Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Elias Canetti

Elias CanettiElias Canetti

Schriftsteller
Geboren 25.7.1905
Gestorben 14.8.1994
Mitglied seit 1972
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Georg-Büchner-Preis 1972
Laudatio von Horst Bienek
Dankrede von Elias Canetti
Urkundentext

... für ein Werk, das den Spannungen zwischen Macht und Intellekt, Masse und Verführung, Moralität und Widerstand gilt...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Karl Krolow
Horst Bienek, Siegfried Dörffeldt (Hessisches Kultusministerium), Walter Helmut Fritz, Rudolf Hagelstange, Carl Linfert, Horst Rüdiger, Heinz Winfried Sabais (Stadt Darmstadt), Hans Scholz, Dolf Sternberger, Gerhard Storz, Wolfgang Weyrauch

Dankrede

Meine Damen und Herren, für eine Ehrung zu danken, die im Namen Büchners geschieht, erscheint mir als tollkühnes Unterfangen. Denn man dankt in Worten, und wer hätte die seinen nicht im Kopf, wenn dieser Name genannt wird, und wen gibt es, in irgendeinem Lande der Erde, der ein Recht darauf hätte, neben diese Worte eigene zu setzen!

So möchte ich nur etwas sehr Einfaches sagen, nämlich daß ich von keiner Ehrung weiß, die ich so sehr als Auszeichnung empfinde wie diese und daß ich glücklich bin, sie noch zu erleben. Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ich danke dem Lande Hessen, ich danke der Stadt Darmstadt, denen man als der Heimat zweier der klarsten und freiesten Geister der Menschheit, Lichtenbergs und Büchners, von Jahr zu Jahr, wie sich erweist, mehr schuldet.

Ich bin kein Kenner der wissenschaftlichen Literatur über Büchner, und es ist sehr fraglich, ob mir ein Recht darauf zusteht, mich vor Ihnen, die Sie wohl alle auch Kenner dieser Literatur sind, über ihn zu äußern. Wenn überhaupt etwas für mich spricht, das ich als Entschuldigung anführen könnte, so ist es die Tatsache, daß er mein Leben verändert hat wie kein anderer Dichter.

Die eigentliche Substanz eines Dichters, das, was unverwechselbar an ihm erscheint, bildet sich, meine ich, in einigen wenigen Nächten, die sich durch Intensität und Leuchtkraft vor allen übrigen auszeichnen. Es sind jene seltenen Nächte, in denen er bedrängt, aber doch ganz bei sich ist, so sehr, daß er imstande ist, sich in seiner Vollständigkeit zu verlieren. Das dunkle Weltall, aus dem er besteht, für das er Raum fühlt, ohne noch fassen zu können, was es enthält, durchdringt sich plötzlich mit einer anderen, einer artikulierten Welt und der Zusammenstoß ist so heftig, daß alle Materie, die zerstreut und sich selbst überlassen in ihm treibt, an ein- und demselben Zeitpunkt aufleuchtet. Es ist der Augenblick, in dem seine inneren Sterne über entsetzliche Leeren hinweg einander bemerken. Nun, da sie wissen, daß sie da sind, ist alles möglich. Nun kann die Sprache ihrer Signale beginnen.

Eine solche Nacht habe ich im August 1931 erlebt, als ich zum erstenmal den »Woyzeck« las. Das ganze vorangegangene Jahr hatte ich in der »Blendung« gelebt. Es war ein eingezogenes Leben, eine Art von Fron, es gab nichts außerhalb, was immer sonst in diesem Jahr geschah, wurde fortgestoßen. Aber nun hatte sich Kien mit seinen Büchern verbrannt, auf eine undurchsichtige Weise fühlte ich meine eigenen Bücher in dieses Schicksal einbezogen; war es Schuld, daß ich Kien erlaubt hatte, Hand an Bücher zu legen: war es Gerechtigkeit, daß ich meine eigenen Bücher nun für seine opfern mußte: was immer es war, sie versagten sich mir und ich fand mich leergebrannt und blind in meiner selbstgeschaffenen Wüste.

