort, »versprech ich heilig, u. zwar in den nächsten 14 Tagen, einen grossen Haufen zusammenzubringen, der fruchttragender, formentirender, ausgekochter und kleingehackter seyn soll, als es gemeiniglich diese Art von Mist zu seyn pflegt«.
Ein großer Haufen Mist ist also die Kritik. Aber verstehen Sie das nicht falsch. Merck stellte auf seine Weise höchste Ansprüche an den Kritiker, wenn er ihn als jemanden erscheinen ließ, der Mist in die Bücherwelt trägt. Er hatte soeben ein größeres Grundstück auf dem Land gemietet, mit einem Obst- Wein- und Grasgarten, den er selbst bewirtschaftete. Wenn Merck von Mist sprach, sprach er von einer produktiven, gärenden, die Fermentierung befördernden Kraft: »Ich hab meinen Garten nunmehr schon meist selbst umgegraben, mein Mist ist glückl(ich) unter, auch das Wurzelwerk alles in der Erde, fehlt nur noch ein guter Regen.«
Ich möchte von der Gärung aus Enthusiasmus, Desillusion und Misstrauen sprechen, die mir in Mercks Briefen und Schriften enthalten zu sein scheint und von der ich glaube, dass sie noch der heutigen Literaturkritik etwas zu sagen hat. Hören Sie zunächst eine schlichte Episode aus Mercks Erzählung Lindor. Darin macht ein junger Jurist Karriere im Staatsdienst und glaubt, dass er seine Anstellung beim Minister dem Widmungsexemplar seiner Dissertation über eine berühmte Kontroverse aus dem Teutschen Staats-Recht verdankt. Der Minister, so stellt der junge Mann sich vor, habe bei der Lektüre sogleich erkannt, »was der Staat dereinst aus diesem aufkeimenden Genie für Nutzen ziehen könne«. Es war aber nicht die Dissertation, die dem jungen Mann sein Amt verschafft hat. Es war eine Intrige, bei der er zufällig der willkommene Lückenfüller war. Und so werden Sie ahnen, was ihm blüht, als er, mit einem Fall beauftragt, der just dem in seiner Dissertation erörterten gleicht, ins Haus des Ministers eilt. Dort ist nur der Gärtner anzutreffen:

»Dieser war eben beschäftigt, die junge[n] Pflück-Erbsen vor den Sperlingen zu bewahren, und reihte kleine Fetzen Papier an lange Fäden. Dieses Papier hätte aus alten Gesangbüchern oder Postillen seyn können; allein es war nichts geringeres, als kleingeschnittne Blätter seiner Inaugural-Dissertation, und damit ihm ja kein Zweifel übrig bliebe, daß es von dem Exemplare wäre, das er übergeben hatte, so trug der Bediente einen Theil der goldpapiernen Decke unterm Arm.«

Wie gesagt, es ist eine einfache kleine Geschichte. Sie handelt von der Aufklärung als Ratgeberin der Regierungen, von der enttäuschten Hoffnung, dem Staat durch beschriftetes Papier nützlich, ja unentbehrlich zu werden. Leicht ließen sich von dieser Papierschnitzel-Episode Brücken schlagen zum Leben ihres Autors, zu seinen Illusionen und Intrigen als Sekretär der Geheimen Kanzlei im Kleinstaat Hessen-Darmstadt, zu seinen Anfällen von Melancholie und Verbitterung. Aber Mercks Schriften sind darüber hinaus von einer anderen Desillusion, einem anderen Misstrauen durchzogen. Hat man es einmal aufgespürt, so kann man es auch in freundlich-beiläufigen Zeilen nicht überlesen: »Sie können nicht glauben, wie schwer es wird, wenn die Bäume blühen, zu recensiren« schreibt er an Wieland, Anfang Mai 1776, da hat er den Misthaufen gerade geliefert. Das klingt wie die charmante Variante der eben zitierten derben Entschuldigung. Aber es steckt mehr dahinter, ein Mercksches Grundmotiv: die Entgegensetzung des »Papierwesens« – so nennt er das Rezensieren, Bücherschreiben und Büchermachen – und der Natur. In seiner Biographie, der eines scheiternden Selbsthelfers, macht sie sich als Polarität zwischen dem Kritiker und dem Landgutbewirtschafter geltend, in seinem Werk führt sie zu immer neuen Aussteiger-Geschichten und zum immer nachhaltigeren Interesse an der Naturgeschichte, an Fossilien und der Osteologie.
