Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Günter Grass

Günter GrassGünter Grass

Schriftsteller
Geboren 16.10.1927
Gestorben 13.4.2015
Homepage

Georg-Büchner-Preis 1965
Laudatio von Kasimir Edschmid
Dankrede von Günter Grass
Urkundentext

... für sein Werk in Lyrik und Prosa worin er kühn, weitausgreifend und kritisch das Leben unserer Zeit darstellt und gestaltet.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Hanns W. Eppelsheimer
Friedrich Bischoff, Kasimir Edschmid (Ehrenpräsident), Richard Gerlach, Karl Krolow, Wilhelm Lehmann, Fritz Martini, Gerhart Pohl, Dolf Sternberger, Gerhard Storz und W E. Süskind, Fritz Usinger

Rede über das Selbstverständliche

Meine Damen und Herren! Warum nicht heute und hier die Bilanz ziehen? Ich lade Sie ein, kritisch an den Nägeln zu kauen, Rechnungshof zu sein. Denn es gilt, offenbar zu machen: Die nationale Pleite – das literarische Falschgeld – die sich als Person bestätigt fühlende Hybris – und das Sprüche klopfende Gewissen einer nicht existenten Nation.

Das also war es: Zweiundfünfzigmal in volle Säle gepustet, damit sich der Staub nicht legte. Die Landkarte abgesteckt und das Vaterland an die Brust genommen. Die Stimme beim Frühstück geschont und mit weichen Eiern gesalbt, damit sie, wenn/'s losging, selbst die letzte Stuhlreihe küßte. Worte zum Docht gedreht und jenem ins Ohr, der den Zwischenruf schon seit Anbeginn auf der Zunge zur Murmel rollte. Und rasch gelernt und gerochen, wo sich die Junge Union formierte: schlecht einstudierte Chöre, deren Mut dunklere Säle verlangte. Doch die Beleuchtung war auf des Wahlredners Seite. Meistens kämpfte er nur mit dem Mikrophon. Einmal schlug ihn sein Echo. Gelegentlich sang er wie gegen Watte an. War es in Marl, Hildesheim oder Bielefeld? War es in Scharbeutz, als ich ohne Mikrophon wem was beweisen wollte? Ochsengebrüll wider vierhundert mürrische Urlauber, die das Pensionsessen, die Ostsee und das Wetter haßten, denen der Überdruß Falten warf, die sich verbissen nach Erholung abstrampelten, die sie verdient hatten laut Vertrauensarzt. Erzählt dem Kummerspeck von der »Wiedervereinigung«! Kann man mittlere Beamte und Sekretärinnen, die sich um die lebensnotwendige Körperbräune in diesem Sommer betrogen fühlten, für den zähflüssigen Fortgang der Passierscheingespräche interessieren? – doch Steffen meinte, da müssen wir hin: Eutin, Scharbeutz, Haffkrug, Timmendorf. Und abends, zur Belohnung, Lübeck, großes Haus, hanseatische Bildungsbürger, mit Siegfried Lenz zusammen, das zählt, da rappelt der Stimmkasten. – Und wenn es nun gießt? – Macht gar nichts, sagte Steffen. Schon mit dem Kurdirektor gesprochen. Der klagte: Was, bloß zwanzig Minuten? Dann können Sie Ihre Rede auch im Koffer lassen! Verlängern Sie auf /'ne halbe Stunde, und ich stelle Ihnen fünfhundert Leute in den Kursaal, daß es nur so summt. Alles Stimmen besonders bei Regenwetter. Mal scharf ins Gewissen reden, sonst reisen sie ab nach dem Süden. Immer feste drauf: Wiedervereinigung, Opfer bringen, Zonengrenze ganz nahe und deutlich, bei guter Sicht auszumachen. Das haben sie gerne, unsere Kurgäste, bei Regen so einen richtigen moralischen Katzenjammer. Man muß ihnen ab und zu mal die Schlagsahne vermiesen und laut und deutlich DDR sagen. Das geht in die Knochen für zehn Minuten. Und nah /'ran ans Mikrophon. Hinterher wird bißchen Gebäck serviert und Halbgefrorenes.

Und so war es dann auch. Nur in Timmendorf – oder war es Scharbeutz? – da machte die Sonne mit. Und die Jungs vom Fernsehen stellten mich in die offene Kurorchestermuschel, ehe ich die Strandrede sortiert hatte: »Badende Bundesbürger!... »Wir sind in all den Jahren, mit Ludwig Erhards CDU, doch wirklich gut gefahren...« so trumpft auf und so versucht zu beschwichtigen das Wahlkampflied der CDU.

Aber wagen wir das Exempel und singen wir unseren Landsleuten in der DDR diesen Choral des krassesten Egoismus mehrstimmig vor, und wir werden an den Reaktionen unserer Landsleute erkennen, was man heutzutage in Walter Ulbrichts Diktatur von uns hält: Nämlich nichts! – Stumme Verachtung halten unsere Landsleute für jene bereit, die in all den Jahren mit Ludwig Erhards CDU so erschreckend gut gefahren sind...«

Und in dieser Stimmlage etwa zwanzig Minuten lang ohne Mikrophon. Einige junge Burschen räumten ihren Kaugummis satzlange Pausen ein. Die gezielte Passage: »Denn wer mit Reichtum prahlen will, versteckt gern seine armen Verwandten!« wurde von einem Pensionär mit »Richtig! Richtig!« quittiert. Und als die Strandrede in Timmendorf, Haffkrug oder Scharbeutz etwa dergestalt ihrem Ende entgegeneilte: »Sollten die Bundestagswahlen am 19. September der Koalitionsregierung unter Ludwig Erhard abermals eine Mehrheit sichern, wird bewußt oder unbewußt der endgültige Verzicht auf die Wiedervereinigung beider Teile Deutschlands ausgesprochen!«... als also mit diesen Worten das tatsächliche Wahlergebnis an den blaßblauen bis verregneten Ostseehimmel gemalt worden war klatschten die Kurgäste und freuten sich über Abwechslung.