Damals also, in einer Nacht, schlug ich den Büchner auf, und er öffnete sich mir im »Woyzeck«, in der Szene Woyzecks mit dem Doktor. Ich war wie vom Donner gerührt, und es kommt mir jämmerlich vor, etwas so Schwaches darüber zu sagen. Ich las alle Szenen des sogenannten Fragments, die sich in jenem Band befanden, und da ich nicht wahrhaben konnte, daß es so etwas gab, da ich es einfach nicht glaubte, las ich sie alle vier-, fünfmal durch. Ich wüßte nicht, was mich in meinem Leben, das an Eindrücken nicht arm war, je so getroffen hätte. Als es Tag wurde, ertrug ich es nicht mehr, damit allein zu bleiben. Ich fuhr frühmorgens nach Wien hinein, zu ihr, die mehr als meine Frau war, die es auch wurde und die ich heute, da sie nicht mehr am Leben ist, hier anwesend wissen möchte. Sie war viel belesener als ich, sie hatte Büchner mit 20 gelesen. Nun beschimpfte ich sie, daß sie nie, kein einziges Mal den »Woyzeck« vor mir genannt hatte, und es gab doch kaum etwas, worüber wir nicht zueinander gesprochen hätten. »Sei doch froh, daß Du es nie gekannt hast«, sagte sie, »wie hättest Du sonst selber etwas schreiben können! Aber da es jetzt passiert ist, könntest Du endlich auch den ›Lenz‹ lesen!«

Das tat ich dann bei ihr, am selben Vormittag, und über diesem »Lenz« schrumpfte mir die »Blendung«, auf die ich doch auch stolz war, fürchterlich ein und ich begriff, wie gut sie an mir gehandelt hatte.

Das ist meine einzige Legitimation dafür, daß ich heute zu Ihnen über Büchner zu sprechen wage.

Ich denke an die Stationen von Büchners Leben: Darmstadt, Straßburg, Gießen, Darmstadt, Straßburg, Zürich, und es fällt mir auf, wie nah sie beieinander liegen. Es ist auch für damals alles recht nachbarlich. Wie sehr man das, zumindest für Straßburg, in Darmstadt empfand, zeigt sich im letzten Brief der Mutter an Büchner. Trotz ihrer Erleichterung über seine Ankunft in Zürich schreibt sie: »Ich meine, seit Du von Straßburg weg bist, seist Du erst in der Fremde, in Straßburg glaubte ich Dich immer in meiner Nähe.« Erst Zürich, das wahrhaftig nicht weit ist, erscheint ihr als die Fremde. Es ist gewiß bezeichnend für den Elan von Büchners Werk, daß man nie an diese Nähen denkt. Andere Dichter mögen nicht weiter gekommen sein, es erscheint ihnen angemessen, bei Büchner staunt man.

Immerhin ist auch zu bedenken, wie viel Straßburg war: die Brutstätte der neuen deutschen Literatur, Herder und Goethe jung, und wie eine späte Gerechtigkeit zu sagen erfordert, in jenen Jahren nicht weniger einschneidend Lenz. Erinnerungen, die für Büchner nicht weiter als 60 Jahre zurückliegen, Erinnerungen, so nah, wie etwa was unsereiner heute sich aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg zu holen vermöchte. Aber dazwischen stand das folgenreichste Ereignis der modernen Geschichte, das erst in unserer Generation von folgenreicheren abgelöst wurde, die Französische Revolution. In Straßburg sind die Wirkungen dieser Revolution nicht erstickt wie im damaligen Deutschland. Büchner kommt in der Zeit des Bürgerkönigtums nach Frankreich, als in vielerlei Richtungen ein geistiges Leben sich zu entfalten begann, das von der Politik durchtränkt, von Meinungen über die öffentlichen Dinge befruchtet war, ein Leben, so rege und modern, daß wir in mancher Hinsicht auch heute noch davon zehren.

