Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Karl Heinz Bohrer

Karl Heinz Bohrer

Literaturwissenschaftler und Journalist
Geboren 26.9.1932
Mitglied seit 2011

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1978
Laudatio von Jörg Drews
Dankrede von Karl Heinz Bohrer
Urkundentext

Karl Heinz Bohrer, der als Essayist und Kritiker seine Umwelt, die Literatur und die schönen Künste mit sinnlichem Intellekt wahrnimmt...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Karl Krolow, Horst Rüdiger, Dolf Sternberger, Beisitzer Gerhard Storz, Bernhard Zeller, Eva Zeller

 
LAUDATOR
Jörg Drews
Geboren 26.8.1938
Gestorben 3.3.2009
Literaturwissenschaftler und Kritiker

»Sie zeugen von einem Mann, der das Wesentliche der Dichtkunst von der gewöhnlichen Poeterey genau zu unterscheiden weiß«, schrieb 1776 der Namenspatron des Preises für literarische Kritik und Essay zu Blackwells »Untersuchungen über Homerus Leben und Schriften«. Daß die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aus den – wie ich annehme – eben zitierten Gründen ihren Johann-Heinrich-Merck-Preis an Karl Heinz Bohrer verleiht, entbehrt nicht der Ironie. Erstens ist Bohrer nicht mehr der Leiter des Literaturblatts der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland«; er lebt in England und ist nun, nachdem einmal dreizehn Monate lang keine Zeile von ihm in seiner Zeitung erschienen war, woran wir uns sehr wohl noch erinnern, im besten Sinne des Worts Kulturkorrespondent, im Moment also weniger Literaturkritiker. Zweitens erfolgt diese Preisverleihung nach einer Reihe von Jahren, in denen die Literaturkritik nicht gerade eine Blüte erlebte, wenn man unter Literaturkritik mehr versteht als nur das Rezensieren von einem Buch nach dem andern. Drittens droht Bohrer mit einer rätselhaften Ehrfurcht vor der deutschen Universität und in irritierender Einschätzung der Möglichkeiten und der Würde akademischer Lehrtätigkeit, von der Literaturkritik in die Literaturwissenschaft überzuwechseln. Ein eigenartiger Zeitpunkt also und zugleich höchste Zeit, ihm den Preis für literarische Kritik zuzuerkennen.
Der Name und die Schriften Bohrers stehen für eine Phase der Literaturkritik, in der sie einmal mehr Anstalten machte, sich über die einzelne Besprechung hinaus kritisch ihrer selbst zu vergewissern, ihre Theorielosigkeit hinter sich zu lassen. Diese Phase, gekennzeichnet vor allem durch die Maßstäbe setzenden literaturkritischen Bücher von Karl Heinz Bohrer, Helmut Heissenbüttel und Heinrich Vormweg, scheint mir in gewissem Sinn abgeschlossen, die Literaturkritik allerdings jetzt nicht auf einem selbstverständlichen neuen Niveau, sondern von erneuter Orientierungslosigkeit bedroht, ohne Reflexion von Zusammenhängen, perspektivelos wie eine Politik, die auch nur noch wie die Addition von einzelnen Problemen und Entscheidungen aussieht. Die Pragmatik des Posthistoire müssen wir einmal mehr als Spannungslosigkeit erleben, und die affiziert natürlich die Literaturkritik, und nicht zuletzt die Literatur selbst, so sehr, daß wir uns vielleicht mit dem auch bei Bohrer gestreiften Gedanken des Verzichts auf einen emphatischen Kunstbegriff vertraut machen müssen.
Die Spannungspole und zugleich die Kategorien, auf die Bohrer die zeitgenössische Literatur bezieht und womit er jene Dimension, jene Theorie der Epoche konstruiert, die ihm als Kritiker überhaupt erst ein Koordinatensystem herzugeben scheint, sind ein ›hypothetischer Surrealismus‹ als Inbegriff von Avantgarde, der Begriff der Utopie und eine Konzeption von Individualität, die geradezu anthropologischen Charakter hat. Die Überraschungen und Choks des Surrealismus sind ihm Indikatoren jenes Punktes, an den die Reflexion des Verhältnisses von Kunst und Leben im 20. Jahrhundert gelangt ist: die Radikalität der Einsichten der Surrealisten ist in Bohrers literaturkritischen Arbeiten die Instanz, vor der sich auch die gegenwärtige Literatur auszuweisen hat. Surrealismus ist ihm dabei Inbegriff und Chiffre für undogmatische, unschematische Wahrnehmung, die auch und gerade der eudämonistisch braven Aufklärung und dem harmlosen Perfektibilitätsglauben Widerpart zu bieten und sie zu sprengen hat.
