Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Wilhelm Genazino

Wilhelm GenazinoWilhelm Genazino

Schriftsteller
Geboren 22.1.1943
Mitglied seit 1990

Georg-Büchner-Preis 2004
Laudatio von Helmut Böttiger
Dankrede von Wilhelm Genazino
Urkundentext

... dem unbändigen Komödianten mit der barmherzigen Seele, der unsere Zeit belauscht und ausspäht, um sie im Alltag unscheinbarer Einzelner zu spiegeln...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Klaus Reichert
Friedrich Christian Delius, Heinrich Detering, Peter Hamm, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, außerdem Peter Benz (Stadt Darmstadt), Konrad Schacht (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst)

Der Untrost und die Untröstlichkeit der Literatur

Im Alter von dreizehn Jahren war ich Georg Büchner sehr nah, so nah wie später vielleicht nie wieder. Damals, als Kind, war ich öfter Zuschauer bei abendlichen Feuerwerken gewesen, zusammen mit meinen Eltern und Geschwistern, zum Abschluß von Volksfesten und Verkaufsmärkten. Ich habe an diesen Abenden bemerkt, daß wir zu den ärmeren Leuten gehörten. Zuerst liefen wir eine Weile auf dem Rummelplatzgelände herum. Für Fahrten mit der Achterbahn und dem Karussell reichte das Geld nicht. Als sich die Stunde des Feuerwerks näherte, kaufte Vater eine Tüte mit Zuckerstangen für die ganze Familie. Wenig später, als gleißende Lichtfontänen am nächtlichen Himmel hochschossen, als Raketen in allen Farben hoch über unseren Köpfen zerplatzten und silberne Sternkaskaden niederrieselten, überfielen mich Ideen zur Verbesserung der Welt. Ich stand Seite an Seite mit tausenden von Zuschauern und überlegte, ob es für weniger reiche Leute nicht besser wäre, wenn man die Feuerwerke ersatzlos streichen und das eingesparte Geld an die Bedürftigen verteilen würde.

Wenn unsere Familie nur einen winzigen Teil des Geldes gehabt hätte, das hier öffentlich verpulvert wurde, dann hätten wir nicht immer wieder in der Kälte und im Dunkeln herumstehen müssen. Und ich hätte mir den unangenehmen Verdacht sparen können, daß wir nur deswegen hier waren, weil dieses Vergnügen nichts kostete. Schon ein Jahr später, mit vierzehn, war ich bereit, nicht nur Feuerwerke, sondern auch Modenschauen, Skispringen, Tanzturniere, Fastnachtsumzüge, Autorennen und Pressebälle für entbehrlich zu halten und das eingesparte Geld ebenfalls an die Bedürftigen umzuverteilen. Daß in meinen sozialrevolutionären Plänen eine Frühform kommunistischer Freudlosigkeit aufschimmerte, fiel mir damals nicht auf. Im Schutz des irrealen Wünschens entstand allmählich ein systematischer Zusammenhang. Wenn sich eine gewisse Menge naiver Veränderungsideen angesammelt hat, nennen wir sie eine Weltanschauung. Interessant erscheint mir heute, daß ich damals nicht gewagt habe, mit anderen über meine Sozialreformen zu sprechen.

Vermutlich deswegen zittern bis heute drei Momente aus dieser Zeit in mir nach. Einmal die Scham darüber, jahrelang so unmöglich wie ein Kind gedacht zu haben; zweitens die Gewißheit, daß mich nur die Erinnerung an dieses unmögliche Kinderdenken vor meiner Verramschung mit der Wirklichkeit gerettet hat und weiterhin rettet; und drittens die melancholische Empfindung, daß nichts von dem, was ich mir als Kind gewünscht habe, je hat Wirklichkeit werden dürfen. In dieser Kränkung steckt der Untrost und die Untröstlichkeit aller Literatur, ein nur durch den Tod beendbares Begehren. Aus der Erfahrung der Wirklichkeit entspringt die Nötigung verändernden Denkens. Die Abwehr der Nötigung führt zum Konflikt mit ihr und, wenn der Genötigte ein Schriftsteller ist, zur Literatur. Sein Text wiederholt den Konflikt und bewahrt ihn auf. Aus dem aufbewahrten Konflikt entsteht der Bann des nicht mehr von ihm abwendbaren Blicks. Man kann auch sagen: Literatur ist geistige Gepäckaufbewahrung; sie bildet sich im unendlichen Stau dessen, was immerzu vertagt werden muß und deswegen Ewigkeit beanspruchen darf.

