Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Ivan Nagel

Ivan Nagel

Theaterwissenschaftler und Publizist
Geboren 28.6.1931
Gestorben 9.4.2012
Mitglied seit 1986

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1988
Laudatio von Reinhard Baumgart
Dankrede von Ivan Nagel
Urkundentext

Ivan Nagels Passion für ästhetische Fragen wird getragen von einem Engagement, das immer wieder klar macht: Wer nur von ästhetischen Fragen etwas versteht, versteht auch von diesen nichts.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Walter Helmut Fritz, Hans-Martin Gauger, Hartmut von Hentig, Beisitzer Georg Hensel, Michael Krüger, Lea Ritter-Santini, Guntram Vesper, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger, Ehrenpräsident Dolf Sternberger

Mit Florett und Silberstift

LAUDATOR
Reinhard Baumgart
Geboren 7.7.1929
Gestorben 2.7.2003
Schriftsteller, Literaturkritiker und Theaterkritiker

Ivan Nagel hat es jedem, der ihn loben soll und will, denkbar leicht gemacht: dieser Autor, den auch Festtagsrhetorik nicht mehr einen jungen und hoffnungsvollen nennen könnte, hat uns bisher nur ganze zwei Bücher gegönnt oder zugemutet, insgesamt knappe dreihundert Seiten. Das erste gibt vor, nur ein Essay über Mozarts Opern zu sein, das zweite trägt die sechs Arbeiten zusammen, die Nagel offenbar aus fast drei Jahrzehnten Sinnen und Schreiben für einzig wert erachtet, ihren jeweiligen Augenblick für eine Weile zu überdauern. In dieser sparsamen Veröffentlichungsstrategie mag man Höflichkeit erkennen, Zurückhaltung, vielleicht sogar Scheu. Sie erinnert an das stete Lächeln, die leise insistierende Stimme, mit denen Nagel auch mündlich zu argumentieren pflegt. Außerdem: in einer Zeit, in der die am meisten von sich geben, die am wenigsten mitzuteilen haben, wird gerade Zurückhaltung zu einer Geste des Widerstands. Für bloße, fade Bescheidenheit sollte man sie lieber nicht halten.
Denn Ivan Nagel hat es allen, die ihn in aller Kürze preisen sollen, auch denkbar schwer gemacht. Seine in vier Buchdeckeln überlieferte summa summarum trägt alle Spuren äußerster Verdichtung. Unter dem Druck seiner begrifflichen Phantasie schreibt er gern Kurzschrift. Gedankengänge verspricht einer der Buchtitel –, es sind aber eher Gedankensprünge, ja -flüge und -stürze, auch Gedankenakkorde und -glissandi. Sie kombinieren Staats-, Sozial-, Seelen- und Musikgeschichte, sie gleiten durch die abendländische Problemskala von Euripides zu Wedekind, von Augustin zu Carl Schmitt, um dann immer wieder vorübergehend Ruhe zu erreichen in Sätzen, von denen man sagen möchte: gestochen wie ein Kristall. Auch Kristalle sind ja Gebilde, die oft nur unter äußerstem Druck zustande kommen. Solche Texte wollen so langsam, manchmal auch so mühsam, aber auch so lustvoll gelesen werden, wie sie sicher auch formuliert worden sind.
Langsam, zum Erschrecken gründlich und folglich auch immer unzufrieden war Nagel beim Produzieren wohl von jeher. Ich jedenfalls erinnere mich an die frühen siebziger Jahre, als wir nebeneinander an der Süddeutschen Zeitung vor allem Theaterkritiken schrieben. Zu denen, die sich leicht und leutselig artikulieren konnten, gehörte Nagel natürlich nicht. Aber auch unter den anderen war er der im schönsten Wortsinn Müh-Seligste. Mit so geröteten Augen wie er, mit so grauen, schweren Rändern darunter tauchte niemand von uns auf aus einer theaterkritischen Nacht, mit so verzweifeltem, um Verzeihung oder doch Nachsicht bittenden Lächeln lieferte keiner das dann doch leider entstandene Manuskript ab. Wieder einmal war versucht worden, einem flüchtigen Theaterabend über Nacht etwas fast Endgültiges abzupressen, wieder einmal war trotz aller Mühe nur etwas schändlich Halbgedachtes, Halbgenaues zustande gekommen, mußte etwas eigentlich Unvertretbares den Druckmaschinen nun doch zum Fraß vorgeworfen werden. Wir andern natürlich lasen diese Manuskripte ganz anders. Wieder einmal hatte Nagel dem Gegenstand, sich selbst und den Lesern viel, vielleicht zu viel abverlangt.
