Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Klaus Theweleit

Klaus Theweleit

Kulturtheoretiker, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller
Geboren 7.2.1942

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2003
Laudatio von Franziska Augstein
Dankrede von Klaus Theweleit
Urkundentext

... für seine weit ausgreifenden kulturpsychologischen Essays, deren Ausgangspunkt das Verhältnis der Geschlechter ist, durch das die alten Themen der Liebe, des Todes und der Kunst in verblüffend neuer Konfiguration erscheinen...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Heinrich Detering, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt

Nach Amerika rudern

LAUDATORIN
Franziska Augstein
Geboren 18.9.1964
Journalistin

Sie haben mich dazu erkoren, Klaus Theweleit zu ehren, ein paar Worte zu sprechen. Ein Bericht für eine Akademie, die Aufforderung dazu ist immer ehrenvoll. Doch diesmal ganz besonders, weil es Klaus Theweleit ist, dem Sie, hohe Damen und Herren von der Akademie, den Johann-Heinrich-Merck-Preis heuer zuerkannt haben. Theweleit lesen, sich mit Theweleits Texten befassen, ist nämlich ein Abenteuer. Und wenn das Abenteuer Pflicht ist, dann macht es doppelt Spaß. Das Vergnügen, das darin liegt, zwischen Arbeit und Spiel keinen Unterschied zu machen, erfahren sonst vor allem die Kinder, deren Abenteuer ja in der Regel zugleich mit der Vorstellung von Notwendigkeit und Pflichterfüllung einhergehen. In diesem Sinn ist die Lektüre von Theweleits Texten ein kindliches Vergnügen. Theweleit lesen, heißt so viel wie: Obstkisten aufstellen, Schrubber und Besen als Ruder holen, sich in die größte Kiste hineinsetzen und »nach Amerika« rudern. – In den Jahren, als der Vietnamkrieg tobte und Theweleit seine Ansichten über Männerphantasien sortierte, habe ich das noch gemacht. Wäre ich als kleines Kind handwerklich einfallsreicher gewesen, hätte ich auch Segel gesetzt. So begabt war ich aber nicht. Also wurde nach Amerika gerudert.
Bei all dem war ich natürlich nicht allein. Zu meiner Kinderzeit war es noch gang und gäbe, die phantastische Amerikareise anzutreten. Jetzt, im Zeitalter von Internet, Billigflug und Gameboy, ist das vorbei. Kinder haben keinen Anlaß mehr, mit Schrubber und Besen nach Amerika zu reisen. In den Jahren, als Klaus Theweleit die Männerphantasien schrieb, nahmen rund vier Jahrhunderte Auswanderergeschichte des Abendlandes ihr Ende. Heutzutage ist die Auswanderung in ferne Kontinente für Westeuropäer kein buchstäblich notwendiges, weil aus Not unternommenes Abenteuer mehr. Und dies hat – im Verein mit den neuen Medien – den Untergang Amerikas als Ort der Phantasie bewirkt. »Amerika« ist kein unsagbar-fremdes Kinderziel mehr, nicht einen Nachmittag lang.
Die mythische Kraft Amerikas bestand durchaus nicht nur für Kinder meiner und früherer Generationen. Für die Erwachsenen gab es sie auch hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang. In Imre Kertészʼ Roman Liquidation kommt eine Figur vor, sie heißt Bornfeld: ein Literat, der so bedeutend ist, daß westliche Zeitungen Artikel von ihm drucken. Bornfeld, so erfährt der Leser, »befinde sich übrigens gerade in den Vereinigten Staaten«. Man spricht vom »legendären Bornfeld«. In Amerika gedruckt werden und dann auch noch »gerade« in Amerika weilen: Soviel Freiheit kann nicht ganz wirklich sein.
Der legendäre Bornfeld ist in »Amerika«. Klaus Theweleit befindet sich immerfort auf dem Weg nach »Amerika«, das er einmal en passant »Arkadien« genannt hat und das für ihn vieles repräsentiert: Die Unkultur, die Arno Schmidt beschrieben hat, Bob Dylans Poesie, die Weisheit des Comic-Strip und die uneigentliche Selbstverlorenheit der Konsumenten. »Amerika« ist genauso wie wir – nur anders. Und das, was anders ist als er selbst, dafür interessiert sich Klaus Theweleit. Sich selbst kennt er nämlich, ja, er kennt sich so gut, daß er seine psychologischen Autorenbeschreibungen und Literaturexegesen in der Regel an sich selbst und seinen eigenen Erfahrungen überprüft, daraufhin, ob sie plausibel sind. Wenn er zum Beispiel überlegt, was es für Gottfried Benns Seelenhaushalt bedeutet haben könnte, in dem einen Jahr nach dem Tod seiner krebskranken Mutter 297 Leichen seziert zu haben, dann merkt Theweleit an, daß er das eigentlich nicht ermessen könne, »da ich nicht eine einzige aufgeschnitten habe«.