Hinter Merck, dem Kritiker des Papierwesens, zeichnet sich die zeitgenössische Gegenfigur zu jenem Minister ab, auf den der eben herbeizitierte junge Jurist seine Hoffnungen setzt, weil von ihm das Gerücht geht, dass er »die Künste und Wissenschaften schätzt«. Diese Gegenfigur ist Rousseau, der die Akademie-Frage, ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen habe, provokativ verneint. Der junge Merck hat mit seiner Geliebten und späteren Frau einen regelrechten Briefroman gelebt (und geschrieben), mit heimlichen Vertrauten, verdeckt zugestellten Briefen und allem, was dazugehört. Die beiden Hauptfiguren sind Rousseau-Leser, gern zitieren sie seinen Roman Julie, ou La nouvelle Heloise oder den Emile. Ihr Leben und Lieben ist imprägniert mit Poesie, auch wenn Merck für empfindsame Schwärmereien nur begrenzt tauglich war, gehörte er doch auf seine Weise zum Kreis der Darmstädter Empfindsamen. Aber diese Seelenfreunde und ihre Besucher, zumal Herder, der hier seine Frau fand, konnten nicht nur lispeln. Sie konnten auch schimpfen, streng sein, polemisieren. In den Briefen, die Herder und Merck wechselten, zeichnet sich die europäische Debatte über Rousseau ab. Man stritt mit ihm und über ihn und verachtete diejenigen, die Rousseau verächtlich machten.
Der junge Jurist mochte von der durchschlagenden Wirkungslosigkeit seiner Dissertation enttäuscht sein. Rousseau machte Skandal, weil er statt der Wirkungslosigkeit der Wissenschaften und Künste ihren Erfolg beklagte. In seiner Teilhabe an der Debatte über Rousseau, die den Gärstoff der modernen Kulturkritik freisetzte, wird etwas über Merck Hinausweisendes greifbar. Es ist das, was ihn mir bedeutend macht und was mich zu der Epoche, in der er lebte, immer wieder zurückkehren lässt. Als These formuliert, klingt es so: Der literarische und theatralische Enthusiasmus konnte in Mercks Epoche nur so groß sein, wie er war, weil diesem Enthusiasmus ein nicht minder hochfahrendes Misstrauen in Literatur und Theater die Waage hielt. Sie war eine große Epoche der Kultur, weil sie sich der ins paradoxe Extrem getriebenen Kritik an der Kultur zu erwehren hatte.
Nun war der flache Einwand gegen die Kulturkritik – nennen wir ihn den Elch-Einwand – natürlich schon damals schnell zu Hand. Die Pamphlete und Parodien auf Rousseau erzählen davon. Der Einwand lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Selber! Leicht ließ sich darüber spotten, wie sehr die Kritiker des »Papierwesens« zum Anschwellen der Messkataloge beitrugen, das sie beklagten. Die Unmengen von Tinte, die die Kritik am tinteklecksenden Säkulum verbrauchte, ließen sich nicht übersehen. Und wer will schon, lachten die Spötter, zurück auf die Bäume und ließen Rousseau auf allen vieren über die Theaterbühne kriechen.
Aber das Misstrauen gegen die Kultur, gegen die Romane, gegen das Theater führte weder auf die Bäume zurück noch zur Rücknahme der Alphabetisierung, noch erschöpfte es sich in Naturschwärmerei. Es beflügelte die Kultur, die Romane, das Theater, es bestärkte das ständige Rumoren der Literaturkritik im Innern der Literatur selbst. Dort war das Misstrauen freilich schon am Werk, bevor Rousseau ihm den scharfen Impfstoff seiner Paradoxien abgewann. Der moderne Roman wuchs geradezu aus dem Misstrauen gegen die Literatur heraus. Don Quijote ist eine Figur des literarischen Enthusiasmus, aber der Roman, durch den er unsterblich geworden ist, lebt von der Kritik an den Büchern, denen die Leidenschaft seines Helden gilt. Und mit dem Roman, den Cervantes den alten Rittergeschichten entgegensetzt, war das Misstrauen nicht besänftigt. Es wich, treu wie Sancho Pansa, dem modernen Roman nicht mehr von der Seite. Zu seinem Glück.