In Straßburg hat Büchner sein erstes Massenerlebnis: Wenige Wochen nach seiner Ankunft der Empfang Ramorinos, des polnischen Freiheitskämpfers, durch Studenten- und Bürgerschaft. Drei- bis vierhundert Studenten, mit einer schwarzen Fahne an der Spitze des Zuges, ziehen in die Stadt begleitet von einer ungeheuren Volksmenge unter Absingung der Marseillaise und der Carmagnole; überall erschallt der Ruf: »Vive la liberté! Vive Ramorino! à bas les ministres! à bas le juste milieu!«

Auf dem Straßburger Münster trifft er einen langhaarigen, bärtigen jungen Saint-Simonisten, der ihn in seinem bunten Kostüm zum Trotz nicht wenig beeindruckt. – In Straßburg erlebt er, wie die Polizei auf eine demonstrierende, protestierende Menge losschlägt. Zwei Jahre stand Büchner in dieser offenen Welt. Was er von zu Hause dorthin mitgebracht hatte, war unschätzbar. Nicht als wehleidiger Jüngling kam er nach Straßburg, sondern mit dem genauen Blick für das Körperliche, das Einzelne, das Konkrete, den er Generationen von ärztlichen Vorfahren und den Eindrücken im väterlichen Hause verdankte. Es ist eine nicht unempfindliche, aber doch geradere und festere Note in seiner Jugend: von dichterischen Entwürfen kaum eine Spur, keine Selbstbespiegelung, keine überheblichen Allüren der Schwäche. Er ist der älteste Sohn eines kräftigen, umsichtigen Vaters, der dann ein Alter von 75 erreicht, und es scheint nicht müßig, daran zu erinnern, welches Alter seine drei Brüder erreichen: 76, 75, 77. Auch Mutter und Schwestern sterben nicht jung. In dieser großen Familie ist er der Einzige, der infolge einer unglückseligen Infektion jung sterben muß.

In Straßburg lernt er es, sich mit völliger Freiheit im Französischen zu bewegen, die eine Sprache wird durch die andere nicht zurückgedrängt. Er gewinnt Freunde, er lernt das Elsaß gut kennen, die Vogesen. Die neue Stadt, das neue Land sind nicht so, daß man in ihnen ertrinkt. Zwei Jahre in Paris wären gewiß ganz anders verlaufen. An Büchners Leben fällt auf, daß nichts verschwendet wird. Eine Natur, die ihre Gegenstände zusammenhält, sie wohl unterscheidet, wie einzelne Menschen, wie Organe im Menschen; der das Spielerische nicht zum Selbstzweck wird, auch der Traum, auch die Leichtigkeit haben ihre Schärfe. Eine Natur, die bei allem Reichtum von Verwicklungen frei ist, der nichts unauflöslich wird, darin, aber nur darin sehr von Lenz unterschieden und eher an Goethe erinnernd.

So wenig wie Menschen und Dinge gehen Impulse, die er einmal empfangen hat, verloren: alles wirkt sich aus, er kennt keine längeren Verstockungen. Es ist erstaunlich, wie rasch und energisch er auf neue Umstände reagiert. Die Rückkehr von Straßburg in die engen Verhältnisse von Darmstadt und Gießen quält ihn wie eine schwere Erkrankung. Aber auf die einzig mögliche Weise findet er aus der drückenden Enge heraus, indem er die revolutionären Impulse, die er empfangen hat, weitergibt, und zwar ohne Ansehen der Person, unverfälscht, ihrem Wesen gemäß an die, die nicht auf hochmütige Absonderung aus sind. Er gründet die »Gesellschaft der Menschenrechte«, die Zeit der Verschwörung beginnt und damit beginnt sein Doppelleben.

Es läßt sich zeigen, in welcher Form sich dieses Doppelleben nach dem Scheitern seiner Aktion fortsetzt, wie fruchtbar es wird, wie man ihm seine Werke verdankt, wie es in seinen »Lenz« und sogar noch in den »Woyzeck« mündet. So wie er die Weite der französischen Zustände, die er in Straßburg erlebt, in die Heimat trägt, in die Enge, so nimmt er das Engste, das Gefängnis, das ihm droht, auf der Flucht aus der Heimat nach Straßburg mit und erhält die Angst davor noch wach in sich, als es ihm gelungen ist, das Züricher Paradies zu erreichen.