Nachher hat mir ein kleines, aber nicht schüchternes Mädchen, die Tochter des SPD-Kandidaten, einen geräucherten Aal geschenkt. Womit bewiesen ist, daß sich die Sozialdemokraten selbst an der Ostseeküste und nahe der sogenannten Zonengrenze von mir und meiner Rede nicht distanziert haben.

Das also war es: Anekdoten, Anekdoten! Sollen etwa hübsch runde Geschichten, die sich von Jahr zu Jahr mehr abschleifen werden, die Beute des Wahlkampfes sein? Oder zehntausendmal Filzschreiberspuren, weil ich, wie ein Affe, Plakate und Wahlreden signierte? Hatte am Ende, in Cloppenburg, Unterlängen wie ein Tiefseeforscher. Und möchte nun wissen, was dieser Sammlerfleiß sich gewählt hat. Und immerzu positiv ausgestrahlt, daß mir im Schlaf noch die Mundwinkel spannten: Klar doch, wir schaffen es! Und im Vorbeifahren Wahlkampftaktik gelernt. Und Zwischenrufe mit Rückhand aufgenommen. Nur manchmal Schwierigkeiten mit Dialekten. Überhaupt Ortswechsel. Immerfort über Seebohms Straßen und Umleitungen. Stundenlang links, rechts Kühe, gefleckt, und selbst mit den besseren Argumenten nicht zu beeinflussen. Aber immer, bis auf Erlangen, pünktlich. Und jeweils, während Steffen die letzten zwanzig Kilometer abknabbert, rasch alle Konzepte und Reden durcheinandergeschüttelt: Solltest du nicht in Augsburg den ersten Teil streichen und die neun Punkte zur Wiedervereinigung an den Schluß setzen? Oder den Schwanengesang vorziehen? Gestern erst getippt, die Olivetti auf den Knien und die Autobahn, kurz vor Ulm, zum Büro gemacht. Sollte die siebenstrophige Arie nicht schon in Mannheim über die Rampe? Denn Philipp Rosenthals Sorge ums Porzellan und also sein Votum für die Sozialdemokraten sind noch taufrisch und müssen dreimal täglich serviert werden. »Man sagt, sterbende Schwäne können singen...« Also im Saal mit immer tieferer Stimme den wackligen Autobahntext aus der Taufe gehoben. Von der ersten bis zur letzten Strophe: »Bürger der Stadt Mannheim!...«

Da freuten sich die Mannheimer und es rappelte im Stimmkasten. Überhaupt Beifall und das Spiel mit dem Beifall, solange er mitspielt und nicht durch Erbsen ersetzt werden muß. Den Beifall herauszögern, ihn als Pause und Zwiegespräch nutzen mit toten und lebenden Freunden, ihn wegwischen und mit dem nächsten Satz verdoppeln. Aus zweitausend Gesichtern sieben wählen, die kein Händerühren zu erlösen vermag, bis auch sie

sich im Beifall finden. Denn hier zählt, was ihm dient. Wie war es, Gustav? Kam die Stelle mit dem Puffreis auch auf der Galerie an? Ich sollte sie kappen. Oder zwei Sätze mit Futter dazwischen? Zuerst den Puffreis, dann knapper Anlauf, und nun, in den verebbenden Beifall die Pudelmütze ihm drauf gestülpt; »Er ist so gemütlich, daß er schon unheimlich wirkt.« Denn zitiert, wenn überhaupt, wird zumeist der zweite Teil. Also nicht austauschen? Den Erfolg wiederholen! Oder Büchner anpumpen – den Landboten variieren: »Im Jahre 1789 war das Volk in Frankreich müde, länger die Schindmähre seines Königs zu sein.« Müßte sich knapper fassen lassen, und den Höcherl, die Schwarzhaupt und den Lenz einbeziehen: »Kleine Geister tragen zu große Verantwortung!« Das begreift man in Coburg – dort steckte ein Direktmandat drinnen! – und in Wanne-Eickel, wo es mit dem Babysitter-Ring klappte. Meine Erfindung! Am heiligen Sonntagvormittag um elf. Junge Ehepaare konnten die Gören bei den Falken abgeben und sich in aller Gemütlichkeit meine Sächelchen anhören. War überhaupt ein gelungener Sonntag. Gleich darauf in Köln auf dem Neumarkt mit Wischnewski und Paul Schallück vor fünftausend zwischen zwei Regengüssen. Danach rasch dem Jan Lebenstein die Ausstellung miteröffnet: »monströse kreaturen«. Und sogleich mit einem richtigen altmodischen einmotorigen Flieger neben Heinz Kühn und seiner Pfeife über Solingen und Hagen weg nach Dortmund, wo dreitausend ausgehungerte Wähler...

Anekdoten, Anekdoten! Soll das der Bodensatz sein? Und als ich in Regensburg... Und wie wir in Bad Aibling auf der Kurterrasse... Und in Bocholt, da war es besonders windig, weil sich die Junge Union... Nein!