Noch im gleichen Jahr, immer noch mit vierzehn, im sogenannten Konfirmandenunterricht, sah ich zum ersten Mal betende Menschen. Ich selbst betete nicht, ich war areligiös, wenn nicht antireligiös erzogen worden, ich sah den anderen beim Beten zu und wunderte mich. Bekanntlich hat jemand, der betet, die Vorstellung, er befinde sich in einem Gespräch mit Gott. Es stört die Betenden nicht, daß der, mit dem sie reden, nicht antwortet. Im Gegenteil, das Schweigen Gottes wird als außerordentlich hingegebenes Zuhören und das Vernehmen des Schweigens durch den Betenden wird als ungesprochene Antwort empfunden. Für unbeteiligt Außenstehende stellt sich die Sache einfacher dar. Für sie sprechen die Betenden nicht mit Gott, sie sprechen nur mit sich. Vermutlich reden sie nicht einmal mit sich, sondern sie reden nur an sich hin. Diese nüchterne Auslegung ist nicht völlig befriedigend. Es bleibt ein Zwiespalt zurück, der sich der mangelhaften Durchschaubarkeit des Geschehens verdankt. Ich spreche von diesem Zwiespalt, weil ich viele Jahre später den Einfall hatte: Auch die Literatur ist Gebet. Für die Analogie müssen wir uns den religiösen Hintergrund nicht einmal vollständig wegdenken. Die Beharrlichkeit der Literatur, ihr unerschütterliches Moment, ist selber quasi religiös. Auch sonst stoßen wir auf erstaunliche Parallelen. Die Literatur wird, ähnlich wie das Gebet, von ihren Urhebern in eine nicht antwortende Welt entlassen. Auch bei der Literatur handelt es sich um leidenschaftliche Einreden, Bitten, Vorschläge, die einzelne Menschen an übermächtige Instanzen richten: an die Wirklichkeit, an die Geschichte, an die Gerechtigkeit – und so weiter. Beide, der Schriftsteller und der Betende, teilen die metaphysische Zuversicht, durch das Schweigen hindurch gehört und sogar verstanden zu werden. Und: bei beiden ist eine Einsicht in die Vergeblichkeit ihrer Anstrengungen vorhanden. Dennoch kümmert es beide nicht, ob sie von anderen für zurechnungsfähig gehalten werden oder nicht. Die banale Realität, in der beide leben, wird von ihnen als unzureichend bis desaströs empfunden, allenfalls als Vorschein einer anderen Welt, die schon morgen am Horizont aufglimmen kann. Der Schriftsteller nennt diesen anderen Weltzustand die Utopie, der Gläubige nennt sie Erlösung.

Für Georg Büchner, einen Schriftsteller der Vormoderne, war die Lage noch eindeutiger. Das Schicksal der Literatur als Endlager für fehlgeschlagene Wirklichkeit war ihm noch fremd. Der Hessische Landbote ist geschrieben in der Vorstellung, dem Text würde eine unmittelbare Veränderung der Verhältnisse folgen. Daß Büchner steckbrieflich gesucht wurde, durfte ihm als Beweis für die Durchschlagskraft der Literatur gelten. Bis heute gehört Büchner zu den nicht sehr vielen Schriftstellern, die uns das glückliche Gefühl geben, daß uns wenigstens die Literatur nicht betrügt. Was uns heute von Büchner trennt, ist nicht die vielleicht revolutionäre Entzündbarkeit der Bauern im damaligen Großherzogtum Hessen, sondern die traumhafte Gewißheit von der eingreifenden Wirkung von Literatur. Büchner ist schon deswegen modern geblieben, weil er immer wieder Antworten auf die Frage gesucht hat: Wie verhalten wir uns zu den Abgründen unseres Scheiterns? In Dantons Tod ist es das Scheitern der politisch gemeinten Gewalt, in Woyzeck ist es das Scheitern der mißbrauchten Kreatur, im Lenz ist es das Scheitern des vom Wahnsinn gestreiften Subjekts, das einen Ausweg aus der Krankheit sucht. Aufregend ist Büchner bis heute, weil er die Niederlage nicht als Niederlage, sondern als Kampfmittel gegen den Mangel beschreibt.