Büchners Angst, die ihn nie mehr verließ, hat darum einen besonderen Charakter, weil es die eines Menschen ist, der aktiv gegen die Gefahr gekämpft hat. Sein dreistes Verhalten vor dem Untersuchungsrichter, seine Bemühungen, den Freund Minnigerode aus dem Gefängnis zu befreien, das Vorschieben seines Bruders Wilhelm, als er zur Untersuchung zitiert wird, sein Brief an Gutzkow, schließlich die gelungene Flucht, – alles beweist einen kraftvollen Charakter, der seine Situation vollkommen erkennt und sich ihr nicht ergibt.

Aber man sieht die Sache zu einfach, läßt man den »Danton« außer acht, den er im Monat der Vorbereitung zu seiner Flucht zu Papier warf. Auch Danton ist wohl imstande, seine Situation zu erkennen: in seinem Gespräch mit Robespierre tut er sogar sein Bestes dazu, sie zu verschlechtern. Er will sie irreparabel, er will sie akut; aber wenn es darum geht, einen Entschluß zur Rettung oder zur Flucht zu fassen, lähmt er sich mit einem Satz, der häufig wiederkehrt: »Sie werden’s nicht wagen«. Es ist der Satz im Stück, der am obsessivsten wirkt; schon beim ersten Mal weckt er im Leser ein Unbehagen und schließlich, nach einigen Wiederholungen, empfindet er ihn, wie man ein Schlagwort der Revolution empfinden möchte, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Er verrät den eigentlichen Gegenstand des Stücks, nämlich: soll man sich retten? Danton will bleiben: es ist eine Beharrungslust in ihm, die stärker ist als die Gefahr. »Eigentlich muß ich über die ganze Geschichte lachen«, sagt er. »Es ist ein Gefühl des Bleibens in mir, was mir sagt, es wird morgen sein wie heute, und übermorgen und weiter hinaus ist alles wie eben. Das ist leerer Lärm, man will mich schrecken, sie werden’s nicht wagen!«

Die Figur dieses Mannes, der sich nicht retten will, muß Büchner aufstellen, um sich selbst zu retten. Es handelt sich um seine eigene Gefahr, Conciergerie und Arresthaus zu Darmstadt sind eins. Er schreibt im Fieber, er hat keine Wahl, er kann sich keine Ruhe gönnen, bis er nicht den Danton unter der Guillotine hat. Das sagt er zu Wilhelm, dem jüngeren Bruder, dem nächsten Vertrauten dieser Wochen, und er sagt ihm auch, daß er flüchten müsse. Aber verschiedene Gründe halten ihn noch zurück: der Gedanke an das Zerwürfnis mit dem Vater, die Sorge um die in Gefangenschaft befindlichen Freunde, der Glaube, man könnte nicht an ihn heran, und der Mangel an Geld.

›Der Glaube, man könnte nicht an ihn heran‹, – in Dantons Mund lautet das: »Sie werden’s nicht wagen!« Durch diesen Satz Dantons sucht Büchner sich von seiner eigenen Lähmung zu befreien, er stachelt ihn dazu an, ihm entgegenzuhandeln. Es scheint mir unzweifelhaft, daß Büchner das Schicksal Dantons akzeptiert, es wie unter Zwang nachvollzieht, um seinem eigenen zu entkommen.