Zweiundfünfzigmal habe ich zur Wahl gesprochen. Kein Wunder also, wenn vor und nach der Niederlage Neuwähler und Unentschlossene, Zwischenrufer und Fragesteller, mit ihrem echogesättigten Brustton den Schlaf eines Wahlredners bevölkern und dem

Schlafenden Antwort um Antwort abfordern: »Glauben Sie Ist Ihnen bekannt, daß... Es wird behauptet, der Kanzlerkandidat der SPD habe als norwegischer Offizier mit der Waffe in der Hand...« Nein! Morgens weiß der Wahlredner nicht, wie die Stadt heißt, in der er übernachtete und während zermürbendem Schlaf sieben Reden halten mußte und inquisitorische Diskussionen durchzustehen hatte, mit deren einzigem Thema die Köpfe sämtlicher Diskutanten vernagelt gewesen waren: »Darf in Deutschland ein Emigrant Bundeskanzler werden?«

Zwar sprach man während Wochen über Volksrente, Vermögensbildung, Gesundheitsschutz und bis nahe dem Überdruß zum Thema Sicherheit; aber in der Tat und abgesehen von den Alpträumen eines privaten Wahlreisenden, ging es während des Wahlkampfes vor der Bundestagswahl 1965 um die Beantwortung dieser leitmotivischen Frage: Darf in Deutschland ein Emigrant Bundeskanzler werden? Und am 19. September hat die Mehrheit der Bevölkerung in der Bundesrepublik neben das unbewußte »Nein« zur Wiedervereinigung und den damit verbundenen Opfern ein bewußtes »Nein« gesetzt. Die Entscheidung gegen Willy Brandt, das heißt, gegen den Emigranten Willy Brandt und also gegen die gesamte deutsche Emigration schlägt zu Buche als ein »Ja« zum Opportunismus, als ein »Ja« zum unreflektierten Materialismus, als Bestätigung eines Ludwig Erhard: Unter der Schirmherrschaft sich christlich nennender Parteien darf der Tanz ums Goldene Kalb vier Jahre lang fortgesetzt werden.

Den Managern dieses fragwürdigen Sieges ist jedes Mittel, selbst das der Verleumdung, recht gewesen. Es kam ihnen darauf an, den Gegensatz zwischen zwei in der Tat konträren deutschen Politikern so lange zu vereinfachen, bis das Schwarz-weiß-bildchen dem Wähler zwingend vor Augen stand, bis die Wahl leichtfiel. Wieder einmal hat sich das Wort »Emigrant«, auf deutsch ausgesprochen, als diffamierendes Schimpfwort bewährt. Was dem heimkehrenden Emigranten Thomas Mann nach dem Krieg an Demütigung zuteil wurde, was ihm, dem großen Toten, der immer noch nicht heimisch geworden ist, bis heutzutage am Tatort »Universität Bonn« zugemutet wird, widerfuhr in noch erschreckenderem Maße dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt; denn ein ungeschriebenes Gesetz lautet in Deutschland: Emigranten haben nicht heimzukehren! Sie mögen, wie Heinrich Heine oder Georg Büchner in Paris oder Zürich ihr Grab finden. Andererseits wurde über ein Jahrzehnt lang der Bevölkerung in der Bundesrepublik und also auch der heranwachsenden Nachkriegsgeneration der Kommentator der Nürnberger Rassengesetze, Hans Globke, als Staatssekretär zugemutet. Dem angeblichen politischen Genie Konrad Adenauers wurde von den sich christlich nennenden Parteien freie Hand gegeben: Das Verbrechen von Auschwitz verlängerte sich bis in unsere Tage, es wurden ihm Amt und Würden zuteil. So und nur so vermag man zu begreifen, daß die unvergängliche und immer wieder nachwachsende Familie der Mitläufer, Mittäter, Mitwisser und Mitschuldigen den Haß in sich wirken ließ, als ein Emigrant sich bereit erklärte, für das Amt des Bundeskanzlers in diesem Land zu kandidieren.

Wir wissen: die Verbreitung der Diffamierung ist seuchenhaft. Wer wollte heute die Brutstätte ausfindig machen, die fündig genug war, unser Volk, zwanzig Jahre nach dem Ende der letzten Epidemie, erneut und bis in die Schulklassen hinein zu vergiften? Herr Kapfinger und Herr Strauß, Herr Adenauer und Herr Erhard werden sich gegenseitig und auf die üblich hartgesottene Art von diesem Vergehen an unserer Demokratie freisprechen; aber welcher wahrhafte Christ hatte am 19. September die Stirn, im Namen des Gekreuzigten, den Verleumdern seine Stimme zu geben! Gewiß, auch die Sozialdemokraten haben Erfolge erzielt, die uns nachsichtig stimmen möchten; aber ich will nicht vergessen oder fünfe gerade sein lassen. Wer durch zweiundfünfzig deutsche Städte gereist ist und versucht hat, oft vergeblich versucht hat, in Bocholt und Regensburg, in Mühldorf am Inn und in Cloppenburg, dem pausenlos nachwachsenden Haß die Wurzel abzugraben, wer erleben mußte, wie milchgesichtige Schulbuben bereit sind, den Stab über einen deutschen Staatsmann zu brechen, der als Neunzehnjähriger mit aller Konsequenz gewußt hatte, wie sich die Feinde Deutschlands zu kleiden und zu verkleiden pflegen, wer also die Exposition einer sich anbahnenden und nur vom Datum her neuen nationalen Tragödie mit all ihrer Schmierentheater-Theatralik begriffen hat, der vermag nicht zu schweigen, der darf nicht schweigen. Nein! Kein Wort mehr über Kapfinger, Strauß und Komplicen. Aber anklagend weise ich auf die deutsche Öffentlichkeit und alle, die ihr mit gesprochenem und geschriebenem Wort verpflichtet sind. Stillschweigend, gelegentlich mitunkend hat unsere angeblich unabhängige Presse wieder einmal Papier geduldig sein lassen. Und wer hörte von Theologen, die von der Kanzel herab die Verleumder beim Namen genannt haben? Welch faustisches Streben hielt unsere Professoren davon ab, die deutsche Emigration, vertreten durch den Kanzlerkandidaten Willy Brandt, mit mannhaften Worten zu schützen? Was muß in diesem Land Schlimmes geschehen, damit ein gelehrter Kopf für wenige Stunden von seinen Papieren abläßt und hier, heute und jetzt Partei ergreift?

