Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Die Jury für den Georg-Büchner-Preis bildet das Präsidium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung unter Mitwirkung je eines Vertreters/einer Vertreterin der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und des Magistrats der Stadt Darmstadt.

Personelle Besetzung des Akademiepräsidiums seit Oktober 2017: Ernst Osterkamp (Präsident), Aris Fioretos, Wolfgang Klein und Monika Rinck (Vizepräsidenten) sowie Elisabeth Edl, László Földényi, Michael Hagner, Dea Loher, Ilma Rakusa und Marisa Siguan

Preisträger

Lukas Bärfuss

Lukas BärfussLukas Bärfuss

Schriftsteller
Geboren 30.12.1971
Mitglied seit 2015
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Georg-Büchner-Preis 2019
Laudatio von Judith Gerstenberg
Dankrede von Lukas Bärfuss
Urkundentext

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Ernst Osterkamp
Vizepräsidenten: Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Monika Rinck, Beisitzer: Elisabeth Edl, László Földényi, Michael Hagner, Dea Loher, Ilma Rakusa, Marisa Siguan
sowie je ein Vertreter der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Landes Hessen und der Stadt Darmstadt

 

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Damen und Herren der Preisjury,
verehrte Mitglieder der Akademie,
liebe Judith Gerstenberg,
Exzellenzen,
liebe Freunde und vor allem liebe Kinder,

Sie haben die Freiheit, mir heute eine grosse, eine sehr grosse Ehre zuteil werden zu lassen, und obwohl Sie versichert sein dürfen, wie tief und ehrlich meine Freude darüber ist, muss ich gestehen, dass ein Teil von mir nicht übel Lust hat, mit Ihnen hier zu schimpfen.

Das liegt nur zu einem kleinen Teil an der Aufregung, die sich in meinem Leben breitgemacht hat und von der ich nicht sicher sagen kann, wie und wann sie sich wieder legen wird. Viel grösser ist die innere Erregung darüber, nun in einer Reihe zu stehen, in der mich wiederzufinden eine kleine Genugtuung, aber einen grossen Zweifel aufkommen lässt, ob mein Werk, so wie es vorliegt, auch tatsächlich in ebendiese Reihe gehöre, und alle, die sich jetzt verschämt an die Nase fassen und hoffen, diese dem Anlass angemessene Stilfigur, die öffentlich zur Schau gestellte Bescheidenheit nämlich, werde die schmale Linie zur Koketterie nicht überschreiten, möchte ich einfach darauf hinweisen, dass von den ausgezeichneten Büchern und Stücken keines meinen eigenen Ansprüchen genügt. Denn noch bei jedem Versuch ist mir das Leben dazwischengekommen und hat es ermangeln lassen an dem, was zur Erfüllung meiner Ziele nötig gewesen wäre, Zeit zuerst, Ruhe, und oft genug auch nur am schnöden Geld. Und so stellt das vorliegende Werk lediglich die den widrigen Umständen abgerungene äusserste Möglichkeit dar, und der Künstler in mir, der immer noch auf die perfekten Bedingungen wartet, jene, die ihm erlauben werden, seinen Anspruch eines Tages ungeschmälert in die Wirklichkeit umzusetzen, fragt sich, ob bescheiden oder nicht, welcher Preis dann noch für ihn übrig bliebe.

Ferner bringt mich dieser Preis der Anwesenheit meiner Familie, besonders meiner Kinder, wegen in Verlegenheit. Als Vater will ich ihnen Zuversicht und Vertrauen schenken, aber mein Werk ist in weiten Teilen ein Zeugnis für die menschliche Niedertracht und Grausamkeit, und ich werde den Kindern wohl oder übel erklären müssen, was hier genau ausgezeichnet wird.

Ich habe in den letzten Jahrzehnten eine Existenz mit, durch und auf dem Leid errichtet, auf Mord und Totschlag, Folter und Vergewaltigung. Meine besten Jahre verbrachte ich mit dem Studium der Gewalt, und nicht etwa bloss abstrakt und theoretisch, nein, ich habe meinen Figuren eine Existenz geschenkt, um diese Existenz anschliessend in ein einziges Leiden, in eine grosse Pein zu verwandeln. Jeden Charakter, der meine Aufmerksamkeit erregte, muss man aufrichtig bemitleiden. Dem geneigten Publikum, das meine diesbezüglichen Interessen teilt, habe ich reichlich Gelegenheit gegeben, die verzweifelten Versuche dieser armen Kreaturen, ihrem Unheil zu entrinnen, in allen Einzelheiten und aus der Nähe zu studieren. Oft wurden diese Kalamitäten von einigen der begabtesten Theatermenschen in Szene gesetzt und ausgeleuchtet, was der Anschaulichkeit und Lebensnähe gewiss keinen Abbruch getan hat.