Büchners Taten haften ihm an, lange nachdem sie getan sind, er blickt auf sie zurück, als wären sie zugleich ungetan und getan. Seine Flucht, das zentrale Ereignis seines Daseins, ist äußerlich geglückt, aber der Schrecken vor dem Gefängnis hat ihn nie mehr losgelassen. Seine Schuld an die Freunde, die er in Darmstadt zurückließ, trägt er ab, indem er sich an ihre Stelle versetzt. Die Briefe, die er aus Straßburg an die Familie richtet, die ihrer Beruhigung dienen sollen und von seinen Arbeiten und Aussichten berichten, sind in Wahrheit von einer immerwährenden Unruhe erfüllt. Durch Flüchtlinge erfährt er von neuen Verhaftungen zuhause und teilt alle diese Nachrichten detailliert der Familie mit. Obwohl er oft besser informiert ist als sie, erwartet er auch von ihnen Nachrichten darüber. Nichts geht ihm näher, nichts interessiert ihn mehr. Er, der sich des Wertes der Freiheit sehr wohl bewußt ist, der durch Arbeit alles dazu tut, sie sich zu erhalten, aber auch durch Wachsamkeit und hellsichtige Einschätzung von Gefahren, fühlt sich zugleich bei seinen Freunden im Gefängnis. Ihre Furcht ist seine, man spürt es, wenn er von Hinrichtungen schreibt, die gar nicht stattgefunden haben. Seit seiner zweiten Ankunft in Straßburg kann man von einem neuen Doppelleben Büchners sprechen, das das frühere zuhause, in der Zeit der Verschwörung, auf eine andere Weise fortsetzt. Das eine Leben, das äußere, faktische führt er in der Emigration und sucht es peinlich von allen Anlässen zu einer Auslieferung frei zu halten. Das andere führt er in Gefühl und Geist zuhause, bei seinen unglücklichen Freunden. Die Notwendigkeit zur Flucht steht noch unaufhörlich vor ihm, der Monat der Vorbereitungen zu ihr in Darmstadt ist nie zu Ende gegangen.

Es ist das Schicksal des Emigranten, daß er sich gerettet glauben möchte. Er kann es nicht sein, denn was er hinterlassen hat, – die andern –, ist nicht gerettet.

Zwei Monate nach seiner Ankunft in Straßburg erwähnt Gutzkow in einem Brief an ihn »Ihre Novelle Lenz«. Büchner muß ihm ziemlich bald nach seiner Ankunft vom Plan zu einer solchen Novelle geschrieben haben.

Über die Bedeutung dieser Erzählung, über das, was Büchner mit Lenz verbindet, wäre unendlich viel zu sagen. Ich möchte hier nur Eines, und gemessen am Ganzen, das zu sagen wäre, gewiß nur ein Geringes bemerken: wie sehr sie durch die Flucht genährt und gefärbt ist. Die Vogesen, Büchner durch Wanderungen mit seinen Freunden wohlvertraut, vor zwei Jahren auch in einem Brief an die Eltern beschrieben, verwandeln sich am 20., da Lenz durchs Gebirg ging, in eine Landschaft der Angst. Lenzens Zustand, wenn er sich überhaupt in eines zusammenfassen läßt, ist einer der Flucht, aber sie ist in viele, kleine, scheinbar sinnlose Einzelfluchten zerfällt. Ihm droht kein Gefängnis, aber er ist ausgestoßen, er ist aus seiner Heimat verbannt. Seine Heimat, die einzige Region, in der er frei zu atmen vermochte, war Goethe, und Goethe hat ihn aus sich verbannt. Jetzt flüchtet er sich an Orte, die mit Goethe zusammenhängen, weniger entfernt oder entfernter; kommt, knüpft an und versucht zu bleiben. Aber die Verbannung, die in ihm ist und weiterwirkt, zwingt ihn, alles wieder zu zerstören. In kleinen, zerfahrenen, immer wiederholten Bewegungen flüchtet er ins Wasser oder zum Fenster hinaus, ins nächste Dorf, in die Kirche, in ein Bauernhaus, zu einem toten Kind. Gerettet hätte er sich geglaubt, wäre ihm dessen Wiedererweckung gelungen.

In Lenz hat Büchner seine eigene Unruhe gefunden, die Angst vor der Flucht, die ihn überkam, wann immer er ins Gefängnis trat, zu seinen Freunden. Ein Stück seines brüchigen Wegs ist er mit Lenz gegangen, in ihn verwandelt und zugleich sein Begleiter, der ihn als Anderer unbeirrbar von außen sah. Ein Ende gab es dafür nicht, nicht für die Ausgestoßenheit, nicht für die Flucht, es gab nur dasselbe immer weiter. »So lebte er hin«, er schrieb diesen letzten Satz und verließ ihn.