Meine Damen und Herren!

Zweiundfünfzig Säle oder Marktplätze. Ich weiß, es ist zu spät, auch Ihnen das Notwendige nahezulegen und das Naheliegende anzuraten, zumal die Sozialdemokraten und Willy Brandt am 19. September Ihrer Stimme gewiß sein konnten. Ich spreche also in einen Saal hinein voller Besiegter oder – genauer gesagt – voller Geschlagener.

Denn diese unsere Niederlage läßt sich nicht schminken. Wir mögen sie streicheln, ihr mit Zucker schön tun: sie gibt uns nicht Pfötchen. Wer der Katastrophe vom 19. September – und niemand glaube, sie beträfe nur und wie üblich die Sozialdemokraten – wer dieser wahrlich gesamtdeutschen Misere die übliche Magermilch, also Trost, Läuterung und Katharsis abmelken möchte, der lasse sich sagen: diese Ziege ist trocken. Ihr Meckern ist Hohn und wiederholt die Prozente. Wer genau hinhört, dem lärmt sie die dürftigen Werte hinter dem Komma. Zwar sollte von Georg Büchner hier, heute die Rede sein, aber mein Papier – Sie verzeihen – ist fleckig vom Wahlkampf. Während fünf Wochen volontierte ich, ein Saisonreisender, und sammelte Stimmen, das Kleingeld der Demokratie. Wenig abgesichert, auf dem Seil, ohne Netz – es durfte sich jedermann von mir distanzieren – war ich dennoch gewiß, das Selbstverständliche zu tun. Das alles nicht ohne Anstrengung. Wem fiele es leicht, jeden zweiten Konjunktiv zu vermeiden. So rief ich in volle Säle hinein und setzte auf Sieg. Doch zwischen fehlendem Schlaf und beginnender Heiserkeit vermehrten sich die Notizen. Während Eisenbahnfahrten, deren Schienengeräusche die Sprechchöre der Jungen Union persiflierten oder beim Hotelfrühstück widerlegten sich kleine Hoffnung und immer fetter werdende Zweifel. Da, zwischen die Bild-Zeitung und die Frankfurter Allgemeine gepflanzt, sitzt er, der stumme Wahlredner. Die groben und die gepflegten Lügen löffelt er mit den weichen Eiern im Glas. Dialektgefärbte Zwischenrufe von gestern bewohnen unkündbar sein Gehör. Schon greift die Unruhe von übermorgen nach der ersten Zigarette des soeben beginnenden Tages. Wird dieser Satz hinlangen? Ist er zu kurzarmig? Ist er beweglich genug, mit einer Versammlung spielen zu können? Ist das ein Rezept, was vorgestern wirkte: die Galerie bevorzugen, wegdenken, wieder entstehen lassen und mit dem Parkett im Beifall vereinen? Bleibt immer das Ungesagte als Bodensatz. Lege den Löffel fort! Nur nicht aufrühren! Es könnte der Zorn läufig werden. Er ist nicht stubenrein und pißt alle Ecken an. Es könnte zum Himmel stinken und weiträumige Gelehrtenrepubliken zu Rieselfeldern machen. – Sag nur die Hälfte und packe die Andersen-Rede zwischen die Hemden und Socken. Was richtest du aus gegen tausend im Gespräch liebenswürdige, gelegentlich von Skrupeln zerfressene, aber hoffnungslos eingekaufte Journalisten. Sie stülpen deinem Wort den Magen um. Mit Andacht zitieren sie falsch. Morgen steht in der Welt: »Blechtrommler ist für Abtreibung.« Schau sie dir an, deine Generation! Bierernst und übernährt brütet sie hinter dem Steuer, sucht Parkplätze und folgt verbissen dem Kreisverkehr.

Unheiliger Büchner, steh mir bei! Ich soll eine Rede halten angesichts dieser Festversammlung. Frei schwimmend im zähflüssigen Ruhm, gepriesen, gehaßt und freundlich zum Kopfstand ermuntert, soll ich mit Deinem Namen Kerzen anzünden, damit es uns heimelig werde, damit die Tradition unter Übermalungen und der Firnisschicht schimmere: Büchner als Erbe, Verpflichtung und Dauerengagement? Der Hessische Landbote und der Wahlkampf? Büchner, Weidig, Minnigerode und die Folgen? Das hüpft nur so von den Lippen und möchte Ostern feiern in den

Aufsätzen all jener Primaner, die sich samt Mamma und Papa kurz vor den Wahlen mit einem erbärmlichen Schülertaschengeld allzu willig bestechen ließen.

Nein, kein Anlaß besteht, die Sprache anmutig tänzeln zu lassen. Diese Sauce ist mehlgebunden. Wem der Löffel zum Maul paßt, der mag sich mit solcher Pampe einig finden. Ich ergreife Partei. Und lobe und preise jenen geschundenen und ewig bedrückten SPD-Funktionär, der sich im Wahlkreis Bocholt gegen die siebzigprozentige Ignoranz mit wenig Erfolg anstemmt; und ich klage den Hochmut jener Professoren und Studenten an, denen die Politik bloßes Parteigezänk, denen die Realität Ekel und allein die Utopie süß ist.