Deshalb aber sieht auch Utopie bei Bohrer anders aus; sie ist nicht das, was institutionell und gesellschaftlich verwirklichbar wäre, sondern er nimmt sie zurück und radikalisiert sie: Utopisch ist es schon, wenn die phantastische Imagination sich nicht von der Wahrscheinlichkeit schlagen und unterkriegen läßt, utopisch ist nur, daß die phantastische Imagination sich nicht von der Wahrscheinlichkeit schlagen und unterkriegen läßt.
Utopie ist bei Bohrer also fast eine Metapher für das Subjekt selbst. Sein dickköpfiger Optimismus bezieht sich nicht auf institutionell-gesellschaftliche dereinstige Realisationen von Hoffnung, sondern zieht sich stur zusammen auf die Überzeugung von der Kraft der durch keine Determination einholbaren Individualität, die der sich selbst immer erneut organisierende Widerspruch gegen alle begriffliche wie institutionelle Einordenbarkeit des Menschen ist. Das Individuum ist nicht zähmbar, Individualität ist nicht umzubringen – das ist die Prämisse, das anarchische Element von Bohrers Ästhetik und Anthropologie, und konservativ ist er eben darin, daß er die Möglichkeit von Erkenntnis, den Begriff von Sinn (oder doch die Hoffnung darauf) aufs exzentrische Subjekt gründet. Wo Kunst als Provokation nicht nur der bestehenden, sondern grundsätzlich jeder Gesellschaft gedacht, wo einzig darin ihre Würde gesehen wird, steckt mehr Hoffnung auf den Menschen und den Künstler als dort, wo Schriftsteller mit dem politisch räsonierenden Intellektuellen allzu glatt ineinsgesetzt wird, der seine revolutionäre Gestik zehn Jahre später poetisch-melancholisch kassieren muß, weil nicht alle Blütenträume reiften. Es war Bohrers Chance, daß er bestimmte Positionen, und das heißt auch: bestimmte Illusionen vor fünf bis zehn Jahren nicht teilte; das befähigte ihn wahrhaft zur Unabhängigkeit des Blicks. Und es ist Bohrers Verdienst, schon 1970 die Literatur aus der unmittelbaren und falsch moralisierenden Verantwortung vor der Politik herausgenommen zu haben; eigenartigerweise blieb übrigens gerade er damit den Einsichten Adornos treuer als dessen offizielle Gefolgschaft, die nicht wahrhaben wollte, daß Aufklärung und Erkenntnis auch im ästhetischen Chok und seiner Reflexion stecken, weil das politisch nicht unmittelbar anwendbar war. Bohrer wußte, was er tat, als er vor dem Gebrauch des Wortes Revolution als Metapher warnte, aber sei’s drum: Revolutionär ist heute immer noch und nur noch, das durchzuhalten, das zu betätigen, sich das weder vom Staat noch von anderwärts herkommenden Versuchen der Erpressung zu Konformität und Solidarität nehmen zu lassen, was keine Institution und keine Organisation im Grunde brauchen kann und auch zunehmend weniger haben möchte: Individualität, die den programmierten Denkweisen widerspricht und ohne Absicherung zu verwirklichen versucht und uneingeschüchtert von staatlicher wie linker Disziplinierung sich nimmt, was Voraussetzung und Medium solcher Individualität ist: radikale geistige Freiheit.
