Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Benjamin Henrichs

Benjamin Henrichs

Journalist, Theaterkritiker und Literaturkritiker
Geboren 1946

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1992
Laudatio von Ulrich Wildgruber
Dankrede von Benjamin Henrichs
Urkundentext

Alle Diskretion seiner Haltung und Sprache können nicht verdecken, daß für den Kritiker Benjamin Henrichs Ästhetik eine Frage der Ethik ist.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Günter de Bruyn, Hartmut von Hentig, Ivan Nagel, Beisitzer Walter Helmut Fritz, Oskar Pastior, Lea Ritter-Santini, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger

 
LAUDATOR
Ulrich Wildgruber
Geboren 18.11.1937
Gestorben 30.11.1999
Schauspieler

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrter Herr Henrichs!
»Numero horas nisi serenas« –, so steht es unter einer Sonnenuhr in Bad Aussee, und diesem freundlich-listigen Fingerzeig des Sonnengottes, von den Stunden nur die heiteren zu zählen, folge ich für die kurze Dauer dieser Laudatio gern, da es mir vergönnt ist, Benjamin Henrichs, der heute mit einem schönen Preis, dem Johann-Heinrich-Merck-Preis, geehrt wird, im Namen vieler Menschen, denen das Theater ein Ort der Lust und Neugier ist, ein paar Blumen zuzureichen.
»Wir wollen gepriesen werden«, sagt die Verwalterin in Peter Handkes dramatischem Gedicht Über die Dörfer, und von wem wäre dieser Stoßseufzer, unterspielt, outriert, schamhaft verschwiegen, schamlos verlautbart oder aufs Direkteste geäußert, häufiger zu hören als von den Mimen beiderlei Geschlechts, und wie Thomas Bernhard – ich erinnere mich genau –, in der Kantine des Kampnagelgeländes (letzteres damals eine Notunterkunft, ein Asyl, für die aus ihrem Heimathafen, dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, wegen bautechnischer Veränderungen vertriebene Thesbisschar), ein großes Entzücken hervorrief, als dort ein Brief von ihm vorgelesen wurde vor versammeltem Ensemble, ein großes Entzücken in der Hauptsache deswegen, weil Thomas Bernhard diesen Brief an das Deutsche Schauspielerhaus adressiert hatte, so vermag hin und wieder auch eine Kritik von Benjamin Henrichs Betroffene und Außenstehende zu entzücken, denn Benjamin Henrichs ist ja nach eigenem Bekunden und, besser noch, nach eigenem Tun auch und vielleicht vornehmlich ein Schauspielerkritiker, und dies erklärt dann wohl ein wenig die etwas ungewöhnliche Situation, daß ein Schauspieler, dessen Herkunftsland ja eigentlich das Schweigen ist, und dem die Wörter hingereicht werden von den Dichtern, den Stückeschreibern, den Autoren, daß ein Schauspieler also für ein paar Momente sein angewiesenes Rüstzeug beiseite legt und ein geschätztes Auditorium und, hoffentlich nicht ausschließlich zu dessen Pein, auch den Gekrönten mit Selbstgedrechseltem zu plagen wagt. (Die Wenigen, bei denen beide Schutzengel an der Wiege Pate standen, Apollon und Proteus –, die doppelt Gebeutelten, die Molière, Raimund, Nestroy, Kroetz, Achternbusch, Sperr und andere – sind ja wohl die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.)
Entzücken, Begeisterung, Enthusiasmus, – wenn Benjamin Henrichs einmal etwas wirklich gefällt, zu gefallen scheint, was auf den Brettern, die einen geraumen Teil der Welt bedeuten, sich ereignet, dann kann es geschehen, daß er sich in einen Cherubim verwandelt.
Diese Fähigkeit, sich zu begeistern und dadurch, daß er dieser Begeisterung in oft unverwechselbaren und deshalb gern zitierten Sätzen Ausdruck zu geben vermag, wiederum Begeisterung zu erwecken, dieses Gran von Dionysischem, das manchmal mitschwingt in seinen Betrachtungen und Rezensionen einer Kunst, der das Wörtchen Rausch ja nicht nur ein drohendes ist, sondern ein von altersher vertrautes, ein aufzusuchendes, eine Schutzimpfung gegen den Rest der Welt, dieses merkwürdig Verwandte, (und blättert man in seiner Biographie, gibt es zumindest für die Verwandtschaft auch einen simplen, natürlichen Hinweis: Der Vater, Helmut Henrichs, dem der Sohn im November 1975 in einer Kolumne für Theater heute eine wunderschöne Liebeserklärung schreibt, war u. a. lange Intendant des »Münchner Residenztheaters«), diese Herzblutnähe also, sind es wohl vor allem, die Theatermacher und Theatergucker hellhörig werden lassen und aufmerksam, wenn Benjamin Henrichs schreibt.