Ich lobe und preise jenen Münsterländer Bauern, der zum ersten Male, sich vorher und nachher bekreuzigend, die Sozis gewählt hat. Ihm ist etwas aufgegangen. Er hat, müde von den Rüben, den Rehwinkel in sich besiegt, hat es dreimal gegen den Wind gesprochen, fünfmal im voraus gebeichtet und dann getan. Um ihn zu ehren, klage ich an unsere Hohepriester der knitterfreien Biographie, die sich das possierliche Vorrecht, Gewissen der Nation spielen zu dürfen, jeweils im Feuilleton irgendeiner halbliberalen Zeitung abverdienen. Wer kennt sie nicht, ihre feinziselierten Entrüstungsschreie? Wer genösse nicht, prompt jeden Donnerstag, ihre Einerseits-andererseits-Springprozession? Dem einen fällt zu jeder Affäre ein manierlich Bonmot ein. Dem anderen versagt geistreich und zeilenschindend die Sprache. »Peinlich, peinlich...«, murmelt erschüttert der dritte. So klopfen sie ihre tollkühnen Sprüche und besingen in windstillen Reservaten, jeweils nach Anfrage: Die Freiheit des Geistes, die Unabhängigkeit der Intellektuellen und die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit. Gottähnlich tänzelnd über den Abgasen unserer Gesellschaft, ordnen sie ihren Seminar-Marxismus gleich Schäfchenwolken und sorgen sich um Indochina und Persien, also um weitentlegenes Elend, das sie, dank ihrer geistigen Hochstände, mühelos einsehen können. Eher gelänge ihrer Tinte ein hymnisch langes Heldenepos auf Fidel Castro und die Zuckerrohrinsel, als daß ihnen einfiele, mit einem schlichten Plädoyer für Willy Brandt der Lüge im eigenen Land die Beine zu verkürzen. Wer wollte auch verlangen, daß sich diese kleidsam weltbürgerliche Elite mit unseren kleinbürgerlichen Sozialdemokraten und ihren mühsehligen Reformbestrebungen einließe? Zwar meine ich, daß sich der »Große Hessenplan« des hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn mit seiner volkswirtschaftlich begründeten Architektur von Büchners und Weidigs Flugblatt, dem »Hessischen Landboten«, also unserem ersten Zeugnis moderner politischer Agitation, herleiten läßt, aber was wiegt solch ein »Großer Hessenplan«, gewogen an dem utopischen Wurf eines Gesellschaftsbildes, in dem sich das reine Nordlicht mit einem pfötchengebenden Marxismus in kosmopolitischer Eleganz findet und hoch über Schaum und Kleinbürgertum, ohne Neckermanns Katalog und enthoben dem Straßenbahnmief sein Elysium begründet? Nein! Nicht mehr ernst, sondern mittels Gelächter huckepack nehmen und schon zu Lebzeiten auf marmornen Sockeln abstellen. Seht, das Gewissen unserer Nation! Es kannte keine Kompromisse und ließ sich nicht mit dem Mittelmaß ein. Trotz aller Verlockungen stieg es nie zum Volk herab, sondern blieb immer hübsch säuberlich unter sich – und lobte den Frieden und verdammte die Atombombe. Und verabscheute den Kapitalismus einerseits und die Diktatur des Proletariats andererseits. Aber für die Sozialdemokraten, mit ihren abgeschliffenen Ecken und ihrem zum Hinken verurteilten Elan, vermochten wir dieser Elite kein freundliches Ja zu entlocken.

Ob unsere Feuilleton-Ritter am 19. September bemerkt haben, daß auch ihnen die Quittung gereicht worden ist? – Denn diese Niederlage läßt sich nicht allein auf dem lastengewohnten Rücken der Sozialdemokratie abbuchen. Wer immer sich einerseits freischaffendem Geist verpflichtet fühlte und andererseits meinte, nicht Partei ergreifen zu dürfen: er ist abgewählt worden und fortan ohne Mandat.

Meine Damen und Herren! Wie peinlich. Ich betrüge Sie in aller Öffentlichkeit um den Genuß einer Festrede und verschleppe den profanen Wahlkampf über den Termin hinaus bis in den Windschatten dieser Akademie. Ohne Abstand, ja noch immer betroffen von den ruckenden Prozentzahlen auf dem Fernsehschirm, betrat ich diesen Saal und erteilte dem Zorn das Wort.

Seien Sie versichert: vorsorglich und mit dem notwendigen Respekt hielt ich Rücksprache mit Georg Büchner. Er wußte ums Scheitern. Nachdem ihm die Flugblattaktion schiefgegangen und die Bauern das schöne teure Papier zum nächsten Polizeiposten getragen hatten, nach Clemms Verrat und dem vergeblichen Versuch, den gefolterten Minnigerode zu befreien, blieb ihm: die Resignation in Straßburg, der subtile Selbstmord durch Arbeit, ätzender Spott für die damals schon von Dünkel und Kleinmut befangenen deutschen Liberalen und die grimmig ins Gelächter gekehrte Forderung seiner Wut, es möge Mißernte herrschen und nur der Hanf gedeihen. Georg Büchner gab mir den Freipaß: Sag es! Sei ein schlechter Verlierer! Scheue Dich nicht, blind für vergilbte Verdienste zu sein! Wenn es geht, vermeide Zitate! Und tu es gleich, noch vor dem 19. – es geht um Stimmen. Also ruhig und gezielt den Preis in die Waage werfen Später, das zählt nicht. Warum denn Rücksicht nehmen auf eine Akademie?

