Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Hans Keilson

Hans Keilson

Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller
Geboren 12.12.1909
Gestorben 31.5.2011
Mitglied seit 1999

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2005
Laudatio von Tilman Krause
Dankrede von Hans Keilson
Urkundentext

Hans Keilson, dem Essayisten und Wissenschaftler, dem Dichter und Erzähler, der in seinem vielseitigen Werk Psychologie, Poesie und Kritik zusammengeführt hat...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Heinrich Detering, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt

Das Wirkliche erzählbar machen

Erlauben Sie mir, daß ich beginne mit einem Gedicht, das ich im Jahre 1947 geschrieben habe:

Steuern zahl ich in Holland
auf fetter klei
nur
die fußspur durchzieht noch
den sand der Mark
und mein herz trauert
um Jerusalem

Splitter treibt man ins fleisch aus festem holz
mir erwächst
aus den abfällen des erinnerns
ein friedloses dasein
alle zeiten schlagen ihre stunden
todein
todaus
ich zähle sie
unwägbare
mit vergilbten lippen
und messe sie aus
in der syntax des schweigens
ohne fremde akzente

wenn ich auf den deichen stehe
und die inseln brennen
lodern die wasser der kindheit
der Oderstrom und
der Jordan meines Verlangens

am abend sitze ich dann
und lausche in die apparate
netze voller musik
ein fischzug der töne
aus ost und west

ich esse stamppot
ich trinke bols –
nektar und ambrosia
speisen die Schwermut der träume
wenn ich zur nacht liege
meine füße ein anker
in den verwüsteten gärten
meine Stirn
im gespött
der sterne

Herr Präsident, verehrte Anwesende,

im 18. Buch von Dichtung und Wahrheit schreibt Goethe über Johann Heinrich Merck:

»Dabei erinnere ich mich eines merkwürdigen Wortes, das er [d.h. Merck] mir später wiederholte, das ich mir selbst wiederholte und oft im Leben bedeutend fand: ›Dein Bestreben‹, sagte er, ›deine unablenkbare Richtung ist, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben; die andern suchen das sogenannte Poetische, das Imaginative zu verwirklichen, und das gibt nichts wie dummes Zeug.‹«

Ich möchte mich nicht mit fremden Federn schmücken. Ich verdanke dieses Zitat dem Vorwort von Peter Berglar zu einer Ausgabe der Werke von Johann Heinrich Merck im Insel Verlag von 1994. Und die Kenntnis von diesem Vorwort verdanke ich Gerhard Kurz. Ich bin eben doch nur ein Mediziner, eigentlich.
Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für die Zuerkennung des Johann-Heinrich-Merck-Preises. Die Verleihung erfüllt mich mit Freude. Sie erweckt Erinnerungen in mir und stimmt mich zugleich nachdenklich, vor allem über Mercks Formulieung: »dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben«. Ich frage mich: Was ist oder war »das Wirkliche« in meinem Leben? Zu diesem »Wirklichen« meines Lebens gehört jedenfalls die Shoa und das spezifische Verhältnis von Verfolgern und Verfolgten, das zum Holocaust geführt hat.
Es war mein Anliegen, dieses komplizierte, abgründige Verhältnis im Tod des Widersachers auszuloten. Was Menschen anderen und oft zugleich damit sich selbst antun, was man »man made disaster« nennt, ist eine verzwickte, verwirrende Geschichte. Das Wirkliche ist nicht mehr so einfach zu erzählen, denn es ist das Problematische. Das mehrschichtige Verhalten und Agieren des Menschen scheint mir in einem eindimensionalen, handlungsorientierten Erzählen nicht mehr gestaltbar zu sein ohne eine grundlegende essayistische Reflexion in corpore, die das Wirkliche erst erzählbar macht. Vielleicht ist dies das Signalement unserer »modernen«, d.h. gegenwärtigen Wirklichkeit, in der die Bildsprache des Fernsehens die Linearität des geschriebenen, gedruckten Wortes zu ersetzen scheint.
Zeitschriften und Verlagen in den Niederlanden und in Deutschland, die meine Texte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg druckten, unter anderen Fritz Landshoff im Amsterdamer Querido Verlag, will ich hier Dank sagen. Gideon Schüler und seiner »Edition Literarischer Salon« in Gießen bin ich besonders erkenntlich für die Überlebenschancen, die er mir bot. Meinem alten S. Fischer Verlag im neuem Gewande danke ich von Herzen: Ulrich Walberer danke ich für die Taschenbuch-Ausgaben seit den 1980er Jahren. Ich danke Frau Schoeller. Meinem unermütlichen Lektor Roland Spahr und den beiden Herausgebern Heinrich Detering und Gerhard Kurz danke ich für ihren Einsatz bei der Verwirklichung der vorliegenden Werkausgabe. Ich bin wieder zu Hause.
Der Name »Merck« weckt in mir als Mediziner auch noch andere Assoziationen. Als ich im März 1943 in Holland von meinen Eltern Abschied nehmen mußte, sagte mein Vater: »Vergiß nicht, daß Du Arzt bist.« Ich habe es nie vergessen. Auch heute nicht.
Ich denke an dieser Stelle an meine Eltern, an meine erste Frau Gertrud, die mich aus Deutschland gerettet hat. Ich danke meiner zweiten Frau Marita und meinen Töchtern, die hier heute bei uns sind.
Ich danke Tilman Krause für seine Laudatio.
Ich danke dafür, daß man mich be-Merck-t hat.
Ich danke Ihnen allen, daß Sie gekommen sind.