Diesen Szenarien des Schmerzes, ich darf es Ihnen versichern, ist eine lebendige, eine sehr lebendige Vorstellung nicht nur gefolgt, sondern auch vorausgegangen. So habe ich das Geräusch gehört, und es klingt noch in meinen Ohren, wie Hermann der Erika die Finger bricht. Dora bin ich in jenes Hotelzimmer gefolgt, neben David habe ich mich hinter das Notstromaggregat verkrochen und gewiss zehnmal hundert Tage in diesem verfluchten Garten von Haus Amsar verbracht. Ich bin in die Archive gestiegen, und wann immer sich eine besonders aparte Perversion enthüllte, habe ich daraus eine Szene, ein Kapitel oder einen Absatz möglichst akkurat geformt.
Weniges war mir heilig, und auch mit der Fiktion kann ich mich nicht herausreden. Mein eigenes Brüderchen, dieser arme Mensch, war mir Material, seine Asche war mir Material, sein Schmerz, sein Leid, es war mir Material, es war mir Stoff, ich habe seinen Kummer vor der Öffentlichkeit ausgebreitet, habe das Publikum in jenes Badezimmer geführt, in dem er seinen letzten Augenblick verbrachte, ich liess es einen Blick erhaschen auf sein nacktes Elend, und wie jeder Schausteller habe ich für meine Attraktionen von jedem Zuschauer natürlich Eintritt genommen.
Für all dies überreichen Sie mir heute eine Urkunde, und wenn es bei anderer Gelegenheit auch nicht unbedingt ein Attest, eine Überweisung oder eine Diagnose zu sein braucht, so wäre die Frage gewiss nicht abwegig, was denn eigentlich zum Kuckuck mein Problem sei.

Das allerdings ist sehr schnell beantwortet.
Ich bin ein Schriftsteller aus dem Europa des zwanzigsten Jahrhunderts: Welchen Faden ich auch immer aufnehme, hinter der nächsten oder spätestens der übernächsten Ecke führt er zu einem Massengrab. Aufgewachsen bin ich in einer Zeit, die man den Kalten Krieg nennt, bloss eine weitere unter den vielen freudlosen Epochen der Menschheitsgeschichte. Durch den Kontinent, von Nord nach Süd, verlief eine Grenze, bewehrt mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Minenfeldern. Auf beiden Seiten standen hunderte, tausende Raketen, jede bestückt mit einem Nuklearsprengkopf. Jeden Tag rechnen wir mit der Möglichkeit der augenblicklichen und vollständigen Vernichtung dessen, was man menschliche Zivilisation nennt, entweder durch Irrtum oder Vorsatz, was im Ergebnis dasselbe bleibt. Es gab nicht die kleinste Aussicht, dass sich in unserer Lebenszeit etwas ändern könnte. Die Verhältnisse waren betoniert, der Hass der beiden Lager existentiell und so unüberwindlich wie der Eiserne Vorhang.
Doch es kam ein gewisser Herbst und da geschah etwas, ein ganz und gar unvorhergesehenes Ereignis, ohne Ankündigung, von einem Moment auf den anderen war alles, einfach alles verändert, was der Definition eines Wunders ziemlich nahe kommt. Die Menschen jenseits der Grenze, im Osten, verloren die Angst, die sie fast ein halbes Jahrhundert geknebelt und gefesselt hatte, und sie erhoben sich. Ein Imperium fiel, ohne Gewalt, friedlich, über Nacht, die Mauern fielen wie die Grenzen, die Raketen wurden überflüssig, und alle, die es erlebt haben, werden ein Leben lang mit Rührung und mit Stolz an diese Sternstunde der Menschheit denken, in diesen Tagen vor genau dreissig Jahren, und sie werden, sie müssen, sie dürfen den Menschen in Leipzig, in Dresden und in Berlin für immer dankbar sein.

Aber ach, der Frühling nach dem langen Winter währte nur kurz, denn schon im übernächsten April, ich war endgültig erwachsen geworden, sah man wieder ganz gewöhnliche Männer mit ganz gewöhnlichen Bierbäuchen in die Hügel um Sarajevo fahren und wahllos ganz gewöhnliche Menschen erschiessen, Frauen, Kinder, Greise, die unten in der Stadt nach Brot oder nach Wasser anstanden. Man sah es morgens, mittags, abends, eintausendvierhundertfünfundzwanzig Tage lang, elftausend Leben blieben liegen in einer einzigen Stadt, Bosnien ein einziges Schlachthaus, hunderttausend Tote, und dieses, mein Europa, vor kurzem befreit, noch trunken vor Freude, war ausser Stande, etwas gegen Massenmord und Vertreibung zu unternehmen. In den Hauptstädten der freien Welt rollte man Mördern den roten Teppich aus, und wie jeder feige Mörder vor ihnen rechtfertigten sie sich mit Notwehr. Nichts Neues, auch nicht, dass sich gerade unter den musisch Begabten die abgefeimtesten Verbrecher fanden.

