Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus EnzensbergerHans Magnus EnzensbergerHans Magnus Enzensberger

Schriftsteller
Geboren 11.11.1929

Georg-Büchner-Preis 1963
Laudatio von Hanns W. Eppelsheimer (Ehrenmitglied)
Dankrede von Hans Magnus Enzensberger
Urkundentext

... mit bedeutender Kunst und Kraft verwirklichte Gesellschaftskritik.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Hanns W. Eppelsheimer
Friedrich Bischoff, Kasimir Edschmid (Ehrenpräsident), Richard Gerlach, Hermann Kasack (Ehrenpräsident), Marie Luise Kaschnitz, Karl Krolow, Wilhelm Lehmann, Fritz Martini, Gerhart Pohl, Dolf Sternbergerk, W. E. Süskind, Fritz Usinger

Dankrede

Meine Damen und Herren,

was haben wir zu feiern? An Georg Büchners hundertundfünfzigstem Geburtstag wird, wer die Wahrheit sagt, im hessischen Lande nicht mehr gehenkt. Dieser oder jener Liberale darf seine Gedanken drucken lassen. Ein großer Teil Deutschlands ist imstande, seine Kartoffeln zu schmälzen. Das ist gut. Das ist vortrefflich. Doch zu feiern haben wir nichts.

Wir nämlich wissen kaum, was das heißen soll: Wir. Kaum ein Wort geht leichter über die Zunge, kaum eins wirft längere Schatten. Wir: das läßt sich zwar freundlich und gesellig an. Wir, zum ersten, das sind die Gäste, die eine hohe Akademie sich ins Haus geladen hat; wir, zum zweiten, das schließt die Leute ein, die vor diesem Haus vorbeigehen und denen es vielleicht ganz gleichgültig ist, was hier verhandelt wird, davon sie nichts wissen und auch nichts wissen wollen; wir, zum dritten, sind in Hessen; wir, zum vierten, in der Bundesrepublik; wir, zum fünften, sind in Deutschland.

Da hat die Unbefangenheit ein Ende; denn die erste Person Plural, die unsre, hat viele Namen. Mit der Frage nach dem Namen beginnt aber jedes Gespräch, gleichgültig ob im Urwald oder auf dem Parkett. Wenn die erste Frage heißt: Wer bist du? – so will die zweite wissen: Was bist du für einer? Darauf haben wir keine Antwort, nur Antworten. Sie heißen: Ich bin Bundes-, West-, Ost-, Mitteldeutscher. Ich bin sogenannter deutscher demokratischer, ich bin Bundesrepublikaner; Bürger gewisser Märkte, gewisser Pakte; Einwohner der oder jener Blöcke, Satelliten oder Zonen. Auch Gesamtdeutsche soll es geben, dem Vernehmen nach. All diese Namen haben eins gemeinsam: der Geist der Sprache widersetzt sich ihnen. Sie sind nicht glaubwürdig. Sie sind gespenstig.

Und zwar sind sie gespenstig, weil sie etwas Gespenstisches bedeuten. In meinem Paß lese ich: »Staatsangehörigkeit: deutsch.«

Aber der Staat, dem ich angehöre, ist nicht Deutschland. »Deutschland«, so schrieb vor hundertsechzig Jahren Hegel, »ist kein Staat mehr.« Dagegen gibt es zwei Staaten, die sich deutsch nennen und für deutsch halten.

Ich rekapituliere: Wir gehören zwei Teilen eines Ganzen an, das nicht existiert; zwei Teilen, von denen jeder leugnet, Teil zu sein, und jeder auftritt im Namen des Ganzen und als wäre er ganz. Das Ganze, nicht mehr vorhanden, ist somit zugleich halbiert und gedoppelt. Dieser Zustand gilt zugleich als vorläufig und als definitiv: das Provisorium ist unantastbar. Jeder Teil spricht dem andern Existenz oder Existenzberechtigung ab. Beide Teile sind sich in allen Punkten uneinig, außer in einem: daß es darauf ankomme, einander in allen Punkten zu widersprechen. Unter diesen Umständen ist es offizielle Sprachregelung und Hochverrat zugleich, Wir zu sagen: das Wort hat zwei Bedeutungen angenommen, die sich bedingen und einander ausschließen.


