Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Wilhelm Genazino

Wilhelm GenazinoWilhelm Genazino

Schriftsteller
Geboren 22.1.1943
Mitglied seit 1990

Georg-Büchner-Preis 2004
Laudatio von Helmut Böttiger
Dankrede von Wilhelm Genazino
Urkundentext

... dem unbändigen Komödianten mit der barmherzigen Seele, der unsere Zeit belauscht und ausspäht, um sie im Alltag unscheinbarer Einzelner zu spiegeln...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Klaus Reichert
Friedrich Christian Delius, Heinrich Detering, Peter Hamm, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, außerdem Peter Benz (Stadt Darmstadt), Konrad Schacht (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst)

Kafkas Lachen

LAUDATOR
Helmut Böttiger
Geboren 8.9.1956
Publizist und Literaturkritiker

Sehr geehrte Damen und Herren,
Wilhelm Genazino hat eine Monika. Und er hat auch eine Gabriele. Wenn er bei der einen nicht mehr weiter weiß, geht er einfach in das nächste Zimmer, da steht die andere. Die großen Schreibmaschinenhersteller von damals, Olympia und Adler, haben ihre Modelle nicht von ungefähr mit Frauennamen ausgestattet: Es ist der Geist solider Sekretärinnen, der hier aufgerufen wird, und es ist ein Hauch von Poesie. Diese Verbindung bildet das literarische Urmotiv von Wilhelm Genazino. Es entspringt einer Zeit, die etwas von Unschuld hat, einer Zeit, in der etwas beginnt und in der es langsam aufwärts geht: die Zeit der fünfziger und frühen sechziger Jahre, als die Bundesrepublik zögernd ein bißchen lockerer wird. Es ist die Zeit, die Wilhelm Genazino zu einer mythischen gemacht hat. Hier sind Sehnsüchte zuhause, die nicht mehr viel mit Ort, Handlung und Geschichte zu tun haben. Die Frauenfiguren bei Genazino sind dem geschuldet, sie tragen Namen der Reinheit. Sie heißen Monika oder Gabriele, im bisher letzten Roman ist es Gudrun, und in Ein Regenschirm für diesen Tag fängt es mit einer gewissen Dagmar an und hört bei Margot nicht auf. Diese Namen wirken, wie die Schreibmaschinen, seltsam entrückt. Und dennoch geht von ihnen, hinterrücks, ein ungeahnter Glanz aus.
Die zentralen Figuren in Genazinos Romanen sind alle in dieser Atmosphäre groß geworden: Sie spielen mit ihren Freundinnen Federball und sinnieren über deren hellrosafarbenen, fast weißen Lippenstifte. Sie kaufen sich unter erheblichen Mühen ihre ersten Anzüge aus Diolen oder Trevira. Es geht um Blusen, ums Bügeln und um Hoffmanns Stärkepuder. Danach riecht es ziemlich oft, vor allem an den etwas schlüpfrigen Stellen. Der Held ohne Vornamen im letzten Roman darf Gudrun »von oben in die Bluse und in den Büstenhalter« fassen, aber, so heißt es: »Es war nicht erlaubt, während des Knutschens seitlich auf die Couch umzukippen und trotzdem weiterzuknutschen.« Unter diesen Umständen hat die frühe Bundesrepublik angefangen, ihre Identität auszubilden. Genazinos Figuren sind die glaubwürdigsten Zeugen für die seelische Entwicklung in diesem Staatsgefüge, er schreibt die Psychogeschichte der Republik. Seine Romane sind von Anfang an dem Unbewußten auf der Spur, das dieser Gesellschaft zugrundeliegt. Sie ziehen kleine, immer enger werdende Kreise. Es gibt die stickige Luft der Nachkriegszeit. Es gibt das Aufblühen erster Freiheiten. Und parallel dazu folgt die Erkenntnis der Zwänge – in der täglichen Kantine zum Beispiel, wo die Tabletts in drei kleine Plastikfächer unterteilt sind: für Fleisch, für Kartoffeln, für Gemüse. Immer wieder endet es in einem spezifischen Angestelltendasein, das ruhelos in sich rotiert. Hier verweilt Genazino am häufigsten: in Fußgängerzonen und Schnellimbissen, in grotesk-harmlosen Partnerbeziehungen. Er kriecht in die Eingeweide der Bundesrepublik.
