Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Walter Kappacher

Walter Kappacher

Schriftsteller
Geboren 24.10.1938
Mitglied seit 2004
Homepage

Georg-Büchner-Preis 2009
Laudatio von Paul Ingendaay
Dankrede von Walter Kappacher
Urkundentext

... für die einer großen Tradition verbundene Genauigkeit des melancholischen Blicks auf Welt und Menschen, der falschen Trost verweigert und gerade deshalb tröstlich wirkt.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Klaus Reichert
Heinrich Detering, Peter Eisenberg, Wilhelm Genazino, Peter Hamm, Joachim Kalka, Ilma Rakusa, Gustav Seibt, Werner Spies, Ulrich Weinzierl, außerdem Elisabeth Abendroth (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst), Peter Benz (Stadt Darmstadt)

Im Inneren das andere Leben

LAUDATOR
Paul Ingendaay
Geboren 5.1.1961
Journalist, Schriftsteller und Literaturkritiker

Darf ich Ihnen eine kleine Geschichte aus dem wirklichen Leben erzählen? Eine Einzelheit aus den Maschinenräumen des Literaturbetriebs, dort, wo sich noch nicht jeder die Hände abgewischt hat, und wo es mitunter brummt, klopft, stampft und zischt? Nun denn. Als der Schriftsteller, den die Jury dieser Akademie mit dem wichtigsten deutschen Literaturpreis ausgezeichnet hat, sein letztes Buch fertig hatte, den Roman Der Fliegenpalast, da überlegte er sich, wem er das neue Werk anvertrauen solle. Er fand, er brauche Veränderung, er hatte Lust, den Verlag zu wechseln. Es war der Frühling des Jahres 2008. Allerdings beschäftigte Walter Kappacher keinen Agenten. Er hatte, so dachte er, nie einen gebraucht. Die Verlage nahmen seine Texte entgegen, druckten sie – die Vorschüsse waren durchaus bescheiden oder nicht existent –, und da sich davon nicht leben ließ, gewöhnte er sich daran, nicht darauf zu hoffen und nicht davon zu leben.
In diesem Fall schlug ich ihm vor, das Typoskript an einige ausgewählte Verlage zu schicken, und erbot mich, den mir persönlich bekannten Lektoren ein paar Zeilen des Lobs und der Empfehlung zu schreiben. Das Wort »Lob«, ich muss es gestehen, greift hier ein bisschen zu kurz. Ich halte den Fliegenpalast für einen literarischen Glücksfall und eines der herausragenden Bücher der letzten Jahre. Es ist die Rekonstruktion einer kurzen Etappe im Leben Hugo von Hofmannsthals, die keine Rekonstruktion zu sein braucht, weil sie zwischen Biographie und Roman einen dritten Weg einschlägt, den der erfindenden Einfühlung: Ein Künstler durchleuchtet erzählend den anderen und erzählt damit auch von sich selbst, zumindest davon, wie er das Romanschreiben versteht. Kappacher liefert also eine Poetik in der Nussschale. Er kennt seinen Hofmannsthal genau, aber seine schwebende Beschreibungskunst muss mit diesem Wissen nicht renommieren. Zurückhaltend hat man ihn gern genannt, diskret, »leise«; umso verblüffender, wie sein Erzählen Macht über den Leser gewinnt.
Wäre es nicht denkbar, scheint Kappacher in seinem Roman zu fragen, dass es so in einem Künstler um die Fünfzig aussieht? So matt also könnte er sein, so intelligent, empfindsam und einsam, so streng und fahrig zugleich, so zermürbt, nostalgisch, verloren. Als ragte der alte Kunstanspruch wie ein Gebirgsmassiv vor seinen Augen empor, bereit, den Wurm unter sich zu begraben; als funktionierten die Muskeln noch, vollführten aber alle Bewegungen im Leeren. Es ist keine große Tragödie, diese Lebenskrise eines Schriftstellers, den der Autor, wie ein Kritiker bemerkte, immer noch höflich zu siezen scheint; eher ein Verhauchen, das nur der Verhauchende hört. Kein Wort in diesem Roman reklamiert Bedeutung. Die Welt dreht sich weiter. Aber denen, die es betrifft, jagt Kappachers Roman über schal gewordene Kreativität einen Schauer über den Leib.
Das also war das Buch; meine Aufgabe schien klar. »Ich handele nicht als Agent«, schrieb ich den betreffenden Lektoren, »nur als Freund und Leser«. Darauf empfahl ich ihnen den Fliegenpalast so heftig, wie es mir gegeben ist, dankte für die Aufmerksamkeit und hängte die Word-Datei an.