Er wollte, er konnte sich einfach nicht einrichten in dem, was für andere lebensrettend ist: in Routine. Als er dann endlich sein erstes Buch schrieb, reisten die allerletzten Korrekturen der letzten Korrekturen Blatt um Blatt per Eilkurier im Intercity von Stuttgart nach München – so erzählt das Gerücht. Wenn es nicht ganz wahr sein sollte, so enthält es doch die Wahrheit.
Denn es ist diese Unnachgiebigkeit in Qualitätsfragen, dieses eigensinnige Beharren auf Genauigkeit und Komplexität der Erkenntnisse und ihres Ausdrucks, die Nagel, kein Wunder, von denen erwartet und an denen wiedererkennt, die er bewundert. In ihrem wütenden Affekt, ihrem Anarbeiten gegen die übliche Theaterschlamperei zum Beispiel sieht er die Regisseure Kortner und Stein verbündet. Ja, er vermutet, daß kein politischer, kein sozialer und auch kein pur ästhetischer Impuls Peter Steins Genie in Bewegung gesetzt hat, sondern eben: »Haß auf das geistig Vage«. Wie überhaupt die Rede auf diesen Regisseur und seinen Weg durch die letzten beiden Jahrzehnte dem Laudator Nagel nicht unverhofft zu einer Reflexion seiner eigenen Schreibideale geraten ist. Denn ließe sich nicht auch in seinen Kritiken und Essays die an Steins Arbeiten beobachtete »Zartheit« entdecken, die also nicht ins Weiche verschwimmt, die im Gegenteil gerade »Härte« ausstrahlt, die spröde, leuchtende, feste Zartheit eben des Kristalls? Schreibt nicht auch Nagel in einer immer wachen Aversion gegen alles Glatte, Gefällige und Spießige? Setzt nicht auch er Satz für Satz stillschweigend voraus, daß jede Gedankenlosigkeit, jedes Kleinbeigeben also ans »geistig Vage« immer auch bedeutet: Empfindungslosigkeit?
Kurz: hier arbeitet ein Aufklärer –, allerdings einer, der in seinem Bezugs- und Lieblingsjahrhundert, dem achtzehnten, vor allem die Schatten studiert hat, die dieser jähe, schmale Lichteinbruch sofort wirft. Hier denkt ein Intellektueller, der aber in einem Schlüsselaufsatz über den Intellektuellen »als Lump und Märtyrer« in lauter Musterkarrieren vorführt, wie leicht diese Spezies vom Parasitentum über den Terrorismus bis zur imitatio Christi hinüberverführt werden kann. Und hier streitet schließlich, mit Florett und Silberstift, ein Moralist, der wie alle Moralisten seines zarten, harten Schlages, ob Diderot, Nietzsche oder Adorno, jeder gängigen Moral erbarmungslos die Leviten liest, vor allem der abendländisch federführenden christlichen Schulmetaphysik, die sich vom Vater im Himmel über die Väter des Vaterlandes durchsetzt bis zum pater familias.
Womit ich zuguterletzt doch noch auf etwas zu sprechen komme, was ich bisher offensichtlich umschrieben habe, als gehöre es nicht ganz zur Sache oder verstehe sich sozusagen von selbst oder spotte einer klipp und klaren Zusammenfassung: ich komme zum sogenannten Gehalt oder Kern von Nagels kritischer Prosa, von deren Stil und Ethos oder eben »Form« schon so viel oder zu viel die Rede war. Richtig ist zwar, was Nagel nicht erst von Adorno oder Peter Szondi zu lernen brauchte, daß Form nicht mehr und nicht weniger ist als der auskomponierte Gehalt, und das gilt für kritische Texte so gut wie für die Musik- oder Dichtwerke, von denen sie handeln. Richtig ist auch, daß Ivan Nagels bis in die Sprache hinein wachsame Moralität, dieses energisch Gestochene, Kristalline und auch Elegante seiner Schreibweise immer schon beides sind, Medium und Botschaft. Aber bereits auf dieser Ebene des Gestus und der Schreibstrategie ist unübersehbar, was dann überdeutlich wird, wenn Nagel Position bezieht: ohne die doppelte Erfahrung der nationalsozialistischen Verbrechen und einer stalinistischen Diktatur wäre diese Nagelsche Hellhörigkeit kaum entstanden.
