Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Benjamin Henrichs

Benjamin Henrichs

Journalist, Theaterkritiker und Literaturkritiker
Geboren 1946

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1992
Laudatio von Ulrich Wildgruber
Dankrede von Benjamin Henrichs
Urkundentext

Alle Diskretion seiner Haltung und Sprache können nicht verdecken, daß für den Kritiker Benjamin Henrichs Ästhetik eine Frage der Ethik ist.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Günter de Bruyn, Hartmut von Hentig, Ivan Nagel, Beisitzer Walter Helmut Fritz, Oskar Pastior, Lea Ritter-Santini, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger

Erbarmen mit Clavigo!

Der traurige Held meiner (hoffentlich kurzen) Dankrede zum Johann- Heinrich-Merck-Preis soll ein Undankbarer sein. Ein notorischer Verräter. Merck übrigens hat diesen windigen Herrn gekannt – und es ergriff ihn eine Abneigung wohl auf den ersten Blick. Der Mann heißt Clavigo.
»Quark«, sagte Merck. »Solch einen Quark muß du mir künftig nicht mehr schreiben; das können die andern auch.« Goethe selber, immerhin, hat dieses vernichtende Urteil des Darmstädter Freundes überliefert – in Dichtung und Wahrheit. Zwar behauptete er zerknischt: »Mephistopheles Merck aber tat mir zum ersten Mal hier einen großen Schaden.« Aber dann zeigte er, daß ein wahrer Dichter nur einen als Kritiker anerkennt – sich selber. Goethes Schlußwort, über Goethe, Merck und Clavigo: »Und doch hatt’ er hierin Unrecht.«
Zwei Männer, eine Männerfreundschaft, ein Abgrund. Man muß, um dessen Tiefe zu ermessen, nur die Porträts der beiden Herren kurz betrachten. Merck, mit seinem kantigen, etwas viereckigen Kopf – ein Bild der mannhaften Rechtschaffenheit. »Wenn eine Eigenschaft bei ihm feststeht«, so lesen wir in der schönen Merck-Ausgabe des Insel-Verlags, »so ist es das Freisein von Eitelkeit und Selbstgefälligkeit«.
Und dann dieses Bildnis Goethes, etwa aus der Zeit des Clavigo: Da sitzt ein hübscher, lässiger junger Mann, die Beine keck übereinandergeschlagen, und betrachtet mit einem warmen Blick, einem beinahe verliebten Lächeln – ja was?, ja wen? Sich selber als Schattenriß. Wenn die Bilder nicht lügen, dann ist ihre Botschaft recht schlicht: Merck liebte am meisten die Wahrheit, Goethe liebte am meisten Goethe.
Und trotzdem, dem Augenschein zum Trotz ... und auch wenn es eine Undankbarkeit ist, dies ausgerechnet in einem Moment zu sagen, da man sich freudig anschickt, einen Johann-Heinrich-Merck-Preis entgegenzunehmen: Was den Clavigo angeht, irrte nicht Goethe. Hier irrte Merck. Denn das hingeschluderte Stückchen über die Liebesverbrechen der Männer, den tödlichen Herzensernst der Mädchen erweist sich, je länger man es kennt, je öfter man ihm auf dem Theater begegnet, als ein tiefsinniges Meisterwerk. In acht Tagen geschrieben (immerhin ein Tag länger, als der HERR für die Schöpfung brauchte) – aber vielleicht doch, vielleicht sogar deshalb unsterblich.
Auch auf dem Theater ist der Streit zwischen Goethe und Merck mittlerweile entschieden. Die kleineren Aufführungen des Clavigo (zum Beispiel von Karge und Langhoff in Bochum, von Alexander Lang in Hamburg) entdeckten im deutschen Trauerspiel und seinem traurigen Helden einen Anlaß zu kritischer Heiterkeit – führten das Stück nur auf, um seine Figuren (und mit ihnen seinen Dichter) höhnisch vorzuführen. Clavigo – eine Lachnummer, im besten Fall ein Haßobjekt. Auch das war eine Abneigung auf den ersten Blick, dem dann kein zweiter mehr folgte. Eine Abneigung auf den ersten Satz. Clavigo, Redaktor der Wochenschrift »Der Denker«, sagt, »vom Schreibtisch aufstehend«, zu Carlos, dem Männerfreund: »Das Blatt wird eine gute Würkung thun, es muß alle Weiber bezaubern.«