Die Antworten übertrafen meine kühnsten Erwartungen, auch die des Autors. Sie kamen sehr schnell, eine nach vier Tagen, eine andere nach sechs, und sie waren einhellig. Der Fliegenpalast, so hieß es, sei ein erstaunlicher Roman, Walter Kappachers Erzählen von großer Kunstfertigkeit, und natürlich gehe es nicht um Hofmannsthal, sondern um den schöpferischen Menschen an sich. Ja, dachte ich, genau! Um den geht es. Weiter so! Ihr habt es erkannt! Ich hatte Lust, sie anzufeuern, damit ihre Begeisterung sie direkt zu einem konkreten Angebot führte, möglichst einem saftigen Vorschuss, so dass meinem bewunderten Freund eine sich ins Große weitende Zukunft offenstünde.
Nun ja, sie stand ihm ja offen; er hatte den Roman geschrieben; und er hatte eine Zukunft, die sich heute, hier in Darmstadt, zu ansehnlichen Teilen erfüllt. Doch damals wussten wir das noch nicht. Wir konnten nur lesen, was diese Lektoren schrieben, und die Lektoren sagten einhellig, bei Walter Kappachers Roman handele es sich um ein wunderbares Buch. Leider, so fügten sie dann kleinlaut hinzu, leider müsse man Bücher auch verkaufen, und das verändere das Bild. Der Markt für ernsthafte Literatur sei sehr schwierig geworden. Einer entschuldigte sich mit dem Hinweis auf die miserable Saison, er habe im eigenen Haus wirklich für Kappachers Roman gekämpft, aber die Zahlen des letzten Herbstes, sie seien einfach grauenvoll gewesen.
Das war die Lage. Eine Handvoll Lektoren las schnell und gewissenhaft, schrieb enthusiastische Briefe und musste dennoch mit Bedauern mitteilen, dass der Roman Der Fliegenpalast nicht veröffentlicht werden könne.
Wir haben uns abgewöhnt, über dieses Paradox zu staunen. Wir haben längst akzeptiert, dass man uns mit dem Taschenrechner belehrt. Wir nicken und sagen uns: Bekomm es endlich in dein dummes Gehirn! Die Welt ist so. Das hier ist Literatur, keine Spaßveranstaltung. Auch diese Lektoren, denen ich unverändert dankbar bin, mussten es irgendwann lernen. Nur deswegen waren sie fähig, solche Briefe zu schreiben. Es muss jetzt raus: Im Frühjahr 2008 verstand ich die Welt nicht mehr. Denn es schien sich zu bewahrheiten: Wenn die Leute »Kunst« wittern, laufen sie davon. Literatur als »Kunst« ist ein Ladenhüter.
Zum Glück dauerte es nur wenige Tage, da meldete sich ein anderer Verlag, riss die Türen weit auf und sagte: »Seien Sie unser Spitzentitel!« Kaum hatte Walter Kappacher dort zugesagt, kam noch ein Verlag und wollte den Fliegenpalast auch herausbringen.
Es ist bekanntlich sehr schön, begehrt zu werden. Man wird leicht und könnte abheben. Es gibt niemanden, dem das nicht gefiele. Und dann begann der Höhenflug dieses Romans, wie es sich gehört. Die Kritiken waren phänomenal. Es wiederholte sich, was im Jahr 2005 mit Kappachers Roman Selina oder Das andere Leben geschehen war: Es gab keine Misstöne, nur Staunen und Begeisterung über Walter Kappachers Kunst. Ich glaube, seine beiden letzten Romane sind weit und breit die bestrezensierten Werke der deutschsprachigen Literatur. Damit kontrastiert merkwürdig der Ruf des Einsiedlers, der ihrem Autor immer noch anhaftet. Aber, wie gesagt, man muss sich auch zu verkaufen wissen. Und das hat er nie gelernt.
Neulich habe ich alte E-Mails umgegraben und einen kurzen Prosatext wiedergefunden, möglicherweise den ersten Auftritt Hofmannsthals oder jener Kunstfigur namens H., also den frühesten Herzschlag des neuen Romans. In der begleitenden Mail – November 2005 – schrieb Walter Kappacher, was ihn an dieser Figur fasziniere. »H. ist wie ein Sinnbild dieses größenwahnsinnigen verlorenen Österreichs«, heißt es dort. »Der 20jährige und der 50jährige H. waren jeweils im Juli in jenem abgelegenen Kurort in den Salzburger Bergen (Bad Fusch), und ich möchte sie einander begegnen lassen. Der vielversprechende Lyrikstar und der, wie gesagt, eher gescheiterte, wenn auch berühmte sehr Gealterte. Von Tag zu Tag zieht es mich mehr hinein in die Geschichte.«