Das Misstrauen will wissen, wie es im Innern des Objektes zugeht, dem sein Argwohn gilt, dem es alle möglichen Risiken und unerwünschten Nebenwirkungen zutraut. Es ist die große Schule des Formbewusstseins, der Einsicht in die Literatur als Machwerk. Es ist die Schule auch der modernen Literaturkritik. Darum, und nicht nur, weil diesem oder jenem Kritiker dieses oder jenes missfiel, war die Epoche von Lessing bis zu den Brüdern Schlegel eine große Epoche der Literaturkritik. Man musste Rousseau nicht recht geben, um von den Gärungsstoffen zu profitieren, die er freigesetzt hatte. Es war Misstrauen, wenn Lessing vom Autor des Werther »noch ein Kapitelchen am Schlusse« erbat, und zwar »je zynischer je besser«. Mephisto schürt das Misstrauen gegen das Papierwesen im Faust, und Johann Heinrich Merck sieht es in seiner Erzählung Herr Oheim der Jüngere mit Sorge, wenn sein Held »alle neue teutsche Schriften« liest und »jede Lektüre für ihn von der äußersten Wichtigkeit war und Einfluß auf seine Art zu denken und zu handeln hatte«. Nicht auf die Feenmärchen und Rittergeschichten ist Mercks Misstrauen vor allem gerichtet, sondern auf »die moralischen Romane, wo der Stoff aus dem bürgerlichen Leben genommen, und die Sitten mit der Denkart des Decenniums tingirt sind«. Als lebenspraktisch riskante Täuschung gilt ihm die Mimikry der Literatur mit dem prosaischen Leben, das, was man später Naturalismus nennen würde.

Unserer Epoche ist Mercks Misstrauen gründlich abhandengekommen. Sie hat es seit geraumer Zeit von der Literatur abgezogen und den elektronischen Medien zugewandt. Alle Dämonen, die zu Mercks und Karl Philipp Moritz’ Zeiten die Lesewütigen umgaben, lauern nun in den Computerspielen. Und die Literatur ist zum imaginären Allheilmittel von Zivilisationsschäden avanciert, zur großen Retterin aus Bildungskrisen. Im Zentrum der Albträume der Pädagogen steht unangefochten nicht mehr das Kind, das zu früh zu viel liest, sondern das Kind, das zu wenig liest. Man traut der Literatur nun unendlich viel Gutes zu, kaum noch Unerwünschtes. Das gilt zwar nicht für das einzelne Buch, das mag wie eh und je mit Abscheu oder Langeweile aus der Hand gelegt und in den Feuilletons verrissen werden. Es gilt aber für das kulturelle Prestige der Literatur insgesamt.
Man sollte meinen, es sei gut für die Literatur, wenn sie das Misstrauen endlich los ist und allenfalls noch Vertrauensvorschüsse enttäuscht. Aber sie verliert durch die Verabschiedung der paradoxen Kulturkritik und des Reizklimas der Selbstnegation einen alten Herausforderer, der zugleich ihr Verbündeter war. Und spätestens, wenn eine resolute Herbergsmutter auftaucht, die den literarischen Enthusiasmus aus dem Geist des Imperativs bewirtschaftet und große Ausrufezeichen hinter das Lesen setzt, kann einem mulmig werden und man trauert ihr nicht nach, wenn sie ihre letzte Decke zusammenfalten muss. Die Herbergsmutter ist aber nicht von ungefähr aufgetaucht. Sie wendet lediglich die Botschaft der anheimelnden Buchumschläge, die seit geraumer Zeit verführerisch den Blick auf Reihen schöner, alter brauner Buchrücken freigeben, ins Pädagogische. Sie hat gewittert, dass ein in der Literatur selbst ausgestorbenes Genre derzeit im öffentlichen Reden über die Literatur wieder aufgeblüht ist: die Ausmalung der Bücherwelt als Heimat, die dem Formgesetz der Idylle untersteht. Jedes Buch ist darin im Grunde seines Herzens ein gutes Buch, jeder Leser ein schon dadurch gerechtfertigtes Wesen, dass er liest, was auch immer er sonst in der Welt anstellt. Stets brechen die Katastrophen und der Ungeist von außen über die Bücherwelt herein, nie aus ihr hervor. Keine Bibliothek ist mehr geistiges Waffenlager, in jeder steckt eine Jugendherberge, in der das Lesen ganz der Bildung verpflichtet ist, nie der Un- und Verbildung oder gar Entfesselung jener destruktiven Energien, die man den jüngeren Medien locker zutraut. Freundlich reichen sich die Bücher über die Grenzen der Kulturen und Jahrhunderte die Hände, bis der Geist der Bibliotheken mit dem des Kosmopolitismus und der Toleranz ununterscheidbar verschmolzen, der Kulturbegriff von den alten Plagegeistern der Entzweiung, des Konflikts und der Verschärfung der Gegensätze gereinigt ist und der Literaturbegriff gleich mit. Für die Literaturkritik ist er nach Ausmistung der Plagegeister nicht mehr zu gebrauchen. Sie kann, wie die Literatur selbst, auf das in Mercks Epoche wurzelnde Reizklima des Misstrauens in sich selbst und die Kultur nicht verzichten. Sie braucht den fruchttragenden, formentirenden, ausgekochten und kleingehackten Mist. Darum noch einmal: von ganzem Herzen Dank für diesen Preis, der den Namen Johann Heinrich Mercks trägt.