So wurde ich erwachsen. Das war meine weltpolitische Erziehung. Meine erste und wichtigste Bildungsreise führte mich in jener Zeit nach Polen, an der Seite meines Freundes Michael. Seine Familie stammte ursprünglich aus einem Ort namens Wadowice. Es gab noch ein Haus da, und die polnische Regierung wollte wissen, ob es noch Ansprüche gebe seitens der Familie. Und so fuhren wir mit dem Zug über Berlin in diesen kleinen Ort, Geburtsort Karol Wojtylas, des späteren Papstes. Das Haus fanden wir bald, an der Tür noch der Davidstern, die Bewohner Roma, die sich ihrer Armut schämten und uns nicht hineinlassen wollten. Bis Auschwitz waren es ein paar Kilometer. Wir hatten es nicht vorgehabt, es gab keinen Plan, wir sprachen nicht darüber. Wir hätten uns die Feigheit niemals verziehen. Ein Bus fuhr uns hin, ich erinnere mich an einen Fluss, an badende Menschen, an einen Busbahnhof, an das Schild, an die Baracken, an eine Bachstelze, und ich, kaum zwanzig, mit der Frage, wie das alles nur hatte geschehen können, was denn eigentlich mit diesem Kontinent, mit Europa, das Problem war. Dort bin ich geblieben, dort bin ich noch immer. An diesem Ort, mit dieser Frage. Sie hat mich gebildet. Ihr fühle ich mich verpflichtet. Dass ich hier stehe, heute, auf dieser Bühne, habe ich dem zwanzigsten Jahrhundert zu verdanken.

Und es ist diese Frage, die mich mit Georg Büchner verbindet. Was das denn sei, was in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet, fragt der Revolutionär Georges Danton, als er in einer Nacht von den Erinnerungen an die von ihm verantworteten Septembermorde heimgesucht wird. Es ist ein Schlächter, der diese Frage stellt, einer, der nach Rechtfertigung für seine Taten sucht, und nur ein weiterer, der sich auf die Notwehr beruft, auf den Fluch, der sich auf seine Hand gelegt und ihn gezwungen habe. So tönen sie immer, die Mörder, ausnahmslos, sie argumentieren mit dem Sachzwang, dem Befehlsnotstand, dem Schicksal, dem sie ausgeliefert seien. Es scheint sie zu besänftigen, Danton jedenfalls wird danach ganz ruhig, bevor er seine Frau, Lucille, zu sich ins Mörderbett ruft.
Aber nein, so weit sollten wir seither gekommen sein seit Büchner, dieses »das« in jener Frage, es ist nicht in uns, es ist zwischen uns, vor uns, es ist da, man kann es lesen, man kann es hören, es ist in den Beschlüssen, den Anordnungen, den Dienstvorschriften, den Funktionszusammenhängen, den Einreiseformalitäten, den Fahrplänen, den Beförderungsbestimmungen. Wer mit dem Zug reist, so lernte ich bei Raul Hilberg, braucht eine Fahrkarte, Erwachsene zahlen den vollen Preis, Jugendliche die Hälfte und nur Kinder unter sechs Jahren reisten gemäss den Tarifbestimmungen der Reichsbahn umsonst, per Freifahrt nach Auschwitz-Birkenau. Es ist nicht in uns, es ist zwischen uns.

Kein dunkler, metaphysischer Pfuhl zwingt uns zu diesen Taten. Und das wäre, eigentlich, eine gute Nachricht. Es braucht keine Chirurgen, um uns das Böse aus den Leibern zu operieren, mit wachen Sinnen und empfindsamen Herzen können wir die Gewalt erkennen, wir können sie zur Sprache bringen, und wenn wir den Mut haben und nicht um unser Leben fürchten, dann können wir uns gegen sie stellen und sie überwinden.