Man liest den ersten Einfällen nicht ab, wie groß das Werk sein könnte, das sie andeuten und präludieren. Dass Walter Kappacher sich dem schwierigen, von mancherlei Peinlichkeiten bedrohten Genre der biographischen Fiktion zuwandte, zeigt allerdings, dass er sich alles zutraute. Es wurde daraus ein leises Erdbeben, ein kluger, lange nachklingender Roman über den Riss, der durch ein Künstlerleben geht.
Erlauben Sie mir einige Worte zu den Helden von Walter Kappachers Büchern. Diese Helden sind nicht er. Das beliebte Identifikationsspiel müssen wir hier nicht veranstalten. Aber die Geschichten dieser Figuren bedienen sich doch einiger Empfindungen, die der Verfasser kennt und selbst durchlebt hat. Diese Geschichten spiegeln die Engpässe und Lichtungen, die Fallen und glücklichen Wendepunkte einer Autorenexistenz, die in fast jedem gesellschaftlichen Zusammenhang gestört hat. Und die – weil sie nirgendwo dazu passte – ihre Kriterien allein aus sich selbst schöpfen musste.
Walter Kappacher ist Autodidakt, Selbstlerner, Schweiger und Einsamkeitsexperte. Er hat die Literatur für sich entdeckt, das Schauspielern, das Zeichnen und Fotografieren. Nicht mehr ganz früh im Leben hatte er das Glück, seine Frau zu finden, Theresa Hollerweger, die unermüdlich die Rolläden hochzieht und die Kämpfe der Gegenwart mit ihm teilt. Die ihn liest; mit ihm läuft; und ihn gelegentlich auf eine längere Reise verschleppt. Doch bevor es dazu kam, schrieb Walter Kappacher Außenseiterbücher. Vermutlich, weil er sich selbst als Außenseiter empfand.
Es sind Geschichten von Menschen, die nicht funktionieren, weder im Erwerbsleben noch in der sogenannten Gesellschaft, erfüllt von vager Sehnsucht, doch ohne konkrete Bindungslust, ernsthafte, grüblerische Beobachter, die sich unablässig fragen, wozu sie gut sein sollen. Und irgendwann den Punkt erreichen, an dem sie das Programm verweigern, ohne genau zu wissen, was sie an seine Stelle setzen könnten. Doch sie wagen es. Sie steigen aus. Die Verweigerung ist der Punkt, auf den die frühen Bücher zulaufen. »Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden«, sagen sich die Bremer Stadtmusikanten; es könnte auch das Motto von Kappachers Heldin Rosina sein, der Sekretärin aus der gleichnamigen Erzählung von 1978, an der das Leben vorbeizulaufen droht. Oder das Motto der Hauptfigur seines kurzen Debütromans Morgen (1975).
Walter Kappachers Arbeitsprogramm, schrieb Martin Walser damals über dieses Buch, »ist das echte Roman-Arbeitsprogramm: Prüfung einer Lebensart«. Walser erkannte am Werk des Mittdreißigers die existentielle Wucht des Lebensthemas. Doch dass sein Urteil vor Jahrzehnten in der Zeitung stand, hat kaum jemanden animiert, sich ernsthaft mit diesem österreichischen Schriftsteller zu beschäftigen. Bald darauf, mit vierzig Jahren, steigt Walter Kappacher aus dem Erwerbsleben aus wie seine Figuren und widmet sich fortan nur noch dem Schreiben. Verzicht gehört dazu, Risikobereitschaft, Mangel an finanzieller Sicherheit. Er kann nicht anders. Das, was alle tun – im Job vorankrabbeln, Familie gründen, aufs Auto sparen – ist nichts für ihn. Er ist ein anderer.
In Ein Amateur (1993) erzählt Walter Kappacher den Bildungsroman eines jungen Mannes, der von der Motorradwerkstatt auf die Schauspielschule und von dort ins Reisebüro gerät, kleinere Beschäftigungsversuche nicht mitgerechnet, alles merkwürdig dahintreibend und orientierungslos. Nirgendwo fühlt er sich zu Hause. Simon, der junge Mann, darf als alter ego des Autors verstanden werden. Es sind die Jahre, in denen er Dostojewskij entdeckt und ihn auf die einzig richtige Art liest, gierig und wie in Fieberschüben. Die Jahre, in denen er sich fragt, ob er er nicht auch etwas zu erzählen habe? Die Literatur wird zur Erweckung. Der Roman steckt voller Epiphanien, heller, intensiv empfundener Momente, die Simon eine Wahrheit über sich selbst erhüllen:

»Auf einmal fiel ihm auf, daß er schauen konnte, auf zweierlei Art schauen: Einfach die Wolken betrachten, wie sie ihre Form verändernd am Himmel vorüberzogen, oder die bewaldeten Hügel, einfach schauen; oder aber im Schauen, während er die Landschaft betrachtete, innerlich ganz andere Bilder entstehen lassen, sie verfolgen. Hier durfte er schauen, es war nicht wie in der Bude, wo er, kaum schaute er einmal aus dem verschmutzten Fenster und dachte an etwas, gescholten wurde: Was ist, Schauer!... Was schaust denn schon wieder, bring mir lieber die Kombizange!... Träumst schon wieder!«

Das Schauen muss erst erkannt, dann erkämpft werden. Ganz im Sinne von Henry James, den Walter Kappacher bewundert, wird Reflexion immer stärker zu seinem Erzählen gehören. Äußere Handlung übersetzt er in genau registriertes Bewusstseinsgeschehen. Einen Plot benötigt er immer weniger. Actionlastige Romane sehen doch manchmal aus wie Gebrauchsanweisungen. Er macht es anders.
Handeln seine Romane der siebziger Jahre von melancholischen Verweigerern, geben die der neunziger Jahre eine selbstbewusste Antwort, indem sie die Flucht nach innen als Reise in eine unermesslich große Welt imaginieren. So unvermessen wie das Australien, das in dem Roman Der lange Brief zum wichtigsten Schauplatz der Selbstbegegnung wird. »Menschen ohne Defekt hielten nicht Zwiesprache mit sich«, heißt es am Ende des Romans Ein Amateur, »machten keine Kunst, schrieben keine Bücher.« Wenn es so ist, lehrt Walter Kappacher alle Schreibenden, den Defekt als Ehrenzeichen zu begreifen. Man muss ein wenig beschädigt sein, um ernsthaft Kunst zu machen.
Der Roman Selina oder Das andere Leben (2005) ist ein Schlüsselwerk seiner Erzählkunst. Ein Lehrer im Freijahr richtet sich in einem verfallenen Gehöft in der Toskana ein und findet zu sich. Er bosselt am Haus herum, rodet die verwilderte Umgebung, fährt ins Dorf, hat eine kurze Affäre, die man ihm von Herzen gönnt, und denkt beim Anblick des Sternenhimmels über Tod und Leben nach. Wer glaubt, dass Romane Philosophie mit erzählerischen Mitteln sein können, sollte dieses Buch lesen. Walter Kappachers Beschreibungskunst bringt ganz natürlich Gedanken hervor, so wie mit der Morgensonne die Spinnwebfäden sichtbar werden. Wir haben es hier mit dem sonderbaren Fall zu tun, dass die Literaturkritik das Buch glänzend analysiert hat, aber uns vor allem erklärt, was Walter Kappacher nicht tut. Dieses Lob durch Negation sagt etwas über uns. Offenbar erwarten wir von einem Toskana-Roman das Schlimmste. Da gibt es doch die gleichnamige Fraktion! Die von Olivenduft durchzogenen, mit Weißwein getränkten Aussteigerträume von Leuten, die ausgerechnet jetzt auf die ersten tiefen Gedanken ihres Lebens warten.