Mit der ersten Person Plural hat es also folgende Bewandtnis: Wer in Deutschland wir sagt, liefert sich einer Serie von Aporien aus; er sieht sich von Widersprüchen in die Zange genommen, die der Vernunft spotten. Sie sind absurd, aber real. Und zwar real in einem radikalen Sinn; denn das sind nicht bloß ökonomische und ideologische, es sind nicht einmal bloß politische Aporien, sondern Aporien der Identität. Das heißt aber: sie lassen sich auf keine Weise an Ideologen, Wirtschaftsexperten oder Politiker delegieren. Der Frage nach der eigenen Identität kann sich niemand entziehen. Sie ist die Frage nach dem Selbstverständlichen; nach dem, was sich von selbst versteht, und zugleich nach dem, kraft dessen man sich selbst versteht; mithin eine radikale Frage; eine, die man weder ignorieren noch offenlassen kann. Seine Identität kann man nicht wählen und nicht »bewältigen«; man kann sich ihrer nicht entledigen, man kann aus ihr nicht auswandern; man kann sie nicht einmal verraten, höchstens verleugnen und unterschlagen. Jeder kennt den Wunschtraum, sich von ihr zu befreien, und jeder weiß, daß er im Alptraum endet. Nur den Irren und den Toten erfüllt er sich ganz.

Das alles ist selbstverständlich und dunkel, im Singular nicht anders als im Plural, ja, im Plural erst recht. Warum überhaupt Völker sind und nicht einfach Leute, weiß ich nicht. Was aber auf jedem bürokratischen Formular als Staatsangehörigkeit erscheint, ist älter und zäher als jede Bürokratie, ja sogar älter und zäher als jeder Staat. Das weiß ich.


Alt und zäh also, vor allem aber, was uns betrifft, undeutlich. So ist es auch mit den beiden Deutungen nicht gerade weit her, die landläufig sind: auch sie bedingen sich, auch sie schließen einander aus. Zum ersten höre ich sagen, immer noch oder schon wieder, Deutschland sei ewig. Das glaube ich eigentlich nicht. Von Babylon und Karthago sind immerhin noch ein paar blutige Erzählungen übrig, aber wer erinnert sich noch des blutig doch mutigen Pegu? Daß Staaten und Reiche sterblich sind, wir haben es gesehen und brauchen die Geschichtsbücher nicht zu öffnen, um uns davon zu überzeugen; daß Nationen keine ewigen Substanzen sind, sondern höchst prekäre historische Gebilde, weiß jedes Kind; daß Völker Selbstmord begehen können, darüber belehrt das Geheul in den Zeitungen und das Geheul am Himmel. Der Begriff der Nation ist in Deutschland vollends gespenstig und irr geworden. Gespenster führen ihn im Mund. National heißen nur noch die Instrumente des Bürgerkriegs, »Machtentfaltung« hüben, drüben die Armee. Dort gibt es ein Ding, das Nationale Front sich nennt; hier wird, sobald das Werk der Staatsmänner seine Früchte trägt, ein ander Ding ausgerufen, das auf den Namen eines nationalen Notstands hören soll. Kein Wort ist darüber zu verlieren, daß dies mit unserer Identität nichts anderes zu schaffen hat, als daß es sie vollends auslöschen kann.

Mit dem Nationalismus also ist es gottlob vorbei, und vollends vorbei, seitdem Souveränität zur bloßen Wahnvorstellung geworden ist. Wozu also überhaupt noch von uns reden, wozu noch Unterschied und Identität? Ich höre sagen, das sei doch provinziell, längst überholt. Schließlich seien wir allesamt Europäer, Weltbürger, Internationalisten. Sonderbar genug: das ist oft aus dem gleichen Mund zu hören, der uns zuvor und zugleich den nationalen Notstand und die Nationale Volksarmee einreden möchte. Glaubwürdig ist daran nichts, sondern das meiste ist Unterschlag und Hochstapelei. So leichten Kaufes kommen wir nicht davon. Um den Preis der Anbiederung und der Vergeßlichkeit ist Welt zuallerletzt zu gewinnen. Zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen kann nur Herkunft und Erinnerung vermitteln, und wer sich selbst verstehen und seiner Identität sicher sein will, der muß sich identifizieren.