»He knows to swing his sword« –, einer aus King Arthurs erweiterter Runde, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, ein Besonderer scheint da am Werk, und man hält die Zeilen gerne gegen das Licht.
Ich hatte, 1970, in Stuttgart, genauer am »Württembergischen Staatstheater« daselbst, ein seltsames Erlebnis in einem ansonsten recht bedächtig dahinplätschernden Schauspieleranfängerdasein. Klaus Michael Grüber inszenierte die Penthesilea von Heinrich von Kleist, mit Rosel Zech in der Titelrolle. Ich saß am Abend der Premiere im Publikum –, wie dieses ahnungslos und durch keinerlei Vorausinformation verdüstert –, als sich der Vorhang öffnete für eine Vorstellung, die ich mit schauderndem Vergnügen genoß. Eine Zauberhand war da im Spiel gewesen, ein großer Regisseur begann seine Laufbahn. Am Tag danach Verrisse, schmähliche, grauenhafte, der Schauplatz schien verwüstet. Ich war noch jung damals und an derartigen Unsinn nicht gewöhnt. Da las ich in der Süddeutschen Zeitung zum ersten Mal mit Bewußtsein eine Kritik von Benjamin Henrichs. Er als einziger, ich bitte um Nachsicht, wenn ich anderes überlesen habe, hatte die Aufführung mit zauderndem Respekt gesehen, und ich durfte Hoffnung schöpfen, daß ich nicht unbedingt einem heillosen Wahnsinn ausgesetzt war, wenn ich diese Penthesilea zumindest phasenweise für ein Ereignis hielt. Läßt man die Jahre Revue passieren, erinnere ich mich dankbar an noch etwas anderes, das mich damals aufhorchen ließ und mich animierte, die Kritiken von Benjamin Henrichs fortan unbedingt zu lesen. Es war der Ton, der aus diesen Zeilen vibrierte und mich in freudige Erregung versetzte. Da ist mal jemand, dachte ich, der hörbar eine eigene Meinung hat und diese auch unerschrocken und bestimmt vertritt, der unbestechlich scheint und zum Individuellen tendiert, der außerdem noch sehr gut schreiben kann, kurz, der spürbar die Adjektiva eines jungen Meisters auf seiner Rüstung trägt. »Numero horas nisi serenas« –, zu den heiteren Stunden werde ich eben geschilderte immer zählen.
»Nur das Ernste in der Kunst ist schön«, sagt Dr. Dorn in Anton Tschechows Schauspiel Die Möwe tröstend zu dem verzweifelt-verzweifelnden Treplev, als dessen Performance durchgefallen war, und ein Hauch von diesem, wie ich meine, schönen Ernst weht erfrischend und beständig durch die Versuche von Benjamin Henrichs, dem Geschehen auf der Bühne einen Rang zu sichern.
Nun nennt ja auch Tschechow, einer der ernstesten und genauesten Dichter, und einer der graziösesten dazu, gern die meisten seiner Schauspiele »Komödien«, und dieser schwer zu entrinnenden Vermutung, daß aus der finstersten Tragödie auch oftmals ihre Antipodin lugt, ist Benjamin Henrichs ein streitbarer und phantasievoller Anwalt. Er muß es wohl sein, denn zu seinem Handwerkszeug gehören neben einer unmißverständlichen Seriosität, deren Grundlagen er nach eigener Aussage in jungen Jahren während einer Hospitanz bei einer Rudolf-Noelte-Inszenierung schulen und vertiefen konnte, die Pointe, der Kalauer, der erlösende Witz.
»Von allen Geistern die verneinen,/ist mir der Schalk am wenigsten zur Last« – nun, der Theatermacher ist nicht Gott-Vater und die Kritik kein Goethewort, aber die Lust zur Komödie, die Freude am Klangspiel ist eine von Benjamin Henrichs’ stärksten Waffen, und sie macht es möglich, daß man seine gelegentlich recht bissigen Kommentare auch als Betroffener, gleichwohl schmollend, in die Toleranznische einordnen kann.
»A bisserl Mozart«, wie wir Wiener sagen, und ein bißchen Puck. Und hier darf ich ein wenig ins Schwärmen geraten, ins Spekulieren, ins Fabulieren, ins Ratespiel. Die Zauberflöte und der Sommernachtstraum – liest man die Rezensionen von Benjamin Henrichs einmal als vorläufige Gesamtausgabe, so fällt auf, daß diese beiden Geniewerke, der Sommernachtstraum und die Zauberflöte, mit ihren verwirrenden, betörenden, boshaften, burschikosen, pittoresken, bizarren Donquichoterien, mit ihrem unendlichen Reichtum an unergründlicher Poesie, ihm eine wohlgehütete Schatzinsel sind, eine »Schatzinsel« – , auch The Tempest, die ernsthafteste der drei heiteren Schwestern, wirft unübersehbar lange