Doch er, Walter Kappacher, segelt souverän an unseren Befürchtungen vorbei. Er lädt nichts künstlich mit Bedeutung auf. Er spricht von hoher Literatur, hat aber deshalb nichts Staubiges oder Bildungsbürgerliches. Er hebt auch nicht moralisierend den Zeigefinger, er verbeißt sich nicht in seine Gegenstände. Er schwelgt nicht, prunkt nicht, idealisiert nicht und putzt auch nichts herunter. Überhaupt könnte man sagen: Er fällt keine Urteile. Die überlässt er uns. Der Autor zeigt nur. Oder genauer: Er zeichnet mit Worten die Linien nach, die sich dem fragenden, forschenden Blick in einer bestimmten Umgebung enthüllen. Damit meine ich sichtbare Strukturen in der Natur, aber auch flüchtige Gedankenlinien, die vom kleinsten Gegenstand ins Unendliche der Abstraktion führen können.
Wir sind jetzt dem Kern von Walter Kappachers Poetik nahe. Selina eröffnet sie uns, wie sie bis dahin noch keines seiner Bücher eröffnet hat. Diese Poetik stützt sich auf Wahrnehmung, Hinschauen, Geltenlassen. Sich als Teil eines Ganzen zu empfinden ohne Öko-Verträumtheit oder Sentimentalität. Ich habe keine besondere Ahnung von der Natur. Aber ich wüsste nicht, wer heute ein besserer Naturschilderer wäre als Walter Kappacher.
Stefan, der Held dieses Buches, ist eine anregende literarische Figur, weil er nicht zur Identifikation einlädt, sondern zum Weiterdenken. Eine Utopie scheint in dieser Figur auf, die an das Beste davon erinnert, was die Idee des »Aussteigens« einmal bedeutet haben mag: Für sich selber sein. Der eigenen Denkbewegung folgen. Ergründen, wer man ist.
Deswegen möchte ich abschließend erwähnen, dass der Büchner-Preisträger dieses Jahres auch ein bemerkenswerter Fotograf ist. Seit einigen Jahren geht Walter Kappacher täglich zum Grabensee in der Nähe von Salzburg und fotografiert immer wieder dieselben paar Quadratmeter. Im Ähnlichen entdeckt er das Verschiedene, und je öfter er den Vorgang des Bildermachens wiederholt, desto mehr wächst diese Stelle mit ihrem Schilf, ihren grauen, wie ölig schimmernden Eisschollen im Winter zu einem Universum heran. Das ist sein zufälliger Mikrokosmos. An ihm zeigt er uns, was er zu zeigen hat.
Ich möchte meine Lobrede nicht beenden ohne einen Dank an die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Für ihren Mut. Ihre Klarsicht. Sie, die Jury, haben ein großes, weitverzweigtes literarisches Werk ausgezeichnet. Sie sind aufs Dach geklettert und haben in die Trompete geblasen. Es ist ein hohes Dach. Und eine große Trompete. Die Auszeichnung kommt im richtigen Augenblick. Walter Kappacher steht heute auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Von der Unabhängigkeit, die Ihr Preis schenkt, kann sein Werk nur profitieren. So vernehmlich wie niemand zuvor haben Sie für die lesende Öffentlichkeit gesprochen, nicht für die rechnende.