Aber mit wem und womit? Ich höre unsere Staatsmänner von der deutschen Frage reden. Sie reden aber, ohne sie zu stellen. Mit wem und womit sind wir identisch? Das ist, wenn es so etwas überhaupt geben soll, die deutsche Frage. Sie wird nicht gern gestellt, am allerwenigsten von den Staatsmännern. Das ist verständlich, denn die Staaten, denen diese Männer zu dienen haben, bieten der Frage keine Antwort. Wir sind nicht identisch mit einem dieser Staaten, mit keinem von ihnen können wir uns identifizieren. Im Gegenteil: je mehr ihre Identität sich festigt, desto fragwürdiger wird die unsrige.

Zu verwundern ist das nicht. Denn diese Staaten sind nicht von uns gemacht, sie sind uns verordnet worden. Ihre Ursprünge liegen fern, in Kanada, in der Sowjetunion, in Persien und England. Liebe zu den Staaten, deren Grenzen dort vor zwanzig Jahren auf Generalstabskarten trassiert worden sind, Bekenntnisse zu diesen Staaten werden heute hüben und drüben verlangt und vermißt. Diese Zumutungen sind gespenstig. Liebe läßt sich nicht fordern, Bekenntnisse lassen sich allenfalls erpressen, und Identität ist administrativ nicht zu stiften.

Ich höre sagen: hüben und drüben, das sei doch kein Vergleich. So reden aber die am liebsten, die zu vergleichen nicht müde werden. Auf welcher Seite der Komfort, auf welcher die Resignation herrscht, wo der Erfolg und wo der Mißerfolg, wo die Erträglichkeit sich breitmacht und wo die Unerträglichkeit; welcher Staat zu erörtern zuläßt, was es mit beiden auf sich hat, und welcher es verbietet, das lehrt allerdings nur der Vergleich. Ihn aber fordern die deutschen Staaten täglich von neuem heraus. Er ist nicht nur erlaubt, er ist geboten. Eben daß sie den Vergleich scheuen, zu ihm nicht kommen wollen, das ist ihr tertium comparationis und macht sie vergleichbar. Abschaffen können wir sie nicht, gewöhnen müssen wir uns an sie und uns in ihnen einrichten, komfortabel oder resignierend; aber beiden gegenüber ist unsere Loyalität begrenzt durch den Bürgerkrieg, der, kalt oder heiß, nicht für und mit, sondern nur gegen uns geführt werden kann.


Unterdessen werden diese Staaten das Gespenstige ihres Ursprungs nicht los, nicht mit Gewalt und nicht durch Wohlstand. Es steckt ihre Politik an. Haben Sie schon gesehn, in was für Figuren die Schwämme auf diesem Boden wachsen? Wer das lesen könnt! Die politische Sprache, die heut in Deutschland gesprochen wird, widersetzt sich aller Vernunft. Man kann über sie sprechen, in ihr nicht.

Viele ihrer Vokabeln beruhen auf dem semantischen Prinzip, den Sachverhalt, der ausgedrückt werden soll, auf den Kopf zu stellen. In solchen Fällen genügt es, sie umzukehren, damit Übersetzungen ins Deutsche entstehen. In jener Sprache heißt Macht, die über Arbeiter und gegen Bauern ausgeübt wird: Arbeiter- und Bauernmacht; was außerhalb der Legalität operiert: Rechtsstaat; menschliches Handeln: Menschenhandel; dem Land verraten, was ihm blüht: Landesverrat; was der Hetze sich widersetzt: Boykotthetze; Vorbereitung zum Selbstmord: Selbstschutz; Verdunklungsbetrieb: Aufklärungsarbeit; aggressive Strategie: Vorwärtsverteidigung; Kammer, in der das Volk nichts zu sagen hat: Volkskammer; Verfassungsbruch: Verfassungsschutz. In jener unsäglichen Sprache bedeutet Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, was weder frei noch Gewerkschaft ist; Alleinvertretungsrecht das Recht, andere ihrem Los zu überlassen; sozialistische Bewußtseinsbildung den Sozialismus als Bewußtlosigkeit; und Notstandsgesetz ein Gesetz, das nicht der Beseitigung, sondern der Zementierung des Notstandes dient.