So hat denn Klaus Theweleit, der nicht mit ideellen Strömungen schwimmt und grundsätzlich, vorsätzlich unzeitgemäß ist, mehr Sinn und Verstand in seinen Texten, als sie sonst im wilden Denken zu finden sind. Auf eine Formel gebracht: Theweleit raunt nicht; er macht sich nicht groß mittels der Verwendung großer Begriffe, die dem Publikum Bedeutsamkeit suggerieren sollen. Zu Begriffen hat Klaus Theweleit ein ganz anderes Verhältnis, man könnte sagen: er spielt mit ihnen.
Die eigene Kindheit hat Theweleit dazu gebracht: Es muß da manches Bedrückende gegeben haben. Er hält es für Überbleibsel des Faschismus. In Ghosts, 1998 publiziert, schreibt er: »Diese Erwachsenen-Generation, die jeden Tag (nach dem Krieg) das Lied der ungetrübten Sauberkeit sang, die verlangte, daß man fleißig und pünktlich sein, nicht lügen solle & den Gehweg harken am Samstag, dann käme das Leben in Ordnung, verarbeitete auf diese Weise den Mord an den Juden: uns hatte irgendwann zu dämmern, daß wir als hirnlose Volltrottel aufwachsen sollten.« »Nicht weniges davon«, fügt Theweleit an, »steckt in unseren Körpern, in unseren reaktionären Ungeschicklichkeiten bis jetzt.« Die post-nazistische Sexualität in Deutschland ergebe sich aus der »Koppelung von allgegenwärtiger Gewalt mit deformierter Sexualität«.
Ein Weg heraus wäre die Liebe. Aber auch die Liebe ist seit dem Faschismus korrumpiert. Daher Theweleits Begeisterung für Arno Schmidt, vor allem für Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas. Schmidt habe gewußt, »daß ein Text in Dʼland über ›die Liebe‹ nur als radikal sexueller Text geht, als Text radikaler sexueller Öffnung und Offenheit, als grotesk sexueller, sonst wird es ein Nazitext«.
Das ist ein Weg. Aber es geht auch anders. Manchmal tritt die Liebe in den Schatten anderer Themen. Dann besteigt Theweleit sein Boot und nimmt Kurs auf jene Küste, die ich hier »Amerika« nenne. Dann wird sein Text »leicht, er hüpft, das Boot hebt ab, dreht Pirouetten im Tiefebenen-Slang«. So redet Theweleit über Arno Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas. So muß man seine, Theweleits, Texte, beschreiben. Und in dies Boot kommt kein faschistoider Passagier hinein, denn dort könnte dieser Typ ja treffen, wovor ihm graut: »Wasser-Frau, große Zähne, bißbereit, überfall-lustig, reitend auf Boot-Bug...« – so hat Theweleit es einmal gesagt. Dem Autor gefällt diese Gesellschaft: so kommt es zu den mittlerweile zwei Bänden der Pocahontas-Tetralogie, die das Indianermädchen Pocahontas, die um 1595 geborene Häuptlingstochter, neu aufleben läßt – als »eine Frau der Moderne, – der in Deutschland durch die Nazis vernichteten bzw. weggesperrten Moderne«.
Klaus Theweleit reist in die Moderne, aber er tut es mit zurückgewandtem Blick. Er will erklären, wie es dazu kam, was er − auch darin anachronistisch – bis heute »faschistisch« nennt. Dafür hat er die Männerphantasien geschrieben. Darum drehen sich viele Kapitel im Buch der Könige, in denen er sich fragt, was große Geister wie Gottfried Benn oder Ezra Pound dem Faschismus in die Arme trieb. Arno Schmidt half da literarisch weiter, Sigmund Freud im Psychologischen.
Freud hat sich selbst, Theweleit zitiert es, als »Conquistador« bezeichnet. Ich habe den Eindruck, daß Theweleit Freud genau da nicht folgen mag, wo seine Conquista doktrinär ist. Sich selbst nennt Theweleit einen »Siedler«. Sein Siedlertum, das ist: fernes Land aufsuchen, ohne es zu erobern; Texte interpretativ, assoziativ erweitern, ohne sie zu vereinnahmen. Theweleits Umgang mit Texten ist spielerisch, ist ein Spiel und dabei so ernsthaft, wie Kinderspiele es sind. Das ist seine Methode, anzugehen gegen die Art von Spielen, die ihm mißhagt: die Machtspiele. Sein Stil beim Schreiben ergibt sich unmittelbar aus seiner Aversion gegen Gewalt, Gewalt in allen ihren Ausprägungen. Und indem er die Gewalt konterkarieren und niedermachen will, muß seine schriftstellerische Methode natürlich gewaltlos sein. So ist seine an Arno Schmidt geschulte umgangssprachlich-expressiv-kalkulierte Schlampigkeit, die er beim Schreiben praktiziert, mehr als freiheitliche Unbekümmertheit: Wer so schreibt, will sich als Autor nicht auf den Schwingen des eigenen Kenntnisreichtums über den Rest der Welt erheben. Theweleit ist als Literat zutiefst friedfertig. Und mit dieser Friedfertigkeit wird er wie von selbst, mit Niklas Luhmanns Wort, »anschlußfähig«.