Am bedeutsamsten ist für uns heute (ausgerechnet) ein Lustspiel, Leonce und Lena. Denn in diesem Lustspiel tritt ein Leiden auf, das im Laufe der Zeit an Einfluß immer mehr zugenommen hat, das Leiden an der Langeweile. Bei Büchner wird Langeweile nicht vertrieben, sondern angenommen. Von dieser Errungenschaft sind wir meilenweit entfernt. Langeweile bei Büchner ist eingestandener Stillstand, der beim Subjekt bleibt. Wir Heutigen kennen Langeweile als verscheuchte Langeweile. Unsere Erlebnisplaner haben sie zu unserem Feind erklärt. Als Ersatz bieten sie uns hochdosierte Fremdunterhaltung an: die permanente Fernsehshow, die Massenparty, der Urlaub, die Promiskuität, der Konsum – und so weiter. Nicht so Büchner. Bei ihm wird Langeweile erkennungsdienstlich behandelt; das heißt vor allem: sie wird dargestellt, untersucht und zerlegt, oft so lange, bis sie einer neuen Beschäftigung weicht, die unversehens aus dem Stillstand hervorgeht. Für derartig geduldige Transformationen fehlt uns heute die Gelassenheit und die Bildung. Im Kern der Langeweile steckt unsere Verwunderung darüber, daß wir die meiste Zeit unausgedrückt leben. Tag für Tag existieren wir, ohne daß uns jemand ausspricht.

Leonce und Lena hätten nicht verstanden, warum wir uns für die gute Laune von Thomas Gottschalk immer mehr interessieren als für die eigene Melancholie, obwohl diese mit uns auf dem Sofa sitzt. Sie hätten nicht verstanden, daß man eine afterworkparty aufsucht, wenn einem der Ich-Zerfall zu nahe tritt. Für Leonce und Lena wird stattdessen die sprachliche Erkundung der Melancholie zu ihrer und, sofern wir den Weg ins Theater finden, zu unserer Unterhaltung. Diese Aufmerksamkeit dem eigenen Ich gegenüber erfordert eine narzißtische Souveränität, die wir heute nicht mehr zustande bringen. Büchner hat gewußt, wie töricht es ist, Langeweile ausblenden oder gar bekämpfen zu wollen. Er läßt Leonce und Lena geduldig durch ihre Langeweile hindurchgehen. Die beiden erleben, was der Ennui mit ihnen macht, welche Verwandlungsideen er ihnen eingibt. Die Figuren werden dabei ein Stück weit von sich selbst entfernt und kehren dann, mit neuartigen Bildern beschenkt, zu sich selbst zurück.

Wie das funktioniert, zeigt Büchner (zum Beispiel) im ersten Akt von Leonce und Lena. Dort charakterisiert sich Leonce mit diesen Sätzen: »Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an. Ich stülpe mich jeden Tag vierundzwanzig Mal herum wie einen Handschuh. Oh, ich kenne mich, ich weiß, was ich in einer Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was ich in einem Jahre denken und träumen werde«.

Merken wir, wie die Langeweile in diesen wenigen Zeilen in die Erzählung einer Langeweile umschlägt? Und wie die Langeweile dadurch eine neue, interessante Gestalt annimmt? Aus der Empfindung der inneren Leere wird plötzlich ein erzählter Raum. Aus einem Mangel wird eine Ressource. Eine eindrucksvollere Peripetie ist schwerlich denkbar. Das heißt, Langeweile bei Büchner ist der Selbstausdruck einer Sehnsucht, die darauf wartet, daß wir ihre Verhüllung abwerfen. Man muß seine Langeweile in seinem eigenen Ich spazieren führen, damit sie mit den Ideen über sich selbst vertraut wird. Nur dieser selbstvergessene Müßiggang hat die Qualität, die Schöpfung momentweise zu enträtseln und sie über sich selbst zu beruhigen.