Andere Vokabeln aus dem Wörterbuch der deutschen Politik bedeuten dagegen genau das, was sie besagen; man braucht sie nur beim Wort zu nehmen. Ihre Genauigkeit ist freilich unfreiwillig. So macht die Einsatzbereitschaft, die schon wieder gefordert wird, uns zum Menschenmaterial, zu Jetons, die nicht spielen, sondern verspielt werden. Das sozialistische Lager in Deutschland ist – ein Lager. Der Endkampf ist nicht das Ende des Kampfes, sondern der Kampf als Ende. Und sogar in der Bewältigung steckt eine gewaltsame Wurzel. Ähnlich unbewußt äußere sich in einem großen Teil unserer politischen Vokabeln der Wunsch, es möge wieder so werden, wie es schon einmal gewesen. Diese Beschwörung dessen, was glücklicherweise unwiederbringlich ist, wirkt gespenstig, wenn man ihr gut zuhört. Das fängt beim Neubau an, der Wiederaufbau heißt. Das setzt sich fort als Wiederherstellung und Wiedergewinnung. In der Wiedergutmachung soll nicht etwas Gutes gemacht, sondern alles so gut gemacht werden, wie es offenbar gewesen ist, und nicht einmal die Aufrüstung ist sich selbst genug, sie verschreibt sich eigensinnig der Wiederholung und rüstet zu dem, wozu schon einmal gerüstet worden ist. Wo endlich an Einigung kein Gedanke gewendet wird, geht nach Wiedervereinigung der Ruf; nicht einmal die Jahreszahl 1937 wird dabei verschwiegen. Natürlich wissen wir nicht, was wir sagen, doch wir sagen es. Besiegte treten auf mit den Gebärden von Siegern, Schuldner mit den Mienen von Gläubigern, gebrannte Kinder scheuen das Feuer nicht. Verhandlungen werden ausgeschlagen, Ansprüche erhoben, Forderungen gestellt, und nur eines ist der Forderung vorzuziehen; das ist die Herausforderung.


Dies alles ist zwar irrsinnig, aber normal; zwar gespenstig, aber wirklich. Derart wirklich und gespenstig ist im einen Teil Deutschlands der Sozialismus und im andern die Demokratie geworden. Wir sind das gewohnt, es wundert uns nicht, und daß es uns nicht wundert, wollen wir getrost ein deutsches Wunder nennen.

Auch dieses Wunder ist produktiv: es bringt Haß hervor, und die Zuwachsrate ist hoch. Deutschland, das sind die beiden einzigen Staaten Europas, die miteinander in offener, offen erklärter, jeden Tag zunehmender Feindschaft leben, in einem kalten Bürgerkrieg, der mit allen Mitteln geführt wird, welche die Großmächte ihnen gestatten. Es ist nicht unser Bürgerkrieg, aber wir leisten ihm Vorschub; es ist nicht unsere Feindschaft, aber wir dulden sie. Auch das ist gespenstig. Aber noch gespenstiger ist, daß diese gespaltenen Spalter, indem sie sich befehden, einander bestätigen. Jeder von ihnen nimmt Maß an den Maßnahmen des anderen. Es geben so, die einander des Unrechts bezichtigen, einander recht, und die gegeneinander zu arbeiten nicht müde werden, arbeiten sich in die Hände. Die Rückkopplung ist perfekt, der tödliche Zirkel fest geschlossen.