Was diesen Essayisten und Kritiker von den meisten anderen unterscheidet, die aus Lust oder Not oder Bequemlichkeit lieber von Fall zu Fall reagieren, das ist nämlich die erstaunliche Kontinuität seines vorherrschenden Interesses, seines Engagements. Nur deshalb geht er den Sachen so beharrlich auf den Grund und an die Wurzeln, das heißt, er dringt in die Vor- und Nachgeschichte alles dessen ein, was er zu bedenken hat, das sei Don Giovanni, Peter Stein, Kleist, Kierkegaard oder Kafka. Überall entdeckt er, betroffen und auch polemisch, die Spuren einer bürgerlichen Geschichte, in der Selbstentdeckung und Selbstverrat von früh an unheilvoll ineinander verschränkt sind.
Ich selbst, im wesentlichen noch langsamer als Ivan Nagel, wenn auch aus denkbar anderen Gründen, vor allem aus Begriffsstutzigkeit ich selbst habe lange gebraucht, um endlich die leicht erkennbaren Grundfiguren des Nagelschen Engagements zu entdecken. Endlich fiel mir auf, wie oft bei ihm Väter ins Licht, beziehungsweise ins Zwielicht geraten, als Landes-, als Kirchen-, als Familienväter, wie unbeirrbar dagegen Nagels Sympathie für die Opposition der Söhne und Töchter, der Untertanen, Verschwörer und Rebellen ist. Denn nicht nur im Mozartbuch bilden Gnade und Autonomie, Herrschaft und Emanzipation die Leitlinien aller Gedankenläufe. Vielmehr ziehen sich im Begriff des Patriarchats, bald offen, bald verdeckt, alle die sozialen, psychischen, politischen, ästhetischen Fäden zusammen, die Nagel an jedem Gebilde zu entwirren weiß.
Er kann dann in seinem Eifer auch ungerecht sein. Ausgewogenheit, Harmonie also um jeden Preis sind seine Sache nicht. Nagel kann etwa in einem seiner gefährlich zugespitzten Gedankenkristalle den Staatsrechtterroristen Carl Schmitt in geistige Nachbarschaft zwingen zu dem ohnmächtig rebellierenden Sohn Kafka. Als hätte der eine nicht gnadenlos von oben argumentiert und der andere seine Tragikomödien der Autonomie nicht leidend von unten her entworfen. Hier lohnt es sich zu streiten. »Ich glaube«, so sinnierte in diesem Sommer ein amerikanischer Freund, den Nagel eben mit zart insistierender Stimme in ein Streitgespräch über Römertugend, Corneille und Rousseau verwickelt hatte: »Ich glaube, er ist ein fanatischer Liberaler«. Wobei mitzuhören wäre, daß »liberal« im Amerikanischen sehr viel radikaler, »zersetzender« klingt, sehr viel weiter links anzusiedeln ist als die ausgewaschene Allerweltsfreundlichkeit oder gar die marktwirtschaftliche Härte, die das Wort inzwischen bei uns signalisiert.
Ich jedenfalls, als ich Nagels patriarchalische Urszene begriffen hatte, begann auch besser zu begreifen, warum er seine flirrenden Begriffsspiele doch am liebsten festmacht an Figuren, an dramatis personae. Denn Wort- und Musikdramen, tönende Schauspiele sind sein bevorzugtes Untersuchungsfeld. Er sieht die Welt als Bühne, aber das Theater beileibe nicht als Schein. Für ihn werden dort die kältesten und die hellsten Fragen verhandelt und ausgetragen: Machtfragen, Freiheitsfragen. Aller unreflektierten Gewalt setzt er, höflich und entschieden, unbeirrbar leise, unendlich insistierend, den Widerstand seines Denkens entgegen.
Auch deshalb freue ich mich, mit ihm, über diesen Preis.