Falls man dem Menschen die Möglichkeit geben will, aus der Geschichte zu lernen, wäre die erste Voraussetzung, dass er sich dieser Geschichte erinnert. Aber leider vergisst er so leicht, und oft vergisst er gerade die entscheidenden Lektionen. So hatte ich zum Beispiel vergessen, dass es so etwas wie eine Entnazifizierung nicht gegeben hat. Es brauchte Esther Bejarano, die Musikerin und Überlebende von Auschwitz, um mich daran zu erinnern, an einem Januartag vor zwei Jahren, in einer sonntäglichen Talkshow anlässlich des Holocaust-Gedenktages. Eigentlich hatte ich es gewusst, natürlich, aber irgendwann, man weiss nicht wie und warum, ging einfach vergessen, dass die Kontinuität der nationalsozialistischen Eliten nach 1945 ungebrochen war. Ich hatte vergessen, dass die NSDAP im Mai 1945 7,5 Millionen Mitglieder hatte, und ich hatte vergessen, dass es bis ins Jahr 2006 vor deutschen Gerichten nur zu 6500 Urteilen gegen Nazis gekommen war. Von 1000 Parteimitgliedern blieben also 999 ganz ohne Strafe. In Armee, in der Erziehung, in der Kunst, in der Politik machten sie sich nützlich, jeder auf seine Weise. Keine Staatsämter, auch nicht die höchsten, blieben den Nazis verwehrt. Und da man jetzt, in diesem Jahr, das Grundgesetz feiert, so muss ich Ihnen gestehen, dass ich ebenfalls vergessen hatte, wie einer seiner einflussreichsten Kommentatoren, ein Mann namens Theodor Maunz, ein Jurist und für viele Generationen, bis heute, persönlich und mit seinen Schriften ein Lehrmeister des juristischen Nachwuchses, wie er schon in den dreissiger Jahren den totalitären Staat gerechtfertigt hatte und bis zu seinem Tod in rechtsextremen Blättern privat und anonym seine Sicht der Welt verbreitete. Er führte ein veritables politisches Doppelleben, unter der Woche Demokrat, in der Freizeit Faschist. Nach welchen Massstäben haben sie wohl ihre Kinder erzogen? Und wenn ich, nur als Beispiel, in Richtung Sachsen schaue, muss ich zu meiner Erinnerunglücke stehen, in die der Schwiegervater des ersten Ministerpräsidenten des Freistaates gefallen war, ein Industrieller, der mit Zwangsarbeitern seine Fabriken betrieben hatte, unter anderem in Auschwitz, und ich hatte auch vergessen, dass er wie die meisten Industriellen sein Vermögen nach dem Krieg hatte behalten dürfen; auch vergessen, wie spendabel er gerade mit den politischen Parteien gewesen war, besonders mit jener seines Schwiegersohnes.

Was das alles zu bedeuten hat? Das ist eine gute Frage, man müsste sie in aller Ruhe und Gründlichkeit diskutieren. Doch die Voraussetzung dafür wäre, dass man sich erinnert. Sie sind also nicht plötzlich wieder da, die Nazis und ihr Gedankengut sind überhaupt nie weg gewesen, und jeder Demokrat, der darüber staunt, sollte sich vielleicht fragen, warum er es vergessen hat, und vor allem, wer uns all dies in Zukunft ins Gedächtnis rufen wird.
Denn bald, jetzt, in diesen Tagen, verschwinden die letzten Zeugen. Irgendwann werden wir ohne Esther Bejarano auskommen müssen. Ruth Klüger und Primo Levi und Imre Kertész und Richard Glazar, sie waren nicht nur meine Lehrer, sie haben nicht nur mir die Richtung gezeigt, sie gaben jedem Demokraten, jenseits der politischen und weltanschaulichen Differenzen, die Orientierung. Wir werden in Zukunft ohne sie auskommen müssen, und die Unruhe, die Beliebigkeit und die innere Zerrüttung, die unsere Zeit bestimmen und die wir alle spüren, sie rühren auch daher. Es ist die Angst vor dem Vergessen, vom Verlust der Orientierung. Es bleibt die Aufgabe und Verantwortung meiner Generation, die Erinnerung lebendig zu halten. Wer den letzten Krieg vergisst, der bereitet schon den nächsten vor.

Meine Poetik, meine Dramaturgie war mir nie Selbstzweck. Jeden Wohlklang verstand ich als eine Form der Memotechnik, als Methode, um sich lebendig zu erinnern, zu empfinden, daran, was Menschen einander antun können, aber auch, dass es darin keine Fatalität gibt, kein Müssen. Wir sind keine Puppen, wie Danton sich erhofft, es sind nicht unbekannte Gewalten, die an den Drähten ziehen. Freiheit und Empathie sind niemals umsonst, das ist wahr, aber möglich sind sie immer, in jedem Augenblick. Davon wollte und will ich erzählen. In meinem dichterischen Bemühen fühle ich mich jenen wie Georg Büchner verbunden, denen Zynismus und Resignation nur andere Worte für Feigheit sind, jenen, die trotz aller Rückschläge an der Möglichkeit festhalten, dass wir eines Tages vom Lügen, Huren, Stehlen und Morden lassen und ungeteilt, als Menschheit, in Frieden werden leben können. Und da ich sehe, dass diese Akademie mit ihrem Preis dieses Bemühen nicht nur auszeichnet, sondern teilt und öffentlich bekundet, habe ich für weit mehr zu danken als für die Ehre und den Lorbeer. Was Sie mir heute überreichen, beweist, in all dem nicht alleine zu sein. Das Geschenk, für das ich Ihnen von Herzen danke, heisst Ermutigung, es heisst Zuversicht und Hoffnung.