Der Andere aber, als den man Büchner in seiner damaligen Umwelt kannte, erwarb sich in strenger und zäher wissenschaftlicher Arbeit über das Nervensystem der Barben den Respekt der Naturwissenschaftler Straßburgs und Zürichs. Er erlangte die Doktorwürde und fuhr zu einer Probevorlesung nach Zürich.

In der Züricher Zeit, die nicht länger als vier Monate dauert, gelingt es ihm, sich zu behaupten und zu bewähren. Er wird auf der Stelle Dozent, bedeutende Männer finden sich unter seinen Hörern. Ein langer Brief an ihn zeugt von der Vergebung des Vaters. Die Schweiz gefällt ihm: »überall freundliche Dörfer mit schönen Häusern!« Er lobt das »gesunde, kräftige Volk« und die »einfache, gute, rein republikanische Regierung«. Unmittelbar danach, im selben Brief, dem letzten an die Familie, der erhalten ist, vom 20. November 1836, zückt wie ein Blitz die Nachricht auf, die ihm die furchtbarste war: »Minnigerode ist tot, wie man mir mitteilt, das heißt, er ist drei Jahre lang totgequält worden. Drei Jahre!« So nahe beisammen die Rettung in das Züricher Paradies und die tödliche Qual des Freundes zuhause.

Ich glaube, es ist diese Nachricht, die die endgültige Niederschrift des »Woyzeck« in ihm ausgelöst hat. Wie in keinem seiner Werke ist es eine Hinwendung zu den Menschen zuhause. Daß die Nachricht irrig war, mag er nie mehr erfahren haben. Ihre Wirkung hat sie in ihm auf jeden Fall getan. Es sind zwei Jahre und vier Monate her seit Minnigerodes Verhaftung; daß sie sich ihm, der eigentlich immer auch in Darmstadt geblieben war, zu drei Jahren verlängern, ist nicht erstaunlich. Und doch erinnert diese emphatische Drei an die Gefangenschaft eines Anderen, die des historischen Woyzeck nämlich. Über drei Jahre waren vergangen zwischen der Ermordung seiner Geliebten und seiner öffentlichen Hinrichtung. Der Fall war Büchner natürlich bekannt, aus den Gutachten des Hofrats Clarus über den Mörder Woyzeck.

Außer der Nachricht vom Tode seines gefangenen Freundes, außer der akuten Erinnerung an die gedrückten wie die auftrumpfenden Menschen zuhause ist in die Konzeption des »Woyzeck« etwas eingeflossen, woran man nicht ohne weiteres denken würde, die Philosophie.

Zur Vollständigkeit Büchners gehört es, daß er sich zähneknirschend der Philosophie gestellt hat. Eine Anlage dazu bringt er mit; Lüning, der ihn als Student in Zürich traf, bemerkt an ihm »eine gewisse, äußerst dezidierte Bestimmtheit im Aufstellen von Behauptungen«. Aber er fühlt sich abgestoßen von der philosophischen Sprache. Schon früh, in einem Brief an den elsässischen Freund August Stöber, schreibt er: »Ich werfe mich mit aller Gewalt in die Philosophie. Die Kunstsprache ist abscheulich, ich meine, für menschliche Dinge müßte man auch menschliche Ausdrücke finden.« Und an Gutzkow, als er diese Sprache schon beherrschte, zwei Jahre später: »Ich werde ganz dumm in dem Studium der Philosophie, ich lerne die Armseligkeit des menschlichen Geistes wieder von einer neuen Seite kennen.« Er befaßt sich mit der Philosophie, ohne ihr zu verfallen und opfert ihr kein Gran der Wirklichkeit. Ernst nimmt er sie, wo sie im Geringsten operiert, in Woyzeck, und verhöhnt sie in denen, die sich über Woyzeck erhaben fühlen.