Damit ist der Mann sogleich erledigt – von Goethe selber allerdings, was Merck und alle späteren Verächter gern übersahen. Aber doch erledigt. Erledigt mit dem ersten Satz – und leibhaftig tot mit dem letzten. Erst die größeren Aufführungen des Stücks (von Kortner in Hamburg, von Peymann in Wien) haben uns die Augen dafür geöffnet, wie weit und verschlungen der Weg ist vom ersten Clavigo-Satz bis zum letzten. Und an wie vielen Schluchten und Abstürzen dieser Weg haarscharf vorbeiführt.
Clavigo ist nicht einfach ein Verräter, er ist ein Vielfach-Verräter. Er opfert die reine, die heilige Liebe des Mädchens Marie Beaumarchais zweimal seiner schmierigen Karriere als Journalist und Höfling. Der erste Verrat bricht das Herz der Freundin, der zweite bringt es vollends zum Stillstand.
Clavigo ist ein Mörder – aber nicht aus Bosheit, Kälte, Dämonie. Sondern aus lächerlicher Schwäche. Der Verführer ist ein Verführter – verfallen dem »verführerischen Gesang der Eitelkeit«.
Man darf den Clavigo auslachen. Man kann über ihn (und seine Opfer) ins Tüchlein weinen. Entweder ist Clavigo ein ganzer Affe. Oder ein tragischer Jüngling. Entweder oder. Oder sollte er ein Wechselbalg aus beiden sein? Dem Clavigo scheint nichts ernst zu sein. Oder alles sogleich todernst. Er ist brennender Verliebter und eisiger Verräter in einer einzigen, kuriosen Gestalt. Karrierist und romantischer Ritter. Immer glaubt er fest, was er gerade sagt und tut. Er ist scheinbar immer wahrhaftig – seine Lebenslüge ist, daß er zwei Wahrheiten auf einmal will, die miteinander in tödlicher Fehde liegen: die Wahrheit des Herzens und die Wahrheit des Hofes.
Clavigo ist kein scharfer Denker. Er ist ein großer Spieler – er möchte alle Spiele kennenlernen und selbstredend alle glänzend gewinnen. Und wie jeder dem Fieber verfallene Spieler hat er das wichtigste Unterscheidungsvermögen des reiferen Menschen verloren: Niemals weiß er, mit seinem Strudelkopf und Bibberherz, was Spiel ist, was Ernst – und was beides zugleich.
Am Ende verliert so einer natürlich alles. Erst das Spiel und dann das Leben. Clavigo ist tot, endlich!, ernsthaft tot – soweit man in einer Tragödie, also einem Trauer-Spiel, überhaupt wirklich tot sein kann.
Wir alle spielen Clavigos Spiel weiter, jeder auf seine Weise, nach seinem Talent. Im Leben sowieso, davon muß man nicht reden. In unserer Arbeit – ob in Ewigkeitswerken (wie unsere Dichter) oder auch nur im Wochenblättchen (wie wir Kritiker). Man kann die Schreibenden verlachen, als sonderbare Müßiggänger – lebenslang sind sie auf der Flucht vor wirklicher, handfester Arbeit. Man kann die Schreibenden heiligsprechen (das tun sie am liebsten und besten selber).
Man kann die Skribenten aber auch als Spieler betrachten – als ewige, rastlose Wanderer zwischen heiligem Ernst und kindischem Unernst. Sogar ein so gestrenger, den »Gesängen der Eitelkeit« so heroisch widerstehender Dichter wie Botho Strauß (Büchner-Preisträger des Jahres 1989) nennt seine Arbeit ein Spiel, wenngleich er es natürlich etwas gehobener formuliert. Der Schriftsteller, so Strauß, hat »sich nun einmal dafür entschieden, sein Leben mit Schrift zu füllen und zu tilgen«.