Da ist durchaus etwas Lustvolles dabei. Aber gleichzeitig zeigt sich in Genazinos Büchern immer dringlicher die Erkenntnis, daß das Leben nicht auszuhalten ist. Diese Entwicklung wird unaufhaltsam. Sie geht hin zum Rand. Sie geht hin zum Unscheinbaren, zum Verschwindenden, zur Kunst. Der namenlose Held in Ein Regenschirm für diesen Tag aus dem Jahr 2001 führt nur noch die absurde Schrumpfexistenz eines Angestellten: Er ist Probeläufer für Luxusschuhe und wird für jedes Gutachten, das er erstellt, einzeln bezahlt. Das nähert sich eindeutig der Existenzform eines Künstlers an. Er unternimmt, zwischen Flußufer und vierspuriger Ausfallstraße, Testreihen für Oxford-Schuhe oder rahmengenähte Budapester. Dabei hat er genügend Zeit, die »Zerbröckelung« seiner Person zu beobachten, ihre »Zerfaserung« und »Ausfransung«. Je mehr sich der Schuhtester aus dem offensichtlichen Konsens der Mitmenschen entfernt, desto sensibler wird er für bestimmte »Peinlichkeitsverdichtungen« zwischen sich und ihnen. Sein Blick ist der eines Fremden, Außenstehenden. Übrig bleiben nur die Wörter, die er dafür findet, sein Daseinsgefühl zu bezeichnen. Sie bilden die »Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens« ab und heißen: Gestrüpp, Geröll, Geraschel. Geschluppe und Geschlappe.
Aber dann geschieht ein Wunder. Es ist das eigentümliche Genazino-Wunder, das in seinen letzten beiden Büchern ungeheuer eindringlich geworden ist und das niemand so richtig ergründen kann. Seitdem versuchen die Leser, die Journalisten und die Buchhändler zu beschreiben, was für ein Wunder hier geschieht. Denn es wird alles peinlich genau beschrieben, was das Leben so absurd und lächerlich macht: die Kollegen, die Passanten, der Alltag. Genazino registriert alle Facetten dessen, was einmal »Entfremdung« hieß. Und dennoch schlägt man das Buch zu und hat das Gefühl, daß das Leben eigentlich ganz schön ist.
Der Titel des letzten Romans verrät etwas von diesem Wunder. Dieser Titel ist offenkundig ein Programm: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman, und das Programm wird im Fortlauf des Textes umgesetzt. Im letzten Satz des Buches ist man dann angekommen. Da wartet der Held »auf das Aufzucken des ersten Wortes«. Und wir ahnen: Das Wunder, um das es sich hier handelt, ist das Wunder der Literatur. Es geschieht en passant, alles groß Scheinende und Bedeutende wird dabei unterlaufen. Doch unter der Hand ist Wilhelm Genazino von einem Autor zeitbewegter Angestelltenromane zu einem Autor von Künstlerromanen geworden. In Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman hat er es zum ersten Mal ohne Umschweife getan. Dabei gehört das in den letzten Jahrzehnten zum schlimmsten, was einem deutschen Romanautor unterlaufen kann: einen Schriftsteller zum Helden seines Romans zu machen. Das traut sich kaum einer mehr. Schriftsteller sind ja die langweiligsten Personen, die es geben kann, und sie entsprechen dem Vollbild dessen, was man der deutschen Literatur immer so gerne vorwirft: blutleer, selbstreferentiell, künstlich, abgehoben. Bei Genazino merkt man das aber gar nicht. Seine Bücher sind immer stiller geworden, immer leichter – und immer schwerer zu fassen. Dabei sehen sie alle ziemlich gleich aus: Sie haben jedes Mal so ungefähr 150 Seiten und schillern zwischen längerer Erzählung und Roman. Sie sind mit schöner Regelmäßigkeit meist im Abstand von zwei Jahren erschienen, wurden meist wohlwollend bis enthusiastisch besprochen und fielen dennoch nie besonders heraus. Erst die stillsten und leichtesten, die beiden letzten Bücher, waren plötzlich Bestseller. Es muß da einen Schlüssel geben für das Wunder im Entwicklungsroman des Schriftstellers Genazino, in dieser Entwicklung am Rand. Da lohnt es sich, näher hinzusehen.