Woyzeck, Soldat, wie der Aff des Marktschreiers »unterste Stuf von menschliche Geschlecht«, von Stimmen wie von Befehlen gehetzt, ein Gefangener, der frei herumläuft, zum Gefangenen vorbestimmt, auf Gefangenenkost gesetzt, immer dasselbe, Erbsen, vom Doktor zum Tier degradiert, der ihm zu sagen wagt: »Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit«, und damit nicht mehr meint, als daß Woyzeck fähig sein müßte, sich den Harn zu verhalten, ‒ Freiheit zur Ergebenheit in jede Art von Mißbrauch seiner menschlichen Natur, Freiheit zur Versklavtheit um dreier Groschen willen, die er für seine Fütterung mit Erbsen bekommt. Und wenn man staunend aus dem Mund des Doktors vernimmt: »Woyzeck, Er philosophiert wieder«, – wie die Huldigung des Budenbesitzers an das dressierte Pferd, – so reduziert sich diese Huldigung schon im nächsten Satz zu einer »Aberratio« und im wieder nächsten, wissenschaftlich präzisiert, zu einer »Aberratio mentalis partialis«, mit Zulage.

Der Hauptmann aber, der gute, gute Mensch, der sich gut vorkommt, weil es ihm zu gut geht, der sich vorm geschwinden Rasieren wie vor allem Geschwinden um der ungeheuren Zeit, um der Ewigkeit willen fürchtet, hält Woyzeck vor: »Du denkst zu viel, das zehrt, du siehst immer so verhetzt aus.«

Auf eine andere, verborgenere Weise hat Büchners Befassung mit den Einzellehren der Philosophen auf die Gestaltung des »Woyzeck« miteingewirkt. Ich denke an die frontale Präsentation wichtiger Figuren, etwas, was man als ihre Selbstanprangerung bezeichnen könnte.

Die Sicherheit, mit der sie alles ausschließen, was nicht sie selber ist, das aggressive Bestehen auf sich, bis in die Wahl ihrer Worte, der unbekümmerte Verzicht auf die eigentliche Welt, in der sie aber kräftig und gehässig um sich schlagen, – das alles hat etwas von der beleidigenden Selbstbehauptung der Philosophen. Schon in ihren ersten Sätzen stellen sich diese Figuren ganz dar. Der Hauptmann so gut wie der Doktor und erst recht der Tambourmajor erscheinen als Ausrufer ihrer eigenen Person. Höhnisch oder prahlerisch oder neidisch ziehen sie ihre Grenzen und ziehen sie gegen ein- und dasselbe verachtete Geschöpf, das sie unter sich sehen und das dazu da ist, ihnen als ein Unteres zu dienen. Woyzeck ist das Opfer aller drei. Der angelernten Philosophie des Doktors, des Hauptmanns, hat er wahrhaftige Gedanken entgegenzusetzen. Seine Philosophie ist konkret, an Angst und Schmerz und Anschauung gebunden. Er fürchtet sich, wenn er denkt und die Stimmen, von denen er gehetzt ist, sind wirklicher als die Rührung des Hauptmanns über seinen Rock, der dahängt, und die unsterblichen Erbsen-Experimente des Doktors. Im Gegensatz zu ihnen wird er nicht frontal präsentiert, von Anfang zu Ende besteht er aus lebendigen, oft unerwarteten Reaktionen. Da er immer ausgesetzt ist, ist er immer wach, und die Worte, die er in seiner Wachheit findet, sind noch Worte im Stande der Unschuld. Sie sind nicht zerrieben und mißbraucht, sie sind nicht Münze, Waffe, Vorrat, es sind Worte, als wären sie eben entstanden. Selbst wenn er sie unbegriffen übernommen hat, gehen sie in ihm ihre eigenen Wege: die Freimaurer höhlen ihm die Erde aus: »Hohl, hörst du? Alles hohl da unten! Die Freimaurer!«

In wieviel Menschen ist die Welt im »Woyzcck« aufgespalten! In »Dantons Tod« haben die Figuren noch vielzuviel gemein, von einer hinreißenden Beredsamkeit sind sie alle, und es ist keineswegs Danton allein, der Geist hat. Man mag das damit zu erklären versuchen, daß es eine beredte Zeit ist, und die Wortführer der Revolution, unter denen das Stück spielt, sind schließlich alle durch den Gebrauch von Worten zu Ansehen gekommen. Aber dann erinnert man sich an die Geschichte der Marion – auch sie ein Plädoyer, wie es perfekter in ihrer Sache nicht zu denken wäre, und findet sich nicht ohne Widerstreben damit ab: »Dantons Tod« ist ein Stück aus der Schule der Rhetorik, allerdings der unermeßlichsten dieser Schulen, der Shakespeares.