Wir Heutigen gewöhnen uns lieber an die gequälten Gesichter der Massen, die aus der für sie erfundenen Billigkonditionierung nicht mehr herausfinden. Im Gewimmel des Kölner Hauptbahnhofs habe ich kürzlich beobachtet, wie der sexistische Unterhaltungskannibalismus des Fernsehens auf das öffentliche Leben übergreift. Drei halbbetrunkene, unerträglich gelangweilte Männer klatschten einer jungen Frau mit der flachen Hand nacheinander auf den Hintern und verschwanden unauffindbar in der Menge. Geschockt und gepeinigt blieb die Frau zurück. Vermutlich ist die Angst vor der Stumpfheit der Unbeschäftigten noch größer als die Angst vor der Arbeitslosigkeit selber. Auf der Zeil in Frankfurt sah ich eine junge Familie mit zwei Kindern. Der Vater kaufte eine Tüte pommes frites. Die Mutter zählte die Kartoffelstäbchen einzeln ab, damit jedes Familienmitglied die gleiche Portion erhielt. Die pommes frites waren schnell weg, die Kinder verlangten nach weiteren Zerstreuungen. Der Vater stülpte das Futter seiner Hosentaschen nach außen, die Mutter lachte kurz auf. Ich wollte herausfinden, ob die Kinder das Drama der totgeschlagenen Zeit bemerkten oder nicht.

Und ich wurde Zeuge einer erstaunlichen Szene. Den beiden Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, fiel ein älteres Paar auf. Die Frau sah den Staub auf den Schuhen ihres Partners und wollte diesen offenbar nicht länger hinnehmen. Sie schlüpfte mit dem rechten Fuß aus ihrem Schuh heraus und putzte mit dem bestrumpften Fuß die schmutzigen Schuhe ihres Begleiters. Die Details fesselten und vergnügten die Kinder. Auch das Paar amüsierte sich über seine eigene plötzliche Nähe. Die Kinder sahen, womöglich zum ersten Mal, daß selbst eher schlichte Vorgänge eines erotischen Anhauchs nicht entbehren müssen. Nach kurzer Zeit ahmten die Kinder das Paar nach: gegenseitig und unter großem Gekicher.

Ich erinnerte mich an die Feuerwerkszerstreuung meiner eigenen Kindheit. Es war wie damals. Aus der Dominanz der Langeweile schälte sich ein Nebenerlebnis heraus, das für die Kinder schnell zum Haupterlebnis wurde. Sanft rutschten sie aus der Okkupation durch Fremdunterhaltung heraus und landeten in der Aufmerksamkeit für ihr eigenes Leben. Mitten in der »ungeheuren Zeit« – das ist eine Formulierung von Danton –, erhebt sich ein privates Stilleben und überwindet die Zeitleere. Das einem einzelnen Menschen glückende Innehalten in der allgemeinen Zeitvernichtung ist in seiner Bedeutung kaum ausmeßbar. Augustinus hat die drei dabei wesentlichen Momente so zusammengefaßt: »Unser Geist tut ein Dreifaches: Er erwartet, merkt auf und erinnert sich«. Die Menschen leben, wenn sie leben, in von ihnen bemerkten Augenblicken und Einzelheiten. Zwischen beiden gibt es eine Korrelation: Ohne Augenblicke keine Einzelheiten, ohne Einzelheiten keine Augenblicke. Die Langeweile der Einzelnen und die Ermüdung des Ganzen gehören in der Moderne zusammen. Durch die Brechung dieses Zusammenhangs ist Leonce und Lena ein hypermodernder Text, im Kern staatsgefährdend, wenn unser selber stumpf gewordener Staat mit Literatur noch zu gefährden wäre. Sind wir nicht alle längst zu Mitspielern von Leonce und Lena geworden – freilich ohne deren Fähigkeiten? Die Zwangsmelancholisierung durch unsere Verhältnisse hat Ironiker wider Willen aus uns gemacht. In Kürze wird es Events und Fernsehsendungen geben, deren Vulgarität wie eine körperliche Verletzung wirken wird. Was sollen wir dann tun? Wir sind nicht Büchner, wir sind nicht einmal Leonce und Lena. Wir sind immer neu erschrockene Einzelkämpfer, wir leben, jeder für sich, in unseren Verschleißzusammenhängen, wir kämpfen gegen die Pathologie der Arbeit, gegen die Pathologie des Alterns, gegen die Pathologie des Wohnens, gegen die Pathologie der Liebe – und keine Schule hat uns beigebracht, wie wir in diesen Stellungskämpfen überleben sollen.