Man könnte es auch anders ausdrücken: Theweleit ist der einzige Autor, den ich selbst bisher erlebt habe, der 1000 Seiten über alles mögliche schreibt und dann in der Lage ist, zehn Minuten lang vor Publikum über sein Buch so zu reden, daß die Zuhörer einen plastischen Eindruck davon bekommen. Seine Mitteilsamkeit ist zugewandt. Er schreibt immer auch für die anderen. Der Autor Theweleit ist, mit einem Wort, menschenfreundlich – und also auch frauenfreundlich. Auch dies ist bei ihm nicht bloß literarisch, sondern ganz praktisch zu verstehen. Er traut und vertraut Frauen. Dafür ein kleines Beispiel: Für die Figur der Literatenehefrau, die ihrem Mann nicht nur, wie es dann immer heißt, »den Rücken freihält«, sondern ihren Mann vor Mißgriffen rettet, die ihn korrigiert, die seine Arbeiten ergänzt und ihm überhaupt erst erklärt, was er denkt, hat Theweleit einen Begriff: »Schreibmaschinistin«. Ich finde: In diesem einen Wort steckt alles, stecken die Hochachtung und die Sympathie, mit denen Theweleit diese Frauen da betrachtet, wo jeder Ausdruck von der Art »und danke ich auch meiner Frau« unangemessen und fast eine Erniedrigung wäre. Monika Kubale-Theweleit, das wird klar, ohne daß er es alle naselang erwähnen müßte, ist in in jedem seiner Texte gegenwärtig als Miturheberin.
Daher also die Figur der Pocahontas. Was ihre Person betrifft, geht Theweleit historisch vor, er steht ganz im Strom der historischen Wissenschaft, bis hoch hinauf steht er im Stoff. Und erschreibt sich doch seine eigene Pocahontas, die »moderne Frau«, die Frau, die nicht besudelt ist vom Faschismus. »All your seasick sailors they are rowing home«, zitiert er Bob Dylan. Das Land seiner Pocahontas: das ist seine ideale Heimat.
Als die letzten Obstkisten, in denen Kinder noch nach Amerika gefahren waren, den Weg zur Mülldeponie nahmen, ging eine ganze Epoche zu Ende. Vier Jahrhunderte Kulturgeschichte der Auswanderung endeten auf dem Abfallhaufen. Das vollzog sich zu der Zeit, als Klaus Theweleit zu schreiben begann. Vor dem Boot jedoch, auf dem er Richtung Amerika »abhebt«, tut sich immer wieder eine neue Welt auf. Mal kreist sie um Shakespeare, mal um Heiner Müller, mal um Gottfried Benn, mal um Sigmund Freud und dann um die vielen anderen Themen und Autoren, mit denen Theweleit sich befaßt.
Dieser Autor ist ein Siedler, und jeder Siedler, der neues Land sucht, wird notwendig zum Entdecker. Manch ein Siedler erreicht noch etwas ganz anderes: Er wird Erfinder. Das ist – am Ende – das Bezaubernde an den Arbeiten Klaus Theweleits: Daß sie ihre eigene Welt erfinden. Man könnte die Behauptung wagen: Das ist der Unterschied zwischen einem als Chiffre verstandenen »Amerika« und einem – natürlich gleichfalls als Chiffre verstandenen – »Alt-Europa«: In »Amerika« erfinden die Indivduen sich selbst. In »Alt-Europa« wird immer wieder eine Neue Welt erfunden. Und so kommt es zu der Geschichte, die ich – ich weiß nicht, wo − einmal gelesen habe. Sie spielt lange bevor es in Deutschland die sogenannten Gastarbeiter gab, und sie handelt von einem alten Italiener, der ins Land seiner Väter zurückgekehrt ist. Und als die Daheimgebliebenen vom Auswandern reden und von der Neuen Welt, da bleibt der alte Mann stumm, und als er gefragt wird, warum – da sagt er: »Amerika gibt es nicht. Ich weiß es, denn ich bin dagewesen.« Klaus Theweleit war da, er war in Arkadien. Aber er mußte dazu das Boot nicht verlassen. Und auf diese Reise hat er seine Leser mitgenommen.