Bohrers Prädestination zum Literaturkritiker hängt damit zusammen, daß er der Theorie in einem für Literaturkritiker unüblichen Maß fähig ist, zugleich aber tiefe Lust an der Theorie fordernden und doch alle Theorie überholenden und zersetzenden Kraft des Ästhetischen hat. Auch daß »Plötzlichkeit« einer seiner geliebten Schlüsselbegriffe ist, hat wohl etwas mit seiner konstitutionellen Ungeduld, seinem nervösen Ungestüm zu tun. Und den hohen Rang des Begriffs der Individualität in seinem Denken kann man auch sehen als die vornehm-begriffliche Seite einer ganz persönlichen Eigenschaft: der explosiven Querköpfigkeit Bohrers nämlich. Die Kategorie des Richtigen oder des Rechthabens ist eine subalterne Kategorie bei der Beurteilung eines Kritikers; wichtiger ist, daß er – gerade wenn er sein Temperament immer nur knapp zügeln und mit Argumenten geradezu erbarmungslos vorgehen kann – ein produktives Ärgernis darstellt. Querköpfigkeit ist dazu eine gute Voraussetzung, aber das schließt natürlich ein, daß die auch einfach ärgerlich sein kann. Karl Heinz Bohrer zum Beispiel, der doch mit kaum zu überbietender Deutlichkeit festgestellt hat, daß »ein Großteil der zur Zeit veröffentlichten und literaturkritisch erörterten Literatur überhaupt jenseits ästhetischer Erfahrungsweisen liegt«, die ihm diskutabel erscheinen-dieser Bohrer kann ›Formalismus‹ als Schimpfwort gebrauchen und damit Autoren bzw. Werke belegen, die ihm, recht verstanden, eigentlich in die Argumentation passen müßten; er kann auch von seiner enttäuschten Hoffnung auf das Werk einiger zeitgenössischer Autoren sprechen, angesichts deren Namen man nur mit hellem Erstaunen sich fragen kann, wie er – der doch für die Kritik der gegenwärtigen Literatur nur den Maßstab einer rekonstruierten und immer neu zu aktualisierenden, zu überholenden »Bewußtseinsgeschichte der Moderne« gelten lassen will und der gewiß nicht des »Wohlverhaltens gegenüber dem Angebot« verdächtig ist – je dazu kam, auf diese Namen Hoffnungen zu setzen; und dann ist da auch sein ärgerlich intensives Interesse an jenem von ihm ärgerlich hoch eingestuften Autor, dessen Frühwerk seine Habilitationsschrift gilt. Das ist alles sehr ärgerlich, aber wohl auch deshalb, weil man verdammt genau nachdenken muß, um dagegen zu argumentieren. Denn bei Bohrer ist dergleichen nicht als Ausrutscher oder blinde Apodiktik abzutun, sondern der gedankliche Kontext fordert auch den Kritiker des Kritikers.
Die Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und Essay an Karl Heinz Bohrer muß man mit der Hoffnung verbinden, daß er – und wenn wir dann auch nicht mehr seine Berichte von den Riten des britischen Alltags zu lesen haben – bald in dieses Land zurückkehrt, sonst bekommt er eines Tages von der British Football Association einen Preis für die Verbreitung der Mythen des britischen Fußballs auf dem Kontinent, und den nimmt er vielleicht noch lieber an als einen Preis für Literaturkritik; ohnehin sind seine Prosastücke »Wembley« und »Kein Netzer aus der Tiefe des Raumes« – mit Verlaub zu so feierlicher Stunde gesagt – nach ihrer sprachlichen Kraft und Schönheit vielleicht noch über seine essayistische Prosa zu stellen und jedenfalls Belege für die dichtungstiftende Gewalt des Fußballfanatismus. Und wenn Karl Heinz Bohrer wieder in Deutschland ist, so steht zu hoffen, daß er nicht ganz die Literaturwissenschaft die Literaturkritik, die Abhandlung mit unzähligen Belegen den Essay mit unzähligen Gedanken verdrängen läßt. So sehr ich mich als Mitglied der Fakultät, die Karl Heinz Bohrer habilitiert hat, über gerade diesen akademischen Kollegen freue: Literaturwissenschaftler von Rang gibt es in Deutschland mehr, als an zwei Händen zu zählen sind, und kluge Rezensenten auch. Aber um die Literaturkritiker abzuzählen, brauche ich nach langem Nachdenken genau sieben Finger. Noch zeigt einer dieser Finger auf Karl Heinz Bohrer.