Dem folgt heute mein Lamento: Hätte ich doch dieses in Lübeck oder in Augsburg gesagt und nicht erst jetzt, in Darmstadt, zu spät. Denn stimmenfangend hätte ich so gesprochen, wenn ich Büchners Zwischenrufen gefolgt wäre:

»Bürger der Stadt Lübeck, Augsburg, Frankfurt oder Bayreuth! Der Wahlkampf zwingt mich, gegen eine altehrwürdige Sitte zu verstoßen. Am 9. Oktober soll mir in Darmstadt der Georg-Büchner-Preis verliehen werden. Ich soll also zwanzig Tage nach der Bundestagswahl vor der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung eine Preisrede halten, die einem deutschen Schriftsteller Reverenz erweisen soll, dessen schmales und immer noch feuergefährliches Werk, nicht zuletzt, meinen Entschluß, den Mund aufzumachen, gefördert und den Stil meiner Wahlreden beeinflußt hat. Darum hieße es, Büchner Hohn sprechen, wollte ich, mit meinem Manuskript in der Tasche um des einmal festgesetzten Termins wegen, diese angespannt politische, uns alle zur Entscheidung zwingende Zeit verstreichen lassen. Ich bitte also das Präsidium der Darmstädter Akademie um Vergebung, denn schon heute will ich Georg Büchner ehren, indem ich, auf seinen Namen gestützt, zur bevorstehenden Bundestagswahl spreche.

Sollte es, wie Himmel und Hölle, einen Parnaß geben, auf dem sich die Dichter aller Zeiten zu versammeln haben, Georg Büchner, von oben herab, würde mir raten, ihn, den revolutionären Studenten der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in unserem Wahlkampf mitstreiten zu lassen.

Schließlich ist jener Geist heute noch unter den Decknamen Höcherl und Süsterhenn quicklebendig, der vor über hundertdreißig Jahren Georg Büchner aus dem Lande getrieben und mit Steckbriefen verfolgt hat. Sein Kampfruf: ›Friede den Hütten, Krieg den Palästen‹ hat sich inzwischen zum evolutionären Slogan: ›Wohlstand für alle‹ verflacht; aber beide Parolen, die des Revolutionärs Büchner und die gemäßigte Forderung der Sozialdemokraten sind aus dem Sprachgebrauch und Pathos der deutschen Aufklärung und ihrer Tradition zu verstehen.

Genau vor zweihundert Jahren, zu Klopstocks, Herders und Lessings Zeiten, als parallel zum Siebenjährigen Krieg, über Frankreich und die Schweiz kommend, auch in unserem Land die Aufklärung in den freien Reichsstädten Fuß faßte – und diese Reservate hat sie, so möchte man glauben, bis heute nicht verlassen dürfen – in einer Zeit also, die unser Land als ein von separatistischen Klein – und Großkriegen zerfetzten Flickteppich spiegelte, klagte der schwäbische Pietist Friedrich Karl Moser über den mangelnden Nationalgeist des gemeinen deutschen Mannes, der nur den Strich Erde, worauf er geboren und erzogen sei, für sein wahres und alleiniges Vaterland halte. Moser schrieb: »... es ist vielleicht nie stark genug dagewesen oder doch schon allzulang erloschen, als daß man auch bei dem gemeinen Deutschen eine solche Nationaldenkungsart, eine allgemeine Vaterlandsliebe suchen sollte, wie man sie bei einem Briten, Eidgenossen, Niederländer oder Schweden usw. antrifft.« Seitdem hat sich in Sachen ›Nationaldenkungsart‹ in unserem Land nicht viel getan; es sei denn, daß sich heutzutage nicht nur ›der große Haufen des gemeinen deutschen Mannes‹, sondern auch unsere gehobenen Bildungsschichten mit jenem Strich Erde zufriedengeben, worauf jeder geboren und erzogen ist und sein Auskommen hat. Wie anders ließe sich sonst die von Jahr zu Jahr tiefer begründete Teilung Deutschlands erklären? Jede andere Nation hätte versucht, über die bestehenden politischen Gegensätze hinweg das Gemeinsame zu erhalten und auszubauen. Die Regierung unseres Teilstaates jedoch legte, getragen von den Wahlentscheidungen breiter Bevölkerungsschichten, Wert darauf, ohne jede Not Brücken abzubrechen, Kontakte, von denen wir nichts zu fürchten hatten, zu unterbinden und auf jenem Stück Erde, das uns geblieben ist, einem vordergründig ideologisierten Wohlstandsseparatismus zu leben.

Der aus seinem Land geflüchtete und resignierende Revolutionär Georg Büchner schrieb an den Schriftsteller Gutzkow im Jahre 1835: »Mästen Sie die Bauern, und die Revolution bekommt die Apoplexie. Ein Huhn im Topfe jedes Bauern macht den gallischen Hahn verenden.«

