Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Hans Keilson

Hans Keilson

Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller
Geboren 12.12.1909
Gestorben 31.5.2011
Mitglied seit 1999

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2005
Laudatio von Tilman Krause
Dankrede von Hans Keilson
Urkundentext

Hans Keilson, dem Essayisten und Wissenschaftler, dem Dichter und Erzähler, der in seinem vielseitigen Werk Psychologie, Poesie und Kritik zusammengeführt hat...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Heinrich Detering, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt

Bekenntnis zum bürgerlichen Humanismus

LAUDATOR
Tilman Krause
Geboren 19.7.1959
Literaturkritiker

Verehrter, lieber Hans Keilson;
nicht minder verehrte, liebe Marita Keilson;
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Hans Keilson für sein literarisches und auch für sein literarkritisches Werk zu loben, ist nicht ganz einfach. Jedes Lob bricht sich an der Bescheidenheit, mit der der Autor selbst sich immer wieder über sein schriftstellerisches Œuvre geäußert hat. »Ich bin Arzt«, sagt er gern von sich. »Ich habe viel geschrieben. Viele Rapporte, viele Rezepte, viele Rechnungen. Alles andere sind literarische Fehltritte.« Nun müssen sich die Berufe des Arztes und des Schriftstellers ja nicht gegenseitig ausschließen. Das wissen wir aus der deutschen Literaturgeschichte zur Genüge. Alfred Döblin zum Beispiel war Arzt. Der junge Keilson, der kurz vor und kurz nach Erscheinen seines ersten Romans 1932/1933 unter die deutschen Literaten kam, hat ihn noch persönlich erlebt. Gottfried Benn war Arzt, der sich damals so schnell vom angeblichen Schwung der »Bewegung« mitreißen ließ. Hans Carossa, von den drei genannten Hans Keilson wahrscheinlich gefühlsmäßig der Nächste, war ebenfalls Arzt im Hauptberuf.
Und hatte nicht der Arzt, als Seelenlenker und Heiler über die körperlichen Schmerzen hinaus, gerade bei den Deutschen immer einen guten Klang? Tatsache ist, daß Goethe seinen Wilhelm Meister, der doch so überzeugt von seiner theatralischen Sendung war, nicht Schauspieler, sondern Arzt und damit ein bürgerliches, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werden läßt. Und auch Thomas Mann, einer der wenigen literarischen Emigranten, die nach 1945 gebeten wurden, zurückzukehren, Thomas Mann also wurde damals zu seiner eigenen großen Verblüffung zugerufen: »Kommen Sie zu uns als ein guter Arzt.«
Als Arzt ist auch Hans Keilson in einem für sein Leben entscheidenden Moment angesprochen worden. Und damit mag es zusammenhängen, daß er die Kunst des Heilens denn doch ein Leben lang über die Kunst des Schreibens gestellt hat. Wir schreiben das Jahr 1942. Die Szene spielt in Holland. Das Land ist schon von den Deutschen besetzt. Hans Keilson befindet sich bereits im Untergrund. Nicht mehr lange, und er wird als Kurier und Psychotherapeut für die holländische Résistance tätig werden. Da muß er von seinen Eltern Abschied nehmen. 1938, kurz nach den Novemberpogromen, hat er sie noch in die Niederlande holen können, in denen er seit Oktober 1936 zu Hause ist. Auch ein Visum für Palästina wurde beschafft. Aber die Schiffspassage kommt nicht mehr zustande. 1942 werden die Eltern deportiert. »Vergiß nicht, daß Du Arzt bist«: Dies ist das letzte Wort, daß der Vater zu ihm sagt. Er hat ihn nicht wiedergesehen. Wie die Mutter ist er in Auschwitz-Birkenau ermordet worden.
»Vergiß nicht, daß Du Arzt bist«. Hans Keilson hat es nicht vergessen. Wie hätte er es vergessen können. Aber er ist eben eine ganz bestimmte Sorte Arzt geworden und geblieben. Er hat den Beruf des Psychotherapeuten gewählt. Er hat früh erkannt, daß auch das Schreiben therapeutische Qualität haben kann. Das muß wohl zu jenem instinktiven Wissen gehört haben, das der sensible Mensch schon vor aller Berufspraxis von sich besitzt. Und so ist es kein Zufall, daß schon die erste große schriftstellerische Hervorbringung von Hans Keilson, der bereits erwähnte Roman von 1933 mit dem Titel »Das Leben geht weiter«, selbsttherapeutische Qualitäten besitzt. Um es mit Hans Keilsons eigenen Worten zu sagen: »Auf Anregung einer amerikanischen Kommilitonin, die am Berliner Psychoanalytischen Institut ihre Ausbildung erhielt, meldete ich mich eines Tages dort an, wurde empfangen und erzählte ›mein Leiden‹. Der betreffende Analytiker hörte mich ernsthaft an und teilte mir schließlich mit, er sehe keinen Anlaß für eine psychoanalytische Behandlung. Wütend ging ich nach Hause und schrieb die ersten Sätze.«
Und das Zitat geht weiter:

»So begann ich, zuweilen aufgehalten durch die Anforderungen des Studiums und der Arbeit als Musiker, meine Geschichte und die meiner Eltern in der kleinen Kreisstadt der Mark Brandenburg und später in Berlin zu erzählen, die Geschichte vom wirtschaftlichen Niedergang eines kleinen Selbständigen, eingelassen in die politischen, sozialen und ökonomischen Wirren der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, der Weimarer Republik, der Inflation und des aufkommenden Nationalsozialismus. Es war ein Stück Selbstanalyse in dem engen Ausschnitt, den ich damals übersehen konnte.«

Soweit Hans Keilson. Übrigens: Das Buch, noch im Jahr seines Erscheinens verboten, ist doch damals stark wahrgenommen und als »Roman des deutschen Mittelstandes« von der Kritik gefeiert worden.
Selbstanalyse, Selbsttherapie, die aber wegen ihrer sprachlichen Geschliffenheit und radikalen Selbstbefragung Zeitdiagnose, Zeitüberwindung werden kann, ist auch der zweite große Roman von Hans Keilson. Ich meine das erst lange nach dem Krieg fertiggestellte Buch Der Tod des Widersachers, das in Deutschland 1959 erschien. Er handelt von der Krise, von dem Leiden, das 1932, 1933 noch nicht seinen schaurigen Höhepunkt erreicht hatte und doch unabdingbar zur Krise von Weimar gehört, die »Das Leben geht weiter« gestaltet. Ich meine die Erfahrungen von Ausgrenzung und Verfolgung, denen Keilson als junger Jude während Deutschlands Abmarsch in die Barbarei ausgesetzt war. Davon also handelt Der Tod des Widersachers, von der Feindschaft eines jüdischen Ichs und seines nichtjüdischen Widersachers. Herausgekommen ist dabei eine der abgründigsten Analysen des Antisemitismus, die wir kennen, ein geradezu atemberaubendes Experiment einfühlenden Verstehens aus der Sicht der Psychoanalyse, von der man früher oder später bemerken wird, daß sie gleichrangig neben Thomas Manns Essay »Bruder Hitler« steht. Ihr liegt eine Überlegung zugrunde, die Hans Keilson in seinem großen Essay Die Überwindung des Nationalsozialismus folgendermaßen formuliert:

»Es ist nicht, wie oft angenommen wird, der Haß, der die Basis der Feindschaft bildet, sondern der Ambivalenzbegriff, der den Hasser und den Gehaßten, Verhaßten aneinander bindet, ja fesselt und die Projektion eigener Unsicherheiten und Identitätskonflikte auf den anderen ermöglicht. ›Kein Liebhaber kann anhänglicher von dem Gegenstand seiner Liebe sprechen, als er, auf die Weise, die die seine war, auch wenn er mich verwünschte. Er suchte mich‹, heißt es an einer Stelle in dem Buch Der Tod des Widersachers«.