Von den Stücken anderer Schüler unterscheidet es sich durch Dringlichkeit und Rapidität, und durch eine besondere Substanz, wie es sie in der deutschen Literatur kein zweites Mal gibt, die aus Feuer und Eis zu gleichen Teilen gemischt ist. Es ist ein Feuer, das einen zum Laufen zwingt, und ein Eis, in dem alles durchsichtig scheint, und man läuft, um Schritt mit dem Feuer zu halten, und verharrt, um ins Eis zu schauen.

Keine zwei Jahre später ist Büchner mit dem »Woyzeck« der vollkommenste Umsturz in der Literatur gelungen: die Entdeckung des Geringen. Diese Entdeckung setzt Erbarmen voraus, aber nur wenn dieses Erbarmen verborgen bleibt, wenn es stumm ist, wenn es sich nicht ausspricht, ist das Geringe intakt. Der Dichter, der sich mit seinen Gefühlen spreizt, der das Geringe mit seinem Erbarmen öffentlich aufbläst, verunreinigt und zerstört es. Von Stimmen und von den Worten der Anderen ist Woyzeck gehetzt, doch vom Dichter ist er unberührt geblieben. In dieser Keuschheit fürs Geringe ist bis zum heutigen Tage niemand mit Büchner zu vergleichen.

In den letzten Tagen seines Lebens wird Büchner von Fieberphantasien geschüttelt, über deren Art und Inhalt nur wenig und nur Angenähertes bekannt ist. Dieses Wenige findet sich in den Aufzeichnungen der Caroline Schulz, in ihren Worten. Es heißt da:

»14ten (Februar) ... Gegen 8 Uhr kam das Delirieren wieder, und sonderbar war es, daß er oft über seine Phantasien sprach, sie selbst beurteilte, wenn man sie ihm ausgeredet hatte. Eine Phantasie, die oft wiederkehrte, war die, daß er wähnte, ausgeliefert zu werden...

15ten ... Er sprach, wenn er bei sich war, etwas schwer, sobald er aber delirierte, sprach er ganz geläufig. Er erzählte mir eine lange zusammenhängende Geschichte: wie man ihn gestern schon vor die Stadt gebracht habe, wie er zuvor eine Rede auf dem Markte gehalten u.s.w.

16ten ... Der Kranke wollte mehrere Male fort, weil er wähnte, in Gefangenschaft zu geraten, oder schon darin zu sein glaubte und sich ihr entziehen wollte.«

Ich glaube, wenn man diese Phantasien in ihrem wahren Wortlaut hätte, wäre man Woyzeck sehr nahe, selbst in diesem durch Trauer und Liebe gemilderten, verringerten Bericht, in dem der Schrecken der Gehetztheit fehlt, ist etwas von Woyzeck zu spüren. Büchner hatte Woyzeck noch in sich, als er am 19. starb.

Es ist nicht müßig, über ein späteres Leben Büchners zu grübeln, weil es einen daran hindert, in seinem Tod einen Sinn zu suchen. Er war so sinnlos wie jeder Tod, aber der seine macht diese Sinnlosigkeit besonders sichtbar. Er war nicht vollendet, trotz dem Gewicht und der Reife jeder Dichtung, die er hinterließ. Zu seiner Natur gehört es, daß sie nie, auch später nicht, je vollendet gewesen wäre. Er steht da als das reine Beispiel des unvollendbaren Menschen. Die Vielfalt seiner Anlagen, die alternierend füreinander einspringen, bezeugen eine Natur, die in ihrer Unerschöpflichkeit ein endloses Leben fordert.