Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

H. C. Artmann

H. C. Artmann

Schriftsteller
Geboren 12.6.1921
Gestorben 4.12.2000

Georg-Büchner-Preis 1997
Laudatio von Klaus Reichert
Dankrede von H. C. Artmann
Urkundentext

... der in seinen Gedichten, Prosatexten, Theaterstücken und Übersetzungen aus mehr als einem Dutzend Sprachen ein Werk von unerschöpflichem Reichtum geschaffen hat...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Christian Meier
Giuseppe Bevilacqua, Elisabeth Borchers, Kurt Flasch, Peter Hamm, Norbert Miller, Adolf Muschg, Erica Pedretti, Klaus Reichert, außerdem Peter Benz (Stadt Darmstadt), Herman Dieter Betz (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst)

Sprachlosigkeit

meine damen, meine herren,

das, worüber ich reden möchte, hat mit nichts als sprachlosigkeit zu tun; mit einer sprachlosigkeit im sinn einer abbildung, einer refelexion des realen in der spräche, mir geht es darum, der spur dieser meiner sprachverweigerung zu folgen, und diese spur hat einen anfang, nämlich den meiner mir zugeordneten biographie. wie sie alle wissen, prägen umfeld und kindheit. »manche leute werden auf flußpferden geboren, andere in betten, wieder andere auf gestampften lehmböden in strohbedeckten hütten – ich selbst kam auf einem baum... nahe dem weiler St. Achatz am Walde zur weit... ich bin das kind aus der Verbindung einer wildente und eines kukucks und verbrachte meine jugend in den dichten laubwildnissen der buche und linde...« die elterliche atmosphäre, in der ich aufgewachsen bin, war durch nichts intellektuelles bestimmt, ich meine damit: kein gymnasium, keine Universität, daher wohl mag meine bis heute andauernde furcht ‒ und mit ihr verbunden der damit gebührende respekt – vor einer gewissen spräche entstanden sein, wie auch gerade dieses paradoxon in kraft treten konnte, daß ich zu gleicher zeit bewundere und ablehne, was mir nie zugehörig war und sein wird aufgrund dieser prägung. diese gewisse spräche, sie bleibt mir fremd, und dieses fremde hat zu anderer zeit mit entgegengesetzten Zeichen auch büchner erfahren, der mir gerade deshalb sehr nah und fern zugleich ist. die Verwandschaft, die ich zwischen ihm und mir herstellen möchte, ist die einer kritik am realen: die meine ist, über die phantasie das reale, wie es sich mir zeigt, zu bannen, büchners weg ist wohl gewesen, über die beschreibung des realen, wie es sich ihm gezeigt hat, es zu bannen, nun, er ein frühverstorbener des 19. und ich ein spätsterbender des 20. jhdts. veränderte Strukturen, veränderte merkmale, und doch der immergleiche widerstand eines subjekts zur weit, meine sprachlosigkeit über und sein sprechen mit dem realen, zwei Wesenheiten für das heimholen von leben an sich, der grenzgänger, er kann abstürzen und er kann weitergehen, die gratwanderung läßt beides zu.