Schatten, wenn Benjamin Henrichs auszieht, an den diversen Theaterschauplätzen das Gruseln zu lernen. Nun, wem diese drei erwählten Grazien beständig zuwinken, der erträgt so manche Unbill leichter, und besonders schützen sie ihn vor dem schlimmsten aller Schrecken, der nahezu unbeschreiblichen, unaussprechbaren, grauenhaftesten Krankheit, die seinen Beruf, den Beruf des Kritikers, so fürchterlich oft befällt, lähmt und hinrichtet –, der Beckmesserei. Und hier, in seiner tändelnden Ausnahmestellung, ist er wahrscheinlich auch ein legitimer Erbe Johann-Heinrich-Mercks, der diesen vielleicht wirklich spezifisch germanischen Hang zum Schlachtfest von den Kothurnen einer schauderhaft hochmütigen Pedanterie herab, in seinen Essays immer wieder mit komischem Entsetzen konstatiert. Doch: »Numero horas nisi serenas«l –, den Bockssprüngen aus Krähwinkel sei hier keine weitere Grimasse gegönnt.
»Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! ... Da kommen sie und fragen, welche Idee ich in meinem Faust zu verkörpern versucht. Als ob ich das selber wüßte und aussprechen könnte!« Pardon, ich bin in eine Zeitfalle geraten (den Herren aus den Geheimkanzleien ist schwer zu entkommen, das hat man von den Ratespielen), doch folgen wir dem Reiz der Wörter: »Wunderliche Leute« ... ‒, »Welch hausgeback’nes Volk macht sich hier breit? Wie? Gibt’s ein Schauspiel? Ich will Hörer sein, Mitspieler auch, vielleicht, nachdem sich’s fügt.« Da haben wir ihn wieder, den Sommernachtstraum, und mit ihm Puck, und darauf wollte ich hinaus. Puck als Mitspieler, Unruhestifter, als unsichtbar-sichtbare dritte Person. Puck, von Benjamin Henrichs aufs schönste gezeichnet in einer Zuwendung an die Schauspielerin Gordana Kossanovic, die allzu früh Verstorbene, Puck, so scheint mir, flunkert, flüstert, funkelt, geistert, ist fast immer zur Stelle, wenn Benjamin Henrichs über Theater schreibt. Und das macht seine Sachen, für mich jedenfalls, auch so unterhaltsam, diese nicht ganz zu verbergende Freude an dem Anarchistischen, die, wissend, daß unsere Ansichten nicht unbedingt gesichert sind, der Skepsis, dem common sense Raum und Spiel läßt. Unruhe ist Pucks flammendes Zeichen, Unruhe und Beweglichkeit, und so bleibt seinen Betrachtungen immer etwas Tastendes, etwas Kindlich-Erstauntes, das den Flaum der Unschuld noch nicht ganz verloren hat, und dieses Vergnügen an dem Zwitter- und Zitterwesen der Theaterdinge, an der ihnen immanenten Humpty-Dumpty-Attitüde, an ihrer Verletzbarkeit, dieses Unbehagen an Gesetzestafeln, diese leichte Boshaftigkeit, die sich den Spaß am Lebendigen nicht nehmen läßt, die sich letztlich auf eine fröhliche Sachlichkeit gründet, diese Puckgeschichte in der Geschichte der Kritik ist hoffentlich eine unendliche Geschichte.
Die Serenade klingt aus. Vieles noch wäre zu sagen über Palitzsch, Zadek, Grüber, Mnouchkine, Stein, Noelte, Brook, Achternbusch, Bernhard, Handke, Rudolph, Peymann, Tabori, Minks, Herrmann –, Künstler, denen Benjamin Henrichs mit Neugier und kritischer Liebe gefolgt ist und folgt, vieles über die Schauspielerinnen und Schauspieler, denen seine Zuneigung manche Stunden im Theateralltag versüßte, und einiges sicher auch über die Sturheit, mit der er manchem den besseren Blick verweigert. Vor allem wäre es lustig, ein wenig in seinen Glossen und Essays zu kramen, in denen er die vielgepriesene Eleganz und Leichtigkeit seines Stils erprobt und die Perspektiven erweitert, mutwillig verstreute Perlen, die seine Wachheit und Wachsamkeit auch um das Theater herum bezeugen, aber die Zeit dieser Laudatio ist bemessen, und der Sonnengott hebt warnend seinen Finger. Am Schluß dieser Rede mag der Preisträger selbst sprechen. In der Märzausgabe 1987 von Theater heute liest man in einem Miniaturporträt, das anläßlich einer Starparade deutscher Kritiker über Benjamin Henrichs erstellt wurde, auf Seite 13 (ausgerechnet, da war Puck im Spiel), Absatz drei und vier: »Hat es eine Zeit gegeben, wo es ihm ganz ernst war, wo er um Personen, Richtungen und Programme gestritten hat? Benjamin Henrichs blickt eine Weile sinnend über die Teetasse, saugt an ihrem Rand. Dann sagt er: Es ist ein Spiel. Das vergesse ich nie.«
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.