Heiner Müller hinwiederum, Büchner-Preisträger des Jahres 1985, sagt es nicht aristokratisch, sondern zynisch. »Ich konnte nie sagen, ich bin Kommunist. Es war ein Rollenspiel. Es ging mich im Kern nie etwas an.« Die DDR, sagt Müller in seiner Autobiographie, sei für ihn immer nur »Material« gewesen, sein Leben dort der »Aufenthalt in einem Material«. Wenn man das Brecht-Wort »Material« durch ein anderes ersetzt, klingt der Satz noch erschreckender. Auch die Diktatur, sagt Müller (und geniert sich glücklicherweise nicht), sei für den Schriftsteller und Rollenspieler bloß ein Spiel-Material, ein Spiel-Zeug also, das einen manchmal erregt, manchmal langweilt. Und auch über die Frauen, dies nebenbei, redet dieser wahrhaftige Dichter wie sein Vorfahr Brecht und sein Vorvorfahr Clavigo.
Womit wir endlich wieder bei Goethes erstem Satz wären – ich mache mir die Freude, ihn noch einmal zu zitieren: »Das Blatt wird eine gute Würkung thun, es muß alle Weiber bezaubern.«
Wir kennen das Wochenblatt »Der Denker« nicht. Wir haben keine Zeile von meinem Journalistenkollegen Clavigo gelesen, wissen nicht, ob er für den Merck-Preis in Frage käme. Aber schon sein erster Satz beweist unumstößlich, daß Herr Clavigo kein politischer Journalist gewesen sein kann. Sondern: ein Mann fürs Feuilleton.
Dem Leitartikler ist es fern, mit seiner Arbeit die Weiber bezaubern zu wollen – in den Ministerien und Staatskanzleien für Furore zu sorgen, ist ihm »gute Würkung« genug. Der Feuilletonist aber, der Kritiker (und unter den Kritikern am meisten der Theaterkritiker) erkennt in Clavigo mühelos seinen Vorgänger, Doppelgänger und Milchbruder.
Das Spiel selber beginnen kann der Kritiker freilich nicht. Andere, die Schauspieler, müssen ihm was vor-spielen. Und auch in ihrem Gewerbe mischt sich beides unaufhörlich: die Wahrheitsliebe und die Gefallsucht.
Der Kritiker, als Nachfahre Clavigos betrachtet, ist ein immerzu Verliebter, ein ewiger Verräter. Seine Arbeit: ein ernstes Spiel. Das heißt, er möchte keinem der beiden Heere angehören, die zur Zeit um die Beute namens »Kritik« erbittert kämpfen. Nicht dem unaufhaltsam wachsenden Haufen der Servicejournalisten und Kulturjockeys, deren Gewerbe nicht mehr die Kritik ist, sondern der schnelle Verbrauchertip. Aber auch nicht dem dahinschwindenden Häuflein der tapferen Pädagogen, der ästhetischen Erzieher, kurzum: der wahrhaft Tugendhaften.
Wenn es dem Kritiker gelingt, sich etwa gleich weit entfernt zu halten vom bunten Lärm der Jahrmärkte wie vom grauen Staub der Schulstuben, dann spielt er sein Spiel einigermaßen richtig. Und wird es spielen bis zum Ende – das ist des Spielers Lohn und Fluch.
Dasselbe noch einmal, gereimt, von Goethe:

»So wälz ich ohne Unterlaß
Wie Sankt Diogenes, mein Faß
Bald ist es Ernst, bald ist es Spaß
Bald ist es Lieb, bald ist es Haß
Bald ist es dies, bald ist es das
Es ist ein Nichts und ist ein Was
So wälz ich ohne Unterlaß
Wie Sankt Diogenes mein Faß.«

Am Ende der Dankrede kommt der Dank – das ist meine Rolle heute, ich spiele sie mit Freuden.
Ich danke allen, die mir diesen Preis zuerkannt haben. Ich danke Ulrich Wildgruber für seine Lobrede. Ich danke ihm ein zweites Mal, stellvertretend für ausnahmslos alle seine Kollegen. Ohne den todesverachtenden Mut der Schauspieler, immer wieder alles zu wagen, hätten wir, die Kritiker, nichts mehr zu sagen.