Und in der Keimzelle des Romans, in dem bereits 1937 entstandenen Gedicht Bildnis eines Feindes, stehen die Verse: »In deinem Angesicht bin ich die Falte | eingekerbt um deinen Mund, | wenn er spricht: du Judenhund.« Das Gedicht schließt übrigens mit den Zeilen: »Denn deine Stirn ist stets zu klein, um je zu fassen: |...ein Tropfen Liebe würzt das Hassen.« Soweit Der Tod des Widersachers.
Ich könnte jetzt fortfahren, den selbstanalytischen, selbsttherapeutischen Anteil auch der übrigen schriftstellerischen Arbeiten Hans Keilsons herauspräparieren. Sie sind ja alle, die Lyrik der dreißiger Jahre, das Langgedicht Einer Träumenden von 1943, die Erzählung Komödie in Moll von 1947, die literarischen und sozialpsychologischen Essays der achtziger und neunziger Jahre, die entstehen, als das große wissenschaftliche Hauptgeschäft abgeschlossen ist, nämlich jene bahnbrechende Studie über die Verstörungen von Kindern, die den Holocaust überlebt haben, welche 1979 erscheint: Sie sind ja alle aus traumatischen Situationen hervorgegangen, antworten auf traumatische Situationen. Seien diese nun das Geworfensein in eine neue, fremde Lebenssphäre, der Verlust des eigenen Kindes, die existenzbedrohende Tätigkeit als Kurier und Therapeut im Untergrund oder allgemein die Katastrophe von Auslöschung und Vernichtung der europäischen Juden, die ja erst nach 1945, also nach dem nackten Kampf ums Überleben, mit ihrer ganzen Wucht ins Bewußtsein dringt. Hans Keilson schreibt dazu in einem seiner Essays: »Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die Zeit der Trauer, einer Trauer, die nicht endet.« Und er gesteht an anderer Stelle, erst mit seiner bahnbrechenden Studie über die »sequentielle Traumatisierung« habe er 1979 »Kaddisch gesagt, das Totengebet, das ich lange nicht sprechen konnte«.
Jedoch: Die exegetische Detailarbeit, Keilsons Bücher und Texte auf ihren therapeutischen Anteil abzuklopfen, lasse ich aus Rücksicht auf die kurz bemessene Zeit hier einmal auf sich beruhen. Ich möchte Ihnen nämlich noch einen anderen Aspekt des Arztseins vor Augen führen, der dem Gesamtwerk von Hans Keilson, diesem Mann der zwei Lebenswerke, seinen Stempel aufdrückt. Und das ist der Glaube an die Möglichkeit einer Heilung. Wie der Arzt seiner Arbeit nicht nachkommen kann, wenn er nicht fest daran glaubt, daß es eine Heilung für seinen Patienten gibt, so scheinen mir auch sämtliche schriftstellerischen Arbeiten Keilsons aus dem Impuls geboren zu sein, durch das Wort zu lösen, ja zu erlösen, das Verdrängte, in Ambivalenzkonflikten Verborgene herauszulösen und durch offene Aussprache von Kämpfen und Krämpfen zu erlösen. Das kennen wir auch aus der Logotherapie eines Viktor Frankl. Elie Wiesel dachte ebenfalls so: Nur durch sprachliche Durchdringung ist das Unfaßbare, wenn überhaupt, auszuhalten. Doch bei Hans Keilson kommt noch eine Kategorie hinzu: die der Überwindung. Man muß in der deutschen Literatur, und schon gar in der Literatur unserer Tage, lange suchen, um diesen Glauben an Überwindung und Heilbarkeit zu finden. »Von der Gewalt, die alle Menschen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet«, heißt es in Goethes Fragment »Die Geheimnisse«. Und sehr goethisch gedacht ist es, wenn Hans Keilson in einem seiner autobiographischen Essays sagt, vor allem sein Tod eines Widersachers von 1959 sei ein »verzweifelter Versuch« gewesen, den Riß, der seit dem Aufkommen eines mörderischen Antisemitismus durch die Welt geht, »aufzuspüren und vielleicht – durch den Geist? – zu heilen.« Das, meine Damen und Herren, sind Worte, die nur ein Mann schreiben kann, der sich, wie Goethe, zum bürgerlichen Humanismus bekennt, einem bürgerlichen Humanismus allerdings, der sich modernisiert und erweitert hat, indem er eben auch die große heuristische Potenz der Psychoanalyse mit einbezieht, wenn er »Geist« sagt, womit die Sonntagsvokabel »Geist« eine Dimension der Schärfe und Dringlichkeit erhält, die sie üblicherweise nicht hat. Worte sind dies auch, die noch immer schmerzliche Aktualität besitzen. Wie sehr wünschte man sich, daß Hans Keilsons Programm von einer Heilung des Antisemitismus durch die Kraft des psychoanalytischen Geistes heute von den Feinden Israels beherzigt würden.
Ich komme zu meinem dritten und letzten Punkt. Bürgerlich ist das Stichwort. Jawohl, ich erkenne auch etwas eminent Bürgerliches in Hans Keilsons Art, Arzt und Schriftsteller zu sein, in seiner Art, »ein naturwissenschaftliches Verfahren ohne weiteres auf ein geisteswissenschaftliches Gebiet zu übertragen«, wie er es in einem seiner Essays formuliert. Ich erkenne darin eine gewisse Unbedenklichkeit und geistige Unabhängigkeit, die zu den guten und leider wie so vieles aus dieser Sphäre fast verschütteten Seiten des deutschen Bürgertums gehört. Ich spreche von der wunderbaren, erfrischenden ästhetischen Unbedenklichkeit, einen Roman zu schreiben, wenn man selbst und das Land, in dem man lebt, in der Krise ist. Ich spreche von der ästhetischen Unbedenklichkeit, Gedichte zu verfassen, um zu sagen, was man leidet. Ich spreche von der intellektuellen Unbedenklichkeit, überhaupt zu schreiben, dann zu schreiben und nur dann, wenn der Kairos gegeben ist, ohne daß man zum literarischen juste milieu gehört. Denn machen wir uns nichts vor: Hans Keilson, auch wenn er in den achtziger Jahren eine Weile Präsident des Auslands-PEN war, hat doch nie zu den literarischen Zirkeln und Zenakeln in diesem Lande gehört. Sie wollten ihn nicht, aber er wollte sie auch nicht. Weil er sie nicht brauchte. Er hat aber, getragen von jenem Selbstwertgefühl, das geistige Selbständigkeit, Verwurzelung in Traditionen und Herkunftsbewußtsein dem deutschen Bürger immer verliehen hat, trotzdem oder gerade deshalb ein literarisches und literarkritisches Œuvre hinterlassen, das so manches, was hierzulande gepriesen und gefeiert wird, an existentieller Dringlichkeit, an geistiger Substanz und, dies nicht zuletzt, an menschlichem Reichtum turmhoch überragt. Mit Hans Keilson lebt noch ein später »Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters« unter uns, wie Thomas Mann 1932 Goethe genannt hat. Freuen wir uns an ihm, und freuen wir uns mit ihm, daß er heute den Johann-Heinrich-Merck-Preis entgegennehmen kann, der ihm wahrlich gebührt.