Dieses läßt sich nicht nur vom entschlafenen Revolutionswillen des biedermeierlichen Deutschlands sagen, gleiches gilt für unser Neubiedermeier und den entschlafenen wie eingeschläferten Willen, sich unseren Landsleuten in der DDR wieder zu nähern, selbst wenn es Opfer kosten sollte. Herr Ludwig Erhard ist der Garant dieser, im Egoismus begründeten Selbstzufriedenheit, die allenfalls mit Verdauungsschwierigkeiten zu kämpfen hat. Georg Büchners ›Huhn im Topf des Bauern‹ hat sich zum überquellenden Eisschrank ausgewachsen. Schwerfällig und nicht ohne Herzbeschwerden umtanzen wir jenes Goldene Kalb, Wirtschaftswunder genannt, das blasphemischerweise unsere beiden christlichen Parteien zum Altarschmuck erhoben haben. Die Wiedervereinigung jedoch wird von Jahr zu Jahr verschoben. Geplante Ferien in Italien, die Anschaffung des sogenannten Zweitwagens und die begründete Sorge der Koalitionsregierung, eine erfolgreiche Wiedervereinigungspolitik werde die Sozialdemokraten stärken, stehen jedem Versuch, dem Landsmann, ohne politische Auflage, helfen zu wollen, steifbeinig und doktrinär im Wege. Jene Nationaldenkungsart und allgemeine Vaterlandsliebe, von der Friedrich Karl Moser sprach, vermag sich, von Herrn Erhards unwürdigen Wahlgeschenken belastet, nicht mehr zu rühren. Wir lügen von früh bis spät in den 17. Juni hinein. Jedermann will die Wiedervereinigung, wenn sie ihn nichts kostet. Zu wenige wollen sie im Ernst, selbst wenn sie uns Opfer abverlangen sollte. Wäre es anders, dann hätte im Herbst 1953, nach dem unglücklichen Arbeiterauf stand in der Zone, die Bevölkerung der Bundesrepublik den Sozialdemokraten die Regierungsverantwortung übertragen. Wäre es anders, dann hätte der Mauerbau des Jahres 1961 sich bei den Bundestagswahlen eindeutiger gespiegelt. Denn keine deutsche Partei hat wie die der Sozialdemokraten uns alle ermahnt, nicht nur den ›Strich Erde, worauf wir geboren und erzogen sind‹ als Maß aller Dinge zu sehen, niemand hat so dringlich wie die Sozialdemokraten davor gewarnt, ›das Huhn im Topf‹ als Ersatz für die Lösung unserer nationalen Aufgabe zu werten. Aus dieser Sorge heraus und nicht, wie Herr Erhard meint, aus Unverantwortlichkeit, haben die Sozialdemokraten im Jahre 1955 gegen den Deutschlandvertrag gestimmt, weil sie wußten, daß die Bewaffnung der Bundesrepublik die Aufrüstung und Konsolidierung der DDR nach sich ziehen würde. Anklagend stellen wir heute fest: Nach zwölf Jahren angeblicher Politik der Stärke ist der Gegenstaat DDR existent. Unverbindliche Lippenbekenntnisse zur Wiedervereinigung und die törichte Spekulation, es wünsche sich die Bevölkerung der DDR nichts sehnlicher, als von Ludwig Erhards CDU regiert zu werden, diese Bilanz der jahrelangen Überheblichkeiten hat dazu beigetragen, daß unsere Landsleute in Rostock und Weimar, in Leipzig und Magdeburg sich enttäuscht und verbittert von uns abwenden. Tragen wir also alle dazu bei, daß sich der Tradition deutscher Aufklärung am 19. September ein neues Kapitel eröffnet. Es möge uns die Vernunft Lichter aufstecken!«

So, meine Damen und Herren, hätte ich am 7. September in Passau sprechen sollen; so spreche ich heute, zu spät, in Darmstadt. Der Wähler hatte inzwischen das Wort. Die Gewichte sind verteilt. Eine Tür schlug zu, und einige Schriftsteller, ganz am Rande, hatten ihren Fingerspitzen zu wenig Sorge getragen. Nun schmerzen sie und verführen zum Wehgeschrei und altbekannten Lamento von den verpaßten Chancen: Hätten wir doch... Wären wir doch... Und warum wir und nicht andere? Wir, über lange, den Augenblick jagende Sätze gebeugt, wir, gewohnt, mit Geduld den Gegenstand zu beklopfen, bis er uns Antwort gibt, wir, Tradition im Rücken und vor uns weißes Papier – wir schrecken zusammen, wenn die Gewalt ihr Nickerchen auf dem Sofa unterbricht, wenn der eben noch schlummernde Biedersinn erwachend zur Hybris sich auswächst. Er, der immerzu »ich« sagt, hat die Kunst »entartet« genannt, er, der Auserwählte, hat das Schreckliche, das »gesunde Volksempfinden« angesprochen, er, der abermals Bestätigte, hat schlimmen Worten aus Goebbels’ Schatzkästlein zu neuem Glanz verholfen. Darauf Wehgeschrei und hilflose Proteste. Weinerliches Geplärre, als habe nicht der wohlbekannte Spießer, verkleidet als Bundeskanzler, die tausendjährigen Zähne gezeigt. Altjüngferliche Entrüstung im Feuilleton der Wochenzeitschrift Die Zeit, als habe ein Gärtnerbursche, mitten im Damenstift, einen skandalösen Wind streichen lassen. Warum die Aufregung? So ging man zu Lessings Zeiten, so ging man zu Büchners Zeiten und so geht man zu Heinrich Bölls Zeiten gefahrlos in Deutschland mit Schriftstellern um. Denn in der Regel entzündet sich die öffentliche Meinung eher an den erhöhten Telephongebühren als an den Wehwehchen irgendwelcher Intellektueller, die ihre Feuilletonidylle nicht verlassen wollen.

Wäre es nicht selbstverständlich gewesen, direkt und wie es Bürgerpflicht ist, in aller Deutlichkeit das Lager jener Partei aufzusuchen, die uns Gewähr gibt, daß die Haßtiraden der Goebbels und Streicher nicht abermals nach Taten verlangen? Wer wollte erwarten, daß ein Bauer im Westerwald die demokratischen Grundrechte richtig wahrnimmt, wenn es Professoren, Wissenschaftlern und Schriftstellern an der Einsicht gebricht, daß niemals der unverbindliche und über den Parteien schwebende Protest an die Wohlanständigkeit diesem Übel abhelfen kann.

Es muß sehr schwer sein, das Selbstverständliche zu tun. In diesem Lande schlüpft wahrlich eher das berühmte Wüstentier durch ein Nadelöhr, als daß ein Gelehrter seinen geistigen Hochstand verläßt und der stinkenden Realität seine Reverenz erweist.

Eine Wahl ging über unser Land dahin. Im Chor der Redner vermißte ich Stimmen. Wo sind die geblieben, denen vor Jahren noch das politische Dauerengagement einigen Nachtprogrammflair verliehen hatte? Wo, Alfred Andersch, hat Ihre beredte Entrüstung die Milch der Reaktionäre gesäuert? Wo, Heinrich Böll, hat Ihr hoher moralischer Anspruch die bigotten Christen erbleichen lassen?

O, schöne Fiktion des freien, beziehungsweise vogelfreien, des unabhängigen, beziehungsweise von der Unabhängigkeit abhängigen Schriftstellers, beziehungsweise Dichters!

Wer hat ihm das rührende Sammetjäckchen des freien und unabhängigen Berufsstandes angemessen? Und wie viele Dichter sah ich, so äffisch gekleidet, ihre Freiheit und Unabhängigkeit gleich Schoßhunden spazierenführen? Wie selbstherrlich verstanden sie es, sich am eigenen, selbstgeflochtenen Zopf aus dem Sumpf, das heißt aus der Realität, die immer geneigt ist, unfrei und abhängig zu machen, herauszuziehen? Wie kühn, gleich indianischen Wildpferden auf Breitwand in Eastman-Color, tummelten sie sich: geistreich, anmutig, geübt in Paradoxen und Allegorien, Die hohe Schule des Geistes vermag eben jede peinliche Alltäglichkeit just in eine Parabel zu verwandeln. Wer an den Katastrophen der Wirklichkeit nicht teilhat – denn teilhaben heißt oft genug schuldig werden – liefert seinen im Eigenbau erfundenen Katastrophen jeweils im letzten Kapitel, zum Selbstkostenpreis, die Katharsis nach. Da bleibt keine Frage im Raum stehen. Jeden Topf beglückt ein Deckelchen. Die Utopie macht/'s möglich. Sie, der Aufklärung verwöhntes Kind – neben sechs anderen Kindern, die sich bis heute im Taglohn abrackern müssen – sie darf sich alles wünschen und findet am Ende wie Robinson sogar einen freundlichen Freitag.

O, ihr schmalbrüstigen Radikalen, denen Reformen zu langsam und widersprüchlich verlaufen. Ihr redet Revolutionen das Wort, die längst stattgefunden und sich selbst umgebracht haben, während die viel verlachten Reformisten, soweit sie die Revolutionen von links und rechts überlebten, unverdrossen hier ein bißchen verbessern, dort bebend, aber immerhin das Recht verteidigend, ihr Programm den wechselnden Zeiten anpassen, also von Kompromissen gehemmt unendlich langsam vom Fleck kommen und sich Sozialdemokraten nennen.

Ihnen gehört mein Respekt. Ihre Niederlage ist meine Niederlage. Und ihre Fehler such‘ ich bei mir. Wenn diese Rede zu trösten vermag, dann soll sie all den skeptischen, mit trockenem Witz begabten und ganz versteckt sentimentalen Altsozialdemokraten gewidmet sein, die mich von Flensburg bis Garmisch lehrten, was die Freiheit in Cloppenburg kostet, wie links Jesus Christus heute noch steht und wie jung ein achtzigjähriger Sozi sein kann zwischen lauter vergreisten Studenten.

Meine Damen und Herren! Anfangs versprach ich, Bilanz zu ziehen. Der Anlaß dieser Rede gab mir die Möglichkeit, mit Georg Büchner die deutsche Emigration zu ehren. Wenn unsere Jugend nicht lernt, sie als gewichtigen und oft besseren Teil unserer Geistesgeschichte zu werten, wenn, wie heute, abermals zu befürchten ist, daß uns der Geist und die Künste, zum wievielten Male, emigrieren, dann wird es an der Zeit sein, unsere Nachbarn zu warnen: Gebt acht, ihr Tschechen, Polen, Holländer und Franzosen: die Deutschen sind wieder zum Fürchten! – Soll so die Bilanz schließen? Es wollen noch einige Zahlen für sich sprechen. Doch wenn es in Georg Büchners »Hessischem Landboten« darum geht, den getretenen Bauern vorzurechnen, wie im Großherzogtum Hessen mit ihren Steuergulden umgegangen wird, wenn Büchner die über sechs Millionen Gulden den »Blutzehnten« nennt, »der vom Leib des Volkes genommen wird«, dann fällt es mir schwer, die bemessenen Erfolge meiner zwei Wahlreisen auf Heller und Pfennig abzurechnen. Wir konnten nur Akzente setzen und – alles in allem – das Selbstverständliche tun. Ich danke den Schriftstellern Siegfried Lenz, Paul Schallück, Max von der Grün und dem Komponisten Hans Werner Henze, die »selbstverständlich!« sagten, als ich sie bat, zur Wahl zu sprechen. Wenn also diese Rede einen Titel haben soll, dann mag sie heißen: Rede über das Selbstverständliche. Den Mund aufmachen – der Vernunft das Wort reden – die Verleumder beim Namen nennen. Wird es morgen schon selbstverständlich werden, das Selbstverständliche und seinen Sieg vorbereiten? Sieg! – Ausrufezeichen. Sieg? – Fragezeichen. Sieg: – Doppelpunkt.