Schon das Umfeld, in dem sein erster öffentlich wahrgenommener Roman erschien, war etwas merkwürdig. Man schrieb das Jahr 1977, und Genazino veröffentlichte ein Buch namens Abschaffel. Es erschien aber nicht etwa gebunden und mit Schutzumschlag, sondern in der broschierten Rowohlt-Reihe »das neue buch«. Als Programmschwerpunkte dieser Reihe, mit dem signalroten Rand, wurden genannt: Beiträge zu einer materialistischen Ästhetik, Beispiele gesellschaftskritischer Dokumentaristik, Medientheorie und Kommunikationsforschung. Abschaffel sah aus wie eine Flugschrift, wie ein Grundnahrungsmittel der Erkenntnis: Die Buchstaben waren klein, und der Platz auf den Seiten wurde bis zum äußersten ausgenutzt. Im damals heftig florierenden Wettbewerb, wie viele Buchstaben auf eine Seite passen, hätte Abschaffel auf jeden Fall mit Marx und der Mao-Bibel konkurrieren können.
Ziemlich am Anfang fällt der Satz: »Abschaffel schaltete eine kleine Lampe ein, weil er das Gefühl vermeiden wollte, mit dem langsamen Dunklerwerden des Abends selbst zu verschwinden.« Dieser Satz läßt nicht ohne weiteres darauf schließen, daß ihm ein ganzer Roman folgen kann. Dennoch ist dieser Satz in seinem Gestus des Verschwindens charakteristisch. Genazino galt fortan als Begründer des bundesdeutschen Angestelltenromans, und der Angestellte war von vornherein etwas Verschwindendes, seine Konturen im Anzug von der Stange, mit Krawatte und Drehstuhl verwischten sich immer mehr ins Nichts. Man merkte deutlich, daß Genazino ein paar Jahre lang Redakteur bei der Satirezeitschrift Pardon gewesen war, daß er im Umfeld der sogenannten »Neuen Frankfurter Schule« verkehrte und eine Neigung zu schmerzhafter Karikatur, zu grotesker Vergrößerung, zu sarkastischen Alltagsskizzen verspürte: Abschaffel ist wie eine Comicfigur, die den zeitgenössischen bundesdeutschen Bürowahnsinn auf die Spitze treibt. Es ist kein Wunder, daß seine Libido immer am stärksten bei Verkäuferinnen erwacht. Sie, die Garantinnen des Warenverkehrs und des Warenaustauschs, setzen zuverlässig sein sexuelles Begehren frei, und ihre Verheißungen sind eingebettet in Traumlandschaften, die damals auch der deutsche Schlager im Visier hatte. Ich zitiere: »Eine ganz junge Verkäuferin saß verträumt auf dem Rand einer großen Tiefkühltruhe und schnippte mit einer Handetikettiermaschine auf Dutzende von Milchtüten je ein Preisschildchen auf. So ähnlich mußten vor hundert Jahren junge Mädchen auf Brunneneinfassungen gesessen und Sommerkränze gewunden haben.«

Doch so wunschverloren die Abschaffel-Bücher auch daherkommen, so sehr da in der verwalteten Welt etwas Verwegenes durchscheint – nach Abschluß dieser furiosen Trilogie war der Autor fast schon an einem Endpunkt angelangt, hier ging es nicht mehr weiter. Die Überzeichnung der Alltagswirklichkeit stieß an ihre Grenzen, der satirische Blick drohte, zu einer Schablone zu werden. Es war die Zeit der Kleinkunstkneipen, eine Zeit, in der Genazino auch des öfteren im Frankfurter Waldstadion gesichtet wurde – einmal fuhr er sogar zu einem Auswärtsspiel mit, im Bus mit Fans von Eintracht Frankfurt. Es war klar, daß er sich davon befreien mußte.
Genazino verstummte in den achtziger Jahren für längere Zeit, es ist die einzige große Zäsur in seinem Schreiben. Erst 1989 erschien sein nächstes Buch, und es war ganz anders. Man merkte ihm das lange Schweigen an, aus dem es gekommen war, es bestand aus kurzen, schnell auf- und abtauchenden Skizzen, und es hatte einen Titel, der die poetische Aura der disparaten, kleinen Dinge umfaßte, auf die sich der Blick nun konzentriert richtete: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz. Zum ersten Mal taucht ein Autoren-Ich auf, eine Identifikationsfigur, die ganz nahe rückt, und es entsteht langsam etwas Neues. W., die Ich-Figur, und seine Freundin Gesa verständigen sich über Bilder, über Musik, über Literatur. Ihre Reisen nach Wien, nach Paris, nach Amsterdam sind Fluchtbewegungen, die von Kunsterlebnissen ausgelöst werden. Mit diesem Buch beginnt Genazinos Kultur der kleinen Dinge. Er schaut nun nicht mehr nur von außen auf das Geschehen, mit einem kühnen und distanzierten Blick, der die Verzerrungen des Daseins verzeichnet – es kommt nun eine Innenperspektive hinzu. Ein Innehalten. Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz: Das sind alles gleichberechtigte Phänomene. Der Fleck ist ein Sahnefleck aus einem Plastikmilchdöschen in einem Café – ein Makel, den das Schriftsteller-Ich nicht tilgt, sondern als Teil seiner Identität beibehält; und wenn dieses Ich gelegentlich, durch die Begegnungen mit vertrauten Menschen oder durch Nachrichten, einen Schmerz erfährt, wird dieser gleichzeitig aufgehoben.
Das Fleck-Buch bildet den Auftakt zu einer ganzen Reihe kleiner Bücher, die sich Beobachtungen widmen. Die sich am Rand aufhalten und das Abseitige kultivieren. Sie haben Titel, mit denen sich der Autor seine Poetik der Verborgenheit erschreibt: Leise singende Frauen zum Beispiel, oder Die Obdachlosigkeit der Fische. Einmal, im Roman Die Kassiererinnen, entdeckt der Held das Geschäft von Ludwig Baalke, einem der letzten Kohlehändler der Stadt: »Im Vorgarten seines Anwesens stand ein kleiner Schaukasten, in dem tatsächlich nichts weiter ausgestellt war als acht oder neun Briketts, die sich pyramidenförmig in der Mitte des Schaukastens erhoben. Ich fand diese Kargheit grotesk und lächerlich, aber auch radikal und kühn.« Genazinos Romane suchen in Frankfurter Seitenstraßen das Poetische auf. An Stellen, über die normalerweise jeder hinwegsieht, entdecken sie kleine Kostbarkeiten, Kunstwerke des Verborgenen.
Die Literatur, das wird in der Reihe dieser Bücher deutlich, ist in der Lage, der Realität in einer unmöglichen Wendung etwas entgegenzuhalten. Genazino macht dabei die Literatur selbst immer direkter zum Thema. Im Buch mit dem »Fleck« im Titel taucht zum ersten Mal auch jene Figur ausführlicher auf, die dann immer wieder vorkommen wird: Franz Kafka. Er ist der Kronzeuge für das unermeßliche, aber heillose Wissen der Literatur. W. und seine Freundin Gesa besuchen Kafkas Sterbezimmer in Kierling in Niederösterreich. W. hält dabei in Gedanken eine Rede, in der er Kafka auffordert, sich ein Selbstbewußtsein zu erfinden: »Merken Sie sich: alles was Sie empfinden, auch die allerniederträchtigste Depression, dient Ihrer Stärkung.« Dann allerdings sieht er, neben den Fotos von Kafkas letzten Freunden Dora Diamant und Robert Klopstock, das Foto eines unbeteiligten, lachenden jungen Mannes, der alle zwei Tage kam, um Kafka zu rasieren. Daraufhin nimmt W. seine Rede zurück. Er sagt: »Das Leben ist ein Versuch, ein paar Dinge nicht an sich herankommen zu lassen. Aber dann kommt ein Rasierer und macht alles zunichte.«
Es ist eine prekäre Balance, die für Genazinos Schreiben bestimmend wird. Immer wieder kommt er auf Kafka zurück. In einer kleinen Betrachtung über Autorenbilder bemerkt er, daß Kafka auf allen offiziellen Fotos, für die bürgerliche Fassade, einen straffen Mittelscheitel trug, während sein Haar auf anderen Fotos, die ihn als Alltagsmenschen zeigen, verstrubbelt war. In jenem Mittelscheitel zeigt sich symbolisch der Riß zwischen sich und der Welt, den Kafka erlebte. Dieser Riß ist das Thema aller Literatur. Genazino aber weiß, daß dieser Riß auch eine komische Seite hat. In einem seiner kleinen Feuilletons zitiert er aus den Erinnerungen Gustav Janouchs an Kafka. Kafka hatte eine Bemerkung gemacht, und Janouch erwiderte: »So einsam sind Sie?« Kafka nickte. »Wie Kaspar Hauser?« setzte Janouch nach. Und dann heißt es: »Kafka lachte. ›Viel ärger als Kaspar Hauser. Ich bin einsam – wie Franz Kafka.‹« Genazino interessiert hier vor allem eines: Warum lachte Kafka? Welche Verbindung gibt es zwischen seiner Einsamkeit und seinem Lachen? Und mit dieser Frage sind wir mittendrin in den Texten Genazinos, die vom Wunder zwischen Einsamkeit und Lachen erzählen und es nie bis zum ganzen Ende auflösen. Wir ahnen nur: Kafkas Lachen ist der Maßstab.
Das fängt bereits früh an. Selbst Abschaffel kauft in der Bahnhofsbuchhandlung, bevor er mit dem Eilzug zu den Eltern fährt, ein Buch von Kafka. Im Zug fällt dann der Satz: »Während des Lesens vereinsamte Abschaffel rasch.« Und im Roman Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman hält der jugendliche Held seiner Freundin einmal eine feurige Rede über Kafka. Dann erfahren wir: »Erst kurz vor der Haustür der Souterrainwohnung endete mein heutiger Vortrag. Ich ging mit Gudrun in den Hausflur und küßte sie mit einer Erregung, von der wir glaubten, sie sei ein Zeichen unserer Liebe und unserer Zukunft. In Wahrheit ahnte ich, daß ich durch Gudrun hindurchküßte und im Hintergrund Franz Kafka dafür dankte, daß er mich wieder so lebendig gemacht hatte.«
Mit Gudrun und dem letzten Roman sind wir wieder bei Genazinos Kraftquell, bei dem gleitenden Übergang von den fünfziger zu den sechziger Jahren und den Bildern der Sehnsucht. Mit Gudrun und Kafka verdichten sich die Momente, die zur unvergleichlichen Stimmung dieser Romane führen. Auffällig häufig kommt dabei immer dieselbe Erinnerung an ein Freibad vor, es scheint eine Schlüsselszene zu sein. Jedes Mal ist Sommer, jedes Mal ist die männliche Hauptfigur siebzehn Jahre alt und liegt mit einer etwa gleichaltrigen weiblichen Person auf einer Decke. Sie trägt einen blauen Bikini, mit Rüschen am Oberteil. Im Fleck-Buch heißt sie Jutta. In Ein Regenschirm für diesen Tag heißt sie Dagmar. In Eine Frau, ein Wohnung, ein Roman heißt sie Gudrun. Sie zeichnen sich alle dadurch aus, daß der Held ihnen aus den Büchern vorliest, die ihn gerade beschäftigen. Und sie verlassen ihn dann auch immer.
Es ist die alte Spannung zwischen Literatur und Leben, die Genazino aufrechterhält. Im letzten Roman wird sie auf eine äußerst schmerzliche Weise bewußt und doch, auf eine kaum merkliche Art, überwunden. Der jugendliche Held lernt, nach der wortlosen Trennung von Gudrun, die Journalistin Linda kennen. Es ist eine zart angedeutete Liebe, bei der schon ein flüchtiges Streifen mit der Hüfte beim Aufstehen aus dem Sessel große Sensationen schafft. Mit Linda kann er über Kafka sprechen, sie kontert mit Joseph Conrad. Doch bevor es zu einer Annäherung kommt, zu größerer Vertrautheit, erreicht den Helden die groteske Nachricht, daß Linda sich umgebracht hat. Wie Genazino diesen ungeheuerlichen Vorgang in den Ton seines Romans integriert, wie er ihn einbettet in den Fortgang des Geschehens, das ist mehr als nur ein Kunststück. Eines aber wird spürbar: Dem Helden gelingt es durch das Schreiben, welches er mit Linda gemein hat, dem journalistischen Schreiben, weiter in das Leben vorzudringen, das er sich vorstellt. Er schreibt eine Bildunterschrift, 30 Zeilen, über eine Autogrammstunde mit Rex Gildo. Er schreibt über einen Rentner, der den Eiffelturm aus Streichhölzern nachgebaut hat. Und dann merkt er, daß das journalistische Schreiben ein Mißverständnis ist. Daß es darum geht, etwas ganz Anderes zu riskieren.
In seinen beiden letzten Büchern, Ein Regenschirm für diesen Tag und Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman hat Genazino tatsächlich noch einmal eine neue Wendung genommen. Er hat, nach vielen verschiedenen Anläufen, unverhüllt von der Rettung durch das Schreiben gesprochen – wohl wissend, daß es nur eine vorläufige ist. Auch bei jenem anonymen Schuhtester im Regenschirm-Buch, der das Zerbröckeln und Zerfasern seiner Existenz registriert, ändert sich ungeahnt etwas, als er durch einen merkwürdigen Zufall wieder beginnt, Zeitungsartikel zu schreiben. Er schreibt für den »Generalanzeiger«. Der Held des letzten Buches schreibt für den »Tagesanzeiger«. Doch dann besucht er einen »Je-ka-mi«-Wettbewerb, »Jeder kann mitmachen«, und bei solchen Aufträgen spürt er eine Gefahr. Es ist die Gefahr des Hochmuts. Er sieht, daß sich in den Zeitungen die Wichtigtuer tummeln. Die Bescheidwisser. Der Regenschirm-Held begegnet auf dem Flur dem Feuilletonredakteur Schmalkalde. Dieser sammelt ein Jahr lang alles, was anonyme Prospektverteiler in seinen Briefkasten stecken. Aus diesem Material will er, wie er es formuliert, eine »kommunikationskritische Fibel« machen. Das ist nun gewiß das Gegenteil dessen, was die Helden Genazinos wollen. Und wir sind mitten in einem ziemlich aktuellen Problem. Schon im Roman Die Kassiererinnen hat Genazino das Nötige dazu gesagt. Sein Held steht einem dieser Kulturleute gegenüber, die so überhaupt keine Selbstzweifel haben, und stellt fest: »daß der rasende Betrieb nur noch Melancholie hervorbringen kann.«
Wir müssen einen Begriff bemühen, der ausgestorben zu sein scheint und eher Achselzucken hervorruft: Wilhelm Genazino betreibt Subversion. Dazu gehört auch, daß er mit der Schreibmaschine schreibt. Das ist kein hindernisloses Schreiben wie dasjenige mit dem Computer. Die Schreibmaschine setzt dem Schreiben einen Widerstand entgegen. Es ist der Widerstand, von dem Genazino immer erzählt. Ob Monika, ob Gabriele: Der Umweg über die beschwerliche mechanische Tastatur scheint eine geheime Lust in sich zu bergen. Genazino schreibt seit Jahrzehnten auf der Schreibmaschine, unbeirrbar, und er weiß: Sie hält ewig. Es gibt Spezialisten, die heute noch, in Rente, den ausgestorbenen Beruf des »Büromaschinenmechanikers« ausüben. Doch sie müssen nur ab und zu die Typen reinigen, sonst nichts. Genazinos Schreibmaschinen künden von der Haltbarkeit eines untergegangenen Zeitalters. Sie sind auf eine Zukunft hin ausgerichtet, die für länger gehalten wurde, als sie war. Das haben sie mit der Literatur gemeinsam. Irgendwann, an einer unvermuteten Stelle, bricht sie hervor. Ich gratuliere Wilhelm Genazino zum Büchnerpreis.