Sehr geehrte Chefredakteure, Programmleiter, Fernsehdirektoren, Eventdenker, Kaufhauschefs! Sehr verehrte Planer von Freizeitparks, Loveparades, Expo’s und all dem anderen Nonsens! Laßt die Finger weg von unserer Langeweile! Sie ist unser letztes Ich-Fenster, aus dem wir noch ungestört, weil unkontrolliert in die Welt schauen dürfen! Hört auf, uns mit euch bekannt zu machen! Hört auf, euch für uns etwas auszudenken! Sagt uns nicht länger, was wir wollen! Bleibt uns vom Leib, schickt uns keine portofreien Antwortkarten und gebt uns keine Fragebögen in die Hand, interviewt uns nicht, filmt uns nicht, laßt uns in Ruhe! Laßt uns herumstehen, denn Herumstehen ist Freiheit! Und gebt euch zufrieden damit, wenn wir das, was uns interessant vorkommt, vielleicht niemandem erzählen wollen.

Manchmal träume ich von einer Schule der Besänftigung, die uns etwas von dem beibringen könnte, was wir so dringend brauchen. Nach meinem Gefühl gibt es ein starkes Bedürfnis nach einer solchen Schule. Aufnahmebedingungen gäbe es nicht, auch keine Altersbegrenzungen, keine Prüfungen und keine Zeugnisse. Sie würde funktionieren wie eine Abendschule; jeder, der sich zwar erschöpft, aber noch nicht erledigt fühlt, wäre willkommen, ebenso jeder, der fürchtet, daß ihn seine Anpassungen vielleicht noch den Verstand kosten. Unterrichtet würden die Fächer Existenzkunst, Enttäuschungspraxis, Sehnsuchtsabbau, Fremdheitsüberlistung, Hoffnungsclownerie. Eine Schule der Besänftigung gibt es nicht, sie wird es auch nie geben. Sie verstehen, diese Schule ist nichts weiter als die allerneueste Blüte meiner kindlichen Feuerwerksphantasien von damals, sie ist, mit einem Wort, nichts anderes als Literatur.

Sofort frage ich mich und Sie, gerade hier und heute, müssen wir diese Phantasien ihres fatalistischen Kerns wegen verurteilen? Der Fatalismus der Geschichte, vor dem sich Büchner gefürchtet hat, ist auch der Fatalismus der Literatur. Seit Jahren begleitet mich eine andere Phantasie, wie sie fatalistischer kaum sein könnte: Daß wir alle, jeder von uns, längst in einem riesigen Heim leben, und zwar so selbstverständlich, daß wir weder den Namen des Heims noch die Heimordnung kennen. In den Spätnachrichten sehen wir Heimleiter Gerhard Schröder, der uns wieder und wieder sagt, daß wir vorwärts kommen, daß alles besser wird und daß wir zufrieden sein sollen. Danach werden die Geräte abgeschaltet, auch der Heimleiter geht zu Bett. Und dann, in der plötzlichen Stille, geschieht etwas, was nicht in der Heimordnung steht: Ich mißtraue meinem eigenen Fatalismus. Ich schaue auf die Bücher in meinem Arbeitszimmer und begreife: In jedem einzelnen Buch steckt die Einsicht in einen Mangel. Die stoische Wirklichkeit hat eine stoische Literatur hervorgebracht. In der Literatur – und nur in der Literatur –, überlebt die Sehnsuchtswirtschaft der Menschen. Sie ist unsere palliative Heimat.