Das Denkmal dieser Feindschaft, ein Mal, vor dem das Denken besonders schwer fällt, also besonders nötig ist, steht heute in Berlin. Ich rekapituliere: Der Grundstein zu diesem Bauwerk wurde am 22. Juni 1941 gelegt. Die Mauer war lange gegründet, ehe wir sie sahen. Sie ist von beiden Seiten hochgezogen worden. Die Vermessungsarbeiten lagen nicht in deutschen Händen, aber die Steine sind von Deutschen zugerichtet und zugereicht worden. Seit 1946 ist kein Jahr ohne solche Handreichung vergangen, und mit dem Bauwerk, das sie hervorgebracht hat, ist eine Vergangenheit gewachsen, die sich so wenig wird bewältigen lassen wie jene andere, deren Erbe sie antritt. Befehlsnotstand, Verbotsirrtum: auch diese gespenstigen Vokabeln sind wieder in Sicht, und der Prozeß gebiert neue Prozesse. Nichts ist einfach an diesem Prozeß, er hat ein doppeltes Gesicht, und in der Mitte liegt nicht die Wahrheit, sondern die Mauer: ein deutsches Denkmal, wirklich, aber gespenstig, normal, aber irrsinnig.

Ich höre allerdings sagen, dieses Denkmal stelle nicht unsern Zustand, sondern den der ganzen Welt dar. Das glaube ich eigentlich nicht. Diese Vorstellung, die von beiden Seiten eifrig gepflegt wird, dürfte jenen Zustand nicht erklären, eher verfestigen. Sie stellt die beiden deutschen Regierungen als bloße Statthalter der Weltgeschichte hin, als hätten sie gleichsam passiv über sich ergehen lassen, was von außen über uns verhängt worden wäre, und nicht eine Politik aktiv betrieben, von deren Scheitern die Steine reden. Die Täuschung ist nicht von ungefähr. Nur im toten Winkel dieser Mauer kann sich das paranoide Bild einer Welt halten, deren beide Hälften nur auf ihre gegenseitige Ausrottung bedacht sind. Jeder, außer uns, sieht, daß die tödliche Symmetrie des deutschen Bürgerkrieges nicht übertragbar ist und schon ganz und gar nicht aufs Ganze. Längst haben die Völker sich aus dem monströsen Paradigma, dem wir uns fügen, befreit und haben einem polyzentrischen Weltzustand neue Möglichkeiten, neue Alternativen, dritte, vierte und fünfte Wege abgewonnen, nicht nur in Asien und Afrika, sondern unmittelbar vor unsern Augen, in Finnland, Österreich, Norwegen und Schweden, in Polen, in Jugoslawien und sogar im blutig geschlagenen Ungarn.

Deutschland ist kein Modell, es ist ein Grenz- und Sonderfall. Unsere politischen Zustände sind nicht zentral, sondern exzentrisch. Die Mauer trennt nicht allein Deutsche von Deutschen, sie scheidet uns alle von allen anderen Leuten. Sie zerniert unser Denken und unsere Vorstellungskraft. Sie verbarrikadiert nicht nur eine Stadt, sondern unsere Zukunft. Sie bildet nichts ab als uns selbst: das, was wir noch gemeinsam haben. Das einzige, was wir miteinander teilen, ist die Teilung. Die Zerrissenheit ist unsere Identität.

Diese Bestimmung scheint abstrakt und spricht doch nur aus, was konkret, gewöhnlich und lebensgefährlich vor aller Augen liegt. Ein Bewußtsein, das entfremdet, gespalten und an sich selber irre ist, wird jetzt oder später gewaltsam sich nach außen kehren. Wenn aber in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es nicht Gewalt. Das versteht sich. Oh, es versteht sich alles von selbst. Nur daß das Selbstverständliche undenkbar und das Undenkbare selbstverständlich geworden ist. Ausrotten, von der Landkarte streichen, Vernichtungsschlag führen, total vernichten, mehrfach vernichten: diese Worte haben wir in den letzten Jahren bereits gehört und werden sie nicht zum letztenmal gehört haben. Sie verstehen sich von selbst. Helfen werden sie uns nicht.

Undenkbar dagegen ist geworden, was allein uns helfen könnte: Veränderung von hüben und von drüben, durch Mut und durch List, durch Phantasie und Verhandlungsgeduld, mit einem Wort: durch Politik.

Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es dies, nicht Gewalt. Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Hilfe.


Hilfe, sofortige, bedingungslose Hilfe à fond perdu, ist das Selbstverständliche, das undenkbar geworden ist. Was er der jüngsten farbigen Republik, dem ältesten Sklavenhalter-Regime eifrig anbietet, verweigert der eine Teil des Landes dem andern.

Diese andere Hälfte wird bedacht, aber mit Anmaßung und Sentimentalität; sie wird versorgt, aber mit Propaganda und eitler Hoffnung. Herablassend und schadenfroh, hochmütig und larmoyant zugleich sprechen die einen für die andern und von den andern, denen sie Schutz nicht bieten können und Hilfe versagen. Die Zeitungen berichten von hüben: Wohlstand und Tüchtigkeit, Stabilität und Erfolg. Sie berichten von drüben: Mißernten und Versorgungskrisen, Unfähigkeit und Misere. Ich bezweifle diese Berichte nicht. Aber wovon sie auch reden, sie klingen triumphierend. Es gibt viele Unterschiede zwischen den beiden Teilen Deutschlands, aber was der hiesige zu seinen Gunsten bucht, schlägt leicht zu seinen moralischen Ungunsten aus. Wer vom Unrecht der andern mit Genugtuung redet, setzt sich ins Unrecht. Wer sich seiner Überlegenheit rühmt, erniedrigt sich. Freiheit ist Freiheit, den Unfreien zu helfen, oder sie taugt nicht viel. Wohlstand setzt in Stand, mit denen zu teilen, die ihn nicht teilen, oder er ist miserabel.

Ich spreche nicht von Päckchen mit Zucker und Rosinen; denn einem halben Land ist nicht mit Rosinen aufzuhelfen, sondern mit Fabriken und Handelsschiffen, mit Rechengeräten und Raffinerien. Ich spreche nicht von Almosen, sondern von konstruktiver Anwesenheit, der einzigen, die einseitig, von heute auf morgen zu erreichen ist: der Anwesenheit von Technikern und Spezialisten, die heute nicht nur in Ghana, sondern auch in Bukarest montieren, was in Leipzig und Chemnitz fehlt. Ich spreche nicht von Caritas, sondern von politischen Interessen, den unsrigen.


Ich höre sagen, mit solcher Hilfe sei geholfen einem Mann, der in Deutschland einem Staatsrat vorsitzt, und der von seinen Bundesgenossen nicht weniger verachtet wird als von seinen Feinden. Welchen Grund haben wir, unsere Handlungen danach einzurichten, ob sie diesem Mann helfen oder schaden? Welches Recht haben wir, siebzehn Millionen und einige Leute zu Geiseln für seinen Kopf zu machen? Der einzige Gesichtspunkt, unter dem hier wie überall zu handeln ist, ist der Gesichtspunkt jener, die ohnmächtig, entmündigt und sprachlos sind. Nicht dem ist zu helfen, was abwechselnd als deutsches Volk mythologisiert und als Zivilbevölkerung herumkommandiert wird, sondern einer großen Zahl von ganz gewöhnlichen Leuten. Nach diesem Stundenmaß ist jeder Tag, der versäumt wird, um das andere Deutschland bewohnbar zu machen, sechzigtausend Jahre lang. Was geht uns da der Vorsitzende eines Staatsrats an! Die Rücksicht, auf ihn geübt, ist Rücksichtslosigkeit all denen gegenüber, die seinen Vorsitz ertragen müssen. Um ihn nicht aufzuwerten, werten wir uns ab.

Ich höre ferner sagen, die Hilfe, die ich meine, wäre teuer. Das ist wahr.

Ich höre schließlich sagen, eine solche Hilfe sei nicht die wahre; denn nicht auf den Standard des Lebens komme es an, und woran es fehle im andern Deutschland, das sei die Freiheit, sie allein. Ich höre es von denen am lautesten sagen, denen es auf den Standard des Lebens ankommt, und die von der Freiheit nie viel haben wissen wollen. Sie reden doppelzüngig. Und doch ist, was sie sagen, wahr. Daß im Produktionsindex das höchste Glück der Erdenkinder liegt, das glaube ich eigentlich nicht, und die Hilfe, die ich wünsche, will mir nicht großartig scheinen. Sie ist teuer, aber armselig. Sie ist armselig, weil die Zeichensprache der Politik armselig ist. Sie wäre das Zeichen eines Anfangs, des einzigen Anfangs, den wir machen können, um zu zeigen, daß wir nicht gesonnen sind, aneinander zu sterben. Ich spreche nicht von Sentiments (denn Brüder und Schwestern sind da drüben nicht minder und nicht mehr als in Leningrad und in Denver), sondern ich spreche von der harten Vernunft des Friedens.

Ich spreche nicht von »Entspannung«, sondern von Anstrengung. Ich spreche nicht von Selbstlosigkeit, sondern von Selbsthilfe. Selbsthilfe nenne ich eine Hilfe, die uns hilft, zu uns selbst zu kommen.

Bis dahin werden wir, glaube ich, nichts zu feiern haben. Wir werden, du wirst, er wird. Wenn wir bis dahin noch leben! sagen die alten Weiber. Nach einer Stunde werden sechzig Minuten verflossen sein. Nicht wahr, meine Damen und Herren?


Oh, es versteht sich alles von selbst. Ich habe Ihnen nichts Neues sagen können. Dafür bitte ich Sie nicht nur um Verzeihung, sondern sogar um Verständnis. Die Schriftsteller, höre ich manchmal, seien das Gewissen der Nation. Das glaube ich eigentlich nicht. Das halte ich für eine hochtrabende, alberne und leere Phrase. Andere wieder sähen es gern, wenn unsereiner bei dem Leisten bliebe, über den man ihn zu schlagen wünscht. Das mag jeder halten, wie er will.

Von uns, von unserer Identität habe ich gesprochen, nicht weil ich es besser wüßte als der Nächstbeste; auch nicht, weil ich es besser zu sagen wüßte. Sondern weil von dem, was jeder weiß, niemand etwas wissen will, und keiner spricht es aus. Das ist gewöhnlich. Nicht gewöhnlich ist die Freiheit, die hier und heute ein Schriftsteller genießt. Er braucht sich um seine Stellung nicht zu kümmern, er braucht keine. Er braucht auf seine Partei keine Rücksicht zu nehmen, er braucht keine. Er braucht um seine Macht nicht zu bangen, er braucht keine. Zu dieser starken Freiheit hilft und verpflichtet der Georg-Büchner-Preis, und dazu, sie zu gebrauchen.


Mit meinen Feinden teile ich den Zweifel daran, daß ich Preis, gar diesen Preis, verdiene. Auch jener Zweifel versteht sich von selbst. Auch seinetwegen habe ich nicht von Büchner, nicht von der Poesie, und erst recht nicht von mir sprechen wollen. Büchner schrieb aber: Deutschland ist jetzt ein Leichenfeld, bald wird es ein Paradies sein. Die Aussicht aufs Paradies ist verschwunden, die aufs Leichenfeld ist nicht weit. Was die Poesie anlangt, so will sie in der Irre nicht verharren. Sie ist, glaube ich, kein Gespenst, und sie stirbt, glaube ich, wenn der Frieden stirbt.

Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für die Ehre, die sie mir hat zuteil werden lassen. Ich danke herzlich ihrem Präsidenten, ich danke Ihnen allen. Den Bürgern der Stadt Darmstadt und des Landes Hessen danke ich für das Geschenk, das mit dem Georg-Büchner-Preis verbunden ist. Dieses Geschenk bedeutet freie Zeit, also Arbeit. Erlauben Sie mir zum Schluß, an alle zu denken, die vor diesem Haus geblieben sind und denen es vielleicht ganz gleichgültig ist, was hier verhandelt wird, davon sie nichts wissen. In ihrem Namen setze ich meine Worte.


     _

*) Unter dem Titel »Staatsangehörigkeit deutsch« erschien eine Tonaufnahme dieser Rede als Schallplatte